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Mehr als Schrubben

Als Patient bekommt man sie selten zu sehen, und doch hängt die Gesundheit auch an den Sterilisationsassistent*innen. In Berlin sind rund 70 von ihnen in den Streik getreten.

Mehr als Schrubben

Bild: Der Fre­itag

Jed­er weiß, wie man ein Mess­er in der Spüle abschrubbt. So stellt sich der Laie die Ster­il­i­sa­tion in einem Kranken­haus vor. Auch Ärzte und Pfleger*innen wun­dern sich. Ein*e Sterilisationsassistent*in erin­nert sich, wie eine Pflegerin mit einem „Sieb“, einem Kas­ten mit medi­zinis­chen Instru­menten, zu ihm kam. Ob man das schnell abspülen kön­nte? Er kon­nte nur den Kopf schüt­teln. Ster­il­i­sa­tion ist schon ein biss­chen kom­pliziert­er.

Die Mitarbeiter*innen in der „Steri“ müssen sich nicht nur um hoch­präzise Instru­mente für Neu­rochirurgie küm­mern, son­dern auch um „Endoskope, OP-Robot­er­arme und Inku­ba­toren“, erk­lärt Juliane Hielsch­er. Die 36-jährige Frau mit Brille und Pfer­de­schwanz arbeit­et seit zehn Jahren als Ster­il­i­sa­tion­sas­sis­tentin beim Klinikum Neukölln, das zum städtis­chen Kranken­hauskonz­ern Vivantes gehört. Aber in all den Jahren hat­te sie keinen Tar­ifver­trag, weil sie über die 100-prozentige Tochter­fir­ma Vivantes Ser­vice GmbH angestellt ist. Deswe­gen ver­di­ent sie 500 Euro pro Monat weniger als Kolleg*innen, schätzt sie.

Die aus dem Kellerverlies

Juliane Hielsch­er wurde vor etwa zwei Jahren in die Tar­ifkom­mis­sion gewählt. Son­st hat­ten sich nur Män­ner zur Wahl gestellt. Eine Frau sollte dabei sein, dachte sie sich. Sie ist keine, die gern vor Men­schen­massen redet. Aber jeden Tag ab acht Uhr mor­gens organ­isiert sie das ungewöhn­liche Durch­hal­tev­er­mö­gen dieser kämpferischen Belegschaft.

„Kein­er weiß, wo wir über­haupt sind“, beklagt Hol­ger Stein­metz von der Ster­il­i­sa­tion am Kranken­haus im Friedrichshain. Sein hochtech­nol­o­gisiert­er Arbeit­splatz liegt im zweit­en Stock direkt über den Oper­a­tionssälen. Den­noch hält sich das Bild eines nassen und dun­klen Kellerver­lieses, in dem unfähige Kranken­schwest­ern zum Schrubben verurteilt wer­den. Jet­zt ste­ht Stein­metz – Glatze, gezopfter Kinnbart, Leder­hose – jeden Tag am Ein­gang eines anderen Klinikums im Streikzelt, für alle zu sehen.

Denn seit drei Wochen sind Hielsch­er und Stein­metz zusam­men mit 70 Kol­le­gen im Arbeit­skampf. Sie fordern, dass der Tar­ifver­trag für den öffentlichen Dienst nicht nur für die Stamm­belegschaft, son­dern auch für die Tochter­fir­men im Kranken­haus angewen­det wird. Viele wür­den auch gern für die Wiedere­ingliederung in den Mut­terkonz­ern streiken, aber das ist nach dem restrik­tiv­en Streikrecht in Deutsch­land ver­boten.

Der Aus­stand macht sich ger­ade in der Ster­il­i­sa­tion bemerk­bar. „Wenn wir die Arbeit nieder­legen, dann kann auch kein Arzt operieren“, sagt Juliane Hielsch­er. Sie ver­gle­icht es mit einem Uhrw­erk – die „Steri“ sei ein kleines Zah­n­rad, ohne das der ganze Kranken­haus­be­trieb zusam­men­brechen würde.

In drei Laboren in Friedrichshain, Neukölln und Span­dau lässt Vivantes alle medi­zinis­chen Geräte von neun Kranken­häusern und vie­len pri­vat­en Prax­en reini­gen. Plas­ma, Dampf und Gas kom­men zum Ein­satz. Wegen des Arbeit­skampfes stapeln sich die Siebe zu kleinen Tür­men, Skalpelle liegen kreuz und quer auf den Met­alltischen. Alles sieht wie in ein­er unor­dentlichen WG-Küche aus – Mitarbeiter*innen ver­sich­ern, dass son­st per­fek­te Ord­nung herrsche.

In der Ster­il­i­sa­tion arbeit­et während des Streiks ein „Not­di­enst“ von sechs Kolleg*innen – so haben Vivantes und die Gew­erkschaft Ver­di es aus­ge­han­delt. Mit der Arbeit kommt dieser Not­di­enst jedoch gar nicht hin­ter­her. Geplante Oper­a­tio­nen wer­den rei­hen­weise abge­sagt – die OP-Säle wer­den nur noch für Not­fälle ver­wen­det. Patien­ten müssen in andere Kranken­häuser auswe­ichen oder bekom­men Ter­mine in unbes­timmter Zukun­ft. „Ein Skan­dal!“, heißt es in der anony­men What­sApp-Nachricht, die unter den Streik­enden die Runde macht. „Vivantes spielt mit der Gesund­heit und dem Leben der Berlin­er Bürg­er!“

Streik­ende bericht­en, dass Mitarbeiter*innen aus der Geschäfts­führung und der Verkauf­s­abteilung mit anpack­en, obwohl sie nicht über die erforder­liche „Fachkunde 1“ ver­fü­gen. Auf Anfrage bestätigt Vivantes etwas vage: „Bes­timmte Tätigkeit­en in der Ster­il­i­sa­tion von Medi­z­in­pro­duk­ten kön­nen unter Anleitung auch durch andere Mitar­beit­er erbracht wer­den.“ Mit anderen Worten: Bekommt man dieser Tage in Berlin ein Endoskop in die Speis­eröhre geschoben, kann es sein, dass es von einem Buch­hal­ter gere­inigt wurde, der mal eben kurz einge­sprun­gen ist – unter Anleitung von Fach­per­son­al natür­lich. Die Streik­enden hal­ten nichts von dieser „Anleitung“ – wür­den geschulte Kol­le­gen die Arbeit der ungeschul­ten Helfer*innen fachgemäß kon­trol­lieren, müssten sie bei jedem einzel­nen Arbeitss­chritt über die Schul­ter schauen. Der Arbeit­sein­satz würde sich nicht wirk­lich lohnen.

Es quietscht

Ein rot-rot­er Sen­at hat­te die Aus­gliederung der Sterilisationsassistent*innen um 2006 vor­angetrieben. „Sparen, bis es qui­etscht“, hieß es unter dem dama­li­gen Bürg­er­meis­ter Klaus Wow­ere­it (SPD). Allein Vivantes hat heute 17 Tochterun­ternehmen – „alle zum Zweck der Tar­if­flucht gegrün­det“, wie eine Mitar­bei­t­erin kri­tisiert.

Zehn Jahre später kehren SPD und Linke zurück in den Sen­at, jet­zt im Bünd­nis mit den Grü­nen. Ihre ein­stige Poli­tik „zügig“ rück­gängig zu machen, so lautete das Ver­sprechen in ihrem Koali­tionsver­trag. Doch erweist es sich als ein­fach­er, ein Kranken­haus zu zer­schla­gen, als die einzel­nen Scher­ben wieder zusam­men­zu­flick­en.

„Leute, ihr müsst noch lauter sein!“ 50 Mitarbeiter*innen haben sich auf der Wiese vor dem Klinikum Berlin-Neukölln ver­sam­melt. Sie tra­gen neon­gelbe Streik­west­en, manche ste­hen unter einem roten Pavil­lon von Ver­di. Gle­ich wird das Mit­tagessen geliefert, aber Mario Kun­ze will erst mal eine Streikver­samm­lung anstim­men. Seine don­nernde Stimme hört man in den oberen Eta­gen. Der 49-jährige Elek­trik­er ist so was wie der Antreiber des Arbeit­skampfes.

Kun­ze, jung geblieben­er Groß­vater mit kurzen grauen Haaren und Kapuzen­pul­li von ein­er Punkband, arbeit­et seit fast 25 Jahren beim Klinikum im Friedrichshain.

Auf­grund seines alten Arbeitsver­trags mit Vivantes wird Kun­ze nach Tarif bezahlt.

Jeden Tag wird er wie ein Lei­har­beit­er an die Tochterge­sellschaft VSG „gestellt“. Das Para­doxe: Neben den 300 VSG-Mitar­beit­ern schuften 600 gestellte Kol­le­gen wie Mario Kun­ze – und ver­di­enen bis zu 1.000 Euro mehr für die gle­iche Arbeit.

Seit Jahren opfert Kun­ze seine Freizeit diesem Gerechtigkeit­skampf – ohne dass er sel­ber davon prof­i­tieren würde. Doch er ver­ste­ht seinen Ein­satz nicht als selb­st­los. Solange diese Tochter­fir­ma existiert, wird es auch immer die Gefahr geben, dass er dor­thin out­ge­sourct wird, mit weniger Lohn. Gle­ichzeit­ig habe er keine Lust, „in Zukun­ft als alter Mann mit Tar­i­flohn von schlecht bezahlten jun­gen Kol­le­gen umgeben zu sein“. Und je mehr von ihnen angestellt wer­den, desto eher kön­nte die Geschäfts­führung die teur­eren „Altbeschäftigten“ ver­scheuchen. Kun­zes Gründe für den Streik sind eben auch „abso­lut ego­is­tis­che“.

Man kön­nte es auch klas­sisch marx­is­tisch ver­suchen: Der Pro­le­tari­er kann sich nur befreien, wenn er sich für die Befreiung aller Pro­le­tari­er ein­set­zt. Kun­ze wurde in der DDR sozial­isiert und fragt sich, warum Kranken­häuser nicht ein­fach öffentlich finanziert wer­den sollen. Seit Mitte April läuft der Aus­stand – bis wann ist offen. Das Streik­lokal wan­dert durch ganz Berlin, jeden Tag geht’s in eine andere Vivantes-Ein­rich­tung. Auch wenn sich manche Kol­le­gen sträuben.

„Nach­dem Gott die Klap­per­schlange, die Kröte und den Vam­pir geschaf­fen hat­te, blieb ihm noch etwas abscheuliche Sub­stanz übrig, und daraus machte er einen Streik­brech­er.“ Die Streik­enden ken­nen diese Zeilen, ver­mut­lich vor 100 Jahren von Jack Lon­don geschrieben. Auf ihren Ver­samm­lun­gen ist es oft The­ma: Wie soll man mit den Kol­le­gen reden, die noch arbeit­en gehen? In einem offe­nen Brief ist von „Streik­bruch“ die Rede – „eure Arbeit zurzeit ist laut sach­lich­er Def­i­n­i­tion genau das“ –, aber der vor­wurfsvoller klin­gende Begriff Streikbrecher*in wird ver­mieden. Die, die weit­er­ar­beit­en, haben kom­plexe Gründe. Manche wer­den von ihren Vorge­set­zten eingeschüchtert; wenn sie streiken, wer­den befris­tete Arbeitsverträge nicht ver­längert oder sie wer­den schlicht gemobbt. Andere wieder­holen das Mantra: Es bringt nichts.

Es lag (bis Redak­tion­ss­chluss) noch kein Ange­bot der Geschäfts­führung für die Streik­enden vor. Das let­zte, noch vor dem Arbeit­skampf, sah kräftige Lohn­er­höhun­gen für die Ster­il­i­sa­tion­sas­sis­ten­ten vor – und für andere Beruf­s­grup­pen der Tochter fast gar nichts. Die meis­ten Steris haben dage­genges­timmt. Alle oder kein­er.

Dieser Artikel erschien am 11. Mai bei der Fre­itag.

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