Geschichte und Kultur

Orange Is The New Black: Müssen wir „beide Seiten“ verstehen? [Spoiler]

Orange Is the New Black (OITNB) ist eine sozialkritische Netflix-Serie. Sie spielt in einem Frauengefängnis und inkludiert unterdrückte Identitäten, wie lesbische oder trans Frauen, erzählt auch die sozialen Widersprüche der USA. Ihr fehlt aber ein klarer Standpunkt, wie Staffel vier zeigt.

Orange Is The New Black: Müssen wir „beide Seiten“ verstehen? [Spoiler]

Während die „Black Lives Matter“-Bewegung in den USA ein Ende von ras­sis­tis­chen Polizeimor­den fordert und dabei an Größe gewin­nt, find­et dieses The­ma auch in der vierten Staffel der Net­flix-Serie Orange Is the New Black Wider­hall. Der soziale Kom­men­tar der Serie lässt allerd­ings mehr als zu wün­schen übrig: Die Darstel­lung des Mordes am les­bis­chen schwarzen Pub­likum­sliebling Poussey Wash­ing­ton, gespielt von Sami­ra Wiley, machte beson­ders schwarze Zuschauer*innen wütend.

Emotionalisierung durch Hintergrundgeschichten

Schon ab der Hälfte der Staffel wird ihr Tod vor­bere­it­et: Die Jugend des Täters, ein Gefäng­niswärter, wird dargestellt. Er wird lieb, ja harm­los porträtiert, wie er als Tee­nie kifft und sich als einziger in seinem Fre­un­deskreis nicht abfäl­lig äußert, wenn seine Leute und er Insassin­nen bei der Arbeit im Ort sehen. Während das Secu­ri­typer­son­al des Gefäng­niss­es mit der Pri­vatisierung in der drit­ten Staffel härter wird, bleibt er rel­a­tiv fre­undlich und zurück­hal­tend.

Ein paar Fol­gen vor Staffe­lende erfahren wir dann auch mehr über Pousseys Hin­ter­grund und wie sie in den Knast kam. Sie, eine unglaublich liebevolle junge Frau, die wegen ein­er skan­dalös gerin­gen Menge Gras im Gefäng­nis lan­dete, wird gezeigt, wie sie im New York­er Nachtleben unter­wegs ist, das erste Mal in einem LGBT*-Club feiert und sich mit Drag Queens anfre­un­det.

All diese Bilder wer­den vor der eigentlichen Tat gezeigt. Sie sollen dann eine möglichst starke emo­tionale Reak­tion der Zuschauer*innen aus­lösen. Poussey wurde für die Sto­ry geopfert, weil sie den Tod am wenig­sten von allen „ver­di­ent“ hat. Aber kein Schwarz­er Men­sch hat es „ver­di­ent“, von Bull*innen ermordet zu wer­den. Nicht für den Verkauf von CDs (Alton Ster­ling), nicht für das Tra­gen ein­er Spielzeug­waffe (Tamir Rice), nicht für ein kaputtes Rück­licht am Auto (Phi­lan­do Castile), nicht für das Fahren unter Dro­gene­in­fluss (Leroy Brown­ing), nicht für das Tra­gen ein­er Kapuze (Trayvon Mar­tin), nicht für den Besitz ein­er Waffe (Kor­ryn Gaines). Was diese Fälle zeigen: Die Opfer mit ihren indi­vidu­ellen „Tat­en“ sind nicht schuld an ihrer Ermor­dung – Ras­sis­mus und struk­turelle Polizeige­walt sind es.

Verständnis für Täter*innen

Weil Poussey nicht im ras­sis­tis­chen Ver­dacht der „eige­nen Schuld“ ste­ht, ver­fassten die Autor*innen ihren Tod. Mit ihr kann auch ein weißes, lib­erales Pub­likum mit­fühlen, das nicht die Abschaf­fung der Polizei fordert. Hinzu kommt, dass ihr Tod ein Unfall ist. Der Wärter, dessen Hin­ter­grund wir uns für mehrere Fol­gen schon ange­se­hen haben, mit dem wir mit­fühlen sollen, drückt sie in ein­er eskalieren­den Sit­u­a­tion in der Kan­tine des Gefäng­niss­es auf den Boden. Gle­ichzeit­ig ver­sucht er Suzanne abzuwehren. Poussey sagt, mit dem Bauch auf dem Boden liegend, mehrere Male, „I can’t breathe“, die Anlehnung an Eric Gar­ners Worte, bevor er im Würge­griff eines Polizis­ten starb, ist ein­deutig. „Was mich aufregt, ist, dass sie es nach einem Unfall haben ausse­hen lassen. Black Lives Mat­ter kämpft nicht gegen Unfälle. Woge­gen wir kämpfen, das ist beab­sichtigte Polizeige­walt”, sagt der YouTu­ber Cap­tainKirk sehr tre­f­fend in sein­er Kri­tik an der Serie.  Auch rei­ht sich der Tod der Les­be in das beliebte Nar­ra­tiv ein, queere Rollen (vorallem queere Frauen), zur Repräsen­ta­tion zu kreieren und sie dann zu opfern, weil Macher*innen denken, die Mehrheit der Zuschauer*innen hinge am wenig­sten an ihnen.

Nicht nur in der Vor­bere­itung und Darstel­lung von Pousseys Tod wird klar, dass es den Macher*innen darum geht, bei­de Seit­en zu Wort kom­men zu lassen. Auch im Fall von Pennsat­ucky, welche in der drit­ten Staffel von einem der Gefäng­niswärter verge­waltigt wird, kommt dieses Motiv zum Aus­druck. Der Täter wird gezeigt, wie er nette Dinge tut, und let­z­tendlich kommt Pennsat­ucky ihm wieder näher und vergibt ihm. Nie­mand behauptet, dass Täter*innen nicht auch nette Dinge tun kön­nen. Doch entschei­dend ist, dass von diesem Nar­ra­tiv des „Ver­ste­hens bei­der Seit­en“ nur eine prof­i­tiert: Die der Täter*innen.

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