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REAL in München Obersendling: SPD sieht “einmalige Chance” im möglichen Aus für Hunderte Arbeiter*innen

Die Arbeiter*innen im Einkaufszentrum an der Münchner Machtlfinger Straße stehen plötzlich vor dem Aus, teils nach Jahrzehnten Anstellung. Anstatt für die Arbeitsplätze einzutreten, die wohl nicht ganz zufällig jetzt wegfallen sollen, verplant die SPD schon mal das frei werdende Grundstück.

REAL in München Obersendling: SPD sieht

Am 17. Dezem­ber ist der let­zte Verkauf­stag beim REAL in Obersendling im Münch­n­er Süd­west­en. Die Regale sind jet­zt teil­weise schon leerg­eräumt. Anlass ist die ange­bliche Baufäl­ligkeit der Einkauf­szen­trum-Immo­bilie, die REAL beherbergt.

Bei ein­er Sanierung im Som­mer möchte die REAL-Geschäft­sleitung ent­deckt haben, dass man das 60er-Jahre-Gebäude nicht mehr ver­wen­den kann – zunächst ohne jeman­dem etwas davon zu sagen. Details gibt sie bis heute nicht her­aus.

Allein bei der REAL-Fil­iale arbeit­en 116 Men­schen, dazu kom­men Mitarbeiter*innen der zahlre­ichen anderen Geschäfte, wie im Friseur­sa­lon oder der Reini­gung, im McDon­alds oder Vinzenz­murr, beim Blu­men- oder Schlüs­sel­laden, in der Apotheke. Über Gespräche zu einem Sozialplan haben die Chefs und der Betrieb­srat des REAL-Mark­ts bish­er Stillschweigen vere­in­bart.

Auch die Mitarbeiter*innen in den anderen Geschäften des Einkauf­szen­trums neben der U3-Sta­tion sind betrof­fen, darunter zum Beispiel Beschäftigte, die schon Jahrzehnte bei den Läden im Einkauf­szen­trum angestellt sind. Ins­ge­samt arbeit­en um die 150 Men­schen hier.

Dabei gibt es eine tar­ifver­tragliche Vere­in­barung mit dem Betrieb­srat von REAL, dass eine Schließung min­destens 15 Monate im Voraus mit­geteilt wer­den müsste – statt wie in Obersendling nur drei Monate zuvor. Vor kurzem erst war der Mietver­trag sog­ar um zehn Jahre ver­längert wor­den. Auch kamen die Chefs der Forderung des Betrieb­srats nicht nach, ein Gutacht­en über das mut­maßlich mar­o­de Gebäude vorzule­gen.

Probleme mit der Bausubstanz – oder knallharte Konzernstrategie?

Alles reich­lich selt­sam. Oder steckt gar nicht die Bausub­stanz hin­ter der Schließung von heute auf mor­gen? Es ist näm­lich lange nicht der einzige REAL-Markt, der nach dem Willen des Metro-Konz­erns in Deutsch­land schließen soll. Im Sep­tem­ber 2015 kündigte der Eigen­tümer an, „chan­cen­lose“ Märk­te zu schließen – und schuf Fak­ten. Min­destens 17 von 300 Märk­ten wurde dieses Jahr schon die Schließung angekündigt, Ende Novem­ber traf es den nor­drhein-west­fälis­chen Stan­dort Iser­lohn mit rund 120 Mitarbeiter*innen.

Hin­ter­grund ist der gerin­gere Prof­it des Konzepts von Großflächen-Geschäften in Einkauf­szen­tren, angesichts des Erfol­gs von Ama­zon und Co. – aber es ist auch ein Angriff auf die Tar­ifverträge bei REAL: Metro möchte größere Teile seines Per­son­als und die Tar­ifverträge mit ihnen loswer­den. Ein Wirtschafts­ber­ater sprach erst kür­zlich davon, ein „Ack­er­gaul zum Ren­npferd“ machen zu müssen – mit den Pfer­den sind dabei die Arbeiter*innen gemeint, die die Prof­it­in­ter­essen der Kapitalist*innen aus­baden müssen.

Deshalb drängt sich der Ver­dacht auf, dass das mar­o­de Gebäude nur ein Vor­wand ist, um ohne­hin geplante Schließun­gen voranzutreiben – und den „Zukun­ftsver­trag“ unter­laufen, der allen bis auf 18 Stan­dorten eine vor­läu­fige Erhalts­garantie zus­prach. Son­st wäre die Entschei­dung kaum Hals über Kopf gefall­en, der Prozess wäre nicht der­maßen intrans­par­ent, man hätte das Gebäude sanieren oder sich nach einem neuen Platz bei Erhalt der Arbeit­splätze umse­hen kön­nen.

Wie reagiert die Poli­tik nun auf diesen dubiosen Fall, der allem Anschein nach eine Schließung fin­gieren soll? Die SPD befasst sich nicht mit den bedro­ht­en Arbeit­splätzen, stellt keine unnöti­gen Fra­gen – son­dern möchte direkt das Gebi­et neu pla­nen.

Der Partei von Hartz IV geht es offen­bar nur um die schöne Fas­sade des Vier­tels, ihr liegt nichts an den Beschäftigten. Als wären Lohn­ab­hängige nur Inven­tar des Gebäudes, das ein­fach mit entsorgt wird. Dass die Einzel­han­dels­geschäfte weit­er in Con­tain­ern verkaufen kön­nten, bis ein neues Gebäude ste­ht, wie die SPD hinzufügt, erscheint angesichts des gut 7.500 Quadrat­meter großen Einkauf­szen­trums unre­al­is­tisch. Zumal die REAL-Leitung daran gar kein Inter­esse zu haben scheint.

Wer soll dann im schönen neuen Obersendling leben?

Wie die Süd­deutsche Zeitung berichtete, soll über den REAL hin­aus das ganze Gelände an der Machtlfin­ger Straße neu geplant wer­den, auch die Tankstelle neben dem Kund*innenparkplatz – nach dem Willen des SPD-geführten Bezirk­sauss­chuss­es (BA). Am 6. Dezem­ber wird im BA darüber entsch­ieden, die SPD-Lokalpolitiker*innen sehen in ihrem Antrag eine „ein­ma­lige Chance“, um „dieser Schmud­d­elecke ein neues, pos­i­tives Gesicht zu geben“.

Nun ist unbe­strit­ten, dass es schönere Fleckchen Erde gibt als die Machtlfin­ger-Boschet­srieder-Ecke, an der der REAL-Markt ste­ht: indus­triell geprägte Gegend, ein biss­chen Nie­mand­s­land. In der Nähe die Auf­fahrt zum Auto­bah­n­ring, man kann nebe­nan Woh­nun­gen tageweise und Gara­gen­lager­plätze mieten, gegenüber vom REAL ste­ht eine Spielothek.

Hin­ter der Eile der Poli­tik steckt wiederum Prof­it: Als Begrün­dung für die schnelle Abwick­lung nen­nen die Politiker*innen der SPD, dass man die Umge­bung des Wohn­quartiers „Am Süd­park”, das sich in Bau befind­et und vor dem ein kleines Häuschen ste­ht, in dem man sich über Eigen­tumswoh­nun­gen informieren kann, „fre­undlich und möglichst angst­frei für Fußgänger“ gestal­tet wer­den soll. Aber „fre­undlich“ für wen?

In der Obersendlinger „Schmud­d­elecke“, die den Bezirk­sauss­chuss ein Dorn im Auge ist, ver­di­enen aber Men­schen ihren Leben­sun­ter­halt. Viele Fam­i­lien hän­gen an den Einkom­men aus dem Einkauf­szen­trum, kurz vor Neu­jahr müssen sie sich nun Sor­gen um ihre Miet­zahlun­gen machen. Sie wer­den nach ein­er Ent­las­sung nicht „angst­frei leben kön­nen“. Und wer­den es sich ganz sich­er nicht leis­ten kön­nen, in die schöne neue Welt einzuziehen, die sich Sozialdemokrat*innen neben dem Süd­park aus­malen.

2 thoughts on “REAL in München Obersendling: SPD sieht “einmalige Chance” im möglichen Aus für Hunderte Arbeiter*innen

  1. Josef Mallmann sagt:

    Vielle­icht sollte sich die Staat­san­waltschaft endlich des Fall­es annehmen. Mir kom­men da schon ganz komis­che Gedanken

  2. Monika Winter sagt:

    Inter­essen­vere­ini­gung grün­den und Fort­führung ein­kla­gen. Nicht aufgeben!!!

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