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Nicht der Lockdown führt zu Suizid, sondern Existenzangst im Kapitalismus

Betriebsschließungen seien tödlich für die die Wirtschaft, und eine sterbende Wirtschaft provoziere Depressionen und Suizide – mit diesem Argument profilieren sich liberale Lockdown-Gegner:innen als „Schützer:innen der seelischen Gesundheit“. Was ist an diesem Argument dran?

Nicht der Lockdown führt zu Suizid, sondern Existenzangst im Kapitalismus
Engin Akyurt auf Unspalsh

Wer gelegentlich mit konservativ oder wirtschaftsliberal gesinnten Gegner:innen des harten Lockdowns diskutiert, wird dieser Argumentation begegnen: 

Das Wohl der Wirtschaft sei doch ebenfalls ausschlaggebend für die öffentliche Gesundheit – vor allem für die mentale. Sogar so sehr, dass ein zeitlich begrenzter Shutdown und seine wirtschaftlichen Folgen zu höheren Suizidraten führen würde. Die besonders Pathetischen prophezeien sogar, die ökonomische Depression würde mehr Menschenleben fordern als das neuartige Coronavirus. 

„Das Ärzteblatt“ veröffentlichte nun einen Artikel, der die Vertreter:innen dieser düsteren Aussicht wundern sollte: Zwischen Januar und Juli 2020 wurden in Frankfurt am Main 30 Prozent weniger Suizide als im Vorjahreszeitraum registriert – selbst bei einer angenommenen Dunkelziffer von 10 Prozent ist das ein deutlicher Rückgang. Die an der Erhebung der Zahlen beteiligten Wissenschaftler:innen warnen vor voreiligen Rückschlüssen. Als Autor möchte ich diese Warnung beherzigen, stelle aber eine Tendenz fest: Ähnliche Berichte erschienen schon im Sommer. Im Mai schrieb die Deutsche Welle über einen Rückgang der Selbstmorde, selbst in stark betroffenen Bundesländern wie NRW.

Das widerspricht der Annahme des Menschenbildes vom „Homo oeconomicus“, einem hauptsächlich von ökonomisch Interessen gelenkten Menschen, dessen Identität und emotionale Stabilität an seinen wirtschaftlichen Erfolg gekoppelt ist. In der wirtschaftsfreundlichen Logik wird gar nicht erst an die Menschen gedacht, die im Falle eines Zusammenbruches der medizinischen Versorgung ihre Angehörigen verlieren und dadurch psychische Traumata erleiden könnten. Wer mit der „mentalen öffentlichen Gesundheit“ argumentiert, versucht empathisch überlegen zu wirken – und präsentiert dabei, wie wenig er den Ernst der Lage begreift. 

Für niemanden ist es gesund, die eigene wirtschaftliche Grundlage in Gefahr zu wissen. Tatsächlich haben wir es mit zwei Pandemien zu tun: der Großteil der Weltbevölkerung erlebt kollektiv den Verlust von Sicherheiten und blanke Existenzangst. In Ländern mit schwacher medizinischer Infrastruktur und geringer sozialer Sicherheit geht es ums nackte Überleben.

Es ist offensichtlich, dass Depressionen und Ängste in der Gesamtbevölkerung zunehmen werden. Aber wieso sollte ein Shutdown von wenigen Wochen das kollektive psychische Wohl schwerer treffen als die Katastrophen, die in Italien oder New York passiert sind – die zumal auch die Wirtschaft auf kurze und lange Sicht treffen?

Jede gesellschaftliche Krise fordert die Individuen, und manche Einzelne bringt sie an ihre Grenzen.Verschiedene Faktoren bestimmen die psychische Widerstandsfähigkeit von Individuen in Krisenzeiten – die Resilienz. Die Menschen in Europa – insbesondere in Skandinavien und Deutschland – genießen historisch gewachsene Lebensbedingungen, die die Resilienz fördern, also die Krisenfestigkeit des Einzelnen stärken: Sie können bei Arbeitslosigkeit oder Krankheit auf soziale Sicherungssysteme vertrauen. Die wenigsten Europäer:innen sind mit dem Gefühl aufgewachsen, in einem sozialen Netz zu leben, das sie im Elend zurücklassen wird. Bei kurzer Arbeitslosigkeit die Wohnung behalten zu können, ein Arztbesuch ohne vorher zu sparen – hierzulande für die meisten Selbstverständlichkeiten.

Es sind vor allem (Neo-)Liberale und Konservative, die gerne zum „Suizidraten-Argument“ greifen. Viele von ihnen hegen gewisse Sympathien für das kapitalistische Wirtschaftsmodell der USA – ungehinderter Wettbewerb für Unternehmer:innen, die von der Verantwortung für Beschäftigte weitestgehend entbunden sind. Diese Lebensbedingungen in den USA sind es aber, die die Suizidrate konstant steigen lassen – nicht erst durch die Krise, sondern seit zwei Jahrzehnten. Vor allem Angehörige der zahlreichen benachteiligten Gruppen verbringen ein Leben in Existenzangst, im Gefühl der Auslieferung an die Bedingungen, von denen das eigene materielle Überleben abhängt. 

Zu wissen, dass die Spirale der eigenen Armut sich immer weiter drehen wird, raubt vielen die letzte Hoffnung. Das Fass einer Notlage der kollektiven mentalen Gesundheit füllt sich schon seit Langem, und die Corona-Krise bringt es jetzt zum Überlaufen.

Einem Artikel des „New England Journal of Medicine“ zufolge nimmt die Suizidalität insbesondere in bestimmten Risikogruppen zu: unter Vorerkrankten, Hispanic Americans und Black Americans, bei den essential workers und den allgemein Geringverdienenden. Menschen, deren Existenzangst genutzt wird, um sie unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen zu erpressen. Menschen, die wissen, dass sie ohne finanzielle Rücklagen an der nächsten Erkrankung sterben könnten. 

Im Bild, das durch das Suizidraten-Argument entsteht, will die Bevölkerung nichts als zufrieden ihren Geschäften nachgehen. Erst wenn der Staat das fröhliche Weiterwirtschaften verbietet, würden die Leute in Panik verfallen. In Wirklichkeit aber haben die Menschen Angst vor dem Platz, den der Kapitalismus ihnen in der Krise zuweist – manchmal sogar mehr als vor dem Tod. 

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