Jugend

“Trinken mit Linken statt Fechten mit Rechten!” – Schüler*innen protestieren gegen Burschenschaften

In Dahlem wurden Schüler*innen zu einem "Reichsgründungskommers" einer Burschenschaft eingeladen. Sie kamen zum Haus der Veranstalter – um zu protestieren.

Auch viele Langzeitstudent*innen an Berlins Freier Uni­ver­sität (FU) kön­nen sich nicht daran erin­nern, jemals einen Burschen­schafter in sein­er Uni­form gese­hen zu haben. Dabei ist der Cam­pus in Dahlem von Häusern von Stu­den­ten­verbindun­gen umgeben. Das “Haus Coburg” beispiel­sweise ste­ht direkt hin­ter dem Chemiege­bäude.

Nor­maler­weise wer­den Mit­glieder von Burschen­schaften nicht bemerkt. Doch am Mon­tag Abend standen bis zu 70 Men­schen gegenüber des “Haus Coburg” und macht­en deut­lich, dass sie die Umtriebe der Verbindun­gen nicht dulden wollen. “Trinken mit Linken statt Fecht­en mit Recht­en!” skandierten die Demonstrant*innen.

Wie kam das zustande?

Mon­tag vor ein­er Woche: “Hey, hast du Lust auf eine Par­ty?” Zwei junge Män­ner verteil­ten Fly­er vor dem Ficht­en­berg-Gym­na­si­um in Steglitz.. Wie nor­male Ober­schüler sahen sie aus. “Ich dachte sie seien von irgen­deinem Club”, berichtet Anton (17), der den Zettel ablehnte. Erst später fand er her­aus, dass zu einem “Reich­grün­dungskom­mers” in ein Burschen­schaft­shaus geladen wurde. “Ich war über­rascht, dass nur wenige wussten, was eine Burschen­schaft über­haupt ist”, so der Schüler.

Dien­stag: Die Gruppe “KaGeRa” hielt ihr wöchentlich­es Tre­f­fen ab. Unter dem Namen “Kampf gegen Ras­sis­mus” haben sich rund 15 Schüler*innen zusam­mengeschlossen, um das Pro­gramm “Schule ohne Ras­sis­mus” umzuset­zen und zu Schul­streiks zu mobil­isieren. Sie informierten sich über Stu­den­ten­verbindun­gen und wollen irgend­wie auf die Verteilak­tion antworten.

Mittwoch: Auf einem Ver­net­zungstr­e­f­fen mit Schüler*innen von ver­schiede­nen Steglitzer Schulen wird die Anti­ras­sis­tis­che Jugend Süd­west gegrün­det. Eine der ersten Hand­lun­gen ist die Erstel­lung ein­er Face­book-Ver­anstal­tung: Vor dem Haus Coburg soll gegen die Feier der “Reichs­grün­dung” protestiert wer­den.

Fre­itag: Es dauert nicht lange, bis Fre­unde der Burschen­schafter darauf aufmerk­sam wer­den. Auf Face­book greift Andreas Galau, Land­tagsab­ge­ord­neter der AfD in Bran­den­burg, die Schüler*innen an. Doch auch stu­den­tis­che Grup­pen der FU wer­den auf die Aktion aufmerk­sam und kündi­gen ihre Unter­stützung an.

Am ver­gan­genen Mon­tagabend nah­men schließlich rund 70 junge Men­schen an der Protes­tak­tion gegen die Burschen­schafter teil. Zwis­chen ihnen und dem Haus ste­hen mehrere Polizei­wa­gen. “Wir feiern nicht mit Nation­al­is­ten!” heißt es auf einem Trans­par­ent. “Das deutsche Reich ste­ht für Nation­al­is­mus, Kolo­nial­is­mus, Impe­ri­al­is­mus”, liest eine Schü­lerin aus dem Aufruf vor.

Besuch­er des Kom­mers sieht man kaum – schein­bar sind sie früher gekom­men. (Besucher*innen nicht-männlichen Geschlechts waren gar nicht erst ein­ge­laden.) Im Haus ist es größ­ten­teils dunkel – gele­gentlich zieht ein Mann im Anzug den Fen­ster­vorhang zurück, um auf die Protestieren­den zu schauen.

Junge Mit­glieder ein­er Verbindung ste­hen vor dem Haus und es kommt zu merk­würdi­gen Diskus­sio­nen zwis­chen bei­den Seit­en. Die jun­gen Män­ner seien von ein­er unpoli­tis­chen Verbindung und find­en das Haus Coburg auch zu rechts. Gle­ichzeit­ig mögen sie die stren­gen Hier­ar­chien als “Füchse”. Viele geben an, wegen der bil­li­gen Mieten zu solchen Häusern gekom­men zu sein. Erst danach passen sie sich der anachro­nis­tisch-recht­en Kul­tur an.

Doch die Aktion war ein Erfolg. “Wir leg­en den Grund­stein für eine anti­ras­sis­tis­che Jugend­be­we­gung in Steglitz”, sagt Resa (16) von der Anti­ras­sis­tis­chen Jugend Süd­west. “In den let­zten zehn Jahren gab es im Bezirk nichts”, berichtet die Aktivistin. Weniger als eine Woche nach Grün­dung des neuen Schüler*innenbündnisses war schon diese erste Aktion.

“Oft hat man das Gefühl, nichts bewe­gen zu kön­nen”, sagt Zoe, die als 18-Jährige die Kundge­bung anmelden kon­nte. “Deswe­gen bin ich glück­lich, dass wir als Schüler*innen etwas bewe­gen kon­nten.” Die Ver­anstal­tung endete mit einem Bierkas­ten, der mit leeren Flaschen über­füllt war, und ein­er Schnee­ballschlacht zwis­chen Antifaschist*innen.

Berichte aus der Burschenschaft

Schüler*innen, die sich in die Ver­anstal­tung eingeschlichen haben, berichteten von rund 40 Teil­nehmern. Es klingt alles so grausam, wie man es sich vorstellt.

Am Ein­gang begrüßte ein älter­er Herr von der Lands­man­nschaft Borus­sia, der sich als Nation­alkon­ser­v­a­tiv­er vorstellte. An den Wän­den hing eine Liste mit den Gefal­l­enen der Lands­man­nschaft in den bei­den Weltkriegen – bei sich zu Hause habe der ältere Herr auch Fotos der proto­faschis­tis­chen Freiko­rps hän­gen. “Auch ver­mit­telte er uns zöger­lich, dass die Borus­sia unter starkem Mit­glieder­schwund lei­de, da ‘die Jugend heutzu­tage eher links eingestellt ist’.“ Das berichtet Richard (Name geän­dert), der über eine Stunde im Haus ver­brachte.

Aber die poli­tis­che Diskus­sion mit einem Land­tagsab­ge­ord­neten der AfD war schein­bar noch schlim­mer. “Die Mit­glieder gaben offen zu, sich poli­tisch in der AfD behei­matet zu fühlen,” berichtet der Schüler weit­er. “CDU, SPD, Linke und Gründe seien ein ‘link­er Ein­heits­brei’!” In einem Vor­trag wurde das deutsche Kaiser­re­ich und die “friedliche” Außen­poli­tik Bis­mar­cks gelobt. Im Anschluss ging es um die “Inva­sion der Flüchtlinge” und die “Ver­let­zung der deutschen Leitkul­tur”.

Wie selb­stver­ständlich gab man Großbri­tan­nien die Hauptschuld am Zweit­en Weltkrieg, um den deutschen Staat als Opfer zu stellen. Deswe­gen solle “Deutsch­land wieder zu mil­itärisch­er Stärke” kom­men.

Von draußen, berichtet Richard, hörte man leise die Demonstrant*innen. Erst als die spitzel­nden Schüler*innen gehen woll­ten, wur­den sie wieder vom alten Her­ren ange­sprochen, der sie begrüßt hat­te. Er dis­tanzierte sich mehr oder weniger vom Vor­trag. “Sog­ar SPD-Mit­glieder sind in der Borus­sia.” Das stimmt – es ist ein recht­sradikaler Vere­in, in dem auch manche promi­nente Sozialdemokrat­en organ­isiert sind.

Das bestärkt den Ein­druck, dass die Burschen­schaften in Berlin stark angeschla­gen sind. Sie trauen sich nicht, an den Berlin­er Uni­ver­sitäten zu wer­ben, und müssen deswe­gen auf Ober­schulen auswe­ichen – von diesen bekom­men sie auch eine Abfuhr. Ohne die bil­li­gen Zim­mer, die sie im Ange­bot haben, wür­den sie wohl gle­ich ver­schwinden.

In anderen Städten ist die Sit­u­a­tion jedoch oft anders. Und in ganz Deutsch­land wird die recht­sex­treme Ide­olo­gie, die die Burschen­schaften vertreten, immer stärk­er. Vor dem Hin­ter­grund ist die mutige und selb­stor­gan­isierte Aktion der Schüler*innen beispiel­haft.

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