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4.000 Berliner Lehrer*innen streiken zwei Tage lang

4.000 angestellte Lehrer*innen streikten auch für Aufwertung der Tätigkeit an Grundschulen. Solidarität kam von Streikenden bei Vivantes.

4.000 Berliner Lehrer*innen streiken zwei Tage lang

Es waren die Streiktage Nummer 21 und 22: Am Montag und Dienstag folgten knapp 4.000 angestellte Lehrer*innen in Berlin dem Streikaufruf der GEW. Am Montag versammelten sich die Pädagog*innen vor der Finanzverwaltung am Spreeufer. Mit bunten Luftballons und Sambatrommeln zogen sie um das Gebäude. Am Dienstag gingen sie zum Roten Rathaus: Tausende Menschen starteten bei Nieselregen am Potsdamer Platz, weitere tausend veranstalteten einen Fahrradkorso durch die Stadt.

In der Tarifauseinandersetzung, die seit Anfang 2013 schwelt, geht es um das Prinzip „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Angestellte Lehrer*innen wollen genauso viel verdienen wie ihre verbeamteten Kolleg*innen, da beide Gruppen exakt die gleiche Arbeit verrichten. Aber das ist nicht alles. Auf einer großen Papierrolle, mehrere Dutzend Meter lang, hatten die Pädagog*innen unzählige Forderungen aufgeschrieben. Diese wurden Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) übergeben.

Auf dem Schild von Hendrick Heilwagen steht nur: „[…]“ Was er damit ausdrücken will? „Es ist alles gesagt“, so der Mathelehrer am Montag. „Denn sie wollen nicht nur mit uns reden.“ Die zuständigen Senator*innen redeten sich seit drei Jahren aus der Verantwortung heraus. Dagegen helfe nur ein Streik, der „weh tut“. Die Zahl der Streikenden wachse von Aktion zu Aktion, die allermeisten Eltern seien solidarisch.

„In den Medien wird nur über die Bezahlung diskutiert“, sagt Heilwagen, der seit einem Jahr am Thomas-Mann-Gymnasium im Märkischen Viertel unterrichtet. „Aber als Gymnasiallehrer verdienen wir nicht so schlecht.“ Trotzdem war der 30jährige im ersten Arbeitsjahr schon dreimal im Ausstand. Worum geht es ihm also? „Solidarität“, sagt er. Denn die Kolleg*innen, die seine Siebtklässler*innen im Vorjahr an der Grundschule unterrichtet haben, verdienen 400 bis 500 Euro weniger als er pro Monat. Mit dem Streik wird für Grundschullehrer*innen die gleiche Vergütung gefordert wie für diejenigen, die an Gymnasien unterrichten, nämlich die Entgeltgruppe 13.

Aber die Ungerechtigkeit hört nicht bei den Schulformen auf. Ein Grundschullehrer, der anonym bleiben will, ist von der Qualifikation her ein Studienrat. Deswegen verdient er mehr als andere in seinem Kollegium. „Dumm und bescheuert“ nennt er das. Sein größtes Problem: Für die Vorbereitung des Unterrichts habe er „einfach keine Zeit“. Überall in den Berliner Schulen mangelt es an Personal. Löcher werden durch „Vertretungslehrer“ gestopft, die immer wieder nur befristete Verträge und Niedriglöhne bekommen, obwohl sie teilweise jahrelang Klassen betreuen. Auch „Willkommensklassen“ für geflüchtete Kinder werden oft von Externen unterrichtet, die deutlich weniger verdienen.

Am Ausstand nahm ein Drittel der 12.000 angestellten Berliner Pädagog*innen teil: Einige Schulen waren mit dem kompletten Kollegium vertreten, andere nur durch eine einzige Lehrkraft. Für die Streikenden gibt es in der Regel keine Vertretung. Ihre Klassen werden nur von Beamt*innen und Erzieher*innen betreut. „Ich glaube nicht, dass heute irgendwas sinnvolles in der Schule stattfindet“ sagt ein Lehrer von einer Grundschule im Prenzlauer Berg.

Trotz der Unannehmlichkeiten fragen die meisten Eltern, wie sie das Anliegen der Lehrer*innen unterstützen können. Doch die Streikenden wissen oft keine Antwort. Eine Schülerin, die am Protest teilgenommen hat, schlägt vor, an ihrer Schule eine Vollversammlung zu organisieren. Dort könnten die Lehrer*innen von ihren Streikgründen erzählen und die Schüler*innen von ihren Streiks gegen Rassismus berichten.

Andreas Danner, der seine anderthalbjährige Tochter mit auf die Demo genommen hat, ist für den Job von Baden-Württemberg nach Berlin gezogen. „Ich habe mich für das Angestelltenverhältnis entschieden“, erzählt der Englischlehrer, „damit ich auch das Recht habe, für bessere Arbeitsbedingungen zu streiken“. Der Berliner Senat hat vor mehr als zehn Jahren beschlossen, die Verbeamtung von Lehrkräften zu stoppen, um Kosten zu sparen. Dadurch sind die Schulen praktisch nur ein weiteres Landesunternehmen, und an vielen solchen Unternehmen protestieren Beschäftigte  gerade für Gleichstellung.

Zur gestrigen Kundgebung waren auch Mitarbeiter*innen der Vivantes Service GmbH gekommen, einer Tochterfirma des gleichnamigen landeseigenen Krankenhausbetreibers, um den Lehrer*innen ihre Solidarität auszudrücken. Sie streiken für die Rückkehr in den Tarifvertrag der Muttergesellschaft. Die Delegation der VSG trug neongelbe Streikwesten der Gewerkschaft ver.di, die im Meer von roten GEW-Westen hervorstachen. Zugleich sprachen einige Lehrer*innen auf einer Kundgebung der Service-Beschäftigten des Humboldt-Klinikums in Berlin-Reinickendorf. Beide Gruppen solidarisieren sich miteinander und verlangen – gerade im Vorfeld der Abgeordnetenhauswahlen im September –, dass die Versprechen von der regierenden SPD auf Verbesserungen auch zu Taten führen.

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