Hintergründe

Proteste gegen Macron: Ein Hauch Mai ’68

Die Streiks der Eisenbahner*innen, bei der Müllentsorgung und bei Air France fordern gemeinsam mit der Studierendenbewegung Emmanuel Macron heraus. Wie geht es weiter und welche Rolle spielt dabei der berühmte Pariser Mai '68?

Proteste gegen Macron: Ein Hauch Mai '68

„Dieser Streik ist wirk­lich bizarr. Gibt es hier jeman­den, der glaubt, dass wir auf diese Art und Weise gewin­nen kön­nten?”, fragte Anasse Kaz­ib, Eisen­bah­nar­beit­er und Delegiert­er der Gew­erkschaft SUD Rail vor der Vol­lver­samm­lung der Arbeiter*innen der staatlichen Eisen­bahn SNCF. “Nein!”, antwortete die Menge der Arbeiter*innen vor dem größten Bahn­hof Europas, Paris Nord. „Es wird Zeit, dass wir in den unbe­fris­teten Streik treten. Aber dieser unbe­fris­tete Streik muss aufge­baut wer­den. Paris Nord ist die Avant­garde der jet­zi­gen Bewe­gung.”

Seit dem 3. April sind die Eisenbahner*innen in einen soge­nan­nten „Per­len­streik” getreten. Sie protestieren damit gegen den von Präsi­dent Emmanuel Macron geplanten Umbau der SNCF, der ihre sozialen Errun­gen­schaften angreift und den Staats­be­trieb schrit­tweise pri­vatisieren will. Die Streik­tak­tik mit dem eigen­tüm­lichen Namen sieht vor, dass an je zwei von fünf Tagen gestreikt wer­den soll. Zwei Tage Streik, drei Tage Arbeit und das Ganze bis zum 28. Juni, was ins­ge­samt nur 36 Streik­tage bedeuten würde. Weil ihnen das nicht genügt, votierten die Arbeiter*innen der Sek­tion des Paris­er Nor­dens, dass sie ab dem 13. April in den unbe­fris­teten Streik treten. Damit fol­gen sie dem Vor­bild der Arbeiter*innen der Sek­tion Saint Lazare im West­en von Paris.

Dies sind erste Ele­mente der Selb­stor­gan­isierung. Gle­ich­wohl fol­gen sie dem tra­di­tionellen Kampf­plan der SNCF-Arbeiter*innen, die eigentlich von Tag zu Tag in Vol­lver­samm­lun­gen entschei­den, ob sie den Streik ver­längern oder nicht. Das war bei der let­zten sozialen Bewe­gung gegen das Loi Tra­vail vor zwei Jahren so, und natür­lich auch beim Sieg der Arbeiter*innen gegen eine Renten- und Sozialver­sicherungsre­form im Jahr 1995. In der Tat: Wäre der Streik von Anfang an in sein­er Gesamtheit unbe­fris­tet gewe­sen, vielle­icht wäre der Sieg schon sich­er. Denn der Organ­isierungs­grad unter den Eisenbahner*innen ist enorm –bei den Fahrer*innen beteili­gen sich zwis­chen 75 und 80 Prozent an den Streiks.

Gle­ich­wohl ist die Streik­beteili­gung nicht so hoch wie erwartet, wenn men­sch den Zahlen der Geschäfts­führung Glauben schenkt. Zwis­chen 35 und 48 Prozent soll die Beteili­gung der rund 140.000 SNCF-Arbeiter*innen betra­gen. Das ist immer noch aus­re­ichend, um den Verkehr lah­mzule­gen, sodass etwa nur 20 Prozent der Schnell- und nur 10 Prozent der Region­alzüge fahren. Das Prob­lem jedoch ist, dass sich die Geschäfts­führung im Ver­bund mit der Regierung darauf leicht ein­stellen kann, indem sie selb­st alter­na­tive Fahrmöglichkeit­en bere­it­stellen wie etwa OuiBus. Dieses franzö­sis­che Äquiv­a­lent zu Flixbus gehört zufäl­liger­weise der SNCF selb­st. Eine Tak­tik, die so etwas zulässt, demor­al­isiert die Arbeiter*innen und lässt die Wirkung der Streiks Stück für Stück ver­puffen. War am 3. April, dem ersten Streik­tag, noch von einem his­torischen „schwarzen Dien­stag” die Rede, so „gewöh­n­ten” sich in den Tagen und Wochen danach die Pendler*innen und die Arbeiter*innen an den merk­würdi­gen Rhyth­mus. So wird der Streik mit ange­zo­gen­er Hand­bremse in einem Land, das kein Streikgeld ken­nt, unnötig in die Länge gezo­gen.

Wir müssen keinen Streik bis zum St. Nim­mer­le­in­stag machen, son­dern jet­zt voll losle­gen. Wir brauchen die Ein­heit der Streik­enden und diese Ein­heit der Streik­enden ist nicht die Ein­heit der Gew­erkschaft­sap­pa­rate.

So benan­nte Anasse Kaz­ib, wer für die Ver­schlep­pung des Streiks die Ver­ant­wor­tung trägt. Der zuständi­ge CGT-Gen­er­alsekretär für die SNCF und Architekt der Per­len­streiks, Lau­rent Brun, sprach dage­gen davon, dass dieser Kampf kein Sprint, son­dern ein Marathon sei. In diesem Sinne will er die „Bewe­gung bis Ende Juni fort­führen”, um sie zu „ver­stärken”.

Solidarität und Zusammenführung der Kämpfe

Während die bürg­er­lichen Medi­en im Dien­ste der Regierung keine Gele­gen­heit aus­lassen, um gegen die Streik­enden zu het­zen, gibt es der­weil eine große Sol­i­dar­itätswelle im ganzen Land. In nur 15 Tagen wur­den über 600.000 Euro für die Streikkassen gesam­melt. In nahezu allen Umfra­gen befür­wortet ein Großteil der Bevölkerung die Streiks, auch weil sie zur Vertei­di­gung des öffentlichen Dien­stes geführt wer­den. Denn die Reform inklu­sive der Pri­vatisierung würde eine mas­sive Ver­teuerung und Ver­schlechterung eines essen­tiellen Teils der öffentlichen Daseinsvor­sorge bedeuten; fast 5 Mil­lio­nen Bürger*innen nutzen täglich die SNCF. Da auf dem Land gle­ichzeit­ig fast 9000 Kilo­me­ter an „unrentablen” Streck­en gestrichen wer­den sollen, haben sich an eini­gen Orten auch Komi­tees zur Vertei­di­gung des Strecken­net­zes gebildet, welche die Streiks unter­stützen.

Ein großer Teil der Streikun­ter­stützung kommt aber auch von­seit­en der kämpfend­en Studieren­den. Sie sind ihrer­seits in Bewe­gung gegen die geplante Uni­ver­sität­sre­form, welche den Zugang zu den Uni­ver­sitäten für ärmere Fam­i­lien erschw­eren würde. Trotz ein­er beispiel­losen Repres­sion durch den Staat sind immer mehr Fakultäten in den Streik getreten. 30 bis 40 von ihnen sind block­iert. Es ist eine Bewe­gung, die sich wie ein Lauf­feuer aus­bre­it­et. Anfang März war es nur die Uni­ver­sität Toulouse-Le Mirail, wo die Studieren­den gemein­sam mit den Uni­ver­sitäts­beschäftigten im Streik waren und die Uni­ver­sität block­ierten (seit dem 6. März hält die Block­ade unun­ter­brochen an). Immer mehr Studierende schlossen sich der Bewe­gung an, im ganzen Land kommt es inzwis­chen zu Vol­lver­samm­lun­gen mit bis zu 5000 Teil­nehmenden wie zulet­zt in Rennes. Dort wird demokratisch über die Fort­führung der Block­ade entsch­ieden.

Es ist eine Massen­be­we­gung der Studieren­den, die Macron in seinem ersten Inter­view in diesem Jahr als „pro­fes­sionelle Agitator*innen” und als eine Min­der­heit angriff. Die Bil­dungsmin­is­terin, Frédérique Vidal, die auch das Gesetz ent­warf, hat mit­tler­weile die Polizei dazu ermächtigt, jed­erzeit die Uni­ver­sitäten zu stür­men und die Beset­zun­gen aufzulösen. Von dieser repres­siv­en Ermäch­ti­gung machte sie am let­zten Don­ner­stag Gebrauch, als mehrere Hun­dert Studierende die Sor­bonne kurzzeit­ig beset­zten. Die Ein­satzkräfte scheit­erten mit der gle­ichen Maß­nahme jedoch an der anderen Fakultät der Uni­ver­sität Paris, in Tol­bi­ac. Dort wurde vor drei Wochen die “Freie Kom­mune Tol­bi­ac” aus­gerufen und die Fakultät beset­zt. Dutzende Hun­dertschaften wur­den dort zusam­menge­zo­gen, kon­nten jedoch angesichts ein­er rapi­den Mobil­isierung mit bis zu 1000 Studieren­den und Arbeiter*innen nichts aus­richt­en.

Die Freie Kom­mune Tol­bi­ac: Das ist die Uni­ver­sität, wo vor ein­er Woche ein faschis­tis­ch­er Angriff stat­tfand, als bis zu 20 mask­ierte und mit Eisen­stan­gen bewaffnete Faschist*innen mit­ten in der Nacht die beset­zen­den Studieren­den mit Steinen und Flaschen bewar­fen. Es wurde dort nie­mand ver­let­zt und der Angriff wurde zurück­geschla­gen, weil zuvor ein Selb­stvertei­di­gungskomi­tee gegrün­det wor­den war. Eine Lehre aus dem faschis­tis­chen Angriff in Mont­pel­li­er Ende März, als mit Zus­tim­mung des Dekans der beset­zten Fakultät der Rechtswis­senschaften faschis­tis­che Schläger*innen die protestieren­den Studieren­den blutig schlu­gen.

Der­lei faschis­tis­che Angriffe, die sich auch in Lille, Nantes oder Straßburg ereigneten, treten auf in Kom­bi­na­tion mit der Repres­sion durch die Polizei. Nach­dem Räu­mungsver­suche seit­ens der Polizei scheit­ern, sind es nun kleine faschis­tis­che Ban­den, welche die kämpferischen Studieren­den ter­ror­isieren sollen. Es ver­wun­dert nicht, dass der­lei Grup­pen wie in Tol­bi­ac Verbindun­gen zum Front Nation­al (der sich neuerd­ings Rassem­ble­ment Nation­al nen­nt) haben und von der Polizei ver­schont wer­den. Die Angriffe sind zumeist von kurz­er Dauer und mit Aus­nahme von Mont­pel­li­er eher pro­voka­tiv­er Natur, da die beset­zen­den Studieren­den deut­lich in der Überzahl sind.

Es spricht für die Bewe­gung der Studieren­den, dass sie trotz der Angriffe weit­er­hin wächst. Es scheint gar, als wür­den die skan­dalösen Angriffe sie sog­ar noch mehr motivieren. „Für jeden Studieren­den, den sie mit Knüp­peln schla­gen; für jede*n Eisenbahner*in, den sie mit Trä­nen­gas angreifen, müssen 100 weit­ere Studierende zu uns stoßen, müssen 100 weit­ere Eisenbahner*innen in den Streik treten”, brachte es Arthur, der in Tol­bi­ac studiert, auf den Punkt.

Die Inten­sität der Studieren­den­be­we­gung ist seit Wochen auch deswe­gen so hoch, weil sie das Prinzip der Ein­heit der Arbei­t­en­den und Studieren­den hochhält. In vie­len Städten wird aktiv die Zusam­men­führung der Kämpfe gegen ein und dieselbe Regierung propagiert und umge­set­zt. In Tol­bi­ac kam es am Fre­itag zu ein­er gemein­samen Demon­stra­tion von Streik­enden und Studieren­den, einen Tag später gab es dort ein großes Streik­fest, wo 6000 Euro für die Streikkassen gesam­melt wur­den.

Der Rekurs auf den Mai ’68

Die Bilder ähnel­ten denen aus dem Mai des Jahres 1968 und 50 Jahre nach der größten Streik­be­we­gung der franzö­sis­chen Geschichte drän­gen sich die Ver­gle­iche fast von selb­st auf. Es war die gle­iche Sor­bonne im berühmten Quarti­er Latin, welche die Studieren­den beset­zten. Es war in Nan­terre, wo vor 50 Jahren die berühmte „Bewe­gung des 22. März” ent­stand, als die Studieren­den mit Gewalt aus der Fakultät gez­er­rt wur­den und viele von ihnen festgenom­men wur­den. Nicht nur die Studieren­den, son­dern auch die Arbeiter*innen erin­nern regelmäßig mit ihren Slo­gans und Trans­par­enten an den Mai ’68. Von einem „Mai ’68 bis zum Schluss” oder einem „neuen Mai ’68” ist dort die Rede. Während ersteres auf das enorme rev­o­lu­tionäre Poten­zial jen­er Zeit anspielt, bezieht sich zweit­eres auf das Nar­ra­tiv, dass der Mai ’68 eine soziale Bewe­gung war, die beein­druck­ende Errun­gen­schaften erzielte. Damals wurde etwa das Vertre­tungsrecht der Gew­erkschaften anerkan­nt oder der Min­dest­lohn um 35 Prozent erhöht.

Gemein­sam ist bei­den Bewe­gun­gen, der dama­li­gen und der heuti­gen, dass die Avant­garde die Notwendigkeit der Zusam­men­führung der Kämpfe erkan­nt hat. Der Mai ’68 ist das Parade­beispiel für eine ras­ante Streik­welle, wo ein Sek­tor nach dem anderen in den Streik tritt und so ein Gen­er­al­streik entste­ht, der das gesamte Land paralysiert. Es lohnt sich, einen Überblick über eine Streik­be­we­gung zu haben, wie es sie seit­dem in den impe­ri­al­is­tis­chen Län­dern nicht mehr gab:

13. Mai: 24-stündi­ger Gen­er­al­streik aus Sol­i­dar­ität mit den Studieren­den

14. Mai: Streiks und Fab­rikbe­set­zun­gen bei dem Flugzeugher­steller Sud-Avi­a­tion mit 20.000 Beschäftigten sowie bei den Renault-Werken in Cléon

16. Mai: Mas­sive Aus­dehnung der Streiks auf die Auto­mo­bil­fab­riken, die Hafenarbeiter*innen, die Eisen­bahn, die städtis­chen Verkehrs­be­triebe sowie die Banken

17. Mai: Streiks bei der Post und bei Air France sowie Fab­rikbe­set­zung bei dem Chemie­un­ternehmen Rho­di­ac­eta

Das war der Beginn ein­er Streik­welle, die sich ras­ant aus­dehnte und am 19. Mai zu einem Gen­er­al­streik par excel­lence wurde, der nahezu voll­ständig im ganzen Land einge­hal­ten wurde. Bis zu über 10 Mil­lio­nen Beschäftigte soll­ten im Laufe der näch­sten drei Wochen in den Streik treten und den Staat ins Wanken brin­gen.

Für die heuti­gen Kämpfend­en ist daher der Mai ’68 ein his­torisches Vor­bild, eine Anleitung zum Han­deln. In diesem Sinne ist der Rekurs richtig und er knüpft an einen Moment im Erbe unser­er Klasse an, als zum ersten Mal seit dem zweit­en Weltkrieg in einem impe­ri­al­is­tis­chen Land eine rev­o­lu­tionäre Sit­u­a­tion ent­stand.

Gle­ich­wohl darf nicht vergessen wer­den, dass es bedeu­tende Unter­schiede gibt und dass die heutige Bewe­gung vor anderen, ungle­ich schwierigeren Her­aus­forderun­gen ste­ht. Zum einen hat die Studieren­den­be­we­gung noch nicht die gle­ichen Aus­maße wie vor 50 Jahren erre­icht, denn heute vere­inigt sie noch eine Masse, die führungs­los ist. Es fehlt an ein­er nationalen Koor­dinierung (der größte Studieren­den­ver­band, die Unef, diskred­i­tierte sich selb­st auf­grund sein­er Nähe zur Sozial­is­tis­chen Partei) sowie an mit­tel-großen Jugen­dor­gan­i­sa­tio­nen wie es ’68 z.B. mit der trotzk­istis­chen Jeunesse Com­mu­niste Rev­o­lu­tion­naire, der eben­falls trotzk­istis­chen Féder­a­tion des Étu­di­ants Révo­lu­tion­naires, der maois­tis­chen Union des jeuness­es com­mu­nistes marx­istes-lénin­istes oder eben der Bewe­gung des 22. März der Fall war. Wo es keine solche Basis gibt, kön­nen auch keine öffentlichen Fig­uren wie damals Daniel Cohn-Ben­dit, Jacques Sauvageot oder Alain Geis­mar entste­hen. Es ist daher wenig erstaunlich, dass es (noch) kein Gesicht dieser Bewe­gung gibt.

Aber auch die Arbeiter*innenbewegung ist in ein­er deut­lich schwächeren Posi­tio­nen, sowohl was den Organ­isierungs­grad in den Gew­erkschaften als auch die Vertre­tung in den Arbeiter*innenparteien ange­ht. Während die Con­fédéra­tion générale du tra­vail (CGT) vor 50 Jahren rund 2,3 Mil­lio­nen Arbeiter*innen organ­isierte, ist diese heute auf weniger als 700.000 geschrumpft. Es ist fast schon müßig zu erwäh­nen, dass ihre große Schwest­er, die Kom­mu­nis­tis­che Partei, seit dieser Zeit vol­lkom­men unterge­gan­gen ist. Nicht, dass wir die ver­rä­ter­ische Rolle bei­der (damals strikt stal­in­is­tis­ch­er) Organ­i­sa­tio­nen von damals vergessen hät­ten, als sie die Studieren­den denun­zierten und als “klein­bürg­er­lich” abtat­en — his­torische Tat­sache ist aber auch, dass es ihre Basis war, welche das Herz der Streik­be­we­gung aus­machte. Erin­nert sei an die großen Renault-Werke in Boulogne-Bil­lan­court, wo es 30.000 Arbeiter*innen an einem Indus­tri­e­s­tandort gab, die unter der Hege­monie der CGT standen. Dort begann die Bewe­gung der Arbeiter*innen.

Der schwächere Organ­i­sa­tion­s­grad hat auch damit zu tun, dass in der Zwis­chen­zeit wichtige Indus­triezweige pri­vatisiert wur­den, in denen prekäre Arbeits­be­din­gun­gen herrschen, welche die gew­erkschaftliche Organ­i­sa­tion der Arbeiter*innen erschw­eren. In diesem Sinne erscheint der Kampf um die SNCF als ein defen­siv­er um eine der let­zten Bas­tio­nen der Arbeiter*innenklasse neben dem Met­all- und Chemiesek­tor. Macron will mit den Angrif­f­en auf die Eisenbahnarbeiter*innen und die Studieren­den sich­er­stellen, dass es kein­er­lei Mobil­isierungspoten­ziale mehr in genau jenen bei­den Sek­toren gibt, die in der Ver­gan­gen­heit die Avant­garde der sozialen Bewe­gun­gen waren. Indem er bei­de Angriffe aber gle­ichzeit­ig aus­führt, provoziert er ger­ade die Ein­heit unter ihnen.

Doch selb­st bei­de Sek­toren zusam­men wer­den nicht in der Lage sein, die Angriffe abzuwehren. Das liegt ein­er­seits an der bere­its skizzierten Streik­tak­tik und ander­er­seits an der enor­men Repres­sion gegen die Studieren­den. Und in diesem Sinne erscheint der Mai ’68 vor allem als eines: Als Hoff­nung auf eine Aus­bre­itung und damit Ver­stärkung der Streik­front. Die Arbeiter*innen wis­sen um den Grad der Her­aus­forderung, vor der sie ste­hen, deshalb wer­den unter ihnen die Stim­men laut, dass ver­schiedene Streiks wie bei der Air France, der Super­mark­tkette Car­refour oder der Mül­lentsorgung zusam­menge­führt wer­den müssen. Als Schlüs­sel für die Zusam­men­führung der Streiks kommt jedoch der öffentliche Dienst infrage, der im ver­gan­genen Jahr zum ersten Mal seit über zehn Jahren streik­te und in der Lage ist, Hun­dert­tausende auf die Straßen zu brin­gen.

Vor dem Hin­ter­grund, dass Macron langfristig in diesem Sek­tor 120.000 Stellen stre­ichen will, erscheint es unver­ständlich, warum die Gew­erkschaften erst für den 22. Mai zu Mobil­isierun­gen aufrufen. Die CGT ver­fol­gt dabei eine Tak­tik, welche die Mobil­isierun­gen in die Länge zieht und voneinan­der tren­nt. Das ist nicht nur der „klas­sis­chen” Angst seit­ens der Gew­erkschafts­bürokratie geschuldet, die Kon­trolle über die Streiks zu ver­lieren, son­dern auch der Tat­sache, dass sie seit­ens der Con­fédéra­tion française démoc­ra­tique du tra­vail (CFDT), dem heute größten Gew­erkschaftsver­band in Frankre­ich, von rechts mas­siv unter Druck geset­zt wird. Im Gegen­satz zu 1968 haben es die Beschäftigten bish­er noch nicht geschafft, die Gew­erkschaften so stark unter Druck zu set­zen, dass sie als Ein­heit in der Streik­front agieren. Während der Gen­er­al­streik vom 13. Mai 1968 (auch zum Protest gegen den zehn­ten Jahrestag des bona­partis­tis­chen Putsches von Charles de Gaulle) aus Sol­i­dar­ität mit den Studieren­den und gegen die Polizeige­walt in den vorheri­gen Bar­rikaden­nächt­en von Paris auch von der CFDT unter­stützt wurde, ist heute ein solch­er Aufruf ger­adezu unvorstell­bar. Der syn­dikalis­tis­che Kampf soll strikt vom poli­tis­chen Kampf getren­nt bleiben.

Heute ist es die CFDT, deren Gen­er­alsekretär Lau­rent Berg­er eine Mar­i­onette der Regierung gewor­den ist, die diese Tren­nung mit großem Eifer voran­bringt. Unter­stützt durch die bürg­er­lichen Medi­en, welche Ein­heit der Gew­erkschaften durch­brechen und die CGT isolieren wollen, rei­ht sich Berg­er in das Lager des Kap­i­tals ein, indem er den Aktion­stag am 19. April, der ver­schiedene Beruf­szweige erfassen soll und von der CGT lanciert wurde, ablehnt. Auf den Gen­er­alsekretär der CGT ange­sprochen sagte er:

Was ist das Ziel von Mar­tinez? Macron stürzen? Das ist eine Sack­gasse. Was bringt das den Beschäftigten? Die CGT fällt in die Falle der frontal­en Oppo­si­tion und am Ende sehen wir dann, wer gewin­nt. Die Zusam­men­führung der Kämpfe ist ein poli­tis­ch­er Kampf. Es ist nicht Auf­gabe der Gew­erkschaften, einen solchen Kampf zu führen. Wir müssen einen gew­erkschaftlichen Kampf führen, der den Arbeiter*innen konkrete Ergeb­nisse bringt.

Mit dieser Logik kön­nen die Streiks auch gle­ich eingestellt wer­den. Für die streik­enden Arbeiter*innen der SNCF, die fast auf die Hälfte ihres Monats­ge­halts verzicht­en müssen, bedeutet das, dass sie zwar große Opfer brin­gen, am Ende aber mit leeren Hän­den daste­hen. Dabei gibt es ger­ade diese kün­stliche Tren­nung nicht. Vielmehr muss fest­gestellt wer­den, wie Lenin sagt:

Was aber ist Klassenkampf? Wenn die Arbeit­er ein­er einzel­nen Fab­rik, eines einzel­nen Berufs den Kampf gegen ihren Unternehmer oder gegen ihre Unternehmer aufnehmen, ist das Klassenkampf? Nein, das sind erst schwache Ansätze dazu. Der Kampf der Arbeit­er wird erst dann zum Klassenkampf, wenn alle fortschrit­tlichen Vertreter der gesamten Arbeit­erk­lasse des ganzen Lan­des sich bewußt wer­den, eine ein­heitliche Arbeit­erk­lasse zu sein, und den Kampf nicht gegen einzelne Unternehmer, son­dern gegen die ganze Klasse der Kap­i­tal­is­ten und gegen die diese Klasse unter­stützende Regierung aufnehmen. Erst dann, wenn der einzelne Arbeit­er sich bewußt ist, ein Teil der ganzen Arbeit­erk­lasse zu sein, wenn er in seinem tagtäglichen Kleinkampf gegen einzelne Unternehmer und einzelne Beamte den Kampf gegen die ganze Bour­geoisie und gegen die ganze Regierung sieht, erst dann wird sein Kampf zum Klassenkampf. ‘Jed­er Klassenkampf ist ein poli­tis­ch­er Kampf’— diese berühmten Worte von Marx dür­fen nicht in dem Sinne ver­standen wer­den, jed­er Kampf der Arbeit­er gegen die Unternehmer wäre stets ein poli­tis­ch­er Kampf. Sie müssen so ver­standen wer­den, daß der Kampf der Arbeit­er gegen die Kap­i­tal­is­ten notwendi­ger­weise in dem Maße poli­tis­ch­er Kampf wird, als er zum Klassenkampf wird.

Es ist jet­zt an der Zeit, dass nicht nur die Gew­erkschaften ein­heitlich agieren, son­dern auch, dass sie einen Kampf­plan durch­set­zen, dessen Kern der unbe­gren­zte Streik sein muss. In diesem Sinne tra­gen die Eisenbahnarbeiter*innen von Paris Nord und Saint Lazare das Erbe des Mai ’68 fort, als die oben genan­nten Sek­toren ihre Streiks bewusst unlim­i­tiert began­nen und erst damit aufhörten, als sie soziale Zugeständ­nisse sich­er hat­ten. Mehr noch: Als am 26. Mai 1968 die Gew­erkschaften mit den Unternehmen und der Regierung die ersten Verbesserun­gen abgemacht hat­ten, wur­den diese prompt von den streik­enden Arbeiter*innen abgelehnt, da die Beschlüsse ihnen nicht weit genug gin­gen. Darin zeigte sich die Kraft der Arbeiter*innen. Sie fol­gten nicht einem zahn­losen, vorherse­hbaren Streik­plan, son­dern streik­ten so lange, wie sie selb­st entsch­ieden.

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