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TABOR20: Eine Hausgemeinschaft kämpft um ihre Zukunft

Am vergangenen Samstag fand vor dem Haus in der Taborstraße 20 in Berlin-Kreuzberg eine Kundgebung statt. Über 100 Menschen protestierten gegen den Verkauf des Hauses und dafür, dass der Berliner Senat sein Vorkaufsrecht ausübt.

TABOR20: Eine Hausgemeinschaft kämpft um ihre Zukunft

Die neuen Käufer des Haus­es, die GMYREK + CO, wer­ben auf ihrer Web­seite damit, dass sie “hochw­er­tige Immo­bilien” “sanieren, bauen und verkaufen”. Ein “Kreativteam” schaffe “Wohn­räume nach hohen Stan­dards und mit außergewöhn­lich­er Ästhetik”. Über­set­zt bedeutet das nichts Anderes, dass die jet­zi­gen Mieter*innen nach dem Verkauf nicht mehr zur gewün­scht­en Ziel­gruppe des neuen Ver­mi­eters zählen wer­den. Hier soll noch bezahlbar­er Wohn­raum luxu­s­saniert wer­den und kün­ftig reiche Men­schen wohnen.

Seit Wochen knüpfen die Bewohner*innen der Tabor20 Kon­tak­te zu Politiker*innen. Diese fol­gen zwar den Ein­ladun­gen zu den Kundge­bun­gen, aber die lang ersehnte Botschaft, dass der Sen­at sein Vorkauf­s­recht ausüben wird, bleibt bis heute aus. Dabei drängt die Zeit. Die Möglichkeit des Vorkauf­s­recht­es beste­ht nur noch bis zum 26. August 2019. Den Mieter*innen und Unterstützer*innen bleiben nur noch ein paar Tage den Sen­at davon zu überzeu­gen, tätig zu wer­den. 

In Ihrem Kampf fahren sie mehrgleisig und nutzen alle zur Ver­fü­gung ste­hen­den Möglichkeit­en. In der aktuellen Peti­tion heißt es:

Unser Haus in der Taborstr. 20 in Berlin-Kreuzberg wurde kür­zlich an eine GmbH verkauft. Wir, die Bewohner*innen der Taborstr. 20, kämpfen derzeit um unsere noch bezahlbaren Woh­nun­gen. Wir wün­schen uns einen gemein­wohlo­ri­en­tierten Ver­mi­eter und bit­ten daher dringlichst den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, sein Vorkauf­s­recht für unser Haus gel­tend zu machen, um uns das Hierbleiben zu ermöglichen. Die Frist hierzu endet am 26.08.19.

Viele Besucher*innen der Kundge­bung aus dem Kiez haben Ähn­lich­es zu bericht­en. “Was, bei Euch auch? Unser Haus wurde eben­falls verkauft, der Sen­at hat sein Vorkauf­s­recht nicht genutzt. Ihr kön­nt davon aus­ge­hen, dass der Sen­at das auch hier eskalieren lässt”, ruft eine Frau ein­er Gruppe Men­schen zu, die vor der Tabor20 auf der Straße sitzen. 

Die Kundge­bung zieht auch Beschäftigte an, die sich in Arbeit­skämpfen befind­en. Ein Tech­niker der Vivantes-Ser­vice-Tochter VSG ist gekom­men und eben­falls wütend auf den Sen­at. Er und seine Kolleg*innen kämpfen seit Jahren für eine Rück­führung in den öffentlichen Dienst. Er sagt:

Der Kampf um Wohn­raum und der Kampf um gute Löhne gehören für mich unmit­tel­bar zusam­men.

Inzwis­chen haben sich auch die Bun­destagsab­ge­ord­nete Canan Bayram und die Bezirks­bürg­er­meis­terin Moni­ka Her­rmann von Bünd­nis 90/Die Grü­nen einge­fun­den. Welch­er Topf soll nun angezapft wer­den und wie geht die Prü­fung der GEWOBAG aus, die als städtis­ches Woh­nung­sun­ternehmen als Käufer in Betra­cht kommt? Das sind die Fra­gen, auf die es bis heute keine Antwort gibt. “Wir hören seit Wochen nichts”, sagt eine Mieterin. „Wir sind in der Schwebe und brauchen wirk­liche Hil­fe aus der Poli­tik. Jet­zt wird sich zeigen, ob sie ihr Wort hal­ten!”

Alle Anwe­senden bekom­men einen Ein­druck, welch katas­trophale Entwick­lung die Sit­u­a­tion der Mieter*innen in der Tabor20 nehmen kön­nte. In der Tabor20 leben unter­schiedlich­ste Men­schen. Ein Mieter wohnt hier seit 40 Jahren, die jüng­ste Bewohner­in ist 15 Monate alt. Einige haben sich hier eine Exis­tenz aufge­baut. Kinder, die in der Tabor20 wohnen, gehen nebe­nan in die Kita oder zur Schule. Mit­tags tre­f­fen sich viele der Fam­i­lien mit Nach­barn im “Café Geschmackssache”, dass sich im Erdgeschoss der Tabor20 befind­et. Die Betreiber haben mit ihrem Café für den Kiez einen wichti­gen Anlauf­punkt und Begeg­nung­sort geschaf­fen. Doch auch dieses Café ist auf­grund des Gewerbe­mietver­trags stark gefährdet und damit der soziale Tre­ff­punkt für alle Men­schen, die sich hier tre­f­fen, gle­ich mit.

“Unser Leben hat sich auf einen Schlag geän­dert, als der Brief, in dem stand, dass unser Haus verkauft wird, im Briefkas­ten lag. Wir müssen neben unserem Beruf jet­zt rund um die Uhr um unseren Wohn­raum kämpfen”, sagt ein­er der Mieter ins Mikro­fon. Um die Arbeit bewälti­gen zu kön­nen, verteilen die Mieter*innen der Tabor20 die Auf­gaben. Eine Mieterin küm­mert sich um die Pressear­beit, ein Ander­er hält Kon­takt zu den Politiker*innen. Ein­mal wöchentlich tagen sie und besprechen gemein­sam die näch­sten Schritte, alles wird demokratisch entsch­ieden. “Wir ken­nen uns hier alle seit Jahren, aber die Sit­u­a­tion hat uns jet­zt noch mal zusam­mengeschweißt”, sagt eine der Anwe­senden. “Der Ball liegt jet­zt klar im Feld des Sen­ats. Soll das Haus gerettet wer­den, muss der Sen­at sein Vorkauf­s­recht gel­tend machen, Tut er das nicht, dro­ht in der Tabor20 eine heftige Eskala­tion”.

Es ist spät gewor­den, die Bezirks­bürg­er­meis­terin Moni­ka Her­rmann ver­lässt die Ver­anstal­tung mit den Worten: “Wir bleiben in Kon­takt”. Doch alle wis­sen, das wird nicht reichen. Die Besucher*innen der Kundge­bung blieben noch und disku­tierten weit­er. Egal wie dieser Kampf aus­ge­ht, eins ist jet­zt schon klar: Die Mieter*innen der Tabor20 haben schon viel erre­icht und sind sehr gut organ­isiert. An diesem Abend wird deshalb von Nachbar*innen vorgeschla­gen, sie soll­ten ein Buch über ihren Kampf schreiben, um anderen Betrof­fe­nen einen Leit­faden in die Hand zu geben, wie man es zum Beispiel schafft, in kürzester Zeit eine von Ver­drän­gung bedro­hte Haus­ge­mein­schaft zum Stadt­ge­spräch zu machen.

Du willst die TABOR20 unter­stützen? Sende ein Sol­i­dar­itäts­fo­to an: tabor20mieter@gmail.com. Hier gibt es eine Vor­lage.

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