Geschichte und Kultur

Not even close to Breaking Even

In der Fernsehserie „Breaking Even“ wird ein deutscher Familien-Clan im Auto-Business auf die Schippe genommen. Der Sender ZDFneo will die unterhaltsame und demaskierende Sendung absetzen, doch unter #SaveBreakingEven formiert sich Widerstand. Ein Gastbeitrag von David Ernesto García Doell.

Not even close to Breaking Even
Bild: Von der Twitter-Kampagne #SaveBreakingEven

Wann wurde im deutschen Fernsehen zum letzten Mal ein fiktionaler deutscher Familien-Clan so psychopathisch dargestellt wie die Lindemanns in Breaking Even? Wann gab es zuletzt eine Schwarze Protagonistin in einer deutschen Fernsehserie, deren Funktion nicht war, Schwarz zu sein, um Diversität abzudecken, sondern gegen die deutschen Clanstrukturen der hiesigen politischen Ökonomie zu ermitteln? Wann wurde deutscher Aktivismus einmal so unterhaltsam demaskiert wie bei dem jungen Erben des Familien-Clans?

Die Fernsehserie Breaking Even von Boris Kunz und Rafael Parente soll trotz positiven Kritiken und viel Zuspruch in sozialen Medien keine zweite Staffel bekommen. Im Spiegel schrieb Oliver Kaever, ZDFneo gelänge mit der „wuchtigen und düsteren“ Kriminalserie Serie endlich ein „Netflix-Moment“. Auch auf anderen online Portalen fällt die Kritik zugunsten der Horror-Thriller-Serie aus, das unter anderem für Spannung, Zeitgeist Reflexion, Musik und Ästhetik gelobt wird. ZDFneo spricht indes davon, dass die „Erwartungen weder im TV noch in der Mediathek erfüllt“ werden konnten. Die Kritiker:innen, die mit #SaveBreakingEven nebenbei eine kreative Kampagne für den Erhalt der Serie auf Twitter und Instagram gestartet haben, wenden demgegenüber ein, dass die Serie weder richtig beworben noch die neuen Aufrufe seit der Kampagne berücksichtigt wurden.

Die unterhaltsamste Kritik zu Breaking Even gab es in der FAZ von Heike Hupertz mit „O schaut, diese ruchlosen Kapitalisten“, die sich unter anderem daran störte, dass im Familien-Clan Lindemann mal der „Vorstand und mal der Aufsichtsrat“ entscheide. „Hauptsache, sie sind alle grundböse oder strunzdumm, diese eiskalten Kapitalisten mit ihren Leichen im Keller und dem Dauerärger mit dem Personal, das unpraktischerweise fruchtbarer scheint als die eigene Sippe.“ Wenn das deutsche Kleinbürgertum sich bemüßigt sieht, einen derartigen Verriss über die negative Darstellung kapitalistischer Clanstrukturen zu publizieren, kann man sicher sein, dass die Serie trotz einigen offensichtlichen formalen Schwächen genau ins Weiße trifft.

Der Automobilclan Lindemann, der lose dem zeitweise größten Konzern Europas ThyssenKrupp nachempfunden ist, sieht sich bei seiner 100-Jahr-Feier mit einigen Problemen konfrontiert. Der aktuelle Patriarch Benedikt Lindemann setzt auf eine Transformation des Unternehmens durch selbstfahrende Technologien in Richtung grüner Kapitalismus. Seine Tochter Charlotte Lindemann leitet das Projekt selbstfahrendes Auto unter dem Markenname „Lindi“ perfektionistisch, überfährt jedoch bei einer Testfahrt eine Fahrradfahrerin. Es kommt zum Skandal, der von Benedikts exzentrischer Mutter Leonore und seinem hedonistischen Bruder Maximilian für einen Machtkampf um das Unternehmen genutzt wird. Sie wollen die Ausrichtung des Konzerns verändern und streben eine Fokussierung auf Verbrennungsmotor und Kohle-Kapitalismus an. Zum Lindemann-Clan gehören zudem Benedikts Vater, der senile Altpatriarch Jakob, Benedikts Schwester Viktoria, die sich um ihn kümmert, sowie seine Ehefrau und sein Sohn.

Die Kritik der FAZ hat mit Sicherheit Recht, wenn sie sagt, dass die Serie in der Beschreibung des Familienclans einige vulgärmarxistischen Zeichnungen vornimmt. Angesichts von Skandalen bei VW oder Tönnies stellt sich allerdings die Frage, ob die Realität nicht noch um einiges „vulgärer“ ist als die plakative Darstellung der Lindemanns. Die eher düstere Thriller-Serie überdreht die Klischees mit einem ironischen Augenzwinkern, das bei etwas weniger pedantischen Zuschauer:innen bestimmt für unbehagliches Lachen sorgen wird. So die inzestuöse Beziehung zwischen Leonore und ihrem Lieblingssohn Maximilian, den sie zum Beispiel beim provokativen Sex mit der Freundin auf ihrem Lieblingstisch beglückwünscht, endlich in eine pubertär-rebellische Phase eingetreten zu sein.

Die Antagonistinnen des Automobil-Imperiums sind die mit ihrem Großvater David in Armut lebende Jenny Rösner (Sinje Irslinger), deren Mutter als Angestellte des Clans ermordet wurde, und die Schwarze Juristin Nora Shaheen (Lorna Ishema), die bei den Lindemanns zunächst Karriere machen will. Im Laufe der Serie finden die beiden unorthodoxen Ermittlerinnen heraus, dass Jakob Lindemann in Wahrheit im KZ ermordet wurde und ein deutscher KZ-Aufseher seine Identität annahm. Der zunächst vage als jüdisch dargestellte Familienclan dekonstruiert sich als postnazistisches Unternehmen. Der erstgeborene Sohn von Jakob Lindemann David wurde von der Familie gemobbt, systematisch gegaslightet und verstoßen. Er lebt mit seiner Enkelin in einem heruntergekommen Wohnwagen und versucht die Wahrheit, an der seine Tochter starb, durch Alkohol wegzudrücken. Jenny, so stellt sich heraus, ist eine Art spätgeborene jüdische Partisanin, die sich an der deutschen Erfolgsstory vom KZ-Aufseher zum Milliardär rächen will. Breaking even.

Der senile Altpatriarch und ehemalige KZ-Aufseher verspürt in den späteren Folgen Reue und möchte sich das schlechte Gewissen über ein Geständnis auf dem Totenbett erleichtern. Der aktuelle Patriarch Benedikt erstickt ihn allerdings zuvor mit einem Kissen und erläutert gelangweilt, dass nur er verstanden habe, was es bedeute „Verantwortung zu übernehmen“. Diese Formulierung weckt Assoziationen an das, was Hannah Arendt über Adolf Eichmann in Jerusalem geschrieben hatte: Die „Banalität des Bösen“ bestehe darin, nur ein Zahnrad der faschistischen Vernichtungsmaschine gewesen zu sein. Auch der – nun postnazistische – deutsche Kapitalist erfüllt nur seine Funktion in der Aufrechterhaltung des Unternehmens, auch wenn dies bedeutet, die Nachkommen des wirklichen Jakob Lindemanns zu ermorden oder eben den eigenen Vater.

Kaum eine Figur verkörpert so den funktionalen Psychopathen des kapitalistischen Westens wie Benedikt Lindemann: angesehen, höflich, weniger „moralisch“ verdorben als seine dekadente Mutter und sein Bruder, einfach, effizient. Seine Tochter Charlotte ist seine Wahlnachfolgerin, die als funktionale Psychopathin allerdings zerbricht, weil sie den auferlegten Perfektionismus nicht erfüllen kann, letztlich weil ihr Vater es nicht schafft, das notwendige Mindestmaß an emotionaler Fürsorge zu leisten. Sie flüchtet in den späteren Folgen nach ihrer Entlassung im Zuge der Lindi-Krise nach China, um einen von chinesischen Investoren gestützten Übernahmeversuch gegen ihre Großmutter, ihren Onkel und den im Verlauf des Machtkampfs geschassten Vater zu exekutieren. Klar, kapitalistische Familien-Clans können so viel Untergebene einstellen wie sie wollen, aber für ihre Reproduktion ist letztlich auch eine gewisse emotionale Fürsorge notwendig.

Die mit Sicherheit interessanteste Figur der Serie ist Nora Shaheen, die zwar als Juristin bei den Lindemanns eingestellt wurde, aber bald schon eine eigene Agenda verfolgt. Ihre letztendlichen Motive werden in der ersten Staffel nicht erklärt, sie erscheint jedoch nur auf den ersten Blick als „unanfechtbare Moralistin“. Viel eher entwickelt die Figur einen neuen Typ Kommissarin, die aus praktischer Klugheit Karriereansprüche mit nonkonformen Handlungen abwägt. Eine unanfechtbare Moralistin würde wohl kaum für solch einen Familienclan arbeiten wollen; Nora Shaheen ist keine Heldin der Schwarzen Arbeiter:innenklasse. Die Person, die den aktivistischen „moralischen“ Gestus verkörpert, ist Benedikt Lindemanns Sohn Konstantin; dieser wird aber durch seine Heuchelei schnell als Teil deutscher Bewusstseinserleichterung demaskiert.

Nora Shaheen räumt demgegenüber mit verdrängter deutscher Geschichte auf, nicht primär aus moralischen Gründen, sondern nur aus pragmatischen, um zu helfen und weil es sonst niemand macht: nicht die Polizei, nicht Journalist:innen und auch keine Zivilgesellschaft oder Gewerkschaft. Die Kontrolle kapitalistischer Clans existiert schlicht nicht.

So wenig die Darstellung ihrer Person und ihrer Familie gängigen Klischees entspricht und eine Reifizierung von abgewertetem Schwarz-Sein vorgenommen wird, so kann man doch fragen, ob ein Kontrast von egozentrischen Weißen und sich um andere sorgende Schwarzen gezeichnet wird. Damit wird die Trope „der aufopferungsvollen Schwarzen Frau, die den Tag rettet“ (re)produziert, dass die Funktion der Schwarzen Heldin ist, das Chaos der Weißen aufzuräumen. Und weiter gefasst könnte der Lindemann-Clan ja eine Rettung des deutschen Kapitalismus durch „Diversität“ projektieren.

In diesem Sinn ist die Serie nicht schablonenhaft – auf der einen Seite das gute rassifizierte Surplus-Proletariat, auf der anderen die bösen weißen Kapitalist:innen – sondern bildet reale Konflikte und auch komplexe Fragen von Repräsentation und Teilhabe ab. Nora möchte eigentlich nur Karriere machen, aber sie merkt, dass das nicht möglich ist. Aus marxistischer Perspektive wissen wir, dass nicht eine einzelne Anwältin mit den kapitalistischen Clan-Strukturen aufräumen kann, sondern nur ein Bündnis aus Arbeiter:innen und Ausgeschlossenen. Die Serie geht von einem liberalen Setting aus und verhandelt den Lindemann-Clan im Register von moralischer Verkommenheit. Aber über die Serie hinausgehend wissen wir ja, dass diese moralische Verkommenheit und Korruption auch ein Ausdruck objektiver Verhältnisse ist. Dass es nicht eine bessere Unternehmensführung braucht, sondern eine Enteignung durch die Arbeiter:innen.

Wichtig wäre es, die bisher dargestellten Spannungen weiterzuentwickeln, weil weder in der Serie noch in der Realität ein „Breaking Even“ zwischen den Herrschenden und den Unterdrückten auch nur in Sicht ist. Not even close to breaking even. Folgerichtig versucht der Protest in den sozialen Medien sich für eine Weiterführung der Serie einsetzen. Die Kampagne #SaveBreakingEven von @MCCharpentiee und @_fl_Ash bemüht sich deswegen jeden Abend auf Twitter in kreativer Weise mit dem Themen von Breaking Even, aber auch mit den Entscheidungsstrukturen des öffentlich-rechtlichen Fernsehen auseinanderzusetzen. Auch hierbei gilt es ja im Allgemeinen Hegemonieverhältnisse zu verändern, Fernsehanstalten zu vergesellschaften und mehr Serien im Sinne der unterdrückten Klassen zu fördern. Damit der Familienclan Lindemann von einer Arbeiter:innen-Einheitsfront mit Enteignung bedroht wird, fehlt noch einiges.

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