Nelson ist nicht gestorben – das System hat ihn getötet
Ein Schwarzer Jugendlicher wird tot aufgefunden in einer Gefängniszelle. Der Staat sagt Selbstmord – die Fakten sprechen dagegen.
Am 1. August 2025 wurde Nelson Dil de Sousa Bulica, zu dem Zeitpunkt gerade einmal 15 Jahre alt, tot in einer Gefängniszelle in der Justizvollzugsanstalt Ottweiler im Saarland aufgefunden. Laut dem Bericht der JVA und den Aussagen der Vollzugsbeamten habe Nelson Selbstmord begangen. Der erste Obduktionsbericht habe angeblich keine Hinweise auf Fremdeinwirkung ergeben.
Laut der Familie Nelsons und Gefängnisinsass:innen, die in den Zellen nahe Nelsons Todeszelle saßen, kann das aber nicht stimmen. Die Familie äußerte nach den Berichten den anderen Insass:innen Zweifel an einem Selbstmord. Demnach soll Nelson von Wärter:innen vor seinem Tod massiv zusammengeschlagen und mit deutlichen Verletzungen hinterlassen worden sein. Grund dafür war, dass Nelson Süßigkeiten – ja genau, nichts mehr als Süßigkeiten – aus der Zelle eines anderen Insassen geklaut haben soll.
Auch lässt der Obduktionsbericht offen, wie genau Nelson sich selbst das Leben genommen haben soll. Eine zweite Gutachtung wurde unterbunden – auf die vermutlich scheußlichste Art und Weise. Nelsons Leichnam wurde – ohne jegliche Kenntnis der Familie über den genauen Zeitpunkt – eingeäschert, so dass gar keine zweite Gutachtung mehr stattfinden konnte. Die Familie hatte der Einäscherung zwar aus einer finanziellen Notlage heraus zugestimmt, jedoch in der Annahme, dass sie den Zeitpunkt mitgeteilt bekommen und dass die zweite Gutachtung vorher stattfinden kann.
Wurden Beweise vernichtet?
Ein Staat, der eine lange Geschichte an Toten in ihren Gefängnissen hat, kontrolliert und bestimmt darüber, ob nun ein Selbstmord stattgefunden haben soll oder nicht. Dasselbe taten sie bereits nach dem 7. Januar 2005, als Oury Jalloh bei lebendigem Leibe in seiner Zelle brannte. Auch da durften nur die staatseigenen Bediensteten obduzieren und hatten die volle Kontrolle und Macht darüber, welche Informationen wo, wann und wie ankamen – und welche verheimlicht blieben.
Wie können wir also nun erfahren, ob es Selbstmord war oder nicht, wenn eben jene Bedienstete desselbigen Staates eine Einäscherung durchgeführt haben, bevor es ein zweites Gutachten gab? Wieso dürfen das eigentlich nicht unabhängige Organisationen machen, die die notwendigen anatomisch-medizinischen Kenntnisse für eine Obduktion besitzen und nicht im Dienste des Staates und womöglich ihrer amtierenden Regierung stehen? Was genau will man uns und vor allem Nelsons eigener Familie genau verheimlichen?
Der Staat ist schuld an Nelsons Tod – direkt oder indirekt
Nachdem valide Kritik an dem Vorgehen der JVA Ottweiler bereits veröffentlicht wurde von einigen solidarischen Organisationen und der Familie selbst, müssen aber auch die Umstände, in denen dieser Tod passiert ist, kritisiert werden. Denn in welcher Welt ist es gerecht oder ansatzweise human, einen 15-jährigen Jugendlichen in eine Zelle zu sperren? Wie muss die Welt eines Jugendlichen aussehen, dass er überhaupt straffällig wird und ins Gefängnis muss? Wie „gerecht“ ist ein System, das 15-jährige Jugendliche in die „Kriminalität“ zwingt?
Dabei war Nelson noch nicht einmal verurteilt: Er war in einer Zelle gefangen, weil er in sogenannter Sicherungshaft war. Das ist eine Form der Haft, bei der Gefangene per Haftbefehl festgenommen und in Haft gehalten werden, wenn sie beispielsweise einen Gerichtstermin verpasst haben. Sie werden dann festgenommen und so lange festgehalten, bis sie einem Gericht vorgeführt werden können, wo ein erstes Urteil überhaupt erst gefällt werden kann.
Jeder Gedanke an diesen Tod ist schrecklich und mit jeder neuen Erkenntnis wird es nur noch schrecklicher. Nelson hat ein langes Leben in Würde und Freiheit verdient – und nicht mit 15 den Tod in einer Zelle. Und selbst wenn es sich herausstellen sollte, dass es wirklich „Selbstmord“ gewesen sei, müssen wir uns fragen, wie beschissen es einem 15-jährigen Schwarzen Jungen gehen muss in einer Zelle, um dort Selbstmord zu begehen. Ob direkt oder indirekt: Nelson hat sich nicht selbst ermordet – Nelson wurde von diesem repressiven System getötet.
Eine lückenlose Aufklärung kann nur unabhängig stattfinden
Bei der Aufklärung über alle offenen Fragen geht die saarländische Regierung mit altbekanntem Beispiel voran: Bloße Floskeln, leere Versprechen, Verleumdung. Die saarländische Justizministerin Petra Berg (SPD) hat eine „vollständige und lückenlose Aufarbeitung der Geschehnisse“ versprochen. Das Einzige, was nun aber vollständig und lückenlos abgelaufen ist, war die Einäscherung aller möglichen Beweise, die hätten eine konsequente Aufklärung überhaupt erst ermöglichen können.
In einer Sondersitzung des saarländischen Landtags zum Fall Nelson am 12. August hat es laut CDU-Politiker Christopher Salm scheinbar „keinerlei Anhaltspunkte“ für Rassismus-Vorwürfe gegen Justizbedienstete gegeben. Kurz also: Die anderen Insassen haben die Gewaltvorwürfe seiner Meinung nach erfunden und erlogen. Dass das von einem CDU-Politiker kommt, ist alles andere als verwunderlich.
Was aber wirklich bemerkenswert und die einzig richtige Reaktion auf Nelsons Tod ist, ist der Protest von fast 20 Insassen, die sich am nächsten Tag versammelt haben und sich weigerten, nach ihrer Ausgangserlaubnis wieder in ihre Zellen zu gehen. Sie stellten sich damit solidarisch mit Nelson und klagten seinen Tod und die Zustände des JVA Ottweilers an. Und was macht die JVA-Leitung? Ruft ein Sondereinsatzkommendo, um den Protest zu ersticken und versetzt zwei Gefangene, die den Protest angeführt haben, in jeweils andere JVAs.
Dass solche Beamt:innen eine lückenlose Aufklärung leiten sollen, kann nicht infrage kommen. Eine Aufklärung kann nur von unabhängigen Menschen stattfinden, die nicht im Dienste dieses Staates und ihrer Regierung stehen. Das müssen die eigene Familie, ausgebildete Fachpersonen wie Ärzt:innen, Psycholog:innen und Gutachtr:innen sein, die sich solidarisch einem Untersuchungsprozess anschließen, um wirklich lückenlose Aufklärung leisten zu können. Diese solidarischen Bündnisse und Komitees sind unabdingbar, wenn wir die Grausamkeiten und Machenschaften der Polizei, der Gefängniswärter:innen und des Staates aufdecken und sie zur Rechenschaft ziehen wollen.