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Streiks, die den Streikenden gehören: Vom Erwachen der Basis in Frankreich

Auf Einladung der Revolutionären Internationalistischen Organisation (RIO) hielt Tristan, streikender Lehrer aus Frankreich, einen Vortrag in München. Wir dokumentieren seine Berichte über die Aktionsstrategien der größten Streiks in Frankreich seit zehn Jahren und die Bedeutung von Koordinierungskomitees der Basis.

Streiks, die den Streikenden gehören: Vom Erwachen der Basis in Frankreich

Die Streik­be­we­gung vom Win­ter 2019/2020 – die von der Renten­re­form aus­gelöst wurde und an der sich der Paris­er Nahverkehr, die Eisen­bahn und der Bil­dungssek­tor beteiligten – ist die größte, die Frankre­ich in den let­zten zehn Jahren erlebt hat. Sie find­et statt nach der Gelb­west­en­be­we­gung. Für uns geht es in dieser Bewe­gung um das Erwachen der Basis und den Kampf um die Hege­monie der Arbeiter*innenklasse. Diese The­men möchte ich im Fol­gen­den ver­tiefen, mit Beispie­len aus den Streiks und eini­gen Videos aus Frankre­ich.

Frankre­ich geht der Wel­truf voraus, dass seine Arbeiter*innen viel streiken. Aber was wir im Dezem­ber 2019 und im Jan­u­ar 2020 erlebt haben, hat wenig zu tun mit dem, was in den let­zten 20 Jahren in Frankre­ich geschehen ist. Die jet­zige Bewe­gung brachte Streik­sek­toren in einen lang anhal­tenden Streik. Viele naive Betra­ch­tun­gen gehen davon aus, die Führung der Gew­erkschaften hätte für diesen lan­gan­hal­tenden Charak­ter des Streiks die Ver­ant­wor­tung. Doch in Wirk­lichkeit haben Vol­lver­samm­lun­gen und eine Aktion­sstrate­gie die Arbeiter*innen bis zu 60 Tage im Streik gehal­ten, obwohl es von den Gew­erkschaften kein Streikgeld gab.

Die RATP-SNCF-Koordinierung als Motor des langanhaltenden Streiks

Für die Analyse ist es wichtig, das Erwachen der Basis zu ver­ste­hen. In vie­len Sek­toren gehörte der Streik tat­säch­lich den Streik­enden. Das beste Beispiel dafür ist die Koor­dinierung der Arbeiter*innen bei RATP (Paris­er öffentlich­er Per­so­nen­nahverkehr) und SNCF (Eisen­bahn). Diese Koor­dinierung der Streik­enden hat von Anfang an das Tem­po der Mobil­isierung vorgegeben. Die Koor­dinierungsstruk­tur war nicht von den Gew­erkschafts­führun­gen geleit­et, son­dern von Vertreter*innen lokaler Vol­lver­samm­lun­gen.

Es war möglich, für diese Koor­dinierung schon vor dem Streik viele Beschäftigte bei­der Fir­men von der Strate­gie des lan­gan­hal­tenden Streiks zu überzeu­gen. Während des Streiks kon­nte die Koor­dinierung das Fortbeste­hen des Streiks sich­ern: Als reformistis­che Gew­erkschafts­führun­gen Ende Dezem­ber zum Streik­ende aufriefen, ging der Streik weit­er. Let­ztlich hat­ten die Führun­gen weniger repräsen­ta­tiv­en Ein­fluss als die RATP-SNCF-Koor­dinierung.

Es ist auch richtig, vom Erwachen der Basis zu sprechen, wenn man sich ansieht, wie in Paris die „Intersyndical“-Gewerkschaftsblöcke während der Demo nur aus Bürokrat*innen bestanden – während die große Mehrheit der Blöcke vor den Demo-Ordner*innen der Gew­erkschaften demon­stri­erte. Dieser Kopf der Streikdemon­stra­tio­nen, der aus der Basis bestand und nicht aus der Bürokratie, umfasste bis zu zwei Drit­tel der Demos. Hier im Video ist dieser Kopf der Demo zu sehen:

Das Erwachen der Basis und die Hege­monie der Arbeiter*innen bee­in­flussten den All­t­ag des Streiks enorm. Viele Aktion­sstrate­gien wur­den auf lokaler und auf nationaler Ebene von selb­stor­gan­isierten Streik­enden entwick­elt und ver­bre­it­et. Zum Beispiel waren Bus­de­pots strate­gis­che Orte. Es war von Anfang an für die Erfül­lung der Streik­strate­gie wichtig, dass die Busse in Paris und in den Vororten nicht fahren, weil sie die U- und S‑Bahn-Streiks gebrochen hät­ten. Auch wur­den hier die meis­ten Praktikant*innen als Streikbrecher*innen einge­set­zt. Es war also wichtig, dass Streik­ende ander­er Sek­toren mor­gens an den Bus­de­pots standen und den Streik der Busfahrer*innen unter­stützten. Sehr wichtig war bei dieser Unter­stützung von außen die Meth­ode der Bus­de­pots-Block­ade. Dieses Video doku­men­tiert eine der ersten Block­aden:

Sehr schnell bre­it­eten sich diese Meth­o­d­en auf andere Bus­de­pots aus, luden Streik­ende ander­er Sek­toren zu Block­aden ein. Später während der Mobil­isierun­gen wur­den auch an Depots ganz ander­er Orte in Frankre­ich Block­aden organ­isiert. Das kam unter anderem durch die Ver­bre­itung der Streik­strate­gien mit sozialen Medi­en und der Web­site Révo­lu­tion Per­ma­nente. Möglich wurde die aktive Sol­i­dar­ität durch Selb­stor­gan­isierung – es ste­ht nicht im Pro­gramm der franzö­sis­chen Gew­erkschaften, dass Streik­ende ander­er Sek­toren aktiv an Streik­posten beteiligt wer­den. Außer­dem wur­den in Sol­i­dar­ität Streikkassen organ­isiert, für die in Aktio­nen wie dieser in der U‑Bahn gewor­ben wurde:

Einfluss der Gelbwesten auf die Streiks und sektorale Ausweitung

Inter­es­sant an der Streik­be­we­gung dieses Win­ters ist, dass diese Bewe­gung die Kom­bi­na­tion von Mobil­isierun­gen aus dem Jahr 2019 ist. Die führen­den Sek­toren des jet­zi­gen Streiks, die RATP, die SNCF und der Bil­dungssek­tor, hat­ten schon zuvor im Jahr 2019 kleinere, aber radikale Streiks organ­isiert: Bei den Gymnasiallehrer*innen gab es einen Abi-Streik, sie gaben aus Protest gegen die Abitur­reform ihre Noten nicht ab. Bei der RATP gab es einen Streik­tag mit sehr hoher Beteili­gung im Sep­tem­ber. Und im Okto­ber sowie Novem­ber legten Arbeiter*innen im TGV-Schnel­lzug-Wartungs­di­enst Teile des Net­zw­erks lahm. Diese Art der selb­stor­gan­isierten Radikalität ist direkt bee­in­flusst von der Gelb­west­en­be­we­gung, in der einige der Beschäftigten aktiv waren und deren Radikalität sie in ihre Betriebe tru­gen.

Selb­st wenn der Streik bei SNCF und RATP jet­zt zu Ende ist, so ist es immer möglich, die aktive Sol­i­dar­ität am Leben zu hal­ten. In den let­zten Wochen wur­den viele Gym­nasien wegen der Abitur­reform von den Schüler*innen block­iert. Schul­block­aden gibt es in Frankre­ich schon seit langem. Neu ist aber, dass sie nun von den Schüler*innen und Lehrer*innen gle­ichzeit­ig organ­isiert wer­den und daran auch Arbeiter*innen der RATP und SNCF teil­nehmen. Sie sich­ern die Block­ade, sodass die Polizei nicht durch­bricht. Auch hier sieht man klar, wie die Streik­strate­gie von Selb­stor­gan­isierung diese Mobil­isierung prägt. Dabei hil­ft es sehr, von prak­tis­chen Sit­u­a­tio­nen bericht­en zu kön­nen, sodass die Meth­o­d­en der Streik­sol­i­dar­ität zur Norm wer­den. In der Organ­i­sa­tion bei den Streiks der RATP wurde auch beson­ders die Stel­lung der Arbei­t­erin­nen und der Frauen betont, wie in diesem Video von „Du Pain et des Ros­es“ (Brot und Rosen Frankre­ich):

Auch im Energie-Sek­tor gibt es radikale Gewerkschafter*innen, die von der RATP-SNCF-Koor­dinierung begeis­tert waren. Die Streiks waren auch eine Art „Real­i­ty Check“ für Lehrer*innen: Sie hat uns klar gemacht, dass im Bil­dungssek­tor viel mehr Poli­tik zu machen ist, dass dieser Sek­tor mehr als zuvor zu radikalen und lan­gan­hal­tenden Auseinan­der­set­zun­gen bere­it ist. Die Verbindung mehrerer Sek­toren ist sehr wichtig, damit die Avant­gardes bei den näch­sten Auseinan­der­set­zun­gen nicht allein ste­hen, son­dern gemein­sam mit starken Ver­bün­de­ten.

Schließlich möchte ich noch etwas über die Repres­sion gegen die Streik­mo­bil­isierung sagen. Wir haben mehr und mehr mit der Polizei zu tun, die in der let­zten Zeit sehr gewalt­tätig gewor­den ist. Zum Beispiel wur­den Motor­rad-Ein­heit­en gegen Streikdemon­stra­tio­nen einge­set­zt. Nach ein­er Woche Block­ade der Bus­de­pots in Paris wur­den jeden Tag zehn bis 50 Polizist*innen gegen den Streik­posten einge­set­zt, um die Block­ade zu brechen, oft nach­dem die Tore schon einige Stun­den block­iert waren. Manch­mal kam es während der Polizeire­pres­sion dazu, dass Busfahrer*innen – die nicht Teil des Streiks waren! – sich wegen der Polizeige­walt weigerten, ihre Busse zu fahren. Außer­dem gin­gen über die sozialen Medi­en und Révo­lu­tion Per­ma­nente die Bilder der Repres­sion durch das ganze Land. Als Aktivist*innen festgenom­men wur­den, gab es Sol­i­dar­ität und Demos vor den Polizei­quartieren, die Freilas­sung wurde dort und in den sozialen Medi­en gefordert. Solche Meth­o­d­en macht­en es möglich, dass nun in ganz Frankre­ich über die Polizeige­walt disku­tiert wird.

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