Unsere Klasse

“Offensichtlich versucht man, die Leute aus dem Betrieb zu ekeln”

Die Beschäftigten des wombat's-Hostels in Berlin-Mitte haben im Herbst die Unterschrift unter den Branchentarifvertrag des Hotel- und Gaststättengewerbes erstreikt. Doch die Geschäftsleitung setzt weiter Union Busting-Methoden ein. Über die aktuelle Situation im Betrieb sprachen wir mit Raphael, Betriebsratsmitglied im wombat's Hostel in Berlin-Mitte.

Im Sep­tem­ber habt ihr nach über einem Jahr einen Tar­ifver­trag erstreikt. Wie ist die Stim­mung im Betrieb nach der Eini­gung?

Zwar gel­ten die Branchen­tar­ifverträge für uns seit dem 1. Juli rück­wirk­end, allerd­ings sind die Ein­grup­pierungsver­hand­lun­gen bis heute noch nicht abgeschlossen. Die Geschäft­sleitung verzögert. Anstatt die beste­hen­den Struk­turen endlich zu akzep­tieren, hat man ehe­ma­lige Streikbrecher*innen in die Hausleitung auf­steigen lassen, die nun mit Zucker­brot und Peitsche Racheak­tio­nen an den Beschäftigten verüben. Wie zu den Hochzeit­en unseres Arbeit­skampfs wer­den auch jet­zt wieder Kolleg*innen wegen Lap­palien gefeuert und rechtsmiss­bräuch­liche Abmah­nun­gen aus­gegeben. Gespräche mit dem Betrieb­srat sind fast voll­ständig eingestellt wor­den. Offen­sichtlich ver­sucht man, die Leute aus dem Betrieb zu ekeln.

Unser Ver­hält­nis zur Gew­erkschaft ist gut, es gibt wohl nie­man­den im Betrieb, der*die nicht weiß, wem man die Gehalt­sauf­besserun­gen zu ver­danken hat. Da den Kolleg*innen zudem regelmäßig Recht­sansprüche, wie Urlaub­stage oder Gehalt, voren­thal­ten wer­den, gibt es eine ganze Rei­he von indi­vid­u­al­rechtlichen Kla­gen, in denen uns der DGB Rechtss­chutz ver­tritt. Die Vorteile ein­er Mit­glied­schaft in der NGG ist den Leuten also ziem­lich deut­lich.

Kannst du kurz zusam­men­fassen, was der Tar­ifver­trag jet­zt bein­hal­ten soll und welche Verbesserung für die Kolleg*innen anste­hen?

Es gibt nun Jahres­son­derzahlun­gen, Zuschläge für Mehrar­beit und Urlaub­s­geld. Kündi­gungs­fris­ten und Urlaub­sansprüche erhöhen sich mit Betrieb­szuge­hörigkeit und Alter. Es gibt auch eine betriebliche Altersvor­sorge. Außer­dem soll­ten sich die Gehäl­ter der Kolleg*innen um min­destens 10 Prozent erhöhen. Lei­der geht der Flächen­tar­ifver­trag der Hotel­lerie davon aus, dass die ein­grup­pierten Beschäftigten alle eine klas­sis­che Aus­bil­dung in ihrem Fach­bere­ich durch­laufen haben. Wir fordern natür­lich, dass für gle­iche Arbeit gle­ich­er Lohn gezahlt wer­den sollte, allerd­ings leg­en uns die For­mulierun­gen des Rah­men­tar­ifver­trags, wie gesagt, einige Hür­den in den Weg.

Welche Bedeu­tung hat­te für euch die Sol­i­dar­ität von Kolleg*innen ander­er Betriebe?

Eine unge­mein große: Dass unsere Auseinan­der­set­zung nicht eingedämmt wer­den kon­nte, son­dern nach außen getra­gen wurde, hat unsere Kolleg*innen zunächst ein­mal sehr gestärkt. Zu sehen, dass Men­schen aus den unter­schiedlich­sten Branchen mit den sel­ben Prob­le­men kon­fron­tiert sind und dass viele der Abscheulichkeit­en unser­er Geschäft­sleitung ein­er Sys­tem­atik fol­gen – eben der durch spezial­isierte Anwalt­skan­zleien dirigierten Bekämp­fung von Gewerkschafter*innen und Betrieb­sräten – hil­ft darüber hin­aus, eine gemein­same Strate­gie zu entwick­eln, wie man am Besten dage­gen vorge­ht.

Schon länger dro­ht die Geschäft­sleitung mit dem Out­sourc­ing der Reini­gung. Was ist dort der aktuelle Stand? Wie ist euer Ver­hält­nis zu den Reini­gungskräften?

Die Spal­tung kämpferisch­er Belegschaften ist ja lei­der kein Einzelfall. Was uns aktuell passiert, ist meines Eracht­ens Aus­druck ein­er gesellschaftlichen Schieflage. Dass es den Gew­erkschaften nicht möglich ist, poli­tis­che Streiks durchzuführen, Betrieb­sräte keine Mitbes­tim­mungsrechte bei Betrieb­sübergän­gen haben, das schwächt die Posi­tion der abhängig Beschäftigten in den Betrieben immens.

Die Men­schen, von denen wir hier reden, sind teils seit über zehn Jahren für das Unternehmen tätig. Das Team ist in sein­er Zusam­menset­zung wesentlich kon­stan­ter als die anderen Abteilun­gen. Nicht zulet­zt auf­grund ihres extrem arbeit­ge­ber­na­hen Vorar­beit­ers ste­hen sie in engem Aus­tausch mit dem Betrieb­srat, sie sind mit Ersatzmit­gliedern im Gremi­um vertreten und haben teils großen Mut in den Tar­i­fau­seinan­der­set­zun­gen gezeigt. Bezüglich der Aus­gliederungspläne hat sich bis heute nie­mand von der Geschäft­sleitung direkt mit ihnen auseinan­derge­set­zt. Der Betrieb­srat soll Gespräche zum Inter­essen­saus­gle­ich mit ein­er Wirtschaft­skan­zlei aus München führen. Unser Arbeit­ge­ber ist bei diesen Gesprächen zumeist nicht ein­mal mehr anwe­send. Bei einem dieser Tre­f­fen wurde unlängst zugegeben, dass die Aus­gliederung wirtschaftlich völ­lig unrentabel ist. Es drängt sich der Schluss auf, dass es hier­bei in erster Lin­ie um eine Strafak­tion gegen die Belegschaft geht.

Zudem hat unser Arbeit­ge­ber wegen eines Form­fehlers erfol­gre­ich unsere let­zte Betrieb­sratswahl vom Mai ange­focht­en. Zwar haben wir Beru­fung gegen das Urteil ein­gelegt, sollte sich das Lan­desar­beits­gericht allerd­ings dem bish­eri­gen Urteil anschließen, wer­den wir wohl oder übel Neuwahlen ein­leit­en müssen. Mit der Aus­gliederung der Reini­gung wird das Gremi­um dann nurmehr aus drei anstatt fünf Per­so­n­en beste­hen kön­nen. Unser Arbeit­ge­ber hat uns bere­its im Früh­jahr darauf hingewiesen, dass er alles unternehmen will, um die Größe des Gremi­ums zu ver­ringern.

Wir gehen auch davon aus, dass unser Arbeit­ge­ber erneut mit eige­nen Kandidat*innen zu der Wahl antreten wird und die Belegschaft gegeneinan­der aufzuhet­zen ver­sucht. Keine schö­nen Aus­sicht­en, lei­der.

Habt ihr schon weit­ere Aktio­nen gegen das Out­sourc­ing geplant?

Aktuell sind wir dabei Kundge­bun­gen und Flug­blat­tak­tio­nen vorzu­bere­it­en, für welche uns die aktion ./. arbeit­sun­recht und die Crit­i­cal Work­ers schon Unter­stützung zuge­sagt haben. Wir wer­den hier­für rechtzeit­ig über die ein­schlägi­gen Kanäle mobil­isieren.

Habt ihr auch Kon­takt zu anderen Hos­tels von wombat’s in Europa?

Wombat’s Hos­tels sind ja eine Kette, insofern haben wir eingeschränk­ten Kon­takt zu Mitarbeiter*innen ander­er Häuser, wenn diese beispiel­sweise ihren Urlaub in Berlin ver­brin­gen oder halt als Streikbrecher*innen von der Hold­ing beauf­tragt wer­den. Sol­i­dar­ität haben wir lei­der bis­lang so gut wie gar keine von denen erfahren. Was sicher­lich auch damit zu tun hat, dass die Möglichkeit­en des Aus­tauschs – abge­se­hen von diesen kurzen Besuchen – sehr begren­zt sind und das Berlin­er Haus und seine Mitarbeiter*innen sicher­lich stetig dämon­isiert wer­den, um ja keine Nachahmer*innen zuzu­lassen.

Es gab vor eini­gen Jahren noch ein “Internes Forum”, über das die Beschäftigten aller wombat’s Hos­tels miteinan­der kom­mu­nizieren kon­nten. Als im Münch­n­er Haus eine elek­tro­n­is­che Zeit­er­fas­sung instal­liert wurde, gab es über besagtes Forum einige kri­tis­che Kom­mentare der Betrof­fe­nen. Wir hat­ten daraufhin ange­boten, bei der Grün­dung eines Betrieb­srats behil­flich zu sein und sie über Mitbes­tim­mungsrechte informiert. Noch in der­sel­ben Nacht wurde das “Interne Forum” durch die Geschäft­sleitung abgeschal­tet, Demokratie ist im wombat’s eben nicht erwün­scht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.