Geschichte und Kultur

Nicht Flucht, sondern Kampf

Mario Keßler erklärt, wie Leo Trotzki den Antisemitismus bekämpfen wollte. Eine Rezension von Nathaniel Flakin.

Nicht Flucht, sondern Kampf
Illustration: Marcos Kazuo

Wir zählen das Jahr 22 im 21. Jahrhundert – und Antisemitismus macht sich wieder breit. Auf Demonstrationen wird fabuliert, dass die Juden für tödliche Krankheiten verantwortlich seien, sogar Staatschefs behaupten, dass Geheimbünde von „Globalisten“ die Welt lenken. Der russische Revolutionär Leo Trotzki staunte über solch „unerschöpfliche Vorräte an Finsternis, Unwissenheit, Wildheit“ in einer modernen Welt. In einem berühmten Aufsatz schrieb er: „Nicht nur in den Bauernhäusern, sondern auch in den Wolkenkratzern der Städte lebt neben dem 20. Jahrhundert heute noch das 10. oder 13. Hunderte Millionen Menschen benutzen den elektrischen Strom ohne aufzuhören, an die magische Kraft von Gesten und Beschwörungen zu glauben.“

Woher kommt Antisemitismus? Bürgerliche Ideologen meinen, Judenhass sei etwas Ewiges und Unüberwindliches. Auf seiner Website schreibt Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, der Kampf gegen Judenfeindschaft sei „eine fortwährende und immer wieder neue Aufgabe“, Judenhass resultiere aus der Ablehnung der „modernen“ Gesellschaft. Eine schwache, wenig hilfreiche Argumentation. Denn Antisemitismus gab es lange vor der sogenannten Moderne, unter anderem in Schriften des Reformators Martin Luther. Zudem hat der Antisemitismus ausgerechnet in der Moderne seine blutigsten Höhepunkte erreicht.

Eine andere Erklärung liefert der Marxismus, der den Antisemitismus als etwas Historisches – und folglich Überwindbares – ansieht. Berühmtester Vertreter dieser Schule war sicher Abraham Leon, ein jüdischer Widerstandskämpfer in Belgien, der sich vom Zionisten zum Trotzkisten entwickelte. Leons monumentales Werk „Die jüdische Frage“wurde erst nach seiner Ermordung in Auschwitz veröffentlicht und seitdem in zahlreiche Sprachen übersetzt. Darin beschrieb Leon den Antisemitismus als Produkt verschiedener Klassengesellschaften. Der massemmörderische Antisemitismus der Nazis war demzufolge Ausdruck der schärfsten Widersprüche im zerfallenden kapitalistischen System.

Trotzki hat kein Buch über Antisemitismus verfasst. Für den „nichtjüdischen Juden“ (Isaac Deutscher), als Lew Bronstein in in der Ukraine geboren, war Russisch die Muttersprache; Jiddisch lernte er erst als alter Mann. Lebenslang identifizierte er sich in erster Linie als Internationalist. Und doch, obwohl er sich nicht mit dem Antisemitismus beschäftigen wollte, war er gezwungen, das zu tun. Dies erklärt Mario Keßler in seiner neuen, in der Reihe „Biografische Miniaturen“ des Berliner Karl-Dietz-Verlages erschienenen Publikation. Sie versammelt ein halbes Dutzend Texte von Trotzki – von dessen Tagen in der Redaktion der „Iskra“ (Der Funke), Organ der russischen Revolutionäre, bis zu seiner Ermordung in Mexiko. Diese Sammlung ist umfangreicher als alles, was bisher auf Deutsch oder selbst auf Englisch erschienen ist. Dem folgt ein ausführlicher Aufsatz des Historikers.

Trotzki beobachtete als Reporter den VI. Zionistenkongress in Basel 1903. Er polemisierte gegen einen „Judenstaat“. Später, als Vorsitzender des Petrograder Arbeiterrates und dann als Kommandierender der Roten Armee im Bürgerkrieg, versuchte er alle Kräfte gegen antijüdische Pogrome zu mobilisieren. Die Etablierung der stalinistischen Bürokratie in der Sowjetunion brachte ein Wiederaufblühen judenfeindlicher Vorurteile. Im Exil schrieb Trotzki seine brillantesten Werke, in denen er vor dem Aufstieg des Faschismus in Deutschland warnte. Noch kurz vor seiner Ermordung im Jahr 1940 erahnte er die unvorstellbaren Dimensionen des Holocaust.

Als Kommunist hat Trotzki einen jüdischen Nationalstaat nie befürwortet – die jüdische Kultur sollte wie alle anderen in einer gemeinsamen Kultur aufgehen, wenn der Kapitalismus mit seinen Nationalstaaten überwunden wäre. Zwar verteidigte er das Recht auf die Gründung eines jüdischen Nationalstaates, doch eine Heimatstätte in Palästina, basierend auf Deals mit den Kolonialmächten und der Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung, verurteilte Trotzki als „eine Falle“. Nur im Sozialismus, also nach der Weltrevolution, sei eine wirkliche Selbstbestimmung des jüdischen Volkes möglich. Angesichts des immer gefährlicheren Antisemitismus lautete Trotzkis Devise nicht Flucht, sondern „unbarmherziger Kampf“.

Ist der Antisemitismus etwas Ewiges, dann kann man jüdische Menschen höchstens vor dem Hass schützen. Überleben ist nur mit Bunkern und Atomwaffen gesichert – eine traurige Vorstellung! Thedor Herzl, Begründer des Zionismus, bekannte, in Frankreich „die Leere und die Nutzlosigkeit der Bestrebungen zur Abwehr des Antisemitismus“ erkannt zu haben. Gerade deswegen erschien ihm ein eigener Staat unumgänglich.

Wer den Kapitalismus erhalten will, erklärt den Kampf gegen Antisemitismus zur Sisyphus-Arbeit. Und das führt zu bizarren Szenen: Der deutsche Antisemitismusbeauftragte marschiert Schulter an Schulter mit christlichen Fundamentalisten, die einen jüdischen Nationalstaat, also Abschottung, als einzige Lösung ansehen.

Jüdische Marxist:innen hingegen kämpfen dafür, dass alle materiellen Grundlagen von Antisemitismus, Rassismus und jeder Art von Unterdrückung überwunden werden. Weil sie die nationalistische Ideologie des Zionismus ablehnen, werden jüdische Linke im heutigen Deutschland oft zu Antisemit:innen erklärt. Auch und gerade die Anhänger:innen Trotzkis werden des Judenhasses bezichtigt.

So schließt sich ein reaktionärer Kreis in der bürgerlichen Ideologie: Schuld am Antisemitismus soll am Ende des Tages … ein Jude sein. Umso wichtiger, dass die Gedanken Trotzkis wieder zur Lektüre bereitgestellt werden. Dabei geht es nicht nur um die historische Wahrheit, sondern um eine materialistische Erklärung darüber, wie der Antisemitismus bekämpft und auch überwunden werden kann.

Mario Keßler (Hrsg.): Leo Trotzki oder:
Sozialismus gegen Antisemitismus. Karl Dietz,
192 S., br., 12 €.

 

Dieser Artikel erschien zuerst am 21. Oktober 2022 in der Tageszeitung neues deutschland.

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