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Studierende proben den Aufstand – Steht Frankreich vor einem neuen ’68?

2500 Studierende nahmen am Montag an einer Vollversammlung an der Universität von Nanterre teil. Nach lebhaften Diskussionen stimmte eine Mehrheit dafür, die Universitäten weiterhin zu blockieren und sich den landesweiten Mobilisierungen der „Gelben Westen“ anzuschließen.

Studierende proben den Aufstand – Steht Frankreich vor einem neuen '68?

Vor gut 50 Jahren floh der dama­lige Staat­spräsi­dent Charles de Gaulle nach Baden-Baden. Grund dafür waren riesige Proteste von Studieren­den und Arbeiter*innen, Bar­rikaden und ein wochen­langer Gen­er­al­streik. Mehrere Mil­lio­nen Beschäftigte beteiligten sich damals und bracht­en die Regierung beina­he zu Fall. Der Funke für die berühmten Auf­stände waren die Studieren­den der Uni­ver­sität Nan­terre. Die Beset­zung der Wohn­heime und die Demon­stra­tio­nen gegen Repres­sion und Viet­namkrieg führten damals zur Schließung der Uni­ver­sität durch die Behör­den. Die Proteste kon­nten sie dadurch jedoch nicht mehr stop­pen.

Über 50 Jahre später, am Mon­tag, ver­sam­melten sich erneut tausende Studierende an der Uni­ver­sität Nan­terre. Schon vorher block­ierten mehrere Dutzend Studierende die Uni­ver­sität. Ver­suche von Sicher­heits­fir­men, die Block­ade aufzulösen, scheit­erten, sodass sich immer mehr Men­schen der Block­ade anschlossen. Auch an der Uni­ver­sität von Cen­si­er fan­den zwei Vol­lver­samm­lun­gen von Studieren­den und Beschäftigten statt. Nach­dem sie let­zte Woche bere­its die Teil­nahme an den lan­desweit­en Mobil­isierun­gen der “Gel­ben West­en” beschlossen hat­ten, disku­tierten sie über die weit­eren Per­spek­tiv­en der Bewe­gun­gen.

Die Proteste der Studieren­den richt­en sich ein­er­seits gegen die Erhöhung der Stu­di­enge­bühren für aus­ländis­che Studierende und ander­er­seits die Pri­vatisierungs- und Spar­poli­tik an Uni­ver­sitäten. Neu war, dass sich erst­mals auch Beschäftigte in ein­er eige­nen Ver­samm­lung zusam­men­fan­den. Dort wider­set­zten sie sich den anti­demokratis­chen Maß­nah­men der Uni­ver­sität­sleitung sowie der Erhöhung der Stu­di­enge­bühren und erk­lärten aus­drück­lich ihre Sol­i­dar­ität mit den Kämpfen der Studieren­den. Auch wenn die Ver­samm­lun­gen getren­nt voneinan­der stat­tfan­den: Beschlossen wurde der gemein­same Kampf mit den “Gel­ben West­en” und den Schüler*innen in den näch­sten Wochen gegen die Regierung. Auch in anderen Teilen Frankre­ichs gab es seit let­zte Woche Vol­lver­samm­lun­gen und Block­aden von Studieren­den und Schüler*innen. Lan­desweit wur­den dutzende Unis und hun­derte Schulen block­iert und beset­zt.

Ablehnung der Repression

Gemein hat­ten alle Ver­samm­lun­gen die Ablehnung der Polizeige­walt der let­zten Wochen und Jahre gegen Studierende und Schüler*innen. Bere­its im let­zten Jahr wurde eine Beset­zung an der Uni­ver­sität Cen­si­er bru­tal durch die Polizei geräumt. Die jet­zi­gen Repres­sio­nen wur­den als „autoritäte Wende“ gebrand­markt. In einem ein­stim­mig angenomme­nen Antrag in Cen­si­er verurteil­ten die Beschäftigten und Studieren­den die Gewalt der Polizei aufs Schärf­ste. Beson­ders die schock­ieren­den Bilder der Fes­t­nahme von Schüler*innen am ver­gan­genen Don­ner­stag erin­nern fast schon an eine Mil­itärdik­tatur. Über 2000 Men­schen wur­den seit Beginn der Bewe­gung ins­ge­samt festgenom­men. Diese Angriffe zeigen aber auch, dass die Regierung Angst vor der Wirkung möglich­er Massen­mo­bil­isierun­gen von Studieren­den hat. Die bish­eri­gen Ver­suche von Macron, die Bewe­gung einzudäm­men, haben eher das Gegen­teil bewirkt.

Die Ver­samm­lun­gen von Studieren­den an ihren Uni­ver­sitäten sind dabei ein zen­traler Aus­gangspunkt für einen heißen Win­ter in Frankre­ich. Im Mai ’68 haben die Studieren­den bere­its bewiesen, welche Dynamik sie unter den Massen von Beschäftigten in Frankre­ich aus­lösen kön­nen. Beson­ders die prekäre Sit­u­a­tion der Jugend und der Arbeiter*innen ist die Grund­lage dafür, dass heute Hun­dert­tausende den gemein­samen Kampf gegen die Regierung und die sozialen Angriffe aufgenom­men haben.

Ob Macron das gle­iche Schick­sal wie de Gaulle 1968 dro­ht, hängt davon ab, ob die kämpferischsten Sek­toren der Studieren­den und der Arbeiter*innenklasse die Führung über die Bewe­gung der “Gel­ben West­en” erlan­gen kön­nen. Die Zugeständ­nisse von Macron haben bere­its gezeigt, was Massen­mo­bil­isierun­gen erre­ichen kön­nen, die sich nicht von bürokratis­chen Appa­rat­en oder reformistis­chen Parteien brem­sen lassen. Die Studieren­den­be­we­gung kann mit ihren eige­nen Forderun­gen die Massen­be­we­gung weit­er dynamisieren und ihre Meth­o­d­en von Ver­samm­lun­gen, Block­aden und Streiks auf die gesamte Bewe­gung über­tra­gen.

One thought on “Studierende proben den Aufstand – Steht Frankreich vor einem neuen ’68?

  1. Angela Lenz sagt:

    Ich hoffe, dass sich das Volk erhebt und dies nicht nur für Frankre­ich son­der in ganz Europa! Es muss sein, dir Zeit erfordertes!!!

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