Brot und Rosen

Tausende beim 8. März in Berlin – für einen feministischen Ausweg aus der Krise

Im Zuge des feministischen Kampftages am 8. März waren tausende Menschen in Berlin auf den Straßen, um gegen die Auswirkungen von Pandemie und Krise auf Frauen und queere Menschen zu demonstrieren. Brot und Rosen war vorne mit dabei. Eine Bilanz des Tages und warum es nicht reicht, nur am 8. März auf die Straßen zu gehen.

Tausende beim 8. März in Berlin – für einen feministischen Ausweg aus der Krise
Bild: Stefan Schneider

“Unsere Leben sind mehr wert als ihre Profite”

Der Tag begann mit einer Kundgebung am Invalidenpark in der Nähe des Hauptbahnhofes unter dem Motto “Wir kriegen die Krise”. Sowohl durch den Namen als auch durch die verschiedenen Redebeiträge nahm sie klar Bezug auf die aktuelle Coronakrise, die die nach wie vor problematischen und sexistischen Strukturen in unserer kapitalistischen Gesellschaft nur noch deutlicher macht: die Betreuungskrise, der Notstand des zu großen Teilen weiblichen Pflegepersonals durch die Privatisierung des Gesundheitssystems und die Anti-Abtreibungsparagrafen §218 und §219a StGB. Organisiert wurde die Kundgebung als Treffen von feministischen, anitkapitalistischen und linken Organisationen, von den regierende Parteien war nichts zu sehen. Redebeiträge wurden unter anderem von Brot und Rosen, Walk of Care, dem Berliner Bündnis Gesundheit statt Profite, Hände Weg vom Wedding und anderen gehalten.

Tabea Winter berichtet in einem Videobeitrag von der Kundgebung:

Die gesamte Kundgebung war durchzogen von einer kämpferischen Stimmung, vermutlich auch durch die vielen Beschäftigen aus dem Gesundheitssystem, die die Missstände der Privatisierung vor und während der Coronakrise und der sexistischen Herabwertung von Care-Arbeit und Sorgeberufen klar anprangerten. Die Probleme eines Gesundheitssystems, das auf Kapitalmaximierung basiert, wurden deutlich aufgezeigt und auch Stimmen nach Vergesellschaftung wurden laut.

Ursprünglich war die Kundgebung für rund 100 Personen angemeldet, erschienen sind ca. 1500 Menschen. Der große Andrang spricht vielleicht für ein Problembewusstsein bei großen Teilen der Bevölkerung für die aktuelle Problematik, dass die Krise auf den Schultern der Arbeiter:innen statt der Kapitalist:innen abgeladen werden soll. Denn während Konzerne wie die Lufthansa Coronahilfspakete im Wert von mehreren Milliarden bekommen, gab es für die Arbeiter:innen aus dem Gesundheitswesen weiterhin schlechte Löhne, katastrophale Arbeitsbedingungen… und etwas Applaus. Unter den Teilnehmer:innen der Kundgebung waren auch viele Männer, die sich mit den durch sexistische Ausbeutung Betroffenen im gemeinsamen Kampf solidarisieren wollten.

10.000 Menschen auf der FLINTA*-Demo

Um 14 Uhr startete am Pariser Platz eine weitere Demo der Alliance of international feminists unter dem Motto “our life our resistance, break the silence, break the system”. Obwohl im vorhinein explizit zu dezentralen Demonstrationen aufgerufen wurde, um das Infektionsrisiko niedrig zu halten, haben sich bei der internationalistischen Demo laut Polizeiangaben etwa 10.000 Menschen beteiligt. Damit war der Andrang fast genauso groß wie bei der größten Demo im letzten Jahr. Dass dieses Jahr die Beteiligung so groß war, ist einerseits auf die massenhafte Verbreitung auf Social Media zurückzuführen, zum anderen mag es auch daran liegen, dass dieses Jahr keine zentrale, von den regierenden Parteien SPD, Grüne und Linkspartei mitorganisierte Demonstration wie in den vergangenen Jahren stattgefunden hat. Nachdem sie 2019 den 8. März zum Feiertag gemacht haben, ist ihnen das Pandemiegeschehen als Ausrede gerade recht, um keine Demonstration organisieren zu müssen. Dass trotzdem um die 10.000 Menschen allein auf dieser Demonstration unterwegs waren, zeigt ein großes Mobilisierungspotential in der Bevölkerung auf – ganz abseits der Regierung.

Die Demo der Alliance of international feminists richtete sich nur an FLINTA*s: cis-Männer waren ausgeschlossen und wurden von Ordner:innen von der Demo verwiesen mit dem Ziel, einen Safe Space für Menschen, die dieselbe Form der Unterdrückung erfahren, zu schaffen. Männer wurden dazu aufgerufen, sich außerhalb der Demo am Kampf gegen Sexismus und Gewalt an Frauen zu beteiligen.
Unter den Teilnehmenden waren viele Menschen mit starken politischen Forderungen. Viele Schilder prangerten den Abtreibungsparagraphen an und forderten nach einer stärkeren Selbstbestimmung von Frauen. Eine offensivere politische Stimmung mit Rufen wie “my body, my choice, raise your voice” wurde zwar von Gruppierungen begonnen, verliefen sich jedoch im Getümmel der Massen. Denn auch viele einzelne Freundesgruppen haben sich an der Demo beteiligt, wodurch die Demo insgesamt unstrukturiert wirkte. Wenige Organisationen und politische Gruppen waren erkennbar, die Straßen wirkten überfüllt und der Zug kam mehrmals zum Stehen. Eine klare Message gegen die Regierung war kaum erkennbar. So hatte das politische Ziel, einen Kampf gegen das System zu fordern, trotz des Aufrufs kaum Widerhall auf der Demo.

Gibt es einen Safe-Space im Kapitalismus?

Der Wunsch, einen Schutzraum von Sexismus zu haben, ist absolut verständlich, jedoch unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen leider nicht wirklich zu verwirklichen: Es gibt keinen Safe-Space im Kapitalismus. Es ist wichtig, dass auch Männer den internalisierten Sexismus, der tagtäglich über Medien und gesellschaftliche Rollen- und Normvorstellungen ins Unterbewusstsein der Gesellschaft befördert wird, hinterfragen. Doch es ist wichtig, einen Schritt weiter zu denken und sich mit der Funktionsweise der Gesellschaft, in der wir leben, auseinanderzusetzen: Denn in unserem kapitalistischen System, dass auf Maximierung von Profiten weniger ausgelegt ist und nur durch die Unterdrückung und Ausbeutung von vielen als solches funktionieren kann, ist Sexismus zu sehr Teil des Systems, als dass der Kapitalismus ohne diesen existieren könnte.

Hinter der Herabwürdigung von weiblichen Kompetenzen, von Care-Arbeit und der schlechten Bezahlung von Personen, die in Sorge-Berufen arbeiten, steckt System – denn wenn Frauen für die gleiche Arbeit weniger Geld erhalten als ihre männlichen Kollegen, was unmittelbar zur Profitmaximierung der Bosse beiträgt, wird sich Sexismus als Legitimation dessen bedient. Ein feministischer Kampf ist notwendigerweise ein Klassenkampf, er bedeutet den Kampf gegen die ihm zugrundeliegende kapitalistische Ausbeutung und wird ohne die Beseitigung dieser Aspekte keine grundlegenden Veränderungen bringen.

Um diesen Kampf zu führen, brauchen wir eine Perspektive und Solidarität innerhalb der Arbeiter:innenklasse. Dafür sind Bündnisse mit anderen Kämpfen besonders wichtig, um gemeinsam gegen die Unterdrückung zu kämpfen. Hierfür müssen sich auch männliche Verbündete, die ebenfalls in der Pflege arbeiten, genauso aber Arbeiter:innen aus den männlich dominierten Wirtschaftssektoren, am Kampf beteiligen. Am Beispiel der Kundgebung am Invalidenpark wurde dieses Ziel deutlich: Männliche Genossen standen gemeinsam mit den weiblichen Genossinnen für bessere Bezahlung und Anerkennung von Care-Arbeit, für Selbstbestimmung des weiblichen Körpers und für die Vergesellschaftung des Gesundheitssystems. Nur ein gemeinsamer, internationaler Kampf gegen die Unterdrückung aller Frauen wird die Gleichstellung von allen Menschen bewirken können.

An der FLINTA*-Demo zeigt sich die zentrale Herausforderung, vor der wir als Feminist:innen derzeit stehen: Das Interesse für einen Kampf gegen das Patriarchat ist weit verbreitet, doch das Wie bleibt bei diesem Kampf oft offen. Auch wenn die Teilnahme an Demos und Bildungsarbeit auf Social Media einen ersten wichtigen Schritt darstellen, braucht ein gemeinsamer Kampf eine konkrete Perspektive gegen die Regierung und das Kapital. Als Brot und Rosen haben wir in unserem Aufruf zum 8. März und in unserer Rede bei der Kundgebung “Wir kriegen die Krise” aufgezeigt, dass wir uns dafür nicht auf die Parteien an der Regierung verlassen können – auch nicht im rot-rot-grün regierten Berlin –, sondern eine klassenkämpferische, sozialistische und internationalistische Perspektive brauchen.

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