Antirassismus

Revolution und Schwarzer Kampf: der Marxismus als Waffe gegen Rassismus und Kapitalismus

Kapitalismus und Rassismus sind ineinander verwoben. Wie kann der Marxismus im Kampf gegen beide Systeme dienen?

Revolution und Schwarzer Kampf: der Marxismus als Waffe gegen Rassismus und Kapitalismus

Rassismus, Kapitalismus und Sklaverei

„Die Arbeit in weißer Haut kann sich nicht dort emanzipieren, wo sie in schwarzer Haut gebrandmarkt wird.“ Diese Worte stammen aus Karl Marx’ wichtigstem Werk, dem Kapital. Viele politische Gruppen und Intellektuelle versuchten, Marx und Engels (und damit dem revolutionären Marxismus) ihre unbeugsame Position dem Rassismus gegenüber streitig zu machen. Doch die Gründer des wissenschaftlichen Sozialismus verstanden, dass die rassistische Unterdrückung als Werkzeug zur kapitalistischen Ausbeutung aller Arbeiter*innen verwendet wurde.

In den folgenden Generationen verstärkte sich die Beziehung zwischen Rassismus und Kapitalismus weiter. In einigen Fällen wurde die Verfälschung der Positionen von Marx und Engels oder die bewusste Gleichstellung von Marxismus und Stalinismus dafür verwendet, den Marxismus insgesamt anzugreifen. In diesem kurzen Artikel wird beschrieben, wie die Führung der Russischen Revolution den Kampf gegen den Rassismus verstand.

Der Marxismus entstand auf der Grundlage einer neuen Weltanschauung, die sich auf den Historischen Materialismus stützte. Seine Erklärungen waren dem Idealismus, religiösen Glaubensrichtungen oder der Vorstellung von der Geschichte als Aneinanderreihung zufälliger Ereignisse überlegen. Im Gegensatz dazu erklärt der Marxismus die historische Entwicklung und die Entstehung der Klassengesellschaft aus der materiellen gesellschaftlichen Entwicklung. Der Klassenkampf ist in diesem Sinne die treibende Kraft der Geschichte.

Ausgehend von einer wissenschaftlichen Betrachtung des Kapitalismus und einer Kritik der politischen Ökonomie und der Ursprünge des bürgerlichen Staates untersucht der Marxismus den Rassismus. Dieser entstand als eine Ideologie, um eine der größten Schrecken der Menschheitsgeschichte zu rechtfertigen und „rational“ zu begründen: die Versklavung und der Handel mit mehr als elf Millionen Menschen, die auf den Plantagen in den Amerikas und der Karibik arbeiteten. Dieser Sklavenhandel nahm dabei eine entscheidende Rolle in der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals ein. Hierbei handelt es sich um einen Widerspruch zu den idealistischen Vorstellungen, die den Rassismus als schon immer existierende Ideologie ansehen, ihn der menschlichen Natur zuschreiben und ihn nicht mit den materiellen Grundlagen in Verbindung bringen.

Ohne die Erkenntnis dieses grundlegenden Aspekts ist es unmöglich, ein wissenschaftliches Verständnis der Entwicklung des Rassismus oder des Kapitalismus zu erlangen. Wie Eric Williams in seinem Klassiker Kapitalismus und Sklaverei beschrieb:

Die Sklaverei entsteht nicht aus dem Rassismus: viel mehr ist der Rassismus die Konsequenz der Sklaverei […] Der Grund war ein ökonomischer, kein ‚rassischer’ […] Die Züge des Menschen, sein Haar, seine Farbe oder die Zähne, die breit beschriebenen ‚unmenschlichen‘ Charakteristiken, waren nur die später erfolgten Erklärungen, um eine einfache ökonomische Tatsache zu rechtfertigen: nämlich dass die Kolonien Arbeitskräfte brauchten und auf die Schwarze Arbeitskraft zurückgriffen, da sie die billigste und beste war.

In dem Buch, das bis heute für zahlreiche Debatten sorgt, beschreibt Williams die Rolle der Sklaverei in der ursprünglichen Akkumulation, indem er die Beziehung zwischen dem Sklavenhandel und der industriellen Entwicklung in England untersuchte. In der imperialistischen Phase des Kapitalismus, die Lenin als eine von „Kriegen, Krisen und Revolutionen“ geprägte beschrieb, verstärkte sich diese Beziehung noch weiter.

Es ist kein Zufall, dass sich die „wissenschaftlichen“ Rassismustheorien zu einem Zeitpunkt entwickelten, als die Nationalstaaten eine wichtige Rolle in der Verbindung von Rassismus und Kapitalismus spielten, um die Ausbeutung zu verschärfen, genauer gesagt, als der afrikanische Kontinent besetzt und unter den europäischen Mächten aufgeteilt war.

Das ist die Grundlage einer wissenschaftlichen Erklärung der Entwicklung des Rassismus als Ideologie. Es ist unmöglich, die Entwicklung des Kapitalismus ohne seine Beziehung zur Sklaverei und zum Rassismus zu verstehen. Bis heute dient der Rassismus zur Verschärfung der kapitalistischen Ausbeutung.

Zahlreiche Statistiken belegen, dass Schwarze die prekärsten Jobs mit viel niedrigeren Löhnen als Weiße selbst bei gleicher Arbeit haben. Indem sie die Ausbeutung Schwarzer Arbeiter*innen, besonders Schwarzer Frauen, verschärfen, können die Kapitalist*innen die Löhne und Lebensbedingungen der gesamten Arbeiter*innenklasse senken. Deshalb muss der Kampf gegen den Rassismus notwendigerweise ein Kampf gegen den Kapitalismus sein.

Revolution und Sklaverei

Die Russische Revolution 1917 zeigte der Arbeiter*innenklasse und den unterdrücktesten Schichten der Gesellschaft eine Zukunftsvision, die über die engen Grenzen der kapitalistischen Unterdrückung hinausreichte. Das galt nicht nur für die russischen Arbeiter*innen; die Bäuer*innen, die über weite Teile der Geschichte geknechtet und wie Vieh behandelt wurden, erreichten die ersehnte Landreform; die religiösen Minderheiten erhielten ihre Freiheiten; die Frauen erreichten zum ersten Mal in der Geschichte das Recht auf Abtreibung; die Homosexuellen wurden nicht weiter verfolgt.

Auf internationaler Ebene hatte die Russische Revolution großen Einfluss auf den Klassenkampf und zeigte auf, dass selbst in unterentwickelten kapitalistischen Ländern wie Russland oder den Ländern des afrikanischen Kontinents die Massen eine Revolution anführen konnten.

Die von Lenin und Trotzki angeführte Dritte Internationale entsprang dem Kampf gegen die Sozialchauvinist*innen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts den imperialistischen Ersten Weltkrieg unterstützt hatten. Für ihre Gründer*innen war die internationale Perspektive der sozialistischen Revolution entscheidend. Nach dem Triumph 1917 versuchten sie die junge Sowjetrepubik in einen Schützengraben für die internationale und weltweite Revolution zu verwandeln. Die Interessen der sowjetischen Arbeiter*innen waren eng verbunden mit der Weltarbeiter*innenklasse und den zahlreichen unterdrückten Völkern der ganzen Welt.

Einer der schlimmsten Aspekte der frühen imperialistischen Epoche war die Aufteilung und Beherrschung des afrikanischen Kontinents durch 15 europäische Länder auf der Berlin-Konferenz 1885. Die Ausweitung der Russischen Revolution, die Niederlage der europäischen Bourgeoisien und der Sieg der Arbeiter*innenklasse in diesen imperialistischen Ländern, darunter Frankreich, Deutschland und England, wären brutale Schläge für das Kolonialprojekt auf dem afrikanischen Kontinent gewesen. Gleichzeitig hätte die Schwächung der europäischen Bourgeoisien die Möglichkeiten der afrikanischen Arbeiter*innen und Unterdrückten zur Beseitigung des Imperialismus in ihren Gebieten verbessert.

Revoloutionäre Anführer*innen wie Lenin und Trotzki hinterließen zahlreiche Belege für ihre große Begeisterung gegenüber dem Schwarzen Kampf gegen die rassistische Unterdrückung und der Rolle aller Revolutionär*innen für diesen Kampf. Schon vor der Russischen Revolution zeigte sich Lenin besorgt über die Situation der Schwarzen weltweit und verstand die Bedeutung, welche es für Kommunist*innen hatte, sich mit den unterdrücktesten und ausgebeutetsten Sektoren der Arbeiter*innenklasse zu verbinden. Anlässlich des Zweiten Kongresses der Kommunistischen Internationale schrieb John Reed 1920 auf Bitten von Lenin einen Bericht über die Lage der Schwarzen in den Vereinigten Staaten:

Die Kommunisten dürfen nicht am Rand der Schwarzen Bewegung für ihre soziale und politische Gleichheit stehen bleiben, die sich zu Zeiten des Wachstums des Schwarzen Bewusstseins schnell unter den Schwarzen ausbreitet. Die Kommunisten sollen diese Bewegung ausnutzen, um die Lüge der bürgerlichen Gleichheit zu entlarven und die Notwendigkeit einer sozialen Revolution hervorzuheben. Diese wird nicht nur alle Arbeiter aus der Knechtschaft befreien, sondern ist auch der einzige Weg zur Befreiung der versklavten Schwarzen Bevölkerung.

Dem Marxismus zufolge wird die Gesellschaft durch die Spaltung in soziale Klassen, die sich durch ihre Stellung zu den Produktionsmitteln definieren, und durch die private Aneignung der produzierten sozialen Arbeit der Arbeiter*innenklasse durch die Bourgeoisie bestimmt. In diesem Rahmen werden die Ausbeuter*innen zu ihren eigenen Todesgräber*innen.

Die Arbeiter*innenklasse ist die einzige soziale Gruppe, die den Kapitalismus zerstören kann, da sie durch ihre Rolle in der Produktion eine strategische Position einnimmt. In dieser Funktion übernimmt sie nicht nur die Aufgabe, sich selbst zu befreien, sondern die gesamte Menschheit. Die Schwarze Bevölkerung ist nicht nur ein wichtiger Bestandteil der Arbeiter*innenklasse, sondern nimmt die Stellung ihrer prekärsten Schichten ein.

Der Vierte Weltkongress der Komintern, wie die Kommunistische Internationale genannt wurde, wurde 1922 vor der Stalinisierung durchgeführt. Er bestätigte die Thesen zur Befreiung der Schwarzen Bevölkerung und erklärte, dass die revolutionäre Tagesordnung den Kampf gegen Rassismus und die Unterstützung der Kämpfe des Schwarzen Volkes weltweit beinhaltete. Sie schrieben: „der Feind seiner ‚Rasse’ [der Schwarzen] und der Feind der weißen Arbeiter sind identisch: der Kapitalismus und der Imperialismus.“

Und weiter:

Die Kommunistische Internationale wird für die Gleichheit der weißen und der schwarzen ‚Rasse‘ kämpfen, für gleiche Löhne und gleiche politische und soziale Rechte.
Die Kommunistische Internationale wird sich jedes ihr zur Verfügung stehenden Mittels bedienen, um die Gewerkschaften zu zwingen, schwarze Arbeiter aufzunehmen, oder wo dieses Recht dem Namen nach schon besteht, eine spezielle Propaganda für den Eintritt der N* in die Gewerkschaften durchzuführen. Wenn dies sich als unmöglich erweisen sollte, wird die Kommunistische Internationale die N* in eigenen Gewerkschaften organisieren und speziell sich der Einheitsfronttaktik bedienen, um ihre Zulassung zu erzwingen.

Diese historischen Beispiele beweisen, dass der Schwarze Kampf ein Arbeiter*innenkampf ist. Diese Aussage ist auch heute noch von Bedeutung. Für die Arbeiter*innenklasse zu kämpfen bedeutet auch, gegen den Rassismus zu kämpfen und unter anderem für gleiche Löhne von Weißen und Schwarzen, von Männern und Frauen und von Direktangestellten und Outgesourcten einzustehen. Dieser Kampf beinhaltet die Ablehnung der Polizeigewalt, das Recht auf würdiges Wohnen und eine vollständige Landreform, da nur so die Arbeiter*innenklasse vereint werden kann. Dabei handelt es sich um eine entscheidende Frage, da die Einheit nicht ohne einen Kampf gegen Rassismus erreicht werden kann und ohne diese Einheit der Sieg im revolutionären Prozess nicht erreicht werden kann.

Der Schwarze Kampf und die internationale Revolution

Lenin und Trotzki betrachteten die Russische Revolution nicht als ein Ziel an sich, sondern nur als ersten Schritt hin zur internationalen Ausweitung der Revolution, die zuerst europäische Länder wie Deutschland erreichen würde. Das hätte das Ende der kolonialen Unterdrückung Afrikas und Asiens bedeutet und wäre ein riesiger Schritt hin zur Weltrevolution gewesen.

Die reaktionäre Politik des Stalinismus nach 1924 in seiner Verteidigung des „Sozialismus in einem Land“ besiegelten zusammen mit der Niederlage der Chinesischen Revolution 1926 und des Englischen Generalstreiks im selben Jahr das Schicksal der Schwarzen Kämpfe und Widerstände im afrikanischen Kontinent. Diese Faktoren gaben der imperialistischen Bourgeoisie die Möglichkeit, ihre Kräfte zurückzuerobern und die internationale Kontrolle zu behalten, um so die Unabhängigkeit der afrikanischen Länder auf Jahrzehnte zu verschieben.

Die Politik der stalinistischen Kommunistischen Partei Brasiliens (PCB) in der Schwarzen Frage spielte eine schreckliche Rolle. Bis in die 1960er Jahre hinein weigerte sich die Jugend der PCB, jegliche Forderung zur Aufnahme Schwarzer Arbeiter*innen in den Gewerkschaften zu stellen. Unter dem Vorwand, dass solche Forderungen die Arbeiter*innenklasse spalten würde, kapitulierten sie so vor der Ideologie der „Rassendemokratie“.

Leo Trotzki verwendete seine gesamte Energie, um die Bürokratisierung der UdSSR zu verhindern. Die Linke Opposition und später die Vierte Internationale waren die Kontinuität der bolschewistischen Tradition. Die Energie und Hoffnungen dieser Revolutionär*innen war verankert in den theoretisch-programmatischen Grundlagen der Theorie der Permanenten Revolution. Diese betonte die Verbindung der revolutionären Ideen mit den unterdrücktesten und ausgebeutetsten Sektoren der kapitalistischen Gesellschaft, wie den Schwarzen in den Vereinigten Staaten, Lateinamerika und Afrika. In Trotzkis Worten:

„Wir können und müssen einen Weg hin zum Bewusstsein der Schwarzen Arbeiter, der chinesischen Arbeiter, der indischen Arbeiter und aller Unterdrückten im menschlichen Ozean der Nicht-Weißen finden, denen das entscheidende Wort in der Entwicklung der Menschheit gehört.“

Der revolutionäre Kampf gegen die Ausbeutung und Unterdrückung besonders von Schwarzen trug entscheidend zur Entstehung einer Generation Schwarzer Trotzkist*innen bei. Der Kampf gegen den Stalinismus und die Entwicklung der Theorie der Permanenten Revolution trugen zu einer revolutionären Perspektive des antirassistischen Kampfes bei.

Die wahrscheinlich wichtigste Persönlichkeit in diesem Kontext ist CLR James, Autor von The Black Jacobins. James ist in der Akademie dafür bekannt, der Welt die Bedeutung eines der größten Schwarzen Triumphe der Weltgeschichte aufgezeigt zu haben: die Haitianische Revolution. Wenige erinnern sich jedoch an seine trotzkistische Vergangenheit oder die Tatsache, dass er Haiti unter dem Blickwinkel des Klassenkampfes analysierte.

Sein Buch ist unter anderem dadurch so bedeutsam, dass James die Verbindung zwischen den revolutionären Verhältnissen in Frankreich nach 1789 mit der geschwächten Elite von Santo Domingo analysiert und zudem die revolutionäre und unnachgiebige Kühnheit der Schwarzen Bevölkerung der Insel im Kampf für Freiheit hervorhebt. Nur aus einer klassenkämpferischen Perspektive der Ausgebeuteten und Unterdrückten heraus ließ sich erklären, wie durch die Revolution aus den ehemaligen Sklav*innen von Saint-Dominigue Held*innen wurden.

CLR James war nicht nur ein Historiker, sondern auch ein trotzkistischer Aktivist, der den Kampf für die Befreiung der Schwarzen mit dem direkten Kampf gegen die imperialistische Bourgeoisie und die pro-imperialistischen Regierungen in den halbkolonialen und kolonialen Ländern verband. Er zeigte auf, wie in den entscheidenden Momenten des Klassenkampfes die Ziele der gesamten Arbeiter*innenklasse nur durch die Einheit des Arbeiter*innen, von Schwarzen und Weißen, erreicht werden konnten.

Die Russische Revolution war der höchste Punkt im Kampf für ein Ende von Ausbeutung und Unterdrückung. Sie war ein Beweis der Kühnheit, der revolutionären Courage und der wissenschaftlichen Vorbereitung der Bolschewiki. Trotz der Grenzen des Vergleichs besaßen auch die Schwarzen von Saint-Dominigue diese Kampfbereitschaft in jener entscheidenden Phase der kapitalistischen Entwicklung. Der Geist der Bolschewiki, der Linken Opposition und der Vierten Internationale lässt sich in diesen Worten James’ erkennen:

Wir als Marxisten müssen die riesige Rolle der Schwarzen in der Umwandlung der westlichen Gesellschaft von Feudalismus zum Kapitalismus erkennen. Nur aus dieser Perspektive heraus können wir die noch größere Rolle erkennen (und vorbereiten), die sie notwendigerweise im Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus spielen müssen.

In diesem Sinne nimmt die Befreiung von Weißen und Nicht-Weißen, auf die sich der eingangs zitierte Marx bezog, eine zentrale Rolle im Kampf für eine von Ausbeutung und Unterdrückung freien Gesellschaft, der kommunistischen Gesellschaft, ein. Wer, wenn nicht die, die am meisten unter dem Kapitalismus leiden, werden auch am entschlossentsten für diese Zukunft kämpfen?

Der Artikel erschien zuerst am 6. Februar 2018 auf La Izquierda Diario.

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