Geschichte und Kultur

Schüler von '68: Vietnam und West-Berlin (Eve of Destruction)

Vor 50 Jahren, am 18. Februar 1968, demonstrierten über Zehntausend Menschen in Westberlin gegen den Krieg in Vietnam. Trotz der Hetze der Springer-Presse und der Drohungen des Berliner Senats nahm die Außerparlamentarische Opposition an Fahrt auf. Der Berliner Aktivist Michael Prütz, damals 14, war auf dieser Demonstration dabei und fasste damals den Entschluss, sich politisch zu organisieren. In dieser zweiwöchentlichen Kolumne schreibt er seine Erinnerungen aus 1968 auf.

Schüler von '68: Vietnam und West-Berlin (Eve of Destruction)

Anfang 1968 wurden Anzug und Kostüm der außerparlamentarischen Opposition durch Lederjacke und Jeans abgelöst. Das „Du“ war zur Selbstverständlichkeit geworden. Auch bei mir war die Abnabelung von meiner Mutter in vollem Gange: Anstatt mit kurzen Hosen war auch ich inzwischen in Jeans unterwegs. Auf den Schulhöfen und in den Universitäten wurde heiß diskutiert – Thema der Stunde war Vietnam, wo die Amerikaner*innen mit Napalm und Entlaubungsmittel versuchten, der nationalen Befreiungsfront (FNL) Herr zu werden.

Mitte Januar 1968 verkündete der amerikanische Geheimdienst, dass die FNL so gut wie vernichtet sei und keine strategischen Operationen mehr durchführen könne. Und dann dies: Nur wenige Wochen später griffen 80-100.000 Kämpfer*innen der FNL über vierzig Städte in Südvietnam an. Vor der amerikanischen Botschaft in Saigon wurde heftig gekämpft. Die amerikanische Öffentlichkeit war durch die Tet-Offensive zutiefst schockiert.

Auch in unserer Schule wurde heftig über Vietnam diskutiert. Von 25 Schüler*innen in meiner Klasse waren zwölf auf der Seite der Vietnames*innen, zwölf auf der Seite der Amerikaner*innen. Einer erklärte sich für neutral, was zur sozialen Ächtung führte.

Tchibo auf dem Teltower Damm in Zehlendorf, einem bürgerlichen Villenbezirk, war ein beliebter Treffpunkt für Schüler*innen verschiedener Oberschulen. Häufig fuhren amerikanische Panzer dort, in der Nähe des amerikanischen Hauptquartiers, durch die Straßen. Wir liefen dann aus der Tchibo-Filiale und riefen Losungen wie „Amerikaner raus aus Vietnam!“ Manche, vor allem schwarze, G.I.s grüßten uns mit geballter Faust zurück.

In dieser angespannten Situation hatten der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) und die Berliner Studierendenvertretungen einen internationalen Vietnam-Kongress nach Berlin einberufen, der am zweiten Tag mit einer Großdemonstration enden sollte. Diese wurde sofort vom Senat verboten. Der SDS hatte sich für diese Demonstration ein abenteuerliches Konzept ausgedacht: Von der Technischen Universität in Charlottenburg sollte es zum Hauptquartier der Amerikaner*innen nach Zehlendorf gehen.

Die Amerikaner*innen, die mit den anderen Alliierten faktisch die Oberhoheit über West-Berlin hatten, erklärten, dass sie rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch machen würden. Kurt Neubauer, Berliner Innensenator und eine Art Mini-Noske, erklärte in einer Senatssitzung, dass jetzt in Berlin Blut fließen müsse. Rudi Dutschke wechselte alle zwei bis drei Tage die Wohnung, weil er und seine Frau Angst vor Anschlägen hatten. Diese Angst war begründet. Die Springer-Presse steigerte ihre Hetze ins Unermessliche: Jürgen Wohlrabe, ein CDU-Abgeordneter, stellte eine Schlägertruppe aus Mitgliedern der Jungen Union zusammen, die das SDS-Büro überfiel und regelmäßig Langhaarige zusammenschlug.

Das Berliner Verwaltungsgericht erlaubte die Demonstration –aber anstelle der geplanten Route durfte es nur über den Kurfürstendamm gehen. Es kamen 12-15.000 Menschen.

Meine Eltern hatten mir natürlich die Teilnahme an dieser Demonstration verboten und schwere Strafen angedroht. Ich ging trotzdem hin und erinnere mich noch gut an die französischen Teilnehmer*innen von der Jeunesse Communiste Révolutionnaire, die diszipliniert und mit eigenem Ordnungsdienst einen sehr kämpferischen Eindruck machten. So etwas hatte ich bis dahin noch nicht gesehen.

Völlig euphorisch lief ich nach Hause und kassierte von meinem Vater die angedrohten Backpfeifen. Am nächsten Tag schlug der West-Berliner Senat zurück. Er rief alle Berliner*innen dazu auf, sich am darauffolgenden Mittwoch vor dem Rathaus Schöneberg zu versammeln und sich solidarisch mit den Amerikaner*innen zu zeigen. Alle Angestellten und Beamt*innen des öffentlichen Dienstes wurden freigestellt. Schuldirektor*innen wurden angewiesen, mit ihrer Schüler*innenschaft teilzunehmen. Busse wurden kostenlos zur Verfügung gestellt.

Unser Schulleiter am christlichen Gymnasium, das ein paar mehr Freiheiten als die staatlichen Schulen besaß, verweigerte die Teilnahme an der Kundgebung. An diesem Mittwochmorgen saß ich also stattdessen in der wöchentlichen Andacht, auf der er uns mit Bibelversen zu Frieden und Gewaltverzicht aufforderte.

Währenddessen ertönte auf der Kundgebung der Ruf: „Dutschke, Volksfeind Nummer Eins!“ Wer lange Haare hatte und sich vorm Rathaus aufhielt, wurde vom aufgestachelten Mob geschlagen. So mancher konnte sich nur mit einem Sprung in den Polizeiwagen retten. Insgesamt gab es 24 Verletzte.

In diesen Tagen fasste ich endgültig den Entschluss, mich politisch zu organisieren.

In zwei Wochen berichtet Michael Prütz an dieser Stelle über die Terrorgruppe Neuruppin.

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