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Trotz Lockdown offen: Parfümerie Rituals gab sich als Drogerie aus – Bericht einer Kollegin

Der Einzelhandel ist im Lockdown. Ausgenommen sind nur lebensnotwendige Geschäfte wie Supermärkte. Doch auch Parfümerien wie Douglas oder Rituals blieben offen. Wir haben ein Interview mit einer Beschäftigten geführt, wie sie den „harten“ Lockdown wahrgenommen hat.

Trotz Lockdown offen: Parfümerie Rituals gab sich als Drogerie aus – Bericht einer Kollegin
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Guten Abend, Jael! Ich freue mich sehr, dass du zu einem Interview bereit bist.  Der Einzelhandel musste schließen, doch Parfümerien wie Douglas und Rituals, wo du arbeitest, blieben offen. Kannst du erzählen, was da passiert ist?

Jael Horvath: Hallo, Simon, danke für die Einladung zu dem Interview.
Ich habe Mitte November angefangen bei Rituals zu arbeiten. Zu dem Zeitpunkt war die Gastronomie schon geschlossen und das Weihnachtsgeschäft ist angelaufen. Ich wurde als Weihnachtsaushilfe eingestellt, wie ungefähr circa zehn anderen Personen. Es gibt also fünf Festkräfte und zehn Aushilfen, die zur Verstärkung und befristet dort eingestellt waren.

Die Bundesregierung hat verkündet, dass eben jetzt wirklich alle Geschäfte zu machen müssen außer Supermärkte und Pharmazie. Am Sonntag davor war für alle im Laden eigentlich klar: „Wir müssen am Mittwoch auch die Türen schließen.“ Ich habe sowohl Montag als auch Dienstag gearbeitet. In diesen zwei Tagen gab es noch mal einen ziemlich großen Ansturm. Es kamen vor allem Menschen, die eben Weihnachtsgeschenke kaufen wollten, was dann dazu geführt hat, dass es eigentlich permanent eine Schlange an Menschen gab, die vor dem Geschäft gewartet haben.

Dadurch, dass die maximale Personenzahl im Laden zwölf Personen war, stand da wirklich tatsächlich von Geschäftsöffnung morgens um 10 Uhr bis Geschäftsschließung um 19 Uhr dauerhaft eine Schlange draußen. Wir hatten also einen sehr großen Kundenansturm und haben dann eigentlich damit gerechnet, dass wir eben ab dem Mittwoch nur noch so eine Art Abholungsservice bereitstellen können. Das heißt, die Leute können sich im Internet ein Produkt aussuchen, es bestellen und dann in der Erfurter Filiale abholen. Damals dachten wir, das geht und es haben auch einige Leute schon angerufen und Sachen vorbestellt.

Dienstag schließen wir die Türen, dachte ich. Dem war nicht so, wie ich ein paar Stunden später merkte. Denn wir haben eine ominöse WhatsApp Gruppe für die Dienstpläne und so. Völlig überraschend wurde um 22 Uhr abends tatsächlich von unserer Chefin noch mal reingeschrieben:

„Ihr Lieben, zu später Stunde gibt es News. Wir werden ab morgen nun doch weiter geöffnet haben. Von Mo-Sa von 10-18 Uhr. Da wir über 75 Prozent Körperpflege Produkte verkaufen, zählen wir vom Sortiment her zu Drogerien, das hat der Handelsverband so bestätigt.“

Gleichzeitig hat die Chefin die Bitte gestellt, dass doch die Dienstpläne weiter einzuhalten seien, wenn das möglich ist. Daraufhin wurden in der Gruppe eigentlich keine Meinungen ausgetauscht. Ich selbst war geschockt und habe das irgendwie total verständnislos hingenommen. Für mich gingen Fragen durch den Kopf wie: „Ok, Kinder dürfen nicht mehr zur Schule gehen, aber wir sollen hier irgendwie luxuriöse Geschenkartikel verkaufen“. Das fand ich schon ziemlich komisch, aber alles in allem war das dann eine total spontane Sache, dass dann auch Mittwoch diejenigen, die dafür eingeteilt waren, dann zur Arbeit erscheinen sollten.

Wie sehen – angesichts der steigenden Corona-Zahlen – die Schutzmaßnahmen aus, die das Unternehmen vorgegeben hat?

Jael: Die Schutzmaßnahmen, die im Store ergriffen worden sind, haben sich jetzt eigentlich nicht von denen unterschieden, die auch vorher schon angewandt worden sind. Wir als Verkäuferinnen trugen die ganze Zeit Maske und es gab eine Einlassbeschränkungen.

Die Kunden sollten natürlich die ganze Zeit Maske tragen, aber ich muss an dieser Stelle auch ehrlich sagen, dass es natürlich schwer ist in einer Parfümerie – so will ich Rituals bezeichnen und eben nicht als Drogeriemarkt – etwas zu kaufen, wenn man eben was vor der Nase hat. Das äußert sich dann so, dass die Kunden, um einen Geruch irgendwie wahrnehmen zu können, auch mal kurz ihre Maske ein Stück runterziehen und dann halt mal an so einem Tester schnuppern. Das hat natürlich zur Folge, dass das hundertfach am Tag passiert. Ist ein mieses Gefühl und im Prinzip müssen wir darauf hoffen, dass das für uns kein erhöhtes Infektionsrisiko darstellt. Das wurde halt ebenso durchgehen lassen. Ich selbst habe mich dagegen nicht gewehrt, dass die Kunden mal kurz die Maske runtergezogen haben. Auch die anderen Mitarbeiterinnen haben das immer toleriert und auch von der Chefin wurde das ebenso geduldet.

Worauf aber streng geachtet haben, war die Personenzahl im Laden. Das wurde dann so gemacht, dass tatsächlich meistens eine verkaufende Person an der Tür stand und kontrolliert hat, dass nicht so viele Leute reinkommen. Wir hatten dafür Einkaufstüten vorbereitet, die die Person immer wieder benutzt haben. Was eigentlich auch eine sehr blöde Maßnahme war, denn sowas wie diese Tüten, die wir unseren Kunden ausgehändigt haben, um eben zu gucken, dass nicht zu viele von ihnen im Laden sind, wurden tausendfach am Tag benutzt. Wir haben den Kunden angeboten, dass die Hände desinfiziert werden können und danach die Tüte gereicht. Aber alles in allem, habe ich wirklich jeden persönlichen Groll eines Kunden verstanden, der gesagt hat: „Hä, aber diese Tüte wurde heute doch schon hundertmal angefasst.“ Das stimmt, das ist vollkommen dumm. Im Prinzip hätte man auch eine unfassbare Umweltzerstörung verursacht, würde man jeder Person, die reinkommt eine normale Papiertüte geben.

Nachdem am Dienstagabend diese komische Nachricht kam, dass der Laden weiter offenbleiben kann, waren am Mittwoch ja auch die arbeitenden Personen vor Ort und haben den Laden weiter offen gehalten. Ich selbst habe in der Zwischenzeit schon Nachrichten bekommen, dass Douglas auch weiter offenbleibt und dafür eben sehr harsche Kritik auch in der Öffentlichkeit geerntet hat. Ich glaube persönlich, dass der Druck, der dann auf Douglas lastete, auch dazu geführt hat, dass Rituals auch zurückgerudert ist und nicht mehr so knallhart versucht hat, einfach nur Kapitalinteressen durchzusetzen, indem man bis zum letzten Drücker irgendwie Weihnachtsgeschenke verkauft.

Man muss sich natürlich auch vorstellen, dass so Läden wie Rituals oder Douglas, wenn das diejenigen gewesen wären, die sich mit der Begründung „Wir sind doch auch Drogeriemärkte“ noch weiter offen halten könnten, dann auch die großen Gewinner des Weihnachtsgeschäft gewesen wären. Die Leute werden dann ja, anstatt zu Karstadt zu gehen oder in irgendeinen anderen Einzelhandel noch mal vermehrt auf diese Parfümerien zugegangen, um da irgendwelche bescheuerten Geschenkartikel zu kaufen. Also sie hätten schon das fette Geschäft damit gemacht, wenn sie offengeblieben wären.

Wenn die Schulen geschlossen sind, während mancher Einzelhandel weiterläuft, ist oft die Kinderbetreuung eine brennende Frage. Wie ist Rituals damit umgegangen? Haben sie spezielle Angebote für Eltern gemacht?

Jael: Bei uns ist es mir nicht bekannt, dass Mitarbeiterinnen Kinder gehabt hätten. Ich weiß, dass die Chefin einen Sohn hat, aber ich weiß nicht, wie sie damit umgegangen ist. Ich weiß auch nicht, wie alt ihr Sohn ist. Auf jeden Fall wurde uns eben keine Kinderbetreuung angeboten. Davon war überhaupt gar nicht die Rede. Ich nehme mal an, es wurde einfach davon ausgegangen, dass viele, die dort arbeiten, noch keine Kinder haben. Deshalb kam das nicht zur Sprache.

Was sagen deine Kolleg:innen zu dem ganzen Vorfall? Wie ist die Stimmung?

Jael: Dienstagabend kriegen wir irgendwie mit, dass der Laden am Mittwoch doch einfach offen haben soll. Mittwoch habe ich mich nicht weiter damit auseinandergesetzt, habe aber gemerkt, dass Douglas dafür schon harte Kritik geerntet hat. Am Donnerstag kam daneben wieder in der WhatsApp-Gruppe die Nachricht, dass das Geschäft jetzt eben doch zu machen muss. Die Begründung, die der CEO dazu gesagt hat, ist wirklich witzig: „Es ist sehr stark von Euch, wie Ihr die Last-Minute-Entscheidung des Unternehmens aufgenommen habt, die Shops gestern geöffnet zu lassen. Das hat wirklich Euren wahren Kampfgeist gezeigt.“

Nachdem am Donnerstag klar war, dass das Geschäft doch geschlossen wird, bin ich am Freitag dort vorbei gegangen, um meine Arbeitsuniform abzugeben. Dort habe ich zwei Kolleginnen getroffen, die komischerweise immer noch damit beschäftigt waren, Bestellungen vorzubereiten für diejenigen Leute, die eben im Internet geshoppt haben und es beim Geschäft abholen wollten. Das ist wieder so ein weiteres verwirrendes Detail in der ganzen Geschichte. Ich habe schon von anderen Freundinnen  von mir, die auch im Einzelhandel tätig sind, erfahren, dass diese Praxis etwas im Internet zu bestellen und beim Laden abzuholen tatsächlich auch verboten worden ist. Das habe ich am Donnerstag erfahren und am Freitag haben die das bei Rituals immer noch weiter gemacht. Also habe ich mich da auch schon drüber gewundert, wieso andere Ladenbesitzer das eigentlich nicht machen dürfen und die das aber munter, fröhlich weitermachen oder zumindest einfach nicht schnell genug kommuniziert wird, damit der Laden auch wirklich zugemacht wird.

Diese zwei Kolleginnen, die ich dort getroffen habe, die waren eigentlich recht froh darüber, dass sie jetzt den Laden nicht offenhalten müssen. Sie haben sich auch so geäußert, dass sie nicht nachvollziehen können, warum der Laden weiterverkaufen solle. Ich bin ja aber relativ sicher, dass jetzt von den Mitarbeiterinnen auch kein großer Protest gekommen wäre. Das habe ich ja daran gemerkt, dass auch in dieser WhatsApp-Gruppe gar nicht kommuniziert wurde und ich mich auch selbst gefragt habe, ob es jetzt okay ist meine Kritik zu äußern und zu sagen „Hey Leute, ich mache jetzt nicht mehr mit, ich steig aus“. Also auch da hatte ich ja noch Schwierigkeiten mit und habe es dann eben nicht machen müssen.

Wie geht es bei dir jetzt weiter?

Jael: Ich persönlich habe mich gefragt, da ich einen befristeten Vertrag gehabt habe bis zum 31.12 und auch schon fest für ein gewisses Stundenkontingent eingeteilt wurde: Was ist denn eigentlich mit den Schichten, die noch kommen werden und bekomme ich da jetzt irgendwie eine Kostenerstattung oder gibt es da überhaupt eine Verhandlungsbasis, wie ich dieses Geld irgendwie einfordern könnte. Schließlich habe ich auch mit diesem Lohn schon geplant für mich. Da wurde gar nicht drüber geredet.  Das kam gar nicht zur Sprache. Es war dann irgendwie klar für alle Weihnachtsaushilfen, dass das Weihnachtsgeschäft jetzt gelaufen ist. Das muss man sich doch mal vergegenwärtigen bei der bei dem Verhältnis, dass es eigentlich fünf Festangestellte gibt und ungefähr zehn Weihnachtsangestellte. Also das ist mir schon bitter aufgestoßen, dass da eigentlich uns als befristete Arbeiterinnen überhaupt nicht entgegengekommen worden ist, aber das überrascht mich ja eben auch nicht.

Danke für das Interview.

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