Deutschland

Pride Month ist vorbei und unser Kampf geht weiter!

Warum wir jeden Tag im Jahr für queere Befreiung kämpfen müssen und wie unsere Strategie dazu aussieht, wollen wir mit dir bei unserer Veranstaltung am 22. Juli diskutieren und dann am Tag danach gemeinsam mit dir auf der Straße bei der internationalistischen Pride zeigen!

Pride Month ist vorbei und unser Kampf geht weiter!
Foto: KGK

Der Juni ist vorbei, etliche Firmen haben ihre Logos auf Social Media wieder ohne Prideflag eingestellt, Special-Pride-Editions von diversen Produkten sind reduziert in Geschäften auffindbar – für Bosse, Firmen und Marketing geht es wieder daran für die nächsten 11 Monate andere Möglichkeiten zu finden, sich zu verkaufen und Geld zu machen, als ihre Produkte mit Regenbögen zu schmücken.

Gleichzeitig war der vergangene Juni, wie jeder Pride Month, keine Zeit, um wirklich proud zu sein, eher hat er in vielerlei Hinsichten ein schlechtes Gefühl bei uns hinterlassen wegen dem, was geschehen ist und dem, was uns Queers möglicherweise noch passieren könnte. Zwar haben wir hier in Deutschland seit kurzer Zeit das Selbstbestimmungsgesetz, wonach trans, inter und nicht binäre Personen ihren Namen und Geschlecht einfach und unkompliziert beim Standesamt ändern können und nicht wie bisher einen langwierigen Prozess mit zwei Gutachten unterlaufen müssen, bei dem Menschen oft Queerfeindlichkeit ausgesetzt sind. Diese Reform ist etwas sehr Gutes und wird de facto das Leben vieler Menschen erleichtern.

Wir freuen uns sehr für alle die, die nun durch dieses Gesetz keine Unsummen von Geld ausgeben müssen und sich keinen schikanierenden psychologischen Gutachten unterziehen müssen, nur um ihren richtigen Namen und das korrekte Geschlecht in ihren Dokumenten stehen zu haben. Denn abgesehen von der positiven Nachricht von diesem Gesetz ist das Leben für Queers im Juni wie in jedem anderen Monat noch nicht so sicher und unbeschwert gewesen, wie wir es uns wünschen würden: Neben queerfeindlichen Narrativen in den Medien haben sich allein in Deutschlands Hauptstadt Berlin seit 2014 die Zahl der gemeldeten Straftaten gegen LGBTQI+-Personen verfünffacht. In einem Artikel des RBB dazu heißt es zusätzlich, dass Angriffe gegen queere, weiblich gelesene Personen zudem meistens nicht als queerfeindlich, sondern als Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gewertet werden, und damit in andere Statistiken kommen.

Doch nicht nur, dass wir als queere Menschen selbst in der als oftmals so offen und queerfreundlich hoch gehypten Metropole Berlin tagtäglich einer realen Gefahr ausgesetzt sind, mit Queerfeindlichen Äußerungen bis hin zu physischer Gewalt konfrontiert zu sein. Der Juni hat uns auch gezeigt, dass die Reformen, die unsere Leben ja verbessern können, uns genauso schnell wieder genommen werden können – auch gerade von westlichen imperialistischen Ländern, die nur zu gerne mit dem Finger auf andere Regierungen zeigen und deren Queerfeindlichkeit anklagen – nur, um Frauen und Queers das Leben ebenfalls durch krasse Einschränkungen ihrer Rechte zu verschlechtern.

Als in den USA im Juni das Recht auf körperliche Selbstbestimmung gekippt wurde, gab es zu Recht einen großen Aufschrei durch diesen krassen Angriff auf die Rechte gebärender Personen. Etwas untergegangen dabei sind die Überlegungen auf weitere Angriffe auf Reformen, die gerade die Rechte von Queers betreffen: Supreme Court Richter Clarence Thomas hat sich wohl gegenüber den anderen Supreme Court Richter:innen dafür ausgesprochen, man solle sich, jetzt wo Roe vs Wade gekippt wurde, doch auch nochmal die Reformen zu beispielsweise Zugang zu Verhütungsmitteln, aber eben auch gleichgeschlechtlicher Ehe “anschauen”. Zudem wurden über 300 Gesetze, die sich gegen LGBTQI+ richten, in den US-Parlamenten der einzelnen Bundesstaaten vorgeschlagen, teils sogar schon verabschiedet worden.

Was uns das so schmerzhaft vor Augen führt, ist folgendes: Reformen, die oftmals hart erkämpft wurden, sind keine Nettigkeit von Politiker:innen. Sie bedeuten kein in Stein gemeißeltes Umdenken der Gesellschaft, in der wir leben, sie bedeuten nicht zwangsläufig weniger Queerfeindlichkeit, weniger Sexismus oder weniger Rassismus. Sie sind im Kapitalismus etwas, was hart erkämpft werden muss (erinnern wir uns an die Kämpfe der Bewegung für Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen in Argentinien), uns aber auch wieder genommen werden kann. Kurz: Reformen sind etwas, was unsere Leben ein Stück befreiter machen kann, aber wegen der Möglichkeit der Rücknahme keine endgültige Befreiung bringen können. Und das ist beabsichtigt.

Denn wirkliche queere Befreiung, also gleiche Rechte, gleicher Lohn und keine queerfeindliche Gewalt wird uns im Kapitalismus nicht möglich sein. So stellt unsere Befreiung doch einen Angriff auf einen der Grundpfeiler dieses ausbeuterischen und unterdrückerischen Systems dar: die geschlechtliche Arbeitsteilung.

Die gängige heterosexuell-monogame Rolle ist ebenso eine Konstruktion, bestimmt durch materialistische Grundlagen, also durch das Verhältnis von Mensch zu Produktion. Das bedeutet, dass das System, welches bestimmt, wie wir die Lebensmittel bekommen, die wir essen, wie wir unsere Gemeinschaften organisieren und was wir mit dem Großteil unseres Tages machen, auch unsere sexuellen und geschlechtlichen Identitäten prägt. Im Vergleich zu vorkapitalistischen Zeiten hat der Kapitalismus eine neue Art von familiären Beziehungen hervorgebracht. Der Arbeitsplatz ersetzt das Haus als Produktionsstätte, Güter werden woanders produziert und gekauft, das Haus bleibt Ort für Reproduktion und Schaffung neuer Arbeitskräfte, also kochen, pflegen, erziehen. Durch diese Trennung in die öffentliche Sphäre (Produktion) und die private (Reproduktion) ist eine bestimmte Frauenrolle entstanden, in der Frauen für die unbezahlte Arbeit im Haushalt verantwortlich gemacht werden. Doch nicht nur verdienen Frauen meist weniger als Männer, sondern die Arbeitskraft von Frauen wird doppelt ausgebeutet: unbezahlt im Haushalt und schlecht bezahlt in der Produktion.

Heute leben wir in „modernen Demokratien“. In einigen Ländern sind Queers und Straighte Menschen frei und gleich – zumindest vor dem Gesetz. Diese Ideale von Freiheit und Gleichheit geben uns allen die Freiheit, unsere Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt zu verkaufen. Freiheit und Gleichheit bedeuten jedoch keineswegs eine echte Freiheit und Gleichheit, sondern Rassismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit, die gesetzlich verankert sind, um vom Kapitalismus gebraucht zu werden. Oder wie wir besprochen haben, warum der Kapitalismus Sexismus braucht: um reproduktive Arbeit im Privaten auch unbezahlt zu lassen, braucht dieser auch Queerfeindlichkeit.

aus dem Artikel: Born this way? Queere Identitäten und Kämpfe im Kapitalismus

 

Das lehrt uns mindestens zwei Dinge. Zum einen – unsere queeren Identitäten, unsere Sexualität öffentlich zu erkennen und offen zu zeigen, stellt die vom Kapitalismus benötigte geschlechtliche Arbeitsteilung, die uns von klein auf beigebracht wird, infrage. Denn was, wenn ich merke, dass das Geschlecht, das mir bei der Geburt zugeschrieben wurde, gar nicht stimmt? Was, wenn ich erkenne, dass das heterosexuelle monogame Begehren, das mir jeden Tag in Medien und Werbung gezeigt wird, nichts ist, womit ich mich identifizieren kann und was für mich begehrenswert ist? Was, wenn ich ein Leben lebe abseits der sexuellen und geschlechtlichen Normen, die mir der Kapitalismus vorgibt. Bin ich dann nicht auch sehr viel mehr geneigt, andere Dinge, wie eben die geschlechtliche Arbeitsteilung zu überdenken?

Und was, wenn ich selbst merke, dass ich in einem Land lebe, dass sich wie Deutschland oftmals für Vielfalt, Diversität und zumindest auf dem Papier für queere Rechte ausspricht, aber dass mein Leben als queere Person trotzdem verschlechtert: durch andere Löhne als die, die meine hetero-Kolleg:innen bekommen, durch krass hohe Mieten, durch Subventonierung von Konzeren in der Krise während Menschen ihre Energierechnung nicht mehr zahlen können? Streiken denn etwa im Hamburger Hafen oder in der Klinik in NRW ausschließlich cis-hetero-Personen? Sind denn alle Menschen, die jetzt vor jedem Lebensmitteleinkauf Bauchschmerzen bekommen, weil lebensnotwendiges Essen viel zu teuer ist, cis-hetero-Personen?

Wenn wir für queere Befreiung kämpfen und ein gutes Leben für Queers kämpfen, dann müssen wir gegen den Kapitalismus kämpfen. Denn wenn wir weiterhin durch Bosse ausgebeutet werden, wenn wir Angst vor steigenden Mieten, zu teurem Essen, Reallohnverlusten durch Inflation und Kriegen haben müssen, wie frei können wir dann leben?

Wir wollen keine Repräsentation von queeren Personen im Bundestag oder in der Chefetage, die durch Gesetze oder Lohnkürzungen unser Leben in so vielen Bereichen verschlechtern können. Wir wollen als Queers, die sowohl die gleichen Rechte als auch eine Verbesserung unserer Lebensumstände, und diese wollen wir erkämpfen – gemeinsam mit dir.

Wie der Kampf für wirkliche Befreiung aussehen muss, Beispiele wie er aussehen kann und wo wir beginnen müssen, wollen wir zusammen mit dir in Berlin bei unserer Veranstaltung in lockeren Rahmen am 22. Juli um 18 Uhr im Laika zu diskutieren. Neben Diskussionen wollen wir den Abend auch nutzen, die Internationalistischen Pride, die am 23. Juli um 17 Uhr und auf dem Hermannplatz startet, zu besprechen und dann dort auch am nächsten Tag mit möglichst vielen von euch mitzulaufen.

Gern könnt ihr uns schon mal vorher auf Social Media Bescheid sagen, wenn ihr kommen wollt oder uns eine Email schreiben – ihr seid aber auch herzlich eingeladen, einfach spontan rumzukommen. Es wäre gut, wenn ihr euch vorher testet!

Pride Month ist vorbei und unser Kampf geht weiter!
Diskussionsveranstaltung zum Internationalist Pride March
22. Juli um 18 Uhr im Laika, Emser Str. 131, 12051 Berlin

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