Geschichte und Kultur

Suizidalität im Kapitalismus: Für eine Umkehrung der Beweislast!

Warum der Liberalismus auf die Frage des Suizids keine guten Antworten findet. Ein Debattenbeitrag von David Doell.

Suizidalität im Kapitalismus: Für eine Umkehrung der Beweislast!

Die mas­sive Wirk­lichkeit der Suizide in unser­er Gesellschaft kon­fron­tiert aber auch die Fern­ste­hen­den mit der Ahnung es könne um diese Gesellschaft nicht zum Besten bestellt sein, wenn so viele Men­schen bere­it sind, total mit ihr zu brechen – um den Preis ihres Lebens (Kettner/Gerisch, Zwis­chen Tabu und Ver­ste­hen, Psy­cho-philosophis­che Bemerkun­gen zum Suizid, 2004)

In seinen Vor­lesun­gen über Ethik begrün­det Kant das absolute moralis­che Ver­bot, sich zu töten, wesentlich damit, dass wer Selb­st­mord ver­suche, sich selb­st zu einem „Objekt“ mache, diese Verd­inglichung ein­er Per­son aber grund­sät­zlich nicht zuste­he. Sein zweites Argu­ment lautet, dass jede „Natur“ ver­sucht sich zu erhal­ten und dass, wer bere­it sei, „sich selb­st zu zer­stören“, sich zum „Meis­ter“ über sein Leben – und damit auch über das Leben aller Anderen – mache. Wer diese ‚Meister*innenschaft’ erlange, dem ste­ht nach Kant auch die Türen zu allem anderen moralis­chen Fehlver­hal­ten offen, denn „ehe man ihn hab­haft wer­den kann, ist er [sic!] bere­it, sich aus der Welt wegzustehlen.“ Der Bruch mit der Selb­ster­hal­tung impliziert nach Kant auch einen Bruch mit jeglich­er Moral­ität oder Ethik. Sein abschließen­des Urteil lautet: „Wir sehen einen Selb­st­mörder als ein Aas an.“ Par­a­dig­ma­tisch führt Kant damit einige lib­erale Diskursverk­nap­pun­gen vor: Die* Einzelne* existiert als Gegebene, verd­inglicht sich in einem autark-sou­verä­nen Akt, wider­spricht „der“ Natur, wird deswe­gen zu ein­er Gefahr für „die“ Gesellschaft und ist als moralisch schlecht anzuse­hen.

Gerisch/Kettner ver­fol­gen in ihrer Auseinan­der­set­zung mit Suizidal­ität Kants ‚Argu­mente’ im Reg­is­ter des Respek­ts vor der Frei­heit per­son­aler Selb­st­bes­tim­mung, wider­legen sie im Einzel­nen und kom­men zu der Überzeu­gung, dass der wohl eigentlich wichtig­ste Grund für die philosophis­che Äch­tung des Selb­st­mords in sein­er Unheim­lichkeit liegt, mit dem Prinzip der Selb­ster­hal­tung zu brechen. Ich denke, dass dieser „Bruch mit der Selb­ster­hal­tung“ kein ‚Bruch an sich’ mit „der“ „Natur“ ist, son­dern ein immer je spez­i­fis­ch­er Bruch mit ein­er bes­tim­men gesellschaftlich-geschichtlichen For­ma­tion. Oder um es the­sen­haft zu sagen, kann, wer heute von Selb­st­mord sprechen will, (natür­lich) vom Kap­i­tal­is­mus nicht schweigen. Gegen Kant gilt es zu sagen, dass es die gesellschaftlichen Ver­hält­nisse sind, welche die Men­schen grundle­gend verd­inglicht und ger­ade nicht der Suizid, der als Verzwei­flung­stat auch ver­sucht ger­ade diesen Ver­hält­nis­sen zu entkom­men.

Die Verdinglichung der ‚Natur’

Inter­es­san­ter­weise liegt in Kants Argu­menten dann ein herrschaft­skri­tis­ch­er Anteil, wenn unter anderen Vorze­ichen über Verd­inglichung und Naturbe­herrschung nachgedacht wird. Denn es ist ger­ade diese gesellschaftliche For­ma­tion des Kap­i­tal­is­mus, die Natur und Men­schen in ein­er bish­er unbekan­nten Weise verd­inglicht, kom­mod­i­fiziert und aus­beutet. Es ist damit viel eher die kap­i­tal­is­tis­che Lebens­form, welche sich zur „Meis­terin“ über Natur und Men­schen macht, die bere­it ist zu ihrer Selb­ster­hal­tung alles andere zu zer­stören, als der einzelne Men­sch, der sein Leben in dieser For­ma­tion been­det.

Nicht zufäl­lig ste­ht die Men­schheit mit der dro­hen­den Kli­makatas­tro­phe zum ersten Mal davor die Erde so tief­greifend zu zer­stören, dass zu Frage ste­ht, ob sie für Men­schen über­haupt noch bewohn­bar sein wird. Wie Mark Fish­er gesagt hat, kön­nen wir uns heute das Ende der Welt viel eher vorstellen, als das Ende des Kap­i­tal­is­mus bzw. das Ende unser­er gesellschaftlich-geschichtlichen Lebens­form. Nach meinem Ein­druck bleibt der Zusam­men­hang zwis­chen Naturbe­herrschung und gesellschaftlich­er Herrschaft oft unter­reflek­tiert – was sich darin aus­drückt, dass Kli­makämpfe teil­weise abge­tren­nt wer­den von Kämpfen gegen kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion­sweisen und Verd­inglichun­gen. Diese Ten­denz durchzieht möglicher­weise auch marx­is­tis­chen Diskurse als Folge ein­er über­mäßi­gen Fortschritts- und Tech­nikgläu­bigkeit im 19. Jahrhun­dert. Demge­genüber insistieren Adorno/Horkheimer nach den katas­trophis­chen Erfahrun­gen der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts auf die unhin­terge­hbare Ver­flocht­en­heit zwis­chen Selb­st- und Fremd­ver­hält­nis­sen, Naturbe­herrschung und gesellschaftlich­er Herrschaft. Ger­ade „die Unter­w­er­fung alles Natür­lichen unter das selb­s­ther­rliche Sub­jekt“ gipfelt zulet­zt „in der Herrschaft des blind Objek­tiv­en, Natür­lichen“ (T. Adorno/G. Adorno/Horkheimer, Dialek­tik der Aufk­lärung, 1944). Denn „die Steigerung der wirtschaftlichen Pro­duk­tiv­ität, die ein­er­seits die Bedin­gun­gen für eine gerechtere Welt her­stellt, ver­lei­ht ander­er­seits dem tech­nis­chen Appa­rat und den sozialen Grup­pen, die über ihn ver­fü­gen, eine unmäßige Über­legen­heit über den Rest der Bevölkerung.

Der Einzelne wird gegenüber den ökonomis­chen Mächt­en vol­lends annul­liert. Dabei treiben diese die Gewalt der Gesellschaft über die Natur auf nie geah­nte Höhe.“ (ebd.) In der Rede der „Alter­na­tivlosigkeit“ von Thatch­er bis Merkel im poli­tis­chen Diskurs zeigt sich die Aktu­al­ität des The­o­rems, die Nat­u­ral­isierung von Herrschafts- und Aus­beu­tungsver­hält­nis­sen als Aus­druck der Dialek­tik zwis­chen selb­s­ther­rlichem Sub­jekt und Herrschaft des blind Objek­tiv­en. Die Folge – und das ist das wesentliche – ist die ver­mit­telte Selb­stverd­inglichung der Men­schen in der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft.

Die Verdinglichung der ‚Anderen’

Im Konkreten lässt sich dieser Gedanken­gang momen­tan beispiel­sweise auch an der The­o­rie und Prax­is im Umgang mit der soge­nan­nten „Flüchtlingskrise“ verdeut­lichen. Zunächst muss ein­fach gesagt wer­den, dass eine Gesellschaft moralisch am Ende ist, wenn sie von ein­er „Flüchtlingskrise“ spricht, damit aber wesentlich nicht das Massen­ster­ben im Mit­telmeer meint, son­dern das Ankom­men von vor Krieg und Elend fliehen­den Men­schen. Was sich viel eher zeigt als eine „Krise wegen der Geflüchteten“ ist eine „Krise des Human­itären“, eine Tragödie in Syrien und eine todern­ste Farce im Mit­telmeer – und Ten­den­zen ein­er Implo­sion der lib­eralen Ide­olo­gie des kap­i­tal­is­tis­chen West­ens.

Die Erschüt­terun­gen sind bis weit ins Lager der poli­tis­chen Linken spür­bar: nicht nur bei denen, die offen einen sozial-nationalen Kurs propagieren, um ver­meintlich prekarisierte Arbeiter*innenmilieus anzus­prechen, bei denen sie tat­säch­lich schon lange vorher große Stim­men­ver­luste der Linkspartei gab. Son­dern auch da, wo der „Wir schaf­fen das“-Slo­gan unkri­tisch über­nom­men wird, beziehungsweise der Dual­is­mus zwis­chen struk­turellem Ras­sis­mus lib­eraler Akteur*innen und dem in Teilen offen faschis­tis­chen Ras­sis­mus rechter Akteur*innen lediglich repro­duziert wird, anstatt einen eigen­ständi­gen linken, anti­ras­sis­tisch-rev­o­lu­tionären Antag­o­nis­mus zu Staat und Kap­i­tal zu for­mulieren.

Zen­tral unter­stützt wurde die „Wir schaf­fen das“-Position ein­er­seits von Kap­i­tal­frak­tio­nen, die sich angesichts des demographis­chen Trends niedri­gen Bevölkerungswach­s­tums in der BRD eine Lösung von „Arbeit­skraft­prob­le­men“ ver­sprachen:

Über 60 Prozent der deutschen Manager*innen glaubten, ihre Unternehmen wür­den durch eine schnelle Inte­gra­tion der Geflüchteten prof­i­tieren (SZ, 24.9.2015 ). BDI-Präsi­dent Ulrich Gril­lo erk­lärte: “Wir haben ein demografis­ches Prob­lem in der Zukun­ft. Das heißt, wir haben einen Man­gel an Arbeit­skräften. Dieser Man­gel kann reduziert wer­den.“

Die Offen­heit, mit der die human­itäre Katas­tro­phe von Akteur*innen der Kap­i­tal­frak­tio­nen als Chance für die Sich­er­stel­lung der Prof­i­trat­en des Pro­duk­tion­s­stan­dorts ange­se­hen wird, kann dabei in keinem Fall mehr schock­ieren, als der EU-Türkei-Deal, mit dem die deutsche Regierung die soge­nan­nte „Willkom­men­skul­tur“ des „Wir schaf­fen das“ außen­poli­tisch aus­buch­sta­biert hat. Die sechs Mil­liar­den Euro, die bis 2018 an die proto­faschis­tis­che Regierung in Ankara gezahlt wer­den sollen, kön­nen im Wortsinn als Blut­geld ver­standen wer­den, wenn türkische Sol­dat­en im Sinne der EU-Gren­zregime an der türkisch-syrischen Gren­ze flüch­t­ende Men­schen erschießen, darunter auch Kinder.

Die Verd­inglichung der Anderen find­et in der unter anderem vom deutschen Staat erkauften mörderischen Gewalt der Gren­z­sol­dat­en, wo im wahrsten Sinne men­schliche Leben durch Mord­waf­fen in Dinge (Leich­name) ver­wan­delt wer­den, einen Höhep­unkt.

Die Verdinglichung des ‚Selbst’

Ich denke, dass diese Objek­tivierung, was im Extrem­fall Ster­ben-Lassen und Ermor­den bedeutet, nicht nur auf die „Anderen“ wirkt, son­dern gle­ichzeit­ig den Charak­ter unser­er Gesellschaft im Ganzen zeigt. Sil­via Fed­eri­ci hat in „Cal­iban und die Hexe“ her­aus­gestellt, dass Prozesse der Kolo­nial­isierung und Verd­inglichung von (pro­le­tarischen) Frauen-Kör­pern kon­sti­tu­tiv für den mod­er­nen Kap­i­tal­is­mus sind. Diese sex­is­tis­chen und ras­sis­tis­chen Prozesse verd­inglichen und kom­mod­i­fizieren aber nicht nur All­mende, Frauen und kolo­nial­isierte Sub­jek­te, ‚die Anderen’, son­dern ver­mit­telt das ganze, vom Pro­dukt sein­er Arbeit und von sein­er Umge­bung eben­falls ent­fremdete west­liche Pro­le­tari­at – auch wenn diesem im glob­alen Repro­duk­tion­szusam­men­hang eine andere Stel­lung zukommt.

Bei allen Unter­schieden reduzieren sowohl „Ober­gren­zen“, die über das Leben und Ster­ben von Men­schen entschei­den, als auch Lohnkosten als Zahlen, die über die Lohnar­beitsver­hält­nisse und Exis­ten­zweisen von Men­schen entschei­den, kom­plexe soziale Beziehun­gen auf ein indi­vidui­iertes Ding. Neben der Aus­beu­tung der Arbeit­skraft ist es ger­ade diese Verd­inglichung und Kom­mod­i­fizierung, welche der mod­er­nen kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft zu Grunde liegt: Sie haben wesentlich Anteil am „Erfolg“ des kap­i­tal­is­tis­chen West­ens für seine Kapitalist*innen und sind der ver­schleierte und ver­drängte Preis unser­er Lebens­form (ähn­lich argu­men­tieren Brand/Wissen in Impe­ri­ale Lebensweise: Zur Aus­beu­tung von Men­sch und Natur in Zeit­en des glob­alen Kap­i­tal­is­mus, 2017).

Nach den Katas­tro­phen des 20. Jahrhun­derts und dem Ende des Glaubens an einen inhärenten Fortschritt der Geschichte sind Massenkon­sum und Sicher­heit im Prinzip die let­zten zen­tralen Ver­sprechen und ‚Werte’ der west­lichen Gesellschaften. Bei­des wird im Grunde und kon­tinuier­lich durch das Lei­den von sub­al­ternisierten Per­son gewährleis­tet, was in den Periph­e­rien weniger und in den west­lichen Metropolen mehr ver­schleiert wird.

Auch in der Krisen-Gewin­ner­in BRD gibt es beispiel­sweise über vier Mil­lio­nen depres­sive Per­so­n­en, schätzungsweise ver­sucht sich alle fünf Minuten eine Per­son das Leben zu nehmen. Die soge­nan­nte „Flüchtlingskrise“ führte uns zulet­zt inten­siv vor Augen, wie es um die kap­i­tal­is­tis­che Welt ins­ge­samt ste­ht. Das ver­drängte schlechte Gewis­sen, an den Aus­beu­tungsrat­en in der Periph­erie und den Waf­fen­liefer­un­gen dahin zu prof­i­tieren, wird von den Flucht- und Migra­tions­be­we­gun­gen auf die Tage­sor­d­nung geset­zt. Der Ras­sis­mus von Staat und Kap­i­tal wird deswe­gen im All­t­agsver­stand teil­weise auch durch eine Abwehr und Ver­weigerung ergänzt, sich wirk­lich mit den gesellschaftlichen Ver­hält­nis­sen und der struk­turellen Gewalt der glob­al­isierten Welt auseinan­derzuset­zen.

Ich denke, dass jede zur Empathie auch nur ansatzweise fähige Per­son, die wirk­lich über glob­alen Repro­duk­tionsver­hält­nis­sen nach­denkt und zum Beispiel die Zufäl­ligkeit anerkan­nt, mit der du je Geburt­sort aus­ge­beutet, verd­inglicht und auf der Flucht vor Elend und Krieg erschossen wirst, zur Schlussfol­gerung gelan­gen kann, dass es um diese Gesellschaft nicht gut ste­ht. Und ich denke, dass das sog­ar von ein­er lib­eralen Per­spek­tive der Men­schen­rechte aus ein­sichtig sein kann: „Die Würde des Men­schen ist unan­tast­bar“, aber über­all wird sie mit Füßen getreten, wie Rousseau vielle­icht gesagt hätte.

Für eine Umkehrung der „Beweislast“

Ich denke also, nicht die Per­son, die ihr Leben been­den will, verd­inglicht sich wesentlich selb­st darin, son­dern diese Gesellschaft als solche verd­inglicht grundle­gend die in ihr leben­den Men­schen. Ein Suizid ist damit schließlich auch ein Aus­druck des Wun­sches nach ein­er Nega­tion dieser Verd­inglichung und kann im foucault’schen Sinne als eine Prax­is des „nicht mehr so regiert wer­den Wol­lens“ ver­standen wer­den, näm­lich nicht mehr auf diese Weise und um diesen Preis Teil dieser Gesellschaft sein zu wollen. Ein Suizid als Verzwei­flung­stat wie beispiel­sweise die Selb­stver­bren­nung von Mohamed Bouaz­izi in Tune­sien, kann zwar keine sin­nvolle Strate­gie der poli­tis­chen Linken sein, aber die Tat selb­st kann eben den­noch als poli­tis­che Artiku­la­tion ver­standen wer­den, nicht mehr so regiert wer­den zu wollen. Die gesellschaftliche Verd­inglichung bleibt mit einem Suizid beste­hen, und sog­ar der Suizid selb­st kann im Nach­hinein Teil davon wer­den. Wie Ben­jamin in sein­er VI. Geschicht­s­these sagt, sind auch die Toten (und ihre Tode, Weisen des Ster­bens), vor dem Feind (der hege­mo­ni­alen Deu­tung) nicht sich­er. Die Verd­inglichung wird schließlich nur durch ihre Bedin­gun­gen in der Pro­duk­tion und der ganzen gesellschaftlichen Organ­isierung mit ihrem man­nig­falti­gen Unter­drück­ungsmech­a­nis­men und Ide­olo­gien der Ent­frem­dung nach­haltig aufge­hoben, nicht mit dem Ende eines Lebens.

Der Suizid ist also zwar keine Aufhe­bung, doch ein Aus­druck der Verd­inglichung, der nach sein­er Nega­tion zie­len kann. Das Prob­lem ist nicht eine Per­son, die sich suizi­diert, son­dern die sie verd­inglichen­den Umstände, von denen sie sich befreien möchte. Anders gesagt, ich denke, dass die „Beweis­last“ des Suizids vom Indi­vidu­um auf die Gesellschaft umgekehrt wer­den kann. Dass näm­lich wesentlich nicht die Per­son, die ihr Leben been­den will, Gründe für ihre Selb­stverd­inglichung im Selb­st­mord angeben muss, son­dern die Gesellschaft viel eher recht­fer­ti­gen muss, warum sie die in ihr leben­den Men­schen in dieser Weise „regiert“, verd­inglicht, kom­mod­i­fiziert, ent­fremdet, aus­beutet – sodass sich diese selb­st suizi­dieren.

***
Das zweite der kan­tis­chen Argu­mente knüpft insofern an als erste an, als es die Selb­stverd­inglichung zu Ende denkt und dabei zu dem Schluss kommt, dass wer zum Selb­st­mord bere­it ist – also mit der dem spez­i­fisch Men­schlichen schon gebrochen hat – auch zu jeglich­er Form des Ver­brechens und amoralis­chen Ver­hal­ten fähig ist. Wie ich ver­sucht habe zu zeigen, stellt sich aus ein­er gesellschaft­skri­tis­chen Per­spek­tive der Kon­text dieser Prämisse als äußerst prob­lema­tisch dar: Eine Per­son, die ihr in Leben in dieser Gesellschaft aufgeben will, hat nicht notwendig mit allem Men­schlichen, Werten und Sozial­ität über­haupt gebrochen. Viel mehr kann es diesen Per­so­n­en als rev­o­lu­tionären Kommunist*innen ja zum Beispiel ger­ade um ganze andere, sol­i­darischere Insti­tu­tio­nen, Beziehungsweisen, Repro­duk­tion­sweisen gehen.

Ich denke, dass es beispiel­sweise einen ontol­o­gis­chen Unter­schied zwis­chen einem Selb­st­mord und einem Mord an ein­er anderen Per­son gibt. Dass eine Per­son, die ihr Leben wegen dauer­haften Lei­der­fahrun­gen und Schmerzen selb­st been­det, unendlich weit davon ent­fer­nt sein kann, anderen Men­schen Schmerzen oder Lei­der­fahrun­gen zuzufü­gen zu wollen. Das eigentlich Tragis­che eines Suizids scheint mir per­sön­lich sog­ar darin zu liegen, ger­ade die Men­schen zu ver­let­zen, die wir am meis­ten mögen und denen wir auch poli­tisch am Näch­sten ste­hen. Wenn wir uns auch in unserem Bestreben uns zu suizi­dieren als Kommunist*innen erst nehmen – der Suizid kein rein pri­vates Prob­lem von Einzel­nen ist –, ste­hen wir meines Eracht­ens viel weniger vor einem moralis­chen als vor ethisch-poli­tis­chen Prob­lem. Dass wir näm­lich in Bezug auf unseren Suizid als gemein­same Entschei­dung einen fun­da­men­tal­en Inter­essenkon­flikt mit unseren Freund*innen und Genoss*innen aus­tra­gen müssen. Cas­to­ri­adis analysiert dieses Prob­lem der ethis­chen Unentschei­d­barkeit anhand von Sophok­les Antigone und stellt die Verse 707–709 als zen­trale Textpas­sage der griechis­chen Tragödie und Gesellschaft her­aus:

Denn wer meint, der einzige zu sein, der beurteilen kann, oder eine Seele oder eine Rede­gabe zu haben wie kein ander­er von solchen Leuten, wird man sehen, wenn man sie öffnet sind sie leer. (Anthro­poge­nie bei Ais­chy­los und Selb­stschöp­fung des Men­schen bei Sophok­les, 2011)

Antigone und Kre­on sind in der ihnen je eige­nen Weise davon überzeugt, die einzige Per­son zu sein, „die beurteilen kann“, und schließlich nicht in der Lage die Posi­tion der Anderen anzuerken­nen. Für mich ist es ger­ade eine der wichtig­sten men­schlichen Fähigkeit­en über­haupt, nicht „alleine Recht haben zu wollen“, und die Posi­tio­nen von Anderen auch im ern­sthaften Kon­flik­t­fall anerken­nen zu kön­nen. Das ist nicht nur die Grund­lage für die Aus­tra­gung des poli­tis­chen Kon­flik­ts an sich, son­dern auch die Bedin­gung der Möglichkeit, Anderen in ihrem Ander­s­sein – und jen­seits ihrer sozialen Posi­tion­ierung – nahe zu kom­men und sich selb­st zu verän­dern. Daraus lässt sich vielle­icht die leicht wider­sprüch­liche These gewin­nen, dass ein Selb­st­mord zwar nicht moralisch ver­w­er­flich ist und sich in dieser Gesellschaft die herrschende Klasse vor den Suizidant*innen und ihren Ange­höri­gen gerecht­fer­tigten sollte (und nicht umgekehrt). Dass „wir“ aber ander­er­seits doch in ein­er bes­timmten Weise mit unserem Freund*innen/Genoss*innen in einen ethisch-poli­tis­chen Kon­flikt ein­treten soll­ten, auch wenn es bei einem Selb­st­mord um eine der schein­bar pri­vat­esten Entschei­dun­gen über­haupt geht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.