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“Prekäre Bedingungen gibt es in vielen Branchen”

Amazon-Arbeiter*innen aus Deutschland und Polen treffen sich in Berlin. Ausweitung der Streiks nötig. Ein Gespräch mit Stefan Schneider, Mitglied des Berliner Solidaritätskreises für die Beschäftigten bei Amazon.

Warum kom­men Amazon-Arbeiter*innen aus ver­schiede­nen Län­dern am Woch­enende nach Berlin?

Vom 18. bis 20. Feb­ru­ar tre­f­fen sich Kolleg*innen aus Deutsch­land und Polen. Mit dabei sind Beschäftigte aus den Ver­sandzen­tren in Bad Hers­feld, Leipzig und Briese­lang sowie aus Poz­nań und Wroc­law. Es geht vor allem um einen direk­ten Infor­ma­tion­saus­tausch. Die inter­na­tionale Ver­net­zung soll verbessert wer­den. Und die große Frage lautet, wie der langjährige Arbeit­skampf bei Ama­zon gewon­nen wer­den kann.

Zum Auf­takt des Tre­f­fens find­et am Don­ner­stag Abend eine öffentliche Podi­ums­diskus­sion statt. Dort wer­den sich die Amazon-Kolleg*innen unter anderem mit Beschäftigten vom Botanis­chen Garten Berlin und von der BVG aus­tauschen. Auch migrantis­che Grup­pen sind dabei. Denn prekäre Arbeits­be­din­gun­gen gibt es ja nicht nur bei Ama­zon, son­dern in vie­len Branchen.

Ein erstes Tre­f­fen dieser Art fand im Sep­tem­ber ver­gan­genen Jahres im pol­nis­chen Poz­nań statt. Was waren die Ergeb­nisse?

Das Tre­f­fen im let­zten Herb­st war eine erste Möglichkeit, Infor­ma­tio­nen aus den ver­schiede­nen Stan­dorten über Arbeits­be­din­gun­gen, Lohn­ver­hält­nisse und antigew­erkschaftliche Strate­gien des Konz­erns zu erlan­gen. Oft­mals spielt Ama­zon mit Gerücht­en, um die Arbeiter*innen zu verun­sich­ern und die ver­schiede­nen Stan­dorte gegeneinan­der auszus­pie­len. Prak­tisch unun­ter­brochen wird mit der Schließung einzel­ner Stan­dorte gedro­ht. Deshalb ist der Aus­tausch so wichtig.

Beim let­zten Tre­f­fen wur­den ein regelmäßiger Infor­ma­tions­fluss etabliert sowie erste gemein­same Aktio­nen im Wei­h­nachts­geschäft beschlossen. Das soll jet­zt weit­erge­hen.

Nach Poz­nań kamen viele ver. di-Mit­glieder, aber keine Funktionär*innen der Gew­erkschaft. Woran lag das?

Das hat­te zwei Gründe. Zum einen sollte auch dort der direk­te Aus­tausch von Kolleg*innen zu Kolleg*innen im Vorder­grund ste­hen. Bish­erige Koor­di­na­tion­str­e­f­fen auf der Ebene der Funktionär*innen haben schein­bar nicht aus­re­ichend dazu beige­tra­gen, dass die Kolleg*innen sich untere­inan­der ken­nen­ler­nen. Zum anderen gibt es inner­halb von ver.di Kon­flik­te darüber, wie mit der anar­chosyn­dikalis­tis­chen Gew­erkschaft Inic­jaty­wa Pra­cown­icza umge­gan­gen wer­den soll, die in Polen in Konkur­renz zur ver.di-Schwester Sol­i­darnosc ste­ht. Ger­ade diese ist aber am Stan­dort Poz­nań tonangebend. Die Amazon-Kolleg*innen an der Basis, denen am meis­ten an inter­na­tionaler Ver­net­zung liegt, inter­essieren sich dafür aber unab­hängig von der Gew­erkschaft­szuge­hörigkeit. Trotz­dem sind in Berlin natür­lich auch ver. di-Haup­tamtliche ein­ge­laden. Wir hof­fen, dass sie zahlre­ich kom­men.

Der Streik bei Ama­zon in Deutsch­land läuft seit über drei Jahren. Steckt der Arbeit­skampf fest?

Es hat im ver­gan­genen Jahr schon gewisse Erfolge gegeben, wie die Ausweitung der Streik­beteili­gung auf neue Stan­dorte. Außer­dem wur­den ver­stärkt Tak­tiken aus­pro­biert, den laufend­en Betrieb zu stören, was stel­len­weise sehr erfol­gre­ich war. Aber alle Kol­le­gen, mit denen ich gesprochen habe, sind sich einig, dass der Arbeit­skampf weit­er inter­na­tion­al aus­geweit­et und der Stan­dort Briese­lang bei Berlin streik­fähig wer­den muss.

Über Ama­zon hin­aus haben die Gew­erkschaften in Deutsch­land aber auch ein Strate­gieprob­lem. Immer mehr Betriebe wollen keine Sozial­part­ner­schaft mehr, und die Gew­erkschaft­sap­pa­rate klam­mern sich verzweifelt an die “gute alte Zeit”. Bish­er kon­nten sie die Frage, wie Beschäftigte in beson­ders prekären Bere­ichen organ­isiert wer­den kön­nen, nicht beant­worten. Und bei der aktuellen Ausweitung prekär­er Arbeitsver­hält­nisse wird das Prob­lem nicht klein­er, son­dern größer.

In mehreren deutschen Städten gibt es Sol­i­dar­ität­skreise für die Ama­zon-Beschäftigten. Warum ist das Inter­esse so groß?

Der Konz­ern ist ein Vor­re­it­er in Sachen prekäre Beschäf­ti­gung. Ama­zon nutzt alle geset­zlichen Tricks aus, um unsichere Arbeits­be­din­gun­gen voranzutreiben, aber auch um Gew­erkschaften aus dem Betrieb her­auszuhal­ten. Wenn das Unternehmen damit durchkommt, hat das Auswirkun­gen auf alle Branchen. Deshalb ist der Kampf bei Ama­zon von gesamt­ge­sellschaftlich­er Bedeu­tung. Die Sol­i­dar­ität­skreise, die es in Leipzig, Kas­sel oder Berlin gibt, find­en ger­ade deshalb, dass dieser Kampf gewon­nen wer­den muss.

dieses Inter­view bei der jun­gen Welt

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