Studis gegen hohe Mieten

12.11.2013, Lesezeit 5 Min.
1

// Studentische Aktionswoche gegen hohe Mieten in 17 Städten. Weitere Demonstrationen geplant. //

„Schon von Marienfelde gehört?“ Ja, den Namen des Stadtteils im Süden Berlins kannte der frisch Immatrikulierte, auch wenn er noch nie dort war. Mit dieser Frage begann die Leidensgeschichte von Christian, der vor einem Monat nach Berlin gezogen ist und ein Dach über dem Kopf suchte. Der Start ins Studium der Sozialwissenschaften war problematisch, des Wohnraums wegen. Die ersten Wochen verbrachte Christian auf der Couch von Verwandten. Als nach mehr als 120 Bewerbungen immer noch kein WG-Zimmer zu finden war, zog er in ein privates Wohnheim am südlichen Rand der Stadt. Für 300 Euro im Monat bekam er dort ein Zimmer mit sage und schreibe zwölf Quadratmetern.

Christian marschierte am Donnerstag nachmittag zusammen mit rund 150 weiteren Studierenden auf der Demonstration gegen hohe Mieten mit, die über den Kurfürstendamm im Herzen Westberlins zog. Die Geschichten ähneln sich: Eine Studentin aus Frankreich wohnt in Marzahn, weil alles innerhalb des S-Bahn-Rings viel zu teuer war. Eine Studentin aus Trier hat ein Zimmer in einer Familienwohnung im zentral gelegenen Schöneberg gefunden – allerdings kostet es 440 Euro für 24 Quadratmeter.

Gegen solche Zustände haben Studenten in 17 Städten in den letzten Tagen eine Aktionswoche veranstaltet. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München etwa legten sich AktivistInnen mit Matratzen und Schlafsäcken in den Innenhof. Auch an der Universität ­Trier und an der Technischen Universität Berlin wurden Schlaf- und Wohnzimmer auf dem Campus eingerichtet. An der Freien Universität Berlin fand eine öffentliche Fragestunde mit einer Anwältin statt, denn es kommt nicht selten vor, dass verzweifelte Studierende zu Semesterbeginn Mietverträge mit rechtswidrigen Klauseln unterschreiben.

Daniel, der auf der Demonstration in Berlin dabei war, erzählte von einer Anzeige im Internet: Jemand vermietete ein Hochbett im Flur einer WG in Neukölln für 150 Euro. Marie ist am Tag vor der Demo umgezogen: Zuerst wohnte sie einen Monat lang zur Zwischenmiete, nun hat sie für eine Woche eine Unterkunft auf einer Couch, dann geht es für ein halbes Jahr ins Zimmer eines verreisten Bekannten – und dann geht die Suche wieder von vorne los. Sonja, die mit Christian Sozialwissenschaften studiert, kann immerhin umsonst bei ihren Eltern wohnen. Sie wunderte sich, dass von 170 KommilitonInnen in ihrer Vorlesung sonst niemand mitdemonstrierte, obwohl praktisch alle von den explodierenden Mieten betroffen sind. „Demonstrieren bringt nicht immer was“, sagte sie, „aber nicht demonstrieren bringt erst recht nichts.“

Die TeilnehmerInnenzahlen bei den Protesten bleiben weit unter den Erwartungen. Daran ist nicht nur der Novemberregen schuld. „Die meisten Betroffenen sind gerade bei einem WG-Casting und können nicht hier sein“, erklärte Max Manzey vom Bündnis „Studis gegen hohe Mieten“ während der Auftaktkundgebung. Zu einem Bewerbungstermin in einer WG kommen manchmal 50 Leute – einige bringen einen Kasten Bier oder andere Geschenke mit, um die MitbewohnerInnen zu bestechen.

Der BaFöG-Satz für Wohnraum liegt bei 224 Euro im Monat. Für diesen Preis findet man praktisch nichts mehr auf dem freien Markt, die Summe deckt bestenfalls die Kosten für einen Platz im Wohnheim. Das Problem ist, dass für 160.000 Studierende in der Hauptstadt nur 10.000 Wohnheimplätze zur Verfügung stehen. Auf der Warteliste stehen mehrere tausend Namen. Die hohen Mieten führen zu einer „sozialen Auslese“, so Philipp Barth vom AStA der Freien Universität Berlin, denn „nur Menschen mit reichen Eltern werden überhaupt noch studieren können.“

Damit verschiedene Gruppen von MieterInnen nicht gegeneinander ausgespielt werden, haben sich die StudentInnen Verbündete gesucht: Beim Protest dabei war zum Beispiel auch die Initiative „Kotti und Co“, die mit einer Hütte am Kottbusser Tor seit über einem Jahr gegen die Preisexplosion auf dem Immobilienmarkt protestiert. „Alles muss man selber machen“, berichtete Alexander Kalteborn von der Initiative aus seiner Erfahrung. Er hat in diesem Jahr gelernt, dass man von den PolitikerInnen keine Lösungen erwarten kann, wenn man nicht permanent Druck macht.

Noch diskutierten die Studenten ziemlich brav über die Ausgestaltung einer Mietpreisbremse oder über Vor- und Nachteile des Plattenbaus. Eine Podiumsdiskussion an der TU Berlin am Vorabend der Demonstration hatte Stadtentwicklungssenator Michael Müller abgesagt, trotzdem wurde ausgiebig über die rechtlichen Möglichkeiten für den Bau neuer Wohnheime diskutiert. Die Vertreterin des Bündnisses „Zwangsräumungen stoppen!“, gut eine Generation älter als die meisten Anwesenden im Raum, klang deutlich radikaler, als sie über Besetzungen und Sitzblockaden sprach.

Man vermisst das Pathos, das man sonst mit studentischen Protesten assoziiert. Bezahlbare Wohnungen und Wohnheime wurden zuletzt in den 70er und 90er Jahren gebaut. Voraussetzung dafür waren nicht nur Bund-Länder-Programme zur Finanzierung, sondern vor allem lange anhaltende Besetzungen von StudentInnen und anderen Betroffenen in den Jahren davor. „Heute müssen alle schnell studieren und nebenbei viel arbeiten“, berichtete Hannah Eberle vom Bündnis „Studis gegen hohe Mieten“ von den Schwierigkeiten der Mobilisierung. Die Studenten hätten den Anschluss an die aufkommende Bewegung gegen hohe Mieten erstmal „verpeilt“, aber „die Aktionswoche ist ein Auftakt für weitere Proteste.“

dieser Artikel auf Indymedia
dieser Artikel in der jungen Welt

Mehr zum Thema