Deutschland

Trotzkismus in unserer Zeit

Trotzkismus in unserer Zeit

75 Jahre sind ver­gan­gen, seit­dem der stal­in­is­tis­che Agent Ramón Mer­cad­er den rus­sis­chen Rev­o­lu­tionär Leo Trotz­ki ermordete. Die Schlussfol­gerun­gen, die der Anführer der Okto­ber­rev­o­lu­tion aus den zen­tralen Erfahrun­gen der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts zog, haben aber nichts an ihrer Aktu­al­ität ver­loren.

Ein­heits­front oder Volks­front, pro­le­tarisch­er Inter­na­tion­al­is­mus oder reak­tionär­er Nation­al­is­mus, Rev­o­lu­tion oder reformistis­che Illu­sion: Diese strate­gis­chen Fra­gen sind die wichtig­sten Debat­ten der Stunde, die die Aktu­al­ität des trotzk­istis­chen Erbes aufzeigen.

Rechte Gewalt

In Deutsch­land erleben wir aktuell eine neue Welle rechter Gewalt, inmit­ten ein­er europaweit­en Mis­ere. Gegen die katas­trophalen Zustände in Geflüchtete­nun­terkün­ften bilden sich sol­i­darische Basisini­tia­tiv­en. Doch so wichtig diese selb­stver­wal­teten Pro­jek­te sind, so unzure­ichend sind sie doch gegen die wach­sende ras­sis­tis­che Gewalt. Selb­stschutz gegen rechte und faschis­tis­che Ban­den ste­ht genau­so auf der Tage­sor­d­nung wie der Kampf für die Legal­isierung aller Ille­gal­isierten und für demokratis­che und soziale Rechte für alle Unter­drück­ten.

Der kap­i­tal­is­tis­che Staat schafft mit sein­er Het­ze gegen Migran­tInnen, die wirtschaftlich nicht „nüt­zlich“ sind, seinen Abschiebun­gen und sein­er Repres­sion gegen anti­ras­sis­tis­che Bewe­gun­gen erst das Kli­ma, in dem ras­sis­tis­che Pogrome stat­tfind­en kön­nen. Dage­gen gilt es, anti­ras­sis­tis­che und antifaschis­tis­che Ein­heits­fron­ten aufzubauen, die den Kampf gegen rechte Ban­den mit einem Kampf gegen den bürg­er­lichen Staat verbinden. Gle­ich­er Lohn für gle­iche Arbeit, Verteilung der Arbeit auf alle vorhan­de­nen Schul­tern und Arbeit­szeitverkürzung bei vollem Lohnaus­gle­ich sind Losun­gen, die die Inter­essen der Geflüchteten mit den Inter­essen der Arbei­t­erIn­nen hierzu­lande vere­ini­gen kön­nen.

Im Zuge der Weltwirtschaft­skrise fand auch eine Umfor­mung der poli­tis­chen Land­schaft Europas statt. Alte Parteienge­füge ver­schwan­den, neue ent­standen, allen voran die griechis­che Syriza.

Im Zusam­men­hang mit der Schwächung der alten reformistis­chen For­ma­tio­nen präsen­tierte sich Syriza als Fort­führung der Massen­proteste der let­zten Jahre. Sie erneuerte die reformistis­che Illu­sion, dass weit­ge­hende gesellschaftliche Verän­derun­gen durch pro­fes­sionelle Poli­tik­erIn­nen in Par­la­menten und Regierun­gen gemacht wer­den kön­nten, statt durch die Arbei­t­erIn­nen selb­st.

Doch Syriza ist vor der eige­nen Bour­geoisie und der vom deutschen Impe­ri­al­is­mus dominierten „Troi­ka“ in die Knie gegan­gen. Eine Abspal­tung von Syriza hat sich nun als „Volk­sein­heit“ kon­sti­tu­iert. Ihr Ziel ist der Auf­bau ein­er „Anti-Mem­o­ran­dums-Allianz“, ohne Klassen­ab­gren­zung und ohne rev­o­lu­tionäre Strate­gie – ihrer Mei­n­ung nach eine Rück­kehr zu Syrizas Ursprün­gen. Doch Syriza ist nicht trotz, son­dern wegen ihrer neo­re­formistis­chen Strate­gie gescheit­ert.

Politische Unabhängigkeit

Wir ziehen daraus die Lehre, dass eine Kraft aufge­baut wer­den muss, die unab­hängig von der Regierung und allen poli­tis­chen Vari­anten der Bour­geoisie ist, und die mit einem Pro­gramm der Ver­staatlichung unter Arbei­t­erIn­nenkon­trolle der Indus­trie, des Bankwe­sens und des Außen­han­dels und des Kampfes für eine Arbei­t­erIn­nen­regierung einen rev­o­lu­tionären Bruch mit dem Kap­i­tal­is­mus durch­set­zen kann. Gegen die Volks­front im Par­la­ment set­zen wir eine Ein­heits­front der mobil­isierten Arbei­t­erIn­nen­klasse.

Dies ist auch die Strate­gie unser­er argen­tinis­chen Schwes­t­eror­gan­i­sa­tion, der PTS, die sich in Arbeit­skämpfen und demokratis­chen Bewe­gun­gen mit einem klar rev­o­lu­tionären Pro­gramm auf­baut. Die Erfolge der Wahl­front FIT dienen dabei als Tribüne für die Unab­hängigkeit der Arbei­t­erIn­nen­klasse.

Die griechis­che Debat­te hat auch Auswirkun­gen auf das Ver­ständ­nis des Inter­na­tion­al­is­mus: Mit­tler­weile feiert die inter­na­tionale Linke die Per­spek­tive eines „Grex­its“, also eines griechis­chen Euro-Aus­tritts. Die kap­i­tal­is­tis­che EU kann keine pro­gres­sive Per­spek­tive für die griechis­chen Massen bieten, doch ohne klare Strate­gie des rev­o­lu­tionären Bruchs bedeutet „Grex­it“ nur die Rück­kehr zu einem nationalen Kap­i­tal­is­mus. Viele Linke argu­men­tieren, dass die Wieder­erlan­gung von nationaler Sou­veränität gegenüber dem Troi­ka-Dik­tat in sich schon pro­gres­siv wäre – wir ste­hen also vor einem neuen „linken Sou­veränis­mus“, der es ver­säumt, dem Europa des Impe­ri­al­is­mus ein wahrhaftes Europa des Pro­le­tari­ats ent­ge­gen­zuset­zen.

Antwort der ArbeiterInnen

Die oben angeschnit­te­nen strate­gis­chen Debat­ten sind heute Gradmess­er für eine Antwort der Arbei­t­erIn­nen­klasse auf die Krise des Kap­i­tals. Mit der vor­liegen­den Aus­gabe wid­men wir uns unter anderem diesen Fra­gen, als Beitrag zum Auf­bau ein­er rev­o­lu­tionären Alter­na­tive. Das Erbe Trotzkis, das wir vertei­di­gen, ist auch 75 Jahre nach der Ermor­dung des Grün­ders der Vierten Inter­na­tionale bran­dak­tuell.

Wir sind überzeugt, dass die fortschrit­tlich­sten Sek­toren der Arbei­t­erIn­nen und der Jugend in der Lage sind, sich poli­tisch auf die „Höhe“ eines rev­o­lu­tionären sozial­is­tis­chen Pro­gramms zu „erheben“, ohne sich pro-kap­i­tal­is­tis­chen Führun­gen unter­w­er­fen zu müssen. Voraus­set­zung dafür ist, dass die Rev­o­lu­tionärIn­nen ein kor­rek­tes Pro­gramm mit ein­er küh­nen Inter­ven­tion in die Arbei­t­erIn­nen­klasse verbinden. Son­st wer­den sie dazu ver­dammt bleiben, den immer neuen Ver­mit­tlungsin­stanzen des Reformis­mus hin­ter­herzu­laufen.

Workshops und Podiumsdiskussion zum 75. Todestag Leo Trotzkis

Sam­stag, 17. Okto­ber • Mehring­hof, Berlin

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