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Prekäre Traumjobs

HOCHSCHULEN: Neun von zehn wis­senschaftlichen Mitarbeiter*innen an den Uni­ver­sitäten arbeit­en befris­tet. Gew­erkschaft protestiert dage­gen mit ein­er Aktionswoche.

Prekäre Traumjobs

// HOCHSCHULEN: Neun von zehn wis­senschaftlichen Mitarbeiter*innen an den Uni­ver­sitäten arbeit­en befris­tet. Gew­erkschaft protestiert dage­gen mit ein­er Aktionswoche. //

Frau Krüger, wo sind Sie?” Es ist acht Uhr mor­gens, als die E‑Mail ankommt. Um die Zeit hat­te Anne Krüger, wis­senschaftliche Mitar­bei­t­erin an der Uni­ver­sität Pots­dam, früher einen Kurs in Sozi­olo­gie gegeben. Doch ihr Arbeitsver­trag, der auf zwei Jahre begren­zt war, ist aus­ge­laufen, sie bekam eine andere Stelle in Berlin. Manche Studierende hat­ten die Änderung nicht mit­bekom­men.

Das ist keine untyp­is­che Geschichte. Auf jede*n dauer­haft angestellte*n Wissenschaftler*in an ein­er deutschen Hochschule kom­men neun befris­tet Beschäftigte. Und mehr als die Hälfte der Verträge läuft schon nach weniger als zwölf Monat­en aus.

Die Zahl der Studieren­den steigt ras­ant, doch in den let­zten 15 Jahren sind kaum neue Stellen für Professor*innen geschaf­fen wor­den. Dafür hat sich die Zahl der wis­senschaftlichen Mitarbeiter*innen im gle­ichen Zeitraum ver­dop­pelt. Das Wach­s­tum der Hochschulen “ruht auf den Schul­tern der Grup­pen, die unter den schwierig­sten Bedin­gun­gen arbeit­en”, sagte Andreas Keller, stel­lvertre­tender Vor­sitzen­der der Gew­erkschaft Erziehung und Wis­senschaft (GEW), am Mon­tag in Berlin zum Auf­takt ein­er Aktionswoche gegen den “Befris­tungswahn” an den deutschen Unis. In allen Bun­deslän­dern sind Proteste unter dem Mot­to “Traumjob Wis­senschaft” geplant.

Für Swan­t­je Westp­fahl, die in Com­put­er­lin­guis­tik pro­moviert, war es lange der Traum­beruf schlechthin. “Doch ich habe mir über­legt, ob ich in der Forschung arbeit­en kann” sagt die Dok­torandin und wis­senschaftliche Mitar­bei­t­erin, “denn ich habe keine Per­spek­tive”. Denn die Chance, irgend­wann eine feste Stelle zu bekom­men, schätzt sie auf etwa zehn Prozent ein. Unter dem daraus resul­tieren­den Konkur­ren­zkampf lei­de die Forschung selb­st, sagte Westp­fahl. Bis­lang hat sie immer nur Jobs für ein oder zwei Jahre bekom­men.

Fast die Hälfte der Men­schen, die in Deutsch­land pro­movieren, sind Frauen. Doch ein paar Ebe­nen höher, bei den Pro­fes­soren, sind es nur 15%. “Frauen müssen sich wegen der Befris­tung aus der Forschung ver­ab­schieden” kri­tisiert Westp­fahl. In der Hin­sicht sind die Forderun­gen der GEW auch fem­i­nis­tis­che Forderun­gen.

Neues Gesetz

Am Don­ner­stag wird der Bun­destag in erster Lesung über eine Nov­el­lierung des Wis­senschaft­szeitver­trags­ge­set­zes berat­en, das bis­lang ein Aus­maß von Befris­tung erlaubt, das im nor­malen Arbeit­srecht ille­gal wäre. Die GEW fordert Min­dest­laufzeit­en für die Verträge und das Recht auf Ver­längerung für Men­schen mit Kindern. Man begrüße, dass die Regierungskoali­tion “die Missstände an Hochschulen und in der Forschung nicht länger” leugne, sagte Keller. Mit den “wach­swe­ichen For­mulierun­gen” im Geset­zen­twurf aus dem Wis­senschaftsmin­is­teri­um werde es aber nicht zu einem “echt­en Kur­swech­sel” kom­men.

Im Foy­er der Berlin­er Hum­boldt-Uni­ver­sität läutete die Gew­erkschaft die Aktionswoche mit einem auf­se­hen­erre­gen­den Auftritt von 50 Men­schen in auch das Gesicht ver­hül­len­den Ganzkör­per­anzü­gen ein. 45 von ihnen tru­gen rote, fünf grüne Ein­teil­er – und ver­an­schaulicht­en so das Ver­hält­nis von befris­tet und unbe­fris­tet beschäftigten wis­senschaftlichen Angestell­ten an den Hochschulen – und marschierten von der Uni zum Bran­den­burg­er Tor.

Kön­nen Leute mit Zeitver­trag für unbe­fris­tete Jobs streiken? “Ein Arbeit­skampf wäre rechtswidrig”, erk­lärte GEW-Hochschulex­perte Keller. Die Gew­erkschaft hat das The­ma Befris­tung aber immer wieder in die Tar­ifrun­den des öffentlichen Dien­stes einge­bracht – und gefordert, die “Tar­if­sperre” mit der Nov­el­lierung des Geset­zes aufzuheben.

Teach-In

Im Foy­er vor der Men­sa der Freien Uni­ver­sität Berlin ist unter­dessen eine Art “Speak­ers’ Cor­ner” ent­standen: Wer sich über etwas beschw­eren will, kann hier eine Rede hal­ten. Wer sich sein Mit­tagessen holt, hört im Vor­beige­hen kurz zu. Am Mon­tag sprachen aus­nahm­sweise bei einem “Teach-in” jene, die hier son­st sel­ten zu Wort kom­men: die Lehren­den.

Eine “kom­plette Absur­dität” nan­nte Lin­da Guzzetti die Arbeits­be­din­gun­gen beim Sprach- und Musikun­ter­richt an den Hochschulen. Aufträge gebe es nur für ein Semes­ter, selb­st wenn die Leute seit 20 oder 30 Jahren den gle­ichen Job machen. “Wir sind nicht mal Beschäftigte”, berichtete die Dozentin, die Kurse an ver­schiede­nen Berlin­er und bran­den­bur­gis­chen Hochschulen gibt. Deswe­gen haben Leute wie sie keine So­zialversicherung. Das mag Sinn machen für jeman­den, der einen Vol­lzeitjob hat und nur ein­mal die Woche an der Uni lehren möchte. Aber für die Leute, die das haupt­beru­flich machen, bedeutet das reine Aus­beu­tung.

Beim Teach-In unter­stützen auch sol­i­darische Studierende die Forderun­gen der prekär beschäftigten Wissenschaftler*innen. Doch das Inter­esse unter den Men­schen, die in den kurzen Pausen zwis­chen zwei Ver­anstal­tun­gen durch das Foy­er laufen, hält sich in Gren­zen. Schließlich wird hier ständig auch Wer­bung verteilt.

Die Wissenschaftler*innen wer­den nicht umhin kom­men, mit den Meth­o­d­en der Arbeiter*innenbewegung zu protestieren. Das kön­nte in Form von Streiks sein – das kön­nte aber auch mit Vorträ­gen und Unter­schriften­samm­lun­gen in Lehrver­anstal­tun­gen begin­nen. Aber ohne diesen Druck haben die Politiker*innen keinen Grund, an diesem prof­itablen Sys­tem zu rüt­teln. Manche wer­den behaupten, Streiks wären ille­gal – aber nur, wenn man das nicht pro­biert. Hof­fentlich kann die Aktionswoche einen Startschuss sein, um die sym­bol­is­che Ebene zu ver­lassen und einen wirk­lichen Kampf zu begin­nen.

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