Frauen und LGBTI*

Strategien für die Befreiung der Frauen und LGBTI*

#internationalistcamp: Auf der Revolutionären Internationalistischen Sommerakademie, die vom 13.-18. Juli in Barcelona stattfand, war der zweite Tag vollständig den Frauen und LGBTI* gewidmet. Frauen, Männer und Menschen anderer Geschlechter diskutierten auf mehreren Workshops und einer Abschlussveranstaltung über aktuelle Theorien und Fragen der feministischen Bewegung.

Strategien für die Befreiung der Frauen und LGBTI*

„Wir wollen einen lebendi­gen Marx­is­mus, der sich – ohne seine Prinzip­i­en aufzugeben –, mit den aktuellen The­o­rien und Prob­le­men der Aus­ge­beuteten und Unter­drück­ten auseinan­der­set­zt“, sagte eine Frau auf dem Abschlussplenum des zweit­en Tages der Som­mer­akademie. Seit 10 Uhr mor­gens hat­ten Aktivist*innen aus Frankre­ich, Deutsch­land, dem Spanis­chen Staat und anderen Län­dern über drän­gende Fra­gen der fem­i­nis­tis­chen und LGBTI*-Bewegungen disku­tiert.

Es gab Work­shops über die Queer-The­o­rie und über das Ver­hält­nis der LGBTI*-Bewegung zur marx­is­tis­chen Linken durch die Geschichte. Außer­dem ging es die Frage der Pros­ti­tu­tion, den Inter­na­tion­al­is­mus der Rev­o­lu­tionärin­nen Rosa Lux­em­burg und Clara Zetkin und den Ursprung patri­ar­chaler Gewalt. Abends wurde alles zusam­menge­tra­gen: Frauen debat­tierten über die ver­schiede­nen Strate­gien der Emanzi­pa­tion, die die fem­i­nis­tis­che Bewe­gung heute anbi­etet. Das Ziel davon war eine rev­o­lu­tionäre Strate­gie, die die Gesamtheit der Lebensver­hält­nisse und Prob­leme der Frauen und LGBTI* in den Blick nimmt.

Kein Vertrauen in den Staat

In vie­len Diskus­sio­nen spielte die Frage eine Rolle, was Frauen und LGBTI* vom Staat zu erwarten haben. Kön­nen wir zum Beispiel mit Geset­zen gegen patri­ar­chale Gewalt kämpfen? Diese Vorstel­lung existiert oft unter Fem­i­nistin­nen, vor allem solchen, die sich in die Insti­tu­tio­nen des Staates haben inte­gri­eren lassen. Dadurch zeigen sie ein zu begren­ztes Ver­ständ­nis davon, was patri­ar­chale Gewalt über­haupt ist. Denn wie Veróni­ca Lan­da von der Gruppe Clase con­tra Clase und der Frauenor­gan­i­sa­tion Pan y Rosas im Spanis­chen Staat erk­lärte:

„Für uns existiert eine Kette der Gewalt, die von sex­is­tis­chen Anmachen auf der Straße über die Lohndiskri­m­inierung am Arbeit­splatz hin zu Frauen­mor­den und Verge­wal­ti­gun­gen reicht.“

Nicht alle For­men dieser Gewalt sind gle­ich, aber alle hän­gen miteinan­der zusam­men, begün­sti­gen sich gegen­seit­ig und durchziehen so das Leben der Frauen. Der Staat als der­jenige, der zum Beispiel eine Abhängigkeit viel­er Frauen in der Fam­i­lie mit organ­isiert, ist nicht neu­tral. Er ist vielmehr Garant der Weit­erex­is­tenz der Gewalt – auch wenn er einige ihrer For­men zu bestrafen vorgibt.

So kön­nen stren­gere Geset­ze nicht ver­hin­dern, dass im Spanis­chen Staat in diesem Jahr schon 59 Frauen getötet wur­den. Denn die Geset­ze greifen die Grund­lage der patri­ar­chalen Gewalt – das Patri­ar­chat sel­ber und den Kap­i­tal­is­mus – nicht an. Um wirk­lich die Gewalt zu stop­pen, braucht es eine vom Staat unab­hängige Frauen­be­we­gung, die gemein­sam mit der Arbeiter*innenklasse gegen Patri­ar­chat und Kap­i­tal­is­mus kämpft

Auch in der Debat­te zur Pros­ti­tu­tion spielte diese Frage eine Rolle. Die fem­i­nis­tis­che Bewe­gung spal­tet sich heute in zwei Lager: Abolitionist*innen, die für das Ende der Pros­ti­tu­tion durch die Bestra­fung der Freier kämpfen, und Regulationist*innen, die für die Legal­isierung und die Reg­ulierung durch den Staat ein­treten. „Bei­den gemein ist, dass sie Ver­trauen in den bürg­er­lichen Staat set­zen“ analysierte Mar­ta Clar (eben­falls Clase con­tra Clase und Pan y Rosas).

Aus dem Blick ger­at­en dabei die kap­i­tal­is­tis­chen und patri­ar­chalen Ver­hält­nisse, die der Pros­ti­tu­tion ihre heutige Form geben. Eben­so wird so unter den Tisch gekehrt, wie oft der Staat den Frauen mit Polizeire­pres­sion, impe­ri­al­is­tis­ch­er Poli­tik und ras­sis­tis­chen Aufen­thalts­ge­set­zen das Leben schw­er macht – viele der Frauen in Pros­ti­tu­tion kom­men aus (halb-)kolonialen Län­dern. Statt Ver­trauen in den Staat brauchen wir eine anti­im­pe­ri­al­is­tis­che Posi­tion und eine Bewe­gung, die bessere Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen für alle Frauen erkämpft.

Revolutionärer Marxismus als Waffen in den Händen der Frauen und LGBTI*

Die Abend­de­bat­te war den ver­schiede­nen Strate­gien der Emanzi­pa­tion gewid­met. Auf dem Podi­um gren­zte Cyn­thia Lub von Clase con­tra Clase und Pan y Rosas unsere marx­is­tis­che Strate­gie von der des post­mod­er­nen und des insti­tu­tion­al­isierten Fem­i­nis­mus ab. Diese Strö­mungen haben die Kri­tik der kap­i­tal­is­tis­chen Ver­hält­nisse vol­lkom­men aufgegeben. Eben­so gren­zte sich Lub vom Stal­in­is­mus ab, der die Frauen­be­we­gung immer nur als Spal­tung der Klasse abgelehnt hat, und damit das Patri­ar­chat weit­er stützte. Mit diesem Ver­rat hat der Stal­in­is­mus die tragis­che Tren­nung der Arbeiter*innenbewegung von der Frauen­be­we­gung errichtet.

Unsere Auf­gabe ist es, diese Tren­nung zu über­winden. Denn nur gemein­sam mit der Arbeiter*innenklasse kann die Frauen­be­we­gung siegen. Aber während die Arbeiter*innenbewegung sich kaum um die Emanzi­pa­tion der Frauen inter­essiert, gren­zt sich der Fem­i­nis­mus von den Arbeiter*innen und ihren Prob­le­men ab – auch denen der Arbei­t­erin­nen. Der bürg­er­liche Fem­i­nis­mus spricht kaum von Prekarisierung und Arbeit­slosigkeit, kaum vom Abbau der Sozial­sys­teme und der Last der Hausar­beit. Ger­ade davon müssen wir aber sprechen. Und es gibt Beispiele, auf die wir uns beziehen kön­nen. Wie Cyn­thia Lub auf dem Podi­um sagte:

Wir sind stolz darauf, hier auch die Frauen von Pan­ri­co und Tele­fóni­ca zu haben; stolz darauf, Teil dieser neuen Gen­er­a­tion von Frauen zu sein, die gegen dieses kap­i­tal­is­tis­chen und patri­ar­chale Sys­tem kämpft. Sie haben, als sie gegen Prekarisierung und Ent­las­sun­gen kämpften, für die Rechte von allen Frauen gekämpft. Die Frauen von Pan­ri­co waren bei den Demon­stra­tio­nen für das Recht auf Abtrei­bung, gegen Homo­pho­bie, gegen Gewalt. Sie haben ange­fan­gen, expliz­it oder nicht, die Verbindun­gen zwis­chen fem­i­nis­tis­ch­er Bewe­gung und Arbeiter*innenklasse wieder aufzubauen.

In der Abend­de­bat­te wurde von einer*m Teilnehmer*in aufge­wor­fen, dass es auch die Auf­gabe des rev­o­lu­tionären Marx­is­mus sein müsse, für diejeni­gen zu kämpfen, die sich außer­halb des binären Geschlechter­sys­tems befind­en. Dies wurde von allen im Saal enthu­si­astisch aufgenom­men. Auch in den fol­gen­den Tagen zeigten sich die Aktivist*innen noch beein­druckt von den Diskus­sio­nen des Tages. Denn er zeigte den Willen auf, rev­o­lu­tionäre Organ­i­sa­tio­nen aufzubauen, die sich mit der Gesamtheit der Fra­gen, die die Unter­drück­ten und Aus­ge­beuteten bewe­gen, beschäfti­gen. Er zeigte, dass der rev­o­lu­tionäre Marx­is­mus eine starke Waffe ist, wenn er mit offe­nen Augen die Welt betra­chtet. Die Kraft eines Marx­is­mus, der sich voller Inbrun­st den Fra­gen der Frauen und LGBTI* annimmt, wurde an diesem Tag deut­lich.

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