Deutschland

Tote Kinder und die Hetze über die Herkunft der Täter*innen

Seitdem ein achtjähriger Junge in Frankfurt am Main vor einen Zug gestoßen wurde und daraufhin starb, gibt es wieder eine rassistische Hetzkampagne in Deutschland. Zu anderen Morden jedoch herrscht großes Schweigen.

Tote Kinder und die Hetze über die Herkunft der Täter*innen

Als es hieß, in Frank­furt am Main habe ein Mann mit eritreis­ch­er Staats­bürg­er­schaft ein Kind vor einen Zug und damit in den sicheren Tod geschub­st, schlug die Stunde der AfD. Sie startete eine ras­sis­tis­che Het­zkam­pagne. Alice Wei­del beispiel­sweise twit­terte: “Schützt endlich die Bürg­er unseres Lan­des — statt der gren­zen­losen Willkom­men­skul­tur!” Die sozialen Medi­en explodierten voller ras­sis­tis­ch­er Forderun­gen. Dabei spielt auch keine Rolle, dass sta­tis­tisch gese­hen Straftat­en in Deutsch­land rück­läu­fig sind, wie selb­st Bun­desin­nen­min­is­ter See­hofer (CSU) zugeben musste.

Keine Frage, die Tat ist schock­ierend. Sie erregt Empörung in jedem füh­len­den Wesen. Aber sie ist nicht schock­ieren­der und empören­der als die alltägliche Gewalt, die uns umgibt, die ras­sis­tisch und sex­is­tisch ist. Die Empörung ist ver­ständlicher­weise größer, wenn Kinder zu Opfern von Gewalt­tat­en wer­den.

Die zahlre­ichen Kinder, die den Gren­zreg­i­men der EU und USA zum Opfer fall­en, sor­gen dabei immer wieder für heftige Diskus­sio­nen. Das Foto eines kleinen Jun­gen, der leb­los am Strand lag, ging um die Welt. In den USA wer­den Kinder tage­lang von ihren Eltern getren­nt und unter schreck­lichen Bedin­gun­gen an der Gren­ze fest­ge­hal­ten.

Die Kinder, die dem Apartheit­sregime in Israel zum Opfer fall­en, schock­ieren eben­so. Ein Regime, dass von Deutsch­land und den USA geschützt wird. Eben­so sind es deutsche Waf­fen, mit denen Sau­di-Ara­bi­en im Yemen mit US-amerikanis­ch­er Unter­stützung einen bluti­gen Krieg führt. Auch hier sind es die Bilder unter­ernährter Kinder, die den Fol­gen des Krieges zum Opfer fall­en, die die Gemüter erre­gen.

Über all das sprechen die AfD – und ein Großteil der bürg­er­lichen Medi­en – jedoch nicht. Und wo war die Empörung der AfD, als vor eini­gen Tagen ein zwei­jähriges Kind aus Essen fast 20 Stun­den in einem über­hitzen Zim­mer einges­per­rt war und ver­durstete? Oder was war, als Ende Jan­u­ar zwei 16-Jährige in Nürn­berg vor einen Zug gestoßen wur­den? Die AfD schwieg, denn die Täter waren deutsche Staats­bürg­er und keine Nicht-Weißen.

Daher ist es heuch­lerisch, wenn die AfD den Tod eines achtjähri­gen Jun­gen für ihre ras­sis­tis­che Agen­da miss­braucht, während sie gle­ichzeit­ig ein noch aggres­siveres Gren­zregime fordert, dem jet­zt schon zahllose Kinder zum Opfer fall­en. Eben­so heuch­lerisch ist eine Bun­desregierung, die ihr Mit­ge­fühl ausspricht, während ihrer Poli­tik weltweit täglich Kinder zum Opfer fall­en.

Wie der Tagesspiegel schreibt, ster­ben in Deutsch­land “jedes Jahr im Schnitt 150 Kinder infolge von Straftat­en. Das ist schlimm, ins­beson­dere weil diese Zahl seit Jahren sta­bil ist. Die Täter stam­men meis­tens aus dem engeren Fam­i­lienkreis.”

Das Leid von Kindern spielt für Rechte nur dann eine Rolle, wenn sie es für ihre ras­sis­tis­che poli­tis­che Agen­da benutzen kön­nen. Außer­halb davon ist es ihnen das Leid von Kindern vol­lkom­men egal. Das Leben “deutsch­er” Kinder besitzt für sie nur einen Wert, wenn es durch die Hand von „nicht-deutschen“ Täter*innen genom­men wird.

Höcke, der den recht­sex­tremen Flügel der AfD anführt, beze­ich­net die Holo­caust-Gedenkstätte im Zen­trum von Berlin als „Mah­n­mal der Schande“, ungeachtet der zahllosen jüdis­chen Kinder, die in den Konzen­tra­tionslagern der deutschen Faschist*innen umka­men. Für Alexan­der Gauland war es sog­ar nur ein „Vogelschiss“, ungeachtet wie viel Leid, Genozid und Weltkrieg verur­sacht wurde. Alles was sie benöti­gen, ist nur ein Sün­den­bock zur Recht­fer­ti­gung ihrer poli­tis­chen Agen­da.

Zur Ein­schüchterung des poli­tis­chen Geg­n­ers scheuen sich Recht­sex­treme nicht, Dro­hun­gen auch gegen deren Kinder zu richt­en. Das Leben eines Men­schen ist ihnen nichts wert. Wie beim Kampf gegen das Recht auf Abtrei­bung geht es ihnen nicht um das „Leben“, son­dern um die Kon­trolle über den weib­lichen Kör­p­er und ihre frauen­ver­ach­t­ende Agen­da.

Die ras­sis­tis­che Het­ze, die den Tod des Achtjähri­gen nun für ihre Zwecke auss­chlachtet, kön­nte der AfD bei den bevorste­hen­den Land­tagswahlen in Bran­den­burg und Sach­sen noch weit­ere Stim­men bedeuten.

Auch die “Sicher­heit­spoli­tik” der Bun­desregierung wird sich möglicher­weise nun weit­er ver­schär­fen. See­hofer und ober­ste Polize­ichefs haben bei ein­er Pressekon­ferenz vom ange­blich “abnehmenden Sicher­heits­ge­fühl” und von “Wertev­er­fall” gesprochen und angekündigt, Maß­nah­men wie Auf­s­tock­ung der Bun­de­spolizei, mehr Videoüberwachung und Ähn­lich­es zu prüfen.Derweil wer­den rechte soge­nan­nte „Prepper“netzwerke in Bun­deswehr und Polizei von der poli­tis­chen Führung kon­se­quent herun­terge­spielt. Zu groß ist die Angst, dass aufgedeckt wird, wie sich weite Teile des Sicher­heit­sap­pa­rats recht­sex­tremen Posi­tio­nen annäh­ern kön­nten. Die rechte Ter­rorzelle NSU wurde jahre­lang vom Ver­fas­sungss­chutz gedeckt.

Während­dessen ist erst kür­zlich ein Eritreer in Deutsch­land angeschossen wor­den. Nur durch Glück hat­te er die Tat über­lebt. Das Motiv des Täters war dabei ein­deutig ras­sis­tisch. Und das ist nur die Spitze des Eis­bergs der ras­sis­tis­chen Gewalt in Deutsch­land: Dro­hun­gen gegen Moscheen, Sprengsätze und Über­griffe auf Lokalpolitiker*innen der Linkspartei, sowie der Mord an dem hes­sis­chen CDU-Poli­tik­er Wal­ter Lübcke Anfang Juni zeigen, dass der recht­sex­treme Ter­ror in Deutsch­land auf dem Vor­marsch ist.

Was wir brauchen, ist eine Bewe­gung, die sich entschlossen gegen diese rechte Het­ze stellt, aber zugle­ich gegen sämtliche impe­ri­al­is­tis­chen Kriege, gegen die Toten an den Gren­zen, gegen die Vere­len­dung der Massen, gegen die kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion als solche, die nichts anderes als einen Zyk­lus von Krieg und Krise erzeugt, welch­er das Leben zahllos­er vorzeit­ig been­det. Sei es durch schlechte Bedin­gun­gen in den Fab­riken, durch Hunger­snöte, schlechte medi­zinis­che Ver­sorgung oder die weltweite Umweltzer­störung, die let­z­tendlich die Exis­tenz der Men­schheit grundle­gend bedro­ht.

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