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„Nein zum unternehmerischen Nazismus“

ArbeiterInnen beim deutschen Autozulieferer Kromberg und Schubert in Argentinien kämpfen gegen Entlassungen und miserable Arbeitsbedingungen

// ArbeiterInnen beim deutschen Autozulieferer Kromberg und Schubert in Argentinien kämpfen gegen Entlassungen und miserable Arbeitsbedingungen //

Fast 26.000 ArbeiterInnen in 30 Fabriken rund um die Welt. So viele Menschen beschäftigt der deutsche Autozulieferer Kromberg und Schubert. Doch an einem Standort gibt es aktuell große Probleme. Die 700 ArbeiterInnen in der argentinischen Niederlassung, in einem großen Industriepark im Norden von Buenos Aires, kämpfen seit dem letzten Jahr gegen Entlassungen.

„80 Prozent von uns sind Frauen, mehrheitlich alleinerziehende Mütter“, sagt Daiana Álvarez, die letztes Jahr rausgeworfen wurde. „Wir müssen Familien ernähren.“ Seit der Eröffnung der Fabrik im Jahr 1997 gab es viele Beschwerden von der Belegschaft: Dabei ging es nicht nur um die Löhne, die mit umgerechnet 550 Euro im Monat im Vergleich zu umliegenden Fabriken niedrig sind. KritikerInnen werfen dem Unternehmen auch Mobbing und Belästigung vor, um zu verhindern, dass die ArbeiterInnen auf ihren Rechten bestehen. Denn in den 15 Jahren seiner Existenz gab es keine gewerkschaftliche Struktur im Werk. Bis zu 30 Prozent der Belegschaft besteht aus Leiharbeitern.

Bis zum Zusammenbruch

„Es gibt sehr viele Berufskrankheiten, vor allem Probleme mit den Händen und Armen“, fährt Álvarez fort. „Wenn wir nach Hause kommen, haben wir oft nicht mal die Kraft, unsere Kinder auf den Arm zu nehmen.“ Wer auf diese Art krank wird, werde vom Unternehmen mit einer „winzigen Abfindung“ entlassen.

Mitte 2013 wurden 12 ArbeiterInnen entlassen, nachdem sie sich der argentinischen Gewerkschaftsföderation CTA angeschlossen hatten. „Da sagten wir, vor allem die Frauen, Basta!“, erinnert sich Álvarez. Im Juni letzten Jahres wurde die ganze Fabrik durch einen mehrstündigen Streik lahmgelegt. Doch auch nach einer Demonstration und einem Treffen im Arbeitsministerium gab es keine Lösung. Deswegen haben die Kromberg-ArbeiterInnen, zusammen mit den Betriebsräten von weiteren Unternehmen, 16 Stunden lang die Tore des Industrieparks Pilar – der größte in Argentinien – blockiert, um die Wiedereinstellung der Entlassenen, die Festanstellung der LeiharbeiterInnen, eine Lohnerhöhung und die Wahl eines Betriebsrates zu fordern.

Das Unternehmen beharrte jedoch auf den Entlassungen. So kam der Kampf in die nächste Phase: eine zehntägige Blockade der Fabrik. „Fünfmal wurden wir von der Polizei von Buenos Aires brutal angegriffen“, erzählt Maximiliano Torres, der ebenfalls geschaßt worden war. Die Polizei untersteht dem Gouverneur Daniel Scioli, einem Vertrauten von Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner.

Zunächst wollte die Gewerkschaft vor allem Verhandlungen mit dem Unternehmen und riet den Beschäftigten von allen Arbeitskampfmaßnahmen ab. Doch die Gespräche blieben ergebnislos, und die Streikenden entschieden sich, die Panamerikanische Autobahn, die wichtigste des Landes, zu blockieren. Mehr als 200 ArbeiterInnen von Kromberg zusammen mit 300 weiteren ArbeiterInnen der größten Fabriken im Norden von Buenos Aires – darunter Kraft, Lear, Pepsico und Unilever – und solidarischen StudentInnenen besetzten den Verkehrsweg stundenlang.

„Wir konnten die Wiedereinstellung der Entlassenen nicht durchsetzen“ so Torres, „aber die Gewerkschaft sah sich immerhin gezwungen, zum ersten Mal in 15 Jahren Delegierten wählen zu lassen.“ Die kämpferischen ArbeiterInnen gründeten die „violette Liste“ und gewannen die meisten Stimmen unter den ProduktionsarbeiterInnen. „Doch die Gewerkschaft organisierte einen skandalösen Betrug und ließ 150 Nicht-Wahlberechtigte, darunter Manager und Leiharbeiter, an der Abstimmung teilnehmen“ berichtet Torres. Außerdem waren bis zu 70 Sicherheitsbedienstete – von den Beschäftigten als „Schläger“ bezeichnet – während der Wahlen im Werk unterwegs. So blieb der Betriebsrat auf Seiten des Unternehmens.

Das Jahr 2014 begann mit der erneuten Entlassung von 54 KollegInnen, die im Jahr davor in der ersten Reihe des Kampfes gestanden hatten. Das Unternehmen rechtfertigte das mit einem Produktionsrückgang. Die Beschäftigten hielten dem entgegen, dass Kromberg vor dem Hintergrund eines Wachstums der argentinischen Autoindustrie um 13 Prozent im letzten Jahr zwei neue Produktionslinien eingeführt habe. „Wegen dieses leichten Produktionsrückgangs, den es in unseren Augen gar nicht gegeben hat, werfen sie 54 Familien auf der Straße“ so Nadia Rodriguez, die ebenfalls entlassen wurde.

Schwarzbraune Geschichte

„Nein zum unternehmerischen Nazismus“ steht auf einem großen Banner, das die Entlassenen zu Protesten tragen. Ein Hakenkreuz ist neben den Logos von Mercedes und Volkswagen zu sehen – beides Firmen, die von Kromberg beliefert werden. Bekannt ist, dass die Firma unter dem deutschen Faschismus in einem Zivilarbeiterlager in Wuppertal 140 ZwangsarbeiterInnen ausgebeutet hat. „Kromberg und Schubert hat eine schwarze Geschichte der Ausbeutung von Sklavenarbeit“, heißt es auf einem Flugblatt der Streikenden in Buenos Aires. Der Daimler-Konzern, der von Kromberg beliefert wird, hatte während der Militärdiktatur in Argentinien mit Todesschwadronen zusammengearbeitet, die den dortigen Betriebsrat entführten und „verschwinden“ ließen.

Auch in Südafrika sind schwere Vorwürfe gegen Kromberg laut geworden. Im Jahr 2005 wurden 700 ArbeiterInnen, die Mitglieder der Metallgewerkschaft NUMSA waren, beim Kromberg-Werk in Brits aufgrund eines Streiks entlassen. Die ArbeiterInnen forderten eine Lohn­erhöhung und ein Ende rassistischer Arbeitsbedingungen. „Wir müssen durch vier Zäune durch, um zu den Toiletten zu kommen“, so Elizabeth Khuma von den Streikenden damals. „Es gibt zwar Toiletten auch drin, aber nur Weiße dürfen sie benutzen.“ Das Unternehmen reagierte auf diese Vorwürfe nicht.

„Der Arbeitsrhythmus ist sehr schnell, man hat nicht mal Zeit, einen Schluck Wasser zu trinken“, erzählt Álvarez. „Immer wieder trifft man Kolleginnen, die weinen, weil wir so schlecht behandelt werden. Auch schwangere Frauen müssen an den Fließbändern schuften. Deswegen hatte eine Kollegin auch eine Fehlgeburt.“ Der Boom der argentinischen Autoindustrie im letzten Jahrzehnt kam auf Kosten von tausenden ArbeiterInnen mit miserablen BEdingungen und unsicheren Verträgen.

Erst im Januar haben 200 ArbeiterInnen von Kromberg die Kreuzung der zentralen Straßen Callao und Corrientes in der Mitte von Buenos Aires acht Stunden lang blockiert, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Ein Treffen mit dem Arbeitsministerium am 30. Januar brachte immer noch keine Lösung, doch die Gewerkschaft will sich jetzt für die Wiedereinstellung stark machen. Der neugewählte linke Parlamentsagbeordete Nicolás del Caño hatte 10.000 argentinische Pesos (900 Euro) aus seiner Diät in die Streikkasse gespendet.

Für beide Seiten hat der Kampf Symbolcharakter. „Dieser Angriff auf den Aktivismus der Arbeiter könnte einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen“ so Torres. „Aber umgekehrt könnte ein Sieg bei Kromberg tausende Arbeiter inspirieren, die sich gegen Entlassungen wehren wollen.“

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