Jugend

Red Brain Nr. 6: LehrerInnen + SchülerInnen gemeinsam!

Red Brain Nr. 6: LehrerInnen + SchülerInnen gemeinsam!

Red Brain ist eine linke, antikapitalistische SchülerInnenzeitung, die von einer unabhängigen SchülerInnengruppe (in Zusammenarbeit mit RIO) am John-Lennon-Gymnasium in Berlin-Mitte her­aus­gegeben wird. Die Ausgabe gibt es als PDF, die einzelnen Artikel gibt es unten:

Das war der Bildungsstreik

Am 17. November demonstrierten ca. 6.000 SchülerInnen, Studierende, Auszubildende und LehrerInnen auf den Straßen Berlins für bessere Bildung. Die Demo war trotz des schlechten Wetters und der langen Route laut und entschlossen. Streikende von der Charité Facility Management (CFM) waren auch dabei. Im Anschluss an der Demo wurde ein Hörsaal der Humdboldt Universität besetzt, nachdem am Vorabend ein besetzter Hörsaal an der Freien Universität gewaltsam geräumt wurde.

Zum Demostart am Roten Rathaus führten mehrere „Zulaufdemos“, die größtenteils von den einzelnen Schulstreikkomitees organisiert wurden. Vor dem John-Lennon-Gymnasium versperrten mehrere LehrerInnen den SchülerInnen den Weg zum Bildungsstreik und entzogen ihnen somit auch ihr Demonstrationsrecht. Beim Versuch, aus dem Fenster zu springen, brach eine Schülerin sich den Fuß. Noch ein paar Tage vor dem Streik machten wir einen Aktionstag zum Thema Bildungsstreik und der Direktor sagte, jeder/jede dürfe zum Streik.

Gerade weil der Kampf immer weiter geführt werden muss, haben wir das JLG-Aktionskomitee gegründet, in dem wir über die Missstände in unserer Schule und der Welt diskutieren und versuchen, Lösungen für diese zu finden. Wenn Ihr Lust habt mitzuwirken, kommt zu den Treffen!

Eure Red Brain-Redaktion

LehrerInnen + SchülerInnen gemeinsam!

Interview mit einem Lehrer am John-Lennon-Gymnasium

Red Brain: Am 9. Juni war der letzte LehrerInnenstreik, dem sich SchülerInnen angeschlossen haben. Was waren Ihre Gründe, sich daran zu beteiligen?

Lehrer: Wir waren insgesamt fünf KollegInnen und uns einig, dass dieses System einiger Verbesserungen bedarf: Kleinere Klassen, bessere Ausstattung, mehr LehrerInnen, so dass die Wochenarbeitszeit von derzeit 26 Stunden wieder herabgesenkt werden kann.

Hatten Sie nachträglich mit Repressionen zu tun, weil Sie gestreikt haben?

An diesem Tag hatte ich nicht lange Unterricht. Aber die Schulleitung ist vom Senat angehalten, jeden streikbedingten Unterrichtsausfall zu melden. Als Ordnungsmaßnahme hat der Lehrer eine Ermahnung zu erwarten (das ist ein Vermerk in seiner Personalakte) und es ist mit Gehaltsabzug zu rechnen.

Woran leiden die LehrerInnen am meisten und wie haben sich Ihre Arbeitsbedingungen seit Job-Antritt verändert?

Schule ist Teil des staatlichen Verwaltungsapparates. Deshalb werden seit ein paar Jahren am John-Lennon-Gymnasium die Ideen des NPMs praktiziert. „New Public Management“ ist der Terminus für einen neuen Steuerungsansatz in der Behörde. Das führt zu einer erheblichen Intensivierung der Arbeitszeit auch an der Schule. Das Ziel von NPM ist die Nutzenmaximierung durch Einführung von Qualitätswettbewerben.

Es werden messbare Leistungsstandards eingeführt und ständig Qualitätsprüfungsverfahren angewandt. Bei PISA z.B. werden Kompetenzen gemessen. Unter den SchülerInnen soll ein Wettbewerb um die ersten zwanzig Plätze angezettelt werden. Als Lehrer frage ich mich ständig: Bin ich gut genug? Was kann ich noch tun, um die Standards zu verbessern? Und höre damit nie auf, über den Unterricht nachzudenken. Somit stehen wir sehr unter Druck. Nach außen sieht es so aus, als wäre man von der militärisch-hierarchischen Ordnungsstruktur abgerückt. Aber der Schein trügt. Ein Zeichen sind die vielen langzeitkranken KollegInnen.

Man hat das Gefühl: Wenn SchülerInnen streiken, kommen keine LehrerInnen mit; Wenn LehrerInnen streiken, kommen keine SchülerInnen mit. Woran liegt das und wie könnte man das ändern?

Der Begriff der Solidarität ist verloren gegangen. Die PolitikerInnen sprechen zwar von einer Solidargemeinschaft, aber Solidarität zu praktizieren versteht kaum noch eine/r. Das Verhalten der Lehrer­Innen würde ich als geduckt beschreiben. Sie nehmen jede Verschlechterung, das heißt jede Mehrbelastung bei weniger Geld, mit einem Seufzer hin. Die Schüler­Innen werden durch Leistungsdruck und Videospiele davon abgehalten, über ihre Situation nachzudenken. Was sollen wir da noch voneinander erwarten?

Im Schulgesetz steht, dass Schüler­Innen zu mündigen BürgerInnen herangezogen werden sollen. Tut das aktuelle Bildungssystem das wirklich?

Soziales Lernen besteht auch im Imitieren des Verhaltens von Vorbildern. Wozu gibt es Ethikunterricht, wenn die Ethiklehrer­Innen nicht zeigen, wie sie für ihre Interessen eintreten? Wozu Ökologie und Umweltschutz unterrichten, wenn die Lehrer­Innen mit dem Auto zur Schule kommen und fürs Wochenende nach Griechenland jetten, weil die Flüge so billig sind? Nicht der Schulbuchinhalt erzieht zur Mündigkeit, sondern die LehrerInnen in ihrem Verhalten als soziale Vorbilder.

Wie stehen sie zu der Lehrer-Schüler-Hierarchie bzw. sollte man eine Demokratisierung der Schule vornehmen?

Dieses Schulsystem gehört gänzlich abgeschafft, weil es selbst nach Aussage der UN ein Unrechtssystem darstellt. Es verkündet zwar Chancengleichheit, will aber im Wesentlichen Eliten herausbilden. Es spaltet die Jugend in SiegerInnen und VerliererInnen. So kann keine Gesellschaft bestehen. Noten sind ein Moment der Disziplinierung und sagen nichts über die Qualitäten der SchülerInnen aus.

Was sollten wir für ein besseres Bildungssystem tun?

Sich nicht einschüchtern lassen und die berechtigten Forderungen formulieren.

Wer war Silvio Meier?

„Silvio Meier, das war Mord – Widerstand an jedem Ort!“ Mit diesem und vielen anderen Schlachtrufen zogen am 19. November über 5.000 DemonstrantInnen von Friedrichshain nach Lichtenberg, um dem von Nazis ermordeten Ost-Berliner Hausbesetzer Silvio Meier zu gedenken. Er wurde am 21. November 1992 auf dem U-Bahnhof Samariterstraße von Neonazis erstochen.

Seit dem finden jedes Jahr aufs Neue Proteste gegen Rechtsextremismus, staatliche Repression und steigende Mieten statt. Dieses Jahr wurde hauptsächlich der Kampf für mehr autonome Freiräume und gegen den neuen Nazi-Laden in der Lückstraße thematisiert. Das Thema Neofaschismus ist gerade hochaktuell: Anfang November gab es mehrere Brandanschläge von Nazis auf linke Hausprojekte wie das Anton-Schmaus-Haus von den Falken, einer linken Jugendorganisation.

Und nun wurde bekannt, dass über zehn Jahre lang Nazis unter dem Namen „Nationalsozialistischer Untergrund” für mindestens zehn Morde und einige Bombenanschläge verantwortlich sind. Zwischen ihnen und dem Verfassungsschutz fanden sich auffällig viele Verbindungen und sie verfügten über ein großes Waffenarsenal. Bei der Silvio-Meier-Demo sah man: Die Polizei ignoriert Nazi-Terrorist­Innen aber geht geschlossen und brutal gegen AntifaschistInnen vor.

Red Brain-Glossar
K wie Kapitalismus

Der absolute Großteil der Weltbevölkerung lebt im Kapitalismus – auch wir, obwohl es in der Schule heißt, wir würden in einer „sozialen Marktwirtschaft“ leben. Es wird gesagt, dass jeder Mensch im Kapitalismus „seines eigenen Glückes Schmied “ sei.

Aber ist das wirklich so? Dieser Traum wird nur für diejenigen wahr, die auch genügend Eigentum an Produktionsmitteln besitzen. Produktionsmittel sind z.B. Fabriken zur Warenfertigung oder größere Geldmengen zur Investition. In unserer Gesellschaft gehören diese Produktionsmittel einer kleinen Minderheit, den KapitalistInnen. Die Mehrheit der Menschen besitzt nicht viel mehr als ihre Arbeitskraft. Diese Arbeitskraft müssen sie gegen einen Lohn verkaufen. Man hält ihnen also das Material vor, mit dem sie ihr „eigenes Glück schmieden“ könnten.

Und woher hat diese Minderheit ihr Geld? Aus der Ausbeutung von Arbeiter­Innen hier und besonders in der Dritten Welt. Diese erhalten Hungerlöhne und erleiden Krankheiten durch die ausgestoßenen Gifte der Betriebe, die zur Profitmaximierung in Dritte-Welt-Ländern abgeladen werden.

Deshalb fordern wir, dass die Geißel des Systems, das Privateigentum an Produktionsmitteln und die Vormachtstellung der KapitalistInnen, abgeschafft wird. Wir fordern eine Gesellschaft, in der die Reichtümer unter der demokratischen Kontrolle der Mehrheit stehen, damit die Bedürfnisse aller Menschen erfüllt werden. Dadurch soll jede/r seinen/ihren Traum erfüllen können, und niemand soll von einer kleinen Gruppe von Superreichen und Mächtigen unterdrückt werden.

Ein bisschen linke Musik…

Ton Steine Scherben

„Ich bin nicht frei und kann nur wählen, / welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen. / Ich bin tausendmal verblutet und sie ham mich vergessen. / Ich bin tausendmal verhungert und sie war’n vollgefressen.“

Diese Zeilen und viele, viele mehr rief Rio Reiser, Frontmann der einflussreichsten deutschen Rockgruppe „Ton Steine Scherben“ von 1970-1980, ins Mikrofon. Durch ihre sozialkritischen Texte wurden sie schnell zum musikalischen Sprachrohr der linken Szene und Hausbesetzer­Innenbewegung.

Noch heute, nach dem Tod von Rio Reiser, hören viele Menschen sehr gerne ihre Lieder. Zu den erfolgreichsten zählen: „Der Rauch-Haus-Song“, „Macht kaputt was euch kaputt macht“ und „Keine Macht für niemand“.

Viel Spaß beim Anhören!

Zitat des Monats…

Ihr könnt kein kapitalistisches System betreiben, wenn ihr keine Geier seid; ihr müsst das Blut von jemand anderem saugen, um Kapitalist zu sein.

Malcolm X, Antirassist

Termine von Red Brain

* Treffen des Aktionskomitees
jeden Montag, 16 Uhr, vor der Schule

* offenes Treffen von Red Brain
jeden Freitag, 16 Uhr, BAIZ

* für eine Berliner Vollversammlung
10. Dezember, 10-18 Uhr, Mehringhof

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