Jugend

“Sie versuchen Zionismus und Judentum gleichzusetzen” – Im Gespräch mit Eleonora Roldán Mendívil

In diesem Semester findet an der Freien Universität Berlin ein Seminar mit dem Titel „Rassismus im Kapitalismus“ statt, geleitet von Eleonora Roldán Mendívil. Auch im kommenden Semester sollte sie unterrichten, doch nachdem Medien berichteten, sie sei Antisemitin, weil sie Israel als kolonialistisch bezeichnet, scheint dies nun vor dem Aus zu stehen. Wir spiegeln ein Interview mit ihr von der Seite Die Freiheitsliebe über die Vorwürfe, den Unterschied von Zionismus und Antisemitismus sowie ihre Sicht auf den Nahostkonflikt.

Vor weni­gen Tagen wurde bekan­nt, dass die Freie Uni­ver­sität Berlin deinen Ver­trag nicht ver­längern wird, wie kam es dazu?

Eleono­ra Roldán Mendívil: Ich habe nur einen Ver­trag für die Leitung eines Sem­i­nars im Bach­e­lor-Stu­di­en­gang Poli­tik­wis­senschaften mit dem Titel „Ras­sis­mus im Kap­i­tal­is­mus“ für das Win­terse­mes­ter 2016/ 2017. Dieses geht bis Mitte Feb­ru­ar, d.h. es ste­hen noch fünf Sitzun­gen aus. Die Leitung des Sem­i­nars wurde mir nicht ent­zo­gen. Jedoch habe ich auch zwei Sem­i­nare für das Som­merse­mes­ter 2017 ein­gere­icht. Per E‑Mail wurde mir bere­its vor Wochen bestätigt, dass das OSI eines der bei­den, ein Sem­i­nar zur kri­tis­chen Ein­führung in die Inter­sek­tion­al­ität­s­the­o­rie, in die Lehrpla­nung für das Som­merse­mes­ter 2017 aufgenom­men hat. Ich habe dafür jedoch noch keinen Ver­trag unter­schrieben, da dies meist erst kurz vor Beginn der Lehrver­anstal­tung geschieht. Die Lehraufträge stellen all­ge­mein eine sehr prekäre Beschäf­ti­gung dar, obwohl sie in vie­len Insti­tuten den Großteil der Lehre aus­machen.

Die OSI Geschäfts­führung hat am Dien­stag, basierend auf einem Artikel eines Blogs mit offen rechtem Inhalt, welch­er in der ‚Jüdis­chen Rund­schau‘ ohne Verän­derun­gen gespiegelt wurde und dessen Unter­stel­lun­gen von der „Gruppe gegen jeden Anti­semitismus FU Berlin“, eine stu­den­tis­che Vere­ini­gung aus ver­schiede­nen Per­so­n­en, die mein­er Mei­n­ung nach nichts anderes als eine unkri­tis­che pro-israelis­che Posi­tion vertreten, über­nom­men wurde, entsch­ieden, mir bis auf weit­eres keine neuen Lehrver­anstal­tun­gen zu geben. Damit wurde mein Sem­i­nar­vorschlag für das Som­merse­mes­ter 2017 zurück­ge­zo­gen.

Dir wird aus recht­en Kreisen Anti­semitismus vorge­wor­fen. Was ist an der Aus­sage dran?

Sie zeigt den erneuten Ver­such, Zion­is­mus mit Juden­tum gle­ichzuset­zen. Das ist natür­lich totaler Quatsch. Nicht alle jüdis­chen Men­schen sind Zion­is­ten. Der Poli­tis­che Zion­is­mus in seinen ver­schiede­nen Aus­for­mungen ist unter anderem als Antwort auf den europäis­chen anti-jüdis­chen Ras­sis­mus ent­standen. Es sollte ein Staat, eine Nation geschaf­fen wer­den, in dem Juden und Jüdin­nen die Mehrheit bilde­ten und somit der Ver­fol­gung als Juden und Jüdin­nen ein Ende set­zen kon­nten. Viele jüdis­che Men­schen haben hier eine Möglichkeit der Emanzi­pa­tion als Juden und Jüdin­nen gese­hen. Viele aber auch nicht. Vehe­mente Kri­tiken kamen von vie­len jüdis­chen Kom­mu­nis­ten und Anar­chis­ten. Emma Gold­man, rus­sis­che Anar­chistin und Arbeit­er­führerin in den USA, war z.B. eine entsch­iedene Geg­ner­in. Und auch heute gibt es von ver­schiede­nen jüdis­chen Intellek­tuellen entsch­ieden Wider­stand gegen diese Gle­ich­set­zung. Bekan­nte Namen sind da Judith But­ler, Noam Chom­sky, Moshe Zuck­er­mann, Nor­man Finkel­stein sowie Ella Shohat. Außer­dem engagieren sich viele zivile Ini­tia­tiv­en von jüdis­chen Men­schen sowie Israelis gegen die mas­siv­en Men­schen­rechtsver­let­zun­gen und die Besatzung. Hierunter zählen z.B. ‚Jew­ish Voice for Peace‘, ‚Boy­cott from With­in‘ oder auch die ‚Jüdis­che Stimme für gerecht­en Frieden in Nahost‘. Es ist Teil des zion­is­tis­chen Geschichtsmythos, dass der Zion­is­mus und nun der Staat Israel mit dem Juden­tum gle­ichzuset­zen sei. Dieses Argu­ment wird immer wieder von recht­en Kreisen, in die sich lei­der auch einige ver­wirrte sub­jek­tive ‚Linke‘ ein­rei­hen, bedi­ent, um Kri­tik am Staat Israel mund­tot zu machen. Es ist also nichts dran an dieser Aus­sage, da ich, wie viele andere kri­tis­che Wis­senschaftler und Wis­senschaft­lerin­nen, lediglich Posi­tio­nen vertrete, die sich aus ein­er dif­feren­zierten und kri­tis­chen Geschicht­s­analyse ergeben. In diesem Sinne spricht ras­sis­mu­s­an­a­lytisch Vieles dafür, Israel als eine Kolo­nial­macht und völk­er­rechtlich als einen Apartheid-Staat einzuord­nen. Mit Ver­leum­dung hat das nichts zu tun, son­dern ist eine poli­tis­che und juris­tis­che Bew­er­tung der Fak­ten vor Ort.

Die Hochschul­gruppe „Gegen jeden Anti­semitismus“ schreibt über dich, „Sie ver­harm­lost mit diesen Ver­gle­ichen und Beze­ich­nun­gen nicht nur die his­torischen Ver­brechen des Kolo­nial­is­mus und der Apartheid und stellt den israelis­chen demokratis­chen Rechtsstaat mit Unrecht­sreg­i­men auf eine Stufe.“ – Wie ent­geg­nest du auf solche Aus­sagen?

Nach mein­er Lehrver­anstal­tung am let­zten Mittwoch habe ich mit eini­gen Studieren­den dieser Ini­tia­tive sowie Studieren­den aus meinem Sem­i­nar hierzu disku­tiert. Die Ver­wen­dung ana­lytis­ch­er Konzepte wie Kolo­nial­is­mus und Apartheid stellen keine Ver­harm­lo­sung des his­torischen Kolo­nial­is­mus und der südafrikanis­chen Apartheid dar. Israel hat his­torische Ver­brechen an der palästi­nen­sis­chen Bevölkerung began­gen. Es gab nach dem His­torik­er Ilan Pap­pé, sys­tem­a­tis­che eth­nis­che Säu­berun­gen sowie neben aufgekauftem Land auch Lan­draub und sys­tem­a­tis­che Vertrei­bung. Kolo­nial­is­mus, Besatzung und/oder Apartheid sind keine Beschöni­gung son­dern ana­lytis­che Kat­e­gorien, um reale Ver­hält­nisse poli­tik­wis­senschaftlich greif­bar zu machen. Und bei Israel kann spez­i­fisch von Siedlerkolo­nial­is­mus gesprochen wer­den, dessen Ziel es ist, die indi­gene Bevölkerung der Einge­wan­derten unterzuord­nen oder gar kom­plett zu erset­zen. Warum soll­ten wir andere Stan­dards an Israel set­zen als bei son­sti­gen poli­tis­chen Analy­sen? Diskri­m­inierende Geset­ze, die zwis­chen jüdis­chen und nicht-jüdis­chen Men­schen in Israel/Palästina unter­schei­den, sind das offen­sichtlich­ste Beispiel ein­er materiellen Apartheid, die sich selb­stver­ständlich von der südafrikanis­chen Apartheid in bes­timmten Details unter­schei­det, ihr aber in vie­len Belan­gen in nichts nach­ste­ht.

Die Ursache des Kon­flik­ts scheint es zu sein, dass du die Behand­lung der Palästi­nenser als ras­sis­tisch und ihre Unter­drück­ung als kolo­nial­is­tisch beze­ichnest, wie kommst du zu diesen Urteil?

Indem ich ras­sis­mus- und kolo­nial­an­a­lytis­che Ansätze anwende, so wie ich es auch in der Analyse der deutschen Gesellschaft für notwendig erachte. Das Prob­lem der über­großen Mehrheit der Deutschen, und dies kann auch für andere Kon­texte mehr oder weniger über­tra­gen wer­den, ist dass sie Israel/Palästina nur aus dem deutschen Kon­text her­aus betra­cht­en wollen. Ich fange aber vor Ort in Palästi­na an und stelle fest, hier ist einiges Falsch gelaufen.

Ist Israel damit in deinen Augen mit dem südafrikanis­chen Regime ver­gle­ich­bar?

Der Maßstab ist hier nicht Südafri­ka, son­dern die Anti-Aparthei­d­kon­ven­tion von 1973, die eine sehr aus­führliche Def­i­n­i­tion von Apartheid enthält. Sobald die völk­er­rechtlichen Tatbe­standsmerk­male der Apartheid vor­liegen, ist die Rede von Apartheid. Eine ganze Rei­he von unter­schiedlichen Lebens­be­din­gun­gen existieren für Palästi­nenserin­nen und Palästi­nenser, je nach­dem ob sie inner­halb der offiziellen Staats­gren­zen Israels, oder in Gaza, im beset­zten Ost-Jerusalem oder in den ver­schiede­nen Besatzungszo­nen im West­jor­dan­land leben, je nach Pass und Nation­al­ität, aber grund­sät­zlich ihnen zu Las­ten. Es beste­ht eine sys­tem­a­tis­che Ungle­ich­be­hand­lung nach ‚jüdisch‘ und ’nicht-jüdisch‘ in fast allen Lebens­bere­ichen – in Bil­dung, Recht, Arbeits­markt, Arbeits­be­din­gun­gen, öffentlich­er Infra­struk­tur, Zugang zu natür­lichen Ressourcen, Bewe­gungs­frei­heit und medi­zinis­ch­er Ver­sorgung. So kommt der UN-Auss­chuss in seinem Län­der­bericht zu Israel 2012 zu dem Ergeb­nis, dass diese Prax­en zumin­d­est de fac­to eine Seg­re­ga­tion darstellen und damit gegen Art. 3 der Anti­ras­sis­muskon­ven­tion ver­stoßen. Und wir soll­ten nicht vergessen: viele südafrikanis­che Anti-Apartheid Aktivis­ten und Aktivistin­nen unter­stützen damals wie heute den palästi­nen­sis­chen Kampf gegen Unter­drück­ung und für einen gerecht­en Frieden – ger­ade wegen der vie­len Par­al­le­len.

Diese Aus­sagen sind eine harte Kri­tik an Israel aber wieso wer­den sie als anti­semi­tisch beze­ich­net? Wie definierst du Anti­semitismus?

Ich beschäftige mich wis­senschaftlich primär mit Marx­is­tis­ch­er The­o­rie, sowie mit anti­ras­sis­tis­chen und antipa­tri­ar­chalen The­o­rien und Kämpfen. Für mich endet meine wis­senschaftliche Auseinan­der­set­zung aber nicht mit dem Lesen und Schreiben. Als Intellek­tuelle haben wir einen gesellschaftlichen Auf­trag. Also geht es auch darum, uns prak­tisch für die Sachen einzuset­zen, mit denen wir uns wis­senschaftlich beschäftigt haben, die uns wiederum die Ver­ant­wor­tung und Gewis­sheit geben auch poli­tis­che Posi­tio­nen beziehen zu kön­nen. Ich bin nur ein­er unter vie­len Men­schen, die sich in den ver­gan­genen Jahren aus ein­er kri­tisch-sol­i­darischen Per­spek­tive mit der Unter­drück­ung von Kur­den und Kur­dinnen und Palästi­nenser und Palästi­nenserin­nen auseinan­derge­set­zt haben, nicht weil daneben keine weit­ere For­men von kolo­nialer Unter­drück­ung in der Welt existieren, son­dern da dies The­men sind, die in vie­len migrantis­chen Grup­pen in Deutsch­land von per­ma­nen­ter Rel­e­vanz sind. Die Kri­tiken, die ich auf dem alten Blog von mir geäußert habe, sind nicht beson­ders hart. Sie basieren auf objek­tiv­en geschichtlichen Analy­sen. Zu Unrecht zu schweigen, darf ger­ade mit unser­er geschichtlichen Erfahrung keine Option sein. Diese nun als ‚anti­semi­tisch‘ zu beze­ich­nen, ist eine bekan­nte poli­tis­che Strate­gie, die Moshe Zuck­er­mann in seinem Buch „Anti­semit!“ als oft getätigtes Herrschaftsin­stru­ment ent­larvt. Es geht um die tak­tis­che Nutzung des Anti­semitismus-Vor­wurfs, um ein bes­timmtes zion­is­tis­ches Nar­ra­tiv festzuschreiben. Die Basis dieses Nar­ra­tivs ist eine Anti­semitismus-Def­i­n­i­tion, die eine Rei­he von Kri­tiken an Israel als Staat verun­möglichen. Dem set­ze ich eine mate­ri­al­is­tisch-dialek­tis­che Def­i­n­i­tion gegenüber: Ich ver­ste­he Anti­semitismus als den Über­be­griff von his­torisch und geografisch spez­i­fis­chen For­men von Ras­si­fizierung und Ander­s­be­hand­lung von Men­schen auf­grund ihrer Zuschrei­bung zu einem ange­blich homo­ge­nen Juden­tum – sei diese Ander­s­be­hand­lung pos­i­tiv oder neg­a­tiv. Mit dieser Meth­ode soll es also um die Anwen­dung ana­lytis­ch­er Kat­e­gorien gehen, die es uns ermöglichen, anti­jüdis­chen Ras­sis­mus in seinen konkreten gesellschaftlichen Ver­hält­nis­sen zu erfassen, um ihn zu ver­ste­hen, zu bekämpfen und zu über­winden.

Abschließend glaub­st du, dass es in Deutsch­land schwierig ist, mit israelkri­tis­chen Posi­tio­nen im öffentlichen Raum zu beste­hen?

Eleono­ra Roldán Mendívil: Ich denke, dass die reak­tionäre Het­ze, die mich als Wis­senschaft­lerin in den ver­gan­genen Tagen getrof­fen hat, und die affir­ma­tive und unkri­tis­che Bestä­ti­gung dieser Kam­pagne durch das Otto-Suhr-Insti­tut, genau das zu Genüge beweist. Die grundge­set­zlich gewährleis­tete Wis­senschafts­frei­heit wird hier­mit in Frage gestellt. Ich hätte mir einen kon­struk­tiv­en Umgang des Otto-Suhr-Insti­tuts hier­mit gewün­scht. Ich hoffe aber, dass dieser Angriff eine ern­sthafte Diskus­sion über poli­tis­che Zen­sur kri­tis­ch­er Analy­sen und Posi­tio­nen, sowie über den Recht­sruck der Gesellschaft und der Akademie aus­löst. Die von Studieren­den aus meinem aktuellen Sem­i­nar „Ras­sis­mus im Kap­i­tal­is­mus“ organ­isierte Peti­tion und die unzäh­li­gen sol­i­darischen Emails und Offe­nen Briefe aus der ganzen Welt, die ich in den let­zten Tagen emp­fan­gen habe, zeigen mir, dass ich in diesem Angriff nicht alleine ste­he. Im Gegen­teil, die Vertei­di­gung kri­tis­ch­er Wis­senschaft und Lehre und die entsch­iedene Kri­tik jeglich­er Ungerechtigkeit bleiben wichtige Bestandteile eines kri­tis­chen Bewusst­seins.

Danke dir für das Gespräch.

Dieses Inter­view erschien zuerst bei Die Frei­heit­sliebe.

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