Deutschland

„The Refugees United Will Never Be Defeated!”

Am Samstag protestierten im Geflüchtetenlager von Deggendorf die Refugees gemeinsam mit Unterstützer*innen gegen ihre miserablen Lebensbedingungen. Eine Inspiration des Kampfes, die in diesem persönlichen Bericht von Baran Serhad festgehalten wurde.

„The Refugees United Will Never Be Defeated!

Es war heute ein wichtiger Tag im Kampf gegen den Ras­sis­mus in Deutsch­land. Ein Kampf in einem bay­erischen kleinen Ort namens Deggen­dorf, wo die AfD größer ist als CSU ist, d.h. ein­deutig unerträglich ist.

Im Grunde genom­men ist dort die let­zte Sta­tion der Geflüchteten, die auf die Abschiebung warten. An Zynis­mus ist das impe­ri­al­is­tis­che Deutsch­land nicht zu über­bi­eten, das bleibt uns nicht zulet­zt als Erken­nt­nis sein­er bar­barischen Geschichte. Das sehen wir heute, wenn ein ver­dammtes Gefäng­nis (nur für Geflüchtete — welch dreis­ter und bar­barisch­er Aus­druck des Ras­sis­mus!) in der Öffentlichkeit euphemistisch als „Unterkun­ft” beze­ich­net wird.

Nein, diese Zustände sind men­schen­ver­ach­t­end. Die ras­sis­tis­chen Polizist*innen, die chau­vin­is­tis­chen Politiker*innen, die Geier, die Kapitalist*innen, die die Arbeiter*innenklasse gegeneinan­der auss­chließen, sie prekarisieren, spal­ten, als bil­lige und sog­ar als kosten­lose Arbeit­skräfte aus­nutzen — Sie sollen dort Erfahrun­gen machen. Die Men­schen mit den beschei­de­nen Ansprüchen auf das Leben kön­nen und wer­den es nicht akzep­tieren, in einem Gefäng­nis zu sitzen, obwohl sie kein Ver­brechen began­gen haben. Sie sind geflo­hen, aber das ist im Auge der bürg­er­lichen Medi­en, der Rassist*innen und bürg­er­lichen Parteien ein Grund genug, um sie als Krim­inelle zu beze­ich­nen und ohne Recht auf Vertei­di­gung zu ver­haften. Sie selb­st aber spie­len mit Waf­fen und dem Kap­i­tal­ex­port, mit Abkom­men mit Dik­ta­toren ver­schieden­er Län­der sind sie ver­ant­wortlich Krieg und per­ma­nente Krise. Ist das die europäis­che hochen­twick­elte Zivil­i­sa­tion? Ich sehe eine Tragödie der Men­schheit. Eine wider­sprüch­liche Sit­u­a­tion, die Trotz­ki auf den Punkt brachte:

Die Welt des ver­faulen­den Kap­i­tal­is­mus ist über­füllt. Die Frage der Zulas­sung von hun­dert zusät­zlichen Flüchtlin­gen wird ein großes Prob­lem für eine Welt­macht vom Range der Vere­inigten Staat­en. In der Zeit des Flugzeugs, Telegraphs, Radios, Fernse­hens wird das Reisen von Land zu Land durch Pässe und Visen lah­mgelegt. (…) Inmit­ten der unge­heuren Land­flächen und der Wun­der der Tech­nik, die dem Men­schen Him­mel und Erde erschließen, hat es die Bour­geoisie fer­tigge­bracht, unseren Plan­eten in ein wider­wär­tiges Gefäng­nis zu ver­wan­deln. ( Der impe­ri­al­is­tis­che Krieg und die pro­le­tarische Wel­trev­o­lu­tion (1940), in: Das Über­gang­spro­gramm.

Wir haben uns von den Geflüchteten informieren lassen. Aus einem unver­mei­dlichen Reflex ger­at­en wir sehr schnell in ein lei­den­schaftlich­es Gespräch, weil wir unzufrieden sind und der geflüchtete Brud­er beson­ders unzufrieden. Sie dür­fen nicht arbeit­en, haben kein Zugang zu Bil­dung, sind isoliert von der Gesellschaft. Als ob das nicht genug wäre, sagt mir der Ober­polizist, dass unter den Anwohner*innen eine tiefe Unzufrieden­heit mit den Geflüchteten beste­ht. Denn sie seien „undankbare Asyl­be­wer­ber”. Der reak­tionäre Inhalt der nationalen Gren­zen wird in dem Titel „Asyl­be­wer­ber” konkret, nicht wahr? Eine hier­ar­chis­che, autoritäre und arro­gante Hal­tung gegenüber den Men­schen, die „auf Hil­fe angewiesen sind”. Sie soll­ten damit aber nicht übertreiben, let­ztlich sind das ja keine Deutschen.

Wir organ­isieren eine spon­tane Demon­stra­tion Rich­tung Geflüchtetenge­fäng­nis mit etwa 100 Aktivist*innen aus mehreren Städten Bay­erns. Die Polizei genehmigt sie jedoch nicht. Ihr Grund ist, dass wir ange­blich keinen Grund hät­ten. Unser Grund aber ist, dass die Geflüchteten ohne Grund im Gefäng­nis sitzen. „Nein, das ist kein Grund, weil das nicht tage­sak­tuell ist”, sagt mir der Ober­polizist. Aber auch wenn die deutsche Gesellschaft diesen Ras­sis­mus nor­mal­isiert hat, kann das The­ma doch nicht an Aktu­al­ität und Inten­tion ver­lieren, oder? Die Diskus­sion schre­it­et nicht voran. Wir sind auch nicht in diese Kle­in­stadt gefahren, um mit der Polizei zu sprechen. Wir wollen mit ihr nir­gend­wo sprechen, wir fordern auch ihren Rauss­chmiss aus unseren Gew­erkschaften. Unsere Bezugsper­so­n­en sind die streik­enden Refugees — genau­so denken und han­deln wir kollek­tiv. Die Demo geht Rich­tung Gefäng­nis und wir sind kämpferisch. Die Polizei kann uns nicht aufhal­ten. Wir schre­it­en voran und erre­ichen die Refugees.

Auf die Aufrufe, dass sie zu uns kom­men sollen, reagieren sie begeis­tert. Sie kom­men zu uns und es wird getanzt — auch Parolen wer­den gerufen. „Stop Depor­ta­tion”, „Kein Men­sch ist ille­gal” rufen alle Anwe­senden — selb­stver­ständlich außer der Secu­ri­ty und der Polizei. Dann haben die Geflüchteten aus Sier­ra Leone die afghanis­chen Geflüchteten aus einem anderen Gefäng­nis gerufen und diese haben sich auch daran beteiligt. Kämpferische Reden und die Parole „The Refugees unit­ed will nev­er be defeat­ed” waren der Höhep­unkt der Freude.

Wir been­de­ten unsere Aktion friedlich und ohne Kon­flik­te. Wir waren doch alle glück­lich und haben getanzt. Die Polizei war der anderen Mei­n­ung: Wir hät­ten uns ange­blich ord­nungswidrig ver­hal­ten. Die Per­son­alien von eini­gen Genoss*innen wur­den festgenom­men und sie schick­ten uns wütend nach Hause. Wir sind ständig wütend über die herrschen­den Ver­hält­nisse — aber unsere Wut ist gerecht­fer­tigt.

Es war ein wichtiger Tag.

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