Museum bleibt geschlossen

08.07.2016, Lesezeit 4 Min.
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Beim ersten Warnstreik im Berliner Technikmuseum liegt die Beteiligung unter den Besucher*innenbetreuer*innen bei 100 Prozent. Weitere Warnstreiks werden ohne Ankündigung stattfinden.

Am Donnerstag um 9 Uhr will eine 10. Klasse einen Ausflug in das Deutsche Technikmuseum Berlin machen. Doch der Eingang ist zu und die Beschäftigten stehen davor. „Streik!“ steht in neongrüner Sprühkreide auf dem Bürgersteig. Über 40 Besucher*innenbetreuer*innen halten Transparente hoch und machen Lärm mit Trillerpfeifen.

Die Schüler*innen reagieren positiv auf den zweistündigen Warnstreik. Sie kennen die Prozedur von ihren angestellten Lehrer*innen, die vor einem Monat selbst im Ausstand waren. Auch die Lehrkräfte bekunden Unterstützung. „Die Schüler kommen gleich in die Berufsausbildung“ sagt ein Pädagoge, „und sie müssen über Arbeitskämpfe lernen.“

Beim ersten Warnstreik im Technikmuseum geht es um „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“, was ebenfalls auf dem Bürger*innensteig gesprüht steht. 170 Mitarbeiter*innen sind über eine Tochterfirma beschäftigt und verdienen nur 9,62 Euro die Stunde. Ihre Kolleg*innen, die exakt die gleiche Arbeit machen, aber direkt bei der Museumsstiftung angestellt sind, werden nach dem Tarifvertrag der Länder (TV-L) entlohnt.

Die Tochterfirma Technik und Museum GmbH (T&M) ist vor mehr als zehn Jahren gegründet worden. Der Betriebsratsvorsitzende Salim Bellachia erläutert, dass ursprünglich das „Modell Schlecker“ gelten sollte. D.h. die gesamte Belegschaft sollte Teilzeitverträge für 450 Euro im Monat erhalten, immer auf zwei Jahre befristet. „Wir haben dafür gekämpft, dass wir mehr arbeiten dürfen“ so Bellachia. Heute machen manche Beschäftigte nur einen Nebenjob neben dem Studium, aber andere arbeiten seit mehr als einem Jahrzehnt im Museum.

Ver.di fordert die Anwendung des Tarifvertrages auf die gesamte Belegschaft. „Ein Haus, ein Lohn“ steht auf einem Transparent. Unter den Besucher*innenbetreuer*innen liegt die Streikbeteiligung bei 100 Prozent. Nur einige Wachschützer*innen sind noch auf Arbeit. Warum ist die Streikbeteiligung so hoch? Kollegen beschreiben die Belegschaft als „freundschaftlich“ und „solidarisch“. Zusätzlich ist auch der „Leidensdruck“ nicht klein. „Hier verdient keiner viel“, so eine Streikende, die anonym bleiben wollte.

Im Februar hat die Belegschaft erreicht, dass mindestens 80 Prozent der Beschäftigten einen unbefristeten Vertrag haben müssen. Zwei Jahre lang hatten sie Druck gemacht, bis der Berliner Senat diese Forderung endlich bei der Museumsstiftung durchsetzte. „Wir haben eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen, und jetzt haben 82,5 Prozent von uns einen entfristeten Vertrag“ erklärt ein Betriebsratsmitglied.

Während des Warnstreiks müssen viele Schulklassen auf den benachbarten Gleisdreieckspark ausweichen – sie wirken nicht unbedingt traurig darüber. „Ausgründungen sind Moppelkotze“ steht auf einem der Protestschilder. Die Forderung sollte man auch für Kinder verständlich sein, und „Bullshit“ klang ein bisschen krass.

In einem Flyer erläuterte das Museum ihre Sichtweise:

Ein von beiden Seiten unterzeichnetes Eckpunktepapier, das Gehaltssteigerungen von fast 8,9 Prozent vorsah, wurde von der ver.di-Betriebsgruppe aufgekündigt. Jetzt wird eine sofortige Angleichung an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes gefordert. Dies würde einer 50-prozentigen Lohnerhöhung entsprechen und für die SDTB jährliche Mehrkosten in Höhe von 1,3 Millionen Euro bedeuten. Die dafür erforderlichen Mittel sind im Wirtschaftsplan der Stiftung nicht vorhanden und müssten vom Berliner Senat zusätzlich bewilligt werden.

Auffällig ist: Die Geschäftsführung erläutert gar nicht, warum sie die unterschiedlichen Löhne überhaupt für gerechtfertigt hält. Ein Eckpunktepapier wurde tatsächlich zwischen dem Museum und ver.di ausgehandelt, jedoch in einer Urabstimmung von den Beschäftigten abgelehnt. Daraus ist der aktuelle Arbeitskampf entstanden – es geht um die volle Angleichung an den TV-L, wenn nicht jetzt, dann zumindest bis zu einem vereinbarten Termin. Zu Recht lehnen die Streikenden jede „Hinhaltetaktik“ mit Verweis auf Doppelhaushalte oder sonstige Termine entschieden ab.

Weitere Arbeitsniederlegungen sind geplant, ab jetzt allerdings ohne Vorankündigung. Aus dem laufenden Betrieb heraus wird das Museum dann geschlossen. Denn die Beschäftigten müssen nicht nur Druck auf ihren Arbeitgeber machen, sondern auch auf den Berliner Senat, dem das Museum gehört. „Es ist eine Frage für die Politik“, so eine Kollegin.

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