Geschichte und Kultur

Schüler von ‘68: Nach dem Prager Frühling kommt die Spaltung

In seiner Kolumne "Schüler von '68" befasste sich Michael Prütz, damals aktiv an seiner Schule, bisher mit dem Attentat auf Rudi Dutschke sowie dem 1. Mai 1968. In diesem Beitrag erinnert er sich an den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei, der die Spaltung der APO zu Folge hatte.

Schüler von ‘68: Nach dem Prager Frühling kommt die Spaltung

Im Frühsommer 1968 waren die meisten Aktiven nun seit fast anderthalb Jahren ununterbrochen am politischen Werkeln und wir waren von einer winzigen Minderheit zu einer nicht mehr ganz so winzigen Minderheit gewachsen – von gesellschaftlicher Hegemonie konnte aber keine Rede sein. Die Bewegung gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze durch den Deutschen Bundestag hatte es zwar geschafft, eine Öffentlichkeit, die über die üblichen Verdächtigen hinaus ging, herzustellen und es waren einzelne Streiks in Industriebetrieben durchgeführt worden, ein Generalstreik gegen die Notstandsgesetze war allerdings in weiter Ferne. Ernüchterung und Erschöpfung in den Reihen der APO waren die Folge.

Ende August 1968 platzte dann die Bombe: Truppen des Warschauer Paktes, an der Spitze die sowjetische Armee, marschierten in die Tschechoslowakei ein. Innerhalb der tschechischen kommunistischen Partei hatte sich ein Reformflügel etabliert, der demokratische Freiheiten im Land selber und im gesamten Ostblock etablieren wollte. Dieses Reformexperiment, den „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wurde nun jäh durch den Einmarsch des Warschauer Paktes verhindert.

Ich selber, die meisten Aktivist*innen in der Schülergruppe, sowie die Mehrheit der außerparlamentarischen Opposition waren empört über diesen Einmarsch und die darauffolgende Repression. Es gab aber auch einen kleineren APO-Flügel, spätere Anhänger der im folgenden Jahr gegründeten DKP, die den Einmarsch vehement verteidigten. Ihr Argument: „Die tschechischen Kommunisten wollen den Kapitalismus wieder einführen.“ Der Streit über diese Frage zog sich durch alle Gruppen der APO – Unterstützer*innen des Einmarsches flogen aus diversen Organisationen und Strukturen. Diese Spaltung führte zu einer immensen, inneren Krise der APO und die gemeinsame Arbeit der Gruppen war so gut wie beendet.

In meiner Schülergruppe am Grauen Kloster sah es anders aus: der Zustrom neuer Schülerinnen und Schüler hielt unvermindert an, von Spaltung oder Krise war keine Rede. Nach wie vor waren bei uns Linksliberale, Linksradikale, Trotzkist*innen, Spontis und SPD-Anhänger*innen in trauter Gemeinsamkeit und im Kampf gegen unsere autoritäre Schulleitung vereint. Dieser Kampf nahm im Herbst 1968 nochmal deutlich an Fahrt auf: Zwei junge Referendare, die mit den Thesen der APO d’accord gingen, flogen ohne Ankündigung und ohne Angabe von Gründen fristlos von der Schule. Unser Schulstreik und die Besetzung der Schule brachte die Referendare zwar nicht zurück, schlug aber in der bürgerlichen Presse hohe Wellen. Es war nicht mehr zu leugnen, dass die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler, und auch einige der Lehrer*innen, genug von den autoritären Methoden der Schulleitung hatte.

Aufgeschrieben von Mascha Bartsch.

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