Hintergründe

Mehr als Care: Silvia Federici, Arbeiterinnen und ihre Klasse

Anfang 2018 veröffentlichte der spanische Verlag „Traficantes de Sueños“ das Buch „El patriarcado del salario“ von Silvia Federici. Inmitten des Wiedererstarkens der feministischen Bewegung auf internationaler Ebene kehrt die Debatte über die Beziehungen zwischen Patriarchat und Kapitalismus zurück.

Mehr als Care: Silvia Federici, Arbeiterinnen und ihre Klasse

Von der Mitte des 19. Jahrhun­derts bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhun­derts kol­li­dierte die Eingliederung von Frauen in die außer­häus­liche Arbeit mit dem Man­gel an poli­tis­chen Recht­en für Frauen. Die Eingliederung wurde zunächst durch die kap­i­tal­is­tis­che Entwick­lung gefördert und durch die “Knap­pheit” der männlichen Arbeit­skräfte wegen des Ersten Weltkriegs später ver­stärkt. Die rel­a­tive Gle­ich­stel­lung mit den Män­nern auf dem Arbeits­markt, zu der die weib­lichen Massen vom Kap­i­tal gedrängt wur­den, wie es auch in der indus­triellen Rev­o­lu­tion mit Kindern der Fall war, hat ihre Ungle­ich­heit in der Zivilge­sellschaft her­vorge­hoben oder ans Tages­licht gebracht. Man kön­nte sagen, dass die rel­a­tive und neue “Gle­ich­heit in [eini­gen Aspek­ten des] Lebens” die unangemessene und uralte “Ungle­ich­heit vor dem Gesetz” zwis­chen Män­nern und Frauen unhalt­bar machte. Der Kampf für Bürg­erin­nen­rechte – vor allem für das Frauen­wahlrecht –, geführt von aufgek­lärten Frauen in Eng­land und anderen fort­geschrit­te­nen Län­dern und begleit­et von großen Sek­toren der Arbei­t­erin­nen, war von diesem Wider­spruch genährt.

Zu Beginn des 20. Jahrhun­derts etablierte der aus der Rus­sis­chen Rev­o­lu­tion her­vorge­gan­gene Arbeiter*innenstaat Maß­nah­men, die zur Verge­sellschaf­tung der Hausar­beit von Frauen tendierten. Dies war ein­er der Grundpfeil­er der bolschewis­tis­chen Poli­tik zur Emanzi­pa­tion der Frauen. Obwohl die Sozial­isierungs­maß­nah­men durch den Krieg und die Wirtschaft­skrise an viele Gren­zen stießen, war es eine fortschrit­tliche Erfahrung, die Iso­la­tion der Frauen im Haushalt zu been­den und ihre Eingliederung in das öffentliche Leben zu fördern [1].

In den 1970er Jahren hat die zweite Welle des Fem­i­nis­mus die Beziehung zwis­chen dem Per­sön­lichen und dem Poli­tis­chen aufgedeckt. Indem sie diese mys­ti­fizierte Beziehung enthüll­ten, stell­ten die Frauen in unvorherse­hbar­er Weise in Frage, was das Kap­i­tal seit Mitte des 20. Jahrhun­derts insti­tu­tion­al­isiert und nat­u­ral­isiert hat­te: die Tren­nung zwis­chen dem Öffentlichen (Pro­duk­tion, Lohnar­beit) und dem Pri­vat­en (Repro­duk­tion, unbezahlte Arbeit). Die ersten Debat­ten über die Hausar­beit und ihre Rolle in der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise gehen auf diese Jahre zurück: Pro­duziert Hausar­beit einen Mehrw­ert? Gibt es eine patri­ar­chale Pro­duk­tion­sweise, gestützt auf die Hausar­beit, die sich von der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise unter­schei­det? Oder gibt es ein einziges kap­i­tal­is­tisch-patri­ar­chales Sys­tem, in dem die Repro­duk­tion die Arbeit­skraft bes­timmt und der Pro­duk­tion von Tauschw­erten unter­ge­ord­net wird?

1972 veröf­fentlichte die autonome marx­is­tis­che Fem­i­nistin Mari­arosa Dal­la Cos­ta in Ital­ien und Großbri­tan­nien „Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft“ in Zusam­me­nar­beit mit der US-Amerikaner­in Sel­ma James. Dort weisen sie darauf hin, dass die Repro­duk­tion­sar­beit für das Funk­tion­ieren des Kap­i­tal­is­mus von grundle­gen­der Bedeu­tung ist, sein wesentlich­er Charak­ter durch die fehlende Bezahlung jedoch unsicht­bar gemacht wird. Gemein­sam mit Sil­via Fed­eri­ci in New York und Brigitte Galti­er in Paris grün­de­ten sie die „Inter­na­tion­al Wages for House­work Cam­paign“, um diese Debat­te zu fördern und durch ein Net­zw­erk von Komi­tees in ver­schiede­nen Län­dern Aktio­nen “für einen Lohn für Hausar­beit” zu koor­dinieren.

Neben vie­len anderen Tex­ten mit unter­schiedlichen Ansätzen, die diese Debat­te prägten, erscheint 1983 “Marx­ism and the Oppres­sion of Women. Toward a Uni­tary The­o­ry” (dt. „Die Frau im Kap­i­tal­is­mus: Eine fem­i­nis­tis­che Kri­tik der poli­tis­chen Ökonomie“) von der US-Amerikaner­in Lise Vogel. Als die neolib­erale Gegenof­fen­sive voran­schritt und die Peri­ode der Massen­radikalisierung des vor­ange­gan­genen Jahrzehnts been­dete, pos­tulierte Vogel, dass die Geschlechterord­nung des Kap­i­tal­is­mus struk­turell auf der sozialen Artiku­la­tion zwis­chen der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise und den Haushal­ten der Arbeiter*innenklasse beruht. Damit argu­men­tierte sie gegen die Vorstel­lung von einem ahis­torischen Patri­ar­chat oder ein­er häus­lichen Pro­duk­tion­sweise, die radikal getren­nt ist von dem, was die Beziehung zwis­chen Kap­i­tal und Arbeit fes­tlegt.

In den let­zten Jahrzehn­ten hat die außeror­dentliche Fem­i­nisierung der Arbeit­skraft, die sich unter prekären Bedin­gun­gen vol­l­zo­gen hat, und die rel­a­tive Eroberung demokratis­ch­er Rechte, die gewis­ser­maßen “Bürger*innen ver­schieden­er Geschlechter” gle­ich­set­zt, die Ansprüche der Frauen erhöht, die heute unter dem bemerkenswerten Kon­trast zwis­chen dieser “Gle­ich­heit vor dem Gesetz” und der weit­er­hin anhal­tenden “Ungle­ich­heit vor dem Leben” lei­den. In diesem Kon­trast soll­ten wir nach den Grund­la­gen dieser neuen inter­na­tionalen Welle der Frauen­be­we­gung suchen, die sich weltweit unter­schiedlich aus­drückt: auf den Straßen der Vere­inigten Staat­en in Sol­i­dar­ität mit Migrant*innen und gegen die Regierung Trump und ihre frem­den­feindliche Poli­tik; in Argen­tinien für das Recht auf Abtrei­bung; im Spanis­chen Staat gegen sex­u­al­isierte Gewalt, die von den Insti­tu­tio­nen des poli­tis­chen Regimes unter­stützt wird, um nur einige Beispiele zu nen­nen. Diese neue Welle nimmt, wenn auch mit anderen Zie­len, die Sprache und For­men wieder auf, welche his­torisch die Arbeiter*innenklasse in ihrem Kampf gegen die Aus­beu­tung aufge­baut hat: Frauen­streik, inter­na­tionale Arbeit­snieder­legung der Frauen, “wenn euch unsere Leben nichts wert sind, pro­duziert ohne uns”.

Wer­den diese Demon­stra­tio­nen die Vor­boten ein­er sub­jek­tiv­en Neuzusam­menset­zung dieser Arbeiter*innenklasse des 21. Jahrhun­derts sein, die ihr Gesicht verän­dert hat? Und wird aus dieser Neu­formierung der Arbeiter*innenklasse ein antikap­i­tal­is­tis­ch­er und sozial­is­tis­ch­er Fem­i­nis­mus her­vorge­hen, der fähig ist, bre­ite Teile dieser weib­lichen Massen zu organ­isieren? Dieser Fem­i­nis­mus wird heute nur von kleinen Frak­tio­nen der inter­na­tionalen Frauen­be­we­gung repräsen­tiert wird. Wir kön­nen die Antwort nicht vor­weg­nehmen, son­dern nur mit unseren Aktio­nen und unser­er Mil­i­tanz in diese Rich­tung arbeit­en. Wie auch immer das Ergeb­nis dieses Wieder­au­flebens der Frauen­be­we­gung mit einem Pro­le­tari­at, das sich von dem der 70er Jahren stark unter­schei­det, ausse­hen wird, ist es notwendig, die inzwis­chen klas­sis­chen Debat­ten zwis­chen Fem­i­nis­mus und Marx­is­mus neu zu lesen und zu aktu­al­isieren: über das Ver­hält­nis zwis­chen Patri­ar­chat und Kap­i­tal­is­mus und wie es sich in der repro­duk­tiv­en Arbeit, die meist von Frauen durchge­führt wird, man­i­festiert.

Schon heute, mit dem Wieder­au­fleben dieser Debat­ten über die The­o­rie der sozialen Repro­duk­tion, bekommt Vogels klas­sis­ch­er Text einen neuen Wert. US-amerikanis­che Akademik­erin­nen und Aktivistin­nen wollen im Dia­log mit der neuen Frauen­be­we­gung einen „Fem­i­nis­mus der 99%“ auf­bauen. Wie Lise Vogel sagte und was immer noch Gültigkeit hat:

Poli­tisch ste­ht sowohl die sozial­is­tis­che Bewe­gung als auch die fem­i­nis­tis­che sozial­is­tis­che Bewe­gung vor der schwieri­gen Auf­gabe, für Frauen zu kämpfen, ohne zwei gle­icher­maßen heimtück­ischen Gefahren zu erliegen. Ein­er­seits müssen sie auf der Hut sein vor dem bürg­er­lichen Fem­i­nis­mus und seinem begren­zten Kampf um Gle­ich­heit im Rah­men der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft. Ander­er­seits dür­fen sie nicht zulassen, dass vere­in­fachende oder ökon­o­mistis­che Vorstel­lun­gen vom Klassenkampf den Kampf um die Befreiung der Frauen an einen unter­ge­ord­neten Platz schiebt. Mit anderen Worten, Sozialist*innen, die sich für die Befreiung der Frauen ein­set­zen, müssen einen geeigneten Weg find­en, um den fem­i­nis­tis­chen Kampf mit dem langfristi­gen Kampf um poli­tis­che Macht und der sozialen Umgestal­tung zu verbinden. [2]

Diese Per­spek­tive kommt in unser­er Mil­i­tanz in der inter­na­tion­al­is­tis­chen, sozial­is­tis­chen und rev­o­lu­tionär-fem­i­nis­tis­chen Frauen­be­we­gung Pan y Rosas (Brot und Rosen) zum Aus­druck. Ohne die Diskus­sion hier voll­ständig auss­chöpfen zu kön­nen, wollen wir uns in diesem Sinne ein­er ersten Lek­türe von Sil­via Fed­eri­cis „El patri­ar­ca­do del salario“ näh­ern, die ihre jüng­sten Artikel über diese alte und erneuerte Debat­te zusam­men­fasst.

Die Arbeit des Werts und der Wert der Arbeit

Sil­via Fed­eri­ci find­et in der Def­i­n­i­tion der pro­duk­tiv­en Arbeit als wertschöpfend eine “männliche” Verz­er­rung, mit der als Gegen­stück die Nicht-Bezahlung der mehrheitlich, weib­lichen repro­duk­tiv­en Arbeit gerecht­fer­tigt würde. Diese Arbeit sei sozial “entwertet” im Ver­gle­ich zur anderen Arbeit, die der Kap­i­tal­is­mus als einzige wirk­lich nüt­zliche Arbeit sieht.

Marx hat nicht gese­hen, dass im Prozess der ursprünglichen Akku­mu­la­tion nicht nur die Bauern­schaft von ihrem Land getren­nt wird, son­dern auch eine Tren­nung zwis­chen dem Pro­duk­tion­sprozess (Pro­duk­tion für den Markt, Pro­duk­tion von Waren) und dem Repro­duk­tion­sprozess (Pro­duk­tion der Arbeit­skraft) stat­tfind­et. Diese bei­den Prozesse begin­nen sich physisch zu tren­nen und außer­dem von ver­schiede­nen Sub­jek­ten durchge­führt zu wer­den. Der erste Prozess ist mehrheitlich männlich, der zweite weib­lich; der erste lohn­ab­hängig, der zweite unbezahlt. [3]

Aber wed­er “pro­duk­tiv” noch “Wert” wer­den im Kap­i­tal von Marx moralisch bew­ertet. Dass eine Arbeit keinen Wert pro­duziert, darf nicht damit ver­wech­selt wer­den, dass diese Arbeit unnütz wäre. Marx selb­st bemerkt den nicht-pro­duk­tiv­en, das heißt nicht-wertschöpfend­en, Charak­ter des Han­dels und der Finanzen, die für die Zirku­la­tion des Kap­i­tals zen­tral sind, ohne dass sie selb­st Mehrw­ert schaf­fen. Sie sind also für Marx nicht pro­duk­tiv, aber nie­mand würde sagen, dass deshalb der Autor des Kap­i­tals die unab­d­ing­bare Rolle bei­der Aktiv­itäten in dieser Pro­duk­tion­sweise nicht anerkan­nt hätte. Auch wenn diese bei­den Aktiv­itäten im Gegen­satz zur Hausar­beit reich­lich belohnt wer­den.

Marx definiert die pro­duk­tive Arbeit als diejenige Arbeit, die Tauschw­ert pro­duziert: Diese Def­i­n­i­tion ist spez­i­fisch und bezieht sich auf die Beschrei­bung der Logik ein­er Pro­duk­tion­sweise des Kap­i­tal­is­mus:

… pro­duk­tive Arbeit [ist] eine Bes­tim­mung der Arbeit […], die zunächst abso­lut nichts zu tun hat mit dem bes­timmten Inhalt der Arbeit, ihrer beson­deren Nüt­zlichkeit oder dem eigen­tüm­lichen Gebrauch­swert, worin sie sich darstellt. Dieselbe Sorte Arbeit kann pro­duk­tiv oder unpro­duk­tiv sein.
[4]

Marx beschäftigt sich nicht spez­i­fisch mit den Charak­ter­is­ti­ka der repro­duk­tiv­en Arbeit, aber er “beschreibt die notwendi­ge Verbindung von Pro­duk­tion und Repro­duk­tion, unab­hängig von ihrer augen­schein­lichen Tren­nung” [5]. In der Ein­leitung zu den Grun­dris­sen, dem mon­u­men­tal­en Entwurf zum Kap­i­tal von 1857, bes­timmt er, wie die Kat­e­gorien der kap­i­tal­is­tis­chen Ökonomie – Pro­duk­tion, Zirku­la­tion und (ökonomis­che) Repro­duk­tion des Kap­i­tals – inner­halb eines viel bre­it­eren gesellschaftlichen Aus­tauchs ver­standen wer­den müssen. Darin sind all die fun­da­men­tal­en Aktiv­itäten für die Repro­duk­tion der Gesellschaft enthal­ten, die die poli­tis­che Ökonomie mit ihrem auss­chließlichen Blick auf den Markt bei­seite lässt. In diesem Sinne bietet Marx eine Grund­lage, um zu ver­ste­hen, wie die Hausar­beit in die Total­ität der Pro­duk­tion­sweise ein­tritt: mit ihrer Pro­duk­tion von Gebrauch­swerten, die sich nicht in Tauschw­erte umwan­deln, son­dern durch einen “pro­duk­tiv­en Kon­sum” in der­sel­ben Pri­vat­sphäre ver­braucht wer­den, in der sie hergestellt wur­den. Das ist für die Repro­duk­tion der Arbeit­skraft von entschei­den­der Bedeu­tung. Tithi Bhat­tacharya, eine fem­i­nis­tis­che Intellek­tuelle aus der Strö­mung der so genan­nten “The­o­rie der sozialen Repro­duk­tion” sieht in der men­schlichen Arbeit – genau wie Marx – die “Prämisse der men­schlichen Geschichte”. Sie analysiert, dass

… der Kap­i­tal­is­mus jedoch die pro­duk­tive Arbeit für den Markt als einzige legit­ime Form der Arbeit anerken­nt. Während­dessen wird die enorme Menge an Arbeit in der Fam­i­lie und der Gemein­schaft, die für das Über­leben und die Repro­duk­tion der Arbei­t­erin – oder spez­i­fis­ch­er gesprochen ihrer Arbeit­skraft – nötig ist, nat­u­ral­isiert, als ob sie nicht existieren würde. [6]

Der Kap­i­tal­is­mus ver­ban­nt die Frauen zur unbezahlten Repro­duk­tion­sar­beit. Oder genauer auf die heutige Zeit angewen­det: Er über­lastet sie damit. Auf diese Weise rech­net der Kap­i­tal­ist mit dieser unbezahlten Arbeit für die Repro­duk­tion der Arbeit­skraft. Auch wenn er aus dieser Aktiv­ität keinen Mehrw­ert her­auszieht, weil diese Arbeit keinen Tauschw­ert erzeugt, das heißt, sie kann nicht auf dem Markt getauscht wer­den. Daher ist die Repro­duk­tion­sar­beit unab­d­ing­bar, auch wenn sie keinen Tauschw­ert und damit auch keinen Mehrw­ert schafft; das heißt, auch wenn sie aus einem strik­ten Blick­winkel der Kap­i­tal­logik eine unpro­duk­tive Arbeit ist.

Die Repro­duk­tion­sar­beit ist nüt­zlich, auch wenn sie aus Sicht des Kap­i­tals nicht als pro­duk­tiv definiert ist. Es ist nicht notwendig, einen Weg zu suchen, wie wir sie in die Logik der Mehrw­ertab­schöp­fung ein­binden, damit sie sozial anerkan­nt und “gew­ertschätzt” wer­den kann. Das war indes der Weg, den einige fem­i­nis­tis­che The­o­retik­erin­nen gewählt haben. Sie ver­sucht­en zu erk­lären, dass, wenn die Repro­duk­tion­sar­beit die Arbeit­skraft “pro­duziert”, sie deshalb als pro­duk­tiv anzuse­hen sei, während nur die Exis­tenz von (ide­ol­o­gis­ch­er, kul­tureller) patri­ar­chaler Unter­drück­ung sie im Innern der Pri­vathaushalte hielte, wo sie unbezahlt von Frauen erledigt werde [7]. Aber wie Daniel Ben­saïd warnt:

Die Nor­men, die eine wirk­lich dem Kap­i­tal durch den Markt unter­wor­fene Arbeit und eine pri­vate Aktiv­ität reg­ulieren, sind den­noch schwierig zu ver­gle­ichen (Tay­lorisierung der Arbeit in Großküchen und im Hotel­gewerbe). Die Ver­gle­ich­swerte hän­gen von ein­er zufäl­li­gen und unbe­friedi­gen­den Auswahl ab: Es geht darum, zu berech­nen, wie viel eine Per­son in der Zeit auf dem Arbeits­markt ver­di­enen kön­nte, die sie für Hausar­beit­en benötigt (poten­zielle Lohnkosten), oder zu berech­nen, wie viel man auf dem Markt bezahlen müsste, um eine gle­ich­w­er­tige Dien­stleis­tung zu bekom­men (Mark­tan­schaf­fungskosten) [8].

Was die Debat­ten zwis­chen Feminist*innen und Marxist*innen in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten ange­ht, kön­nen wir die Worte Ben­saïds nur teilen, der bemerk­te, dass “die unpassende Über­tra­gung der Konzepte von Marx auf Bere­iche außer­halb ihres spez­i­fis­chen Feldes die Prob­leme oft ver­dunkelt hat, wie die grobe Hand­habung der Begriffe von Tauschw­ert und pro­duk­tiv­er Arbeit zeigt”[9].

(Re)produktion der Familie

In der­sel­ben Inter­pre­ta­tion­slin­ie wie ihre beson­dere Lek­türe der “männlichen Verz­er­rung”, die die Def­i­n­i­tion pro­duk­tiv­er Arbeit im Kap­i­tal­is­mus hat, fragt sich Fed­eri­ci,

… wie die Geschichte der Entwick­lung des Kap­i­tal­is­mus laut­en würde, wenn wir sie statt aus dem Blick­winkel des lohn­ab­hängi­gen Pro­le­tari­ats aus den Küchen und Schlafz­im­mern erzählen wür­den, in denen Tag für Tag und Gen­er­a­tion für Gen­er­a­tion die Arbeit­skraft pro­duziert wird [10].

Mit­tels dieser Frage etabliert Fed­eri­ci ihre Kri­tik dessen, was sie für die Vision oder bess­er die Blind­heit von Marx und des Marx­is­mus bezüglich der Rolle der Frau in der Repro­duk­tion der Arbeit­skraft und zugle­ich bezüglich der Rolle der sozialen Repro­duk­tion im kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem hält.

Auch wenn im Kap­i­tal nicht tiefer auf die Natur dieser beson­deren Pro­duk­tion der Ware “Arbeit­skraft” einge­gan­gen wird, ist es nötig zu beto­nen, dass davon aus­ge­gan­gen wird, dass die geschlechtliche Arbeit­steilung – eine Charak­ter­is­tik der patri­ar­chalen Gesellschaften – dem Kap­i­tal­is­mus his­torisch voraus­ge­ht und nicht erst mit sein­er ursprünglichen Akku­mu­la­tion entste­ht. Das Patri­ar­chat war schon vorhan­den. Was der Kap­i­tal­is­mus tat, war diese Beziehun­gen an seine eigene Logik anzu­passen und sie seinen Notwendigkeit­en zu unter­w­er­fen.

Für Marx ist der Kap­i­tal­is­mus eine organ­is­che Total­ität, ein Sys­tem, dessen Grav­i­ta­tion­sszen­trum in der Schaf­fung von Tauschw­erten und der Abschöp­fung von Mehrw­ert beste­ht. Aus diesem Blick­winkel dreht sich die Funk­tion­sweise der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise um die Aus­beu­tung von Arbeit­skraft – jen­er einzi­gar­ti­gen und beson­deren Ware, die Tauschw­erte pro­duzieren kann. Wenn der Kap­i­tal­is­mus sich die Aus­beu­tung von Lohnar­beit zu Nutze macht, bedeutet das jedoch nicht, dass er nicht auch andere, nicht-lohn­för­mige Arbeit aus­nutzen kann, die dieser zen­tralen Form unter­ge­ord­net sind, welche die Abschöp­fung von Mehrw­ert möglich macht. Bhat­tacharya bemerkt, dass Marx im Kap­i­tal “diesen zweit­en Kreis­lauf nicht [the­o­retisiert], son­dern nur notiert, dass die ‘beständi­ge Erhal­tung und Repro­duk­tion der Arbeit­erk­lasse […] beständi­ge Bedin­gung für die Repro­duk­tion des Kap­i­tals’ bleibt” [11].

In diesem Sinn ist es auch inter­es­sant, was Lise Vogel zur Rolle der Fam­i­lie, der “Repro­duk­tion­sein­heit” par excel­lence sagt, auch wenn es sich um eine vor dem Kap­i­tal­is­mus exis­tente Insti­tu­tion han­delt. Vogel gibt der Arbeiter*innenfamilie, das heißt der Fam­i­lie, in der die Arbeit­skraft repro­duziert wird, eine unab­d­ing­bare Rolle im kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem und “ver­schiebt den Fokus von der Beschäf­ti­gung mit der inter­nen Struk­tur und den Dynamiken der Fam­i­lien­form hin zu ihrer struk­turellen Beziehung zur Repro­duk­tion des Kap­i­tals” [1]. Die Fam­i­lie in den Kon­text der herrschen­den kap­i­tal­is­tis­chen, sozialen Beziehun­gen zu set­zen, ermöglicht es, die Rolle dieser vorher beste­hen­den Insti­tu­tion, die sich angepasst hat und eine spez­i­fis­che Form (Arbeiter*innenfamilie) angenom­men hat, zu sehen, und ihre interne Dynamik, wo Geschlechter- und Alter­shier­ar­chien herrschen, nicht isoliert von ihrer Funk­tion im Kap­i­tal­is­mus zu betra­cht­en.

Der Widerspruch als Möglichkeit

In ihrer Beschrei­bung der Arbeiter*innenfamilie bemerkt Fed­eri­ci, dass es seit der zweit­en Hälfte des 19. Jahrhun­derts einen Trans­for­ma­tion­sprozess gegeben habe, der die Fam­i­lie der Indus­triellen Rev­o­lu­tion hin­ter sich gelassen habe. Und sie sagt, dass Marx zwar die Zer­störung der Fam­i­lie durch die kap­i­tal­is­tis­che Aus­beu­tung gese­hen habe, aber den­noch der Mei­n­ung war – wie auch Engels –, dass der Ein­tritt der Frauen in die Arbeitswelt pos­i­tiv sei, ohne zu bemerken, dass “der Prozess der Reform, der stat­tfind­et, neue For­men des Patri­ar­chats, neue For­men patri­ar­chaler Hier­ar­chien schafft” [13]. Für Fed­eri­ci stellt es sich so dar:

Nach­dem Ende des 19. Jahrhun­derts der Fam­i­lien­lohn – der Lohn des männlichen Arbeit­ers (der sich zwis­chen 1860 und dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhun­derts ver­dop­pelt) – einge­führt wurde, wur­den die Frauen, die in den Fab­riken gear­beit­et hat­ten, wieder zurück nach Hause geschickt, sodass die Hausar­beit zu ihrer ersten Arbeit wurde und sie in Abhängigkeit geri­eten. [14]

Laut Fed­eri­ci hat der Kap­i­tal­is­mus die Form der Arbeiter*innenfamilie geschaf­fen, um das Pro­le­tari­at ruhig zu stellen, das gegen die Aus­beu­tung im Akko­rd rebel­liert hat­te. So sollte eine pro­duk­ti­vere und weniger wider­spen­stige Klasse geschaf­fen wer­den. In ihrer Per­spek­tive fehlen jedoch die wider­sprüch­lichen Prozesse des Klassenkampfes, da bei ihr in ein­er fast schon ver­schwörerischen Vision die herrschende Klasse als Trägerin ein­er unbe­gren­zten Macht zur Durch­set­zung nicht nur der Bedin­gun­gen der Aus­beu­tung, son­dern auch der Bedin­gun­gen der Repro­duk­tion der Arbeiter*innenklasse erscheint, ohne jegliche Hin­dernisse oder Wider­stände.

Die von Fed­eri­ci beschriebene Trans­for­ma­tion, die in der Her­aus­bil­dung der Kern­fam­i­lie gipfelt ist ein his­torisch­er Prozess. Die Kern­fam­i­lie ist dabei eine Fam­i­lienein­heit, die sich durch den männlichen Arbeit­er­lohn und eine zur Haushäl­terin ver­wan­delte Frau ausze­ich­net, die von diesem Lohn abhängig ist, der die Repro­duk­tion der Arbeit­skraft garantiert. Bei Fed­eri­ci erscheint dieser aber ohne Kämpfe für Lohn­er­höhun­gen, für die Ver­ringerung des Arbeit­stages, ohne Teilsiege und Teil­nieder­la­gen. Er erscheint auch ohne Zugeständ­nisse, die die Kapitalist*innen auch zu geben gezwun­gen waren, um die Aus­beu­tung der Lohnar­beit in die für sie besten Bedin­gun­gen, die die Kräftev­er­hält­nisse zwis­chen den Klassen zuließen, aufrechter­hal­ten zu kön­nen. Demge­genüber ist es notwendig her­vorzuheben, dass dieser Prozess, wie auch andere Prozesse, die wir in der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise beobacht­en kön­nen, wider­sprüch­lich ist: Auf der einen Seite wer­den die Frauen aus der pro­duk­tiv­en Sphäre her­aus­ge­drängt, um die Reduzierung der Kosten der Arbeit­skraft durch ihre auss­chließliche Beschäf­ti­gung mit unbezahlter Repro­duk­tion­sar­beit sicherzustellen. Aber so wird zugle­ich die zur Aus­beu­tung zur Ver­fü­gung ste­hende Bevölkerung reduziert, das heißt, der Teil, aus dem die Kapitalist*innen Mehrw­ert abschöpfen kön­nen.

Für die Arbeiter*innenklasse bedeutete die Vertei­di­gung der famil­iären Bande gegenüber der Gefräßigkeit der Indus­trie, die in der Aus­beu­tung nicht zwis­chen Män­nern und Frauen, oder zwis­chen Erwach­se­nen und Kindern unter­schei­det, auch eine Kon­fronta­tion mit dem Kap­i­tal zur Verbesserung ihrer Lebens­be­din­gun­gen. Mit dem massen­haften Zugang zu Schulen, Kranken­häusern und anderen öffentlichen Dien­stleis­tun­gen verbessern sich auch die Lebens­be­din­gun­gen der arbei­t­en­den Massen und ein Teil der Repro­duk­tion­sar­beit wird vom Pri­vathaushalt auf den kap­i­tal­is­tis­chen Staat über­tra­gen. Diese für die Arbeiter*innenklasse “vorteil­haften” Kon­se­quen­zen kön­nen auch im Neg­a­tiv­en gese­hen wer­den: Die Pri­vatisierung oder die Stre­ichung von öffentlichen Dien­stleis­tun­gen wird immer vom Wider­stand der Massen begleit­et, weil daraus ein Angriff auf die “Brief­tasche” der Arbeiter*innenfamilien und/oder ein Anstieg der Repro­duk­tion­sar­beit im Pri­vathaushalt fol­gt, der haupt­säch­lich die Frauen der Fam­i­lien bet­rifft.

In den let­zten Jahrzehn­ten hat der Kap­i­tal­is­mus in sein­er “neolib­eralen” Form die Gew­erkschaften und andere eigene Organ­i­sa­tio­nen der lohn­ab­hängi­gen Arbeiter*innenklasse ange­grif­f­en, um die Pro­duk­tion umzus­truk­turi­eren und die Aus­beu­tung auf ver­schiede­nen Wegen zu steigern. Aber er hat auch den Prozess der sozialen Repro­duk­tion der Arbeit­skraft ange­grif­f­en: die Pri­vatisierung öffentlich­er Betriebe, Kürzun­gen und Stre­ichun­gen von ver­schiede­nen Sozial­pro­gram­men, Haushalt­san­pas­sun­gen, die die Bil­dung und die Gesund­heitsver­sorgung ver­schlechtern, mas­sive Preis­er­höhun­gen im Nahverkehr und anderen lebenswichti­gen Dien­stleis­tun­gen, die Auswirkun­gen auf die famil­iäre Ökonomie der arbei­t­en­den Massen haben. Davon sprechen wir, wenn wir anprangern, dass die Ver­schul­dung der dem Impe­ri­al­is­mus unter­wor­fe­nen Län­der Spar­poli­tiken mit sich bringt, die zur Erhöhung der unbezahlten, von Frauen und Mäd­chen durchge­führten Repro­duk­tion­sar­beit führen. Der Kampf gegen diese Offen­sive des Kap­i­tals gegen die Massen “ist auch eine Anstren­gung der Klasse, ihren Anteil an der Zivil­i­sa­tion zu beanspruchen” [15].

Dass die Form der Fam­i­lie, die vom “Patri­ar­chat des Lohns” reg­uliert wird, auch einen für den Kap­i­tal­is­mus funk­tionalen Aspekt hat, bedeutet nicht, dass in ihr nicht Wider­sprüche enthal­ten sind, die vom Rin­gen zwis­chen Kap­i­tal und Arbeit geze­ich­net und vom Klassenkampf bes­timmt sind.

Der Wider­spruch ist unver­mei­d­bar, weil die kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion auf der Abschöp­fung des Mehrw­erts basiert, der in der Aus­beu­tung der Lohnar­beit geschaf­fen wird, aber auf die soziale Repro­duk­tion dieser Arbeit­skraft nicht verzicht­en kann. Das bedeutet, die Ten­denz zur Trans­for­ma­tion von immer bre­it­eren Sek­toren der Massen in Arbeit­skräfte desta­bil­isiert die Prozesse der Repro­duk­tion, die eben­falls notwendig sind. Das, was Nan­cy Fras­er als Triebkraft wiederkehren­der Krisen beschreibt, ist ein Wider­spruch, der sich für die US-amerikanis­che Fem­i­nistin “nicht ‘inner­halb’ der kap­i­tal­is­tis­chen Ökonomie befind­et, son­dern an der Gren­ze von dem, was Pro­duk­tion und Repro­duk­tion gle­ichzeit­ig voneinan­der tren­nt und miteinan­der verbindet. Wed­er inner­halb des Mark­tes noch inner­halb des Haushaltes, han­delt es sich um einen Wider­spruch zwis­chen zwei kon­sti­tu­tiv­en Ele­menten der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft.” [16].

Aus dieser Per­spek­tive ist der Kern der Funk­tion­sweise des Kap­i­tal­is­mus nicht “in den Küchen und Schlafz­im­mern” zu find­en, wie Fed­eri­ci sagt – auch wenn das, was dort passiert, durch die kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion­sweise auf der Grund­lage archais­ch­er, patri­ar­chaler For­men geschaf­fen ist, um diese Prozesse der sozialen Repro­duk­tion dem Prof­it­durst des Kap­i­tals zu unter­w­er­fen. “Die indi­rek­te Inte­gra­tion der Hausar­beit in die Bes­tim­mung des Lohns schafft somit eher eine Verbindung per­son­al­isiert­er (und häu­fig juris­tisch kodiert­er) Abhängigkeit, als eine Aus­beu­tungs­beziehung im spez­i­fis­chen Sinne der Abschöp­fung von Mehrw­ert. Diese Verbindung ist hier­ar­chis­chen Herrschafts­beziehun­gen näher als den mod­er­nen Klassen­beziehun­gen”, sagt der franzö­sis­che Marx­ist Daniel Ben­saïd [17]. Das ist, was die The­o­retik­erin Tithi Bhat­tacharya fast schon apho­ris­tisch definiert, wenn sie sagt, dass “die Lohn­beziehung die nicht-lohn­för­mi­gen Räume des täglichen Lebens durchtränkt” [18].

In dieser unver­mei­d­baren Verbindung wurzelt die Notwendigkeit ein­er antikap­i­tal­is­tis­chen, präzis­er, ein­er sozial­is­tis­chen und rev­o­lu­tionären Per­spek­tive für den Kampf gegen die Unter­drück­ung der Frauen. Zugle­ich darf kein Kampf der Arbeiter*innenklasse gegen die kap­i­tal­is­tis­che Aus­beu­tung auf ein Aktion­spro­gramm gegen die Fraue­nun­ter­drück­ung verzicht­en, die unter diesem Sys­tem in der Nat­u­ral­isierung der unbezahlten Repro­duk­tion der Arbeit­skraft ver­ankert ist.

Schlussfolgerung

Die Debat­te über das wider­sprüch­liche Ver­hält­nis zwis­chen Pro­duk­tion und Repro­duk­tion sollte jedoch eine Tat­sache nicht außer Acht lassen, die den Blick auf diese the­o­retis­chen Debat­ten sowie den poli­tis­chen Blick der­jeni­gen von uns verän­dert, die an der Befreiung von jeglich­er Form von Aus­beu­tung und Unter­drück­ung inter­essiert sind. Zum ersten Mal in der Geschichte des Kap­i­tal­is­mus machen Frauen etwa 40% der Arbeiter*innenklasse der Welt aus. Das heißt, dass 54% der Frauen im erwerb­stäti­gen Alter als lohn­ab­hängige Arbei­t­erin­nen Teil des Arbeits­mark­tes sind [19]. Wie viele dieser mehr als 1,3 Mil­liar­den Frauen wiederum tra­gen die Last der unbezahlten Arbeit, die es ihnen ermöglicht, ihre eigene Arbeit­skraft zu repro­duzieren, wie die von anderen? Wie viele von ihnen machen Hausar­beit im Tausch für einen Lohn, damit ihre Arbeit­ge­berin sich auf dem Arbeits­markt aus­beuten lassen kann, und mit ihrem Lohn die Kosten für diese Dien­stleis­tung deckt, die ihre eigene repro­duk­tive Arbeit reduziert? Der phänom­e­nale Wan­del der glob­alen Erwerb­s­bevölkerung hat auch die Fam­i­lien der Arbeiter*innenklasse radikal verän­dert: Wie hoch ist die Zahl der Haushalte, die vom Gehalt ein­er Frau gestützt wer­den, wie hoch ist der Anteil von allein­erziehen­den Frauen? Wie groß sind die Net­zw­erke von Frauen, die mit oder ohne Lohn die Haus- und Pflegear­beit ander­er lohn­ab­hängiger Frauen übernehmen?

In dieser kom­plex­en und neuen Real­ität gibt es keinen Platz für den Reduk­tion­is­mus eines ökon­o­mistisch-syn­dikalis­tis­chen Kor­po­ratismus, der nur eine männliche (und, warum nicht auch weiße, ein­heimis­che und het­ero­sex­uelle) Arbeit­erk­lasse betra­chtet. Aber wir kön­nen den Kampf der Frauen für ihre Emanzi­pa­tion auch nicht auf ein stereo­types Sub­jekt – die Haus­frau – beschränken, dessen Exis­tenz sich in den let­zten Jahrzehn­ten wesentlich verän­dert hat. Denn das würde bedeuten, die Per­spek­tive des Kap­i­tal­is­mus in sein­er organ­is­chen Gesamtheit zu ignori­eren, der dieses neue weib­liche Gesicht des Pro­le­tari­ats ein­schließt. Welche Auswirkun­gen wer­den die Kämpfe der Frauen in den Räu­men der Repro­duk­tion auf die Kämpfe ein­er zunehmend weib­lichen Arbeiter*innenklasse haben? Wie wird sich das neue Selb­st­be­wusst­sein der Frauen durch den weltweit wieder­erstark­enden Fem­i­nis­mus auf die aus­ge­beuteten Frauen auswirken? Was wer­den die Fol­gen für die männlich geprägte Gew­erkschafts­be­we­gung sein, die unfähig ist, die am stärk­sten unter­drück­ten Sek­toren der Klasse zu inte­gri­eren?

Fem­i­nis­men, die die Emanzi­pa­tion der Frauen von allen heute noch beste­hen­den For­men patri­ar­chaler Unter­drück­ung anstreben, kön­nen sich den Hin­dernissen, die der Kap­i­tal­is­mus dieser Per­spek­tive ent­ge­genset­zt, nicht entziehen. Ange­fan­gen beim offen­sichtlich­sten: Auf der einen Seite ein­er imag­inären Lin­ie, die die Welt­bevölkerung nach ihrem Reich­tum ord­net, haben acht Män­ner einen Geld­be­trag ange­häuft, der dem entspricht, was am anderen Ende für das Über­leben von 3,5 Mil­liar­den Men­schen aus­re­ichen muss, von denen 70% Frauen und Mäd­chen sind. Frauen sind in den Sta­tis­tiken von Armut, Prekar­ität und irreg­ulären Arbeitsver­hält­nis­sen am Arbeit­splatz über­repräsen­tiert und dies ist daher nicht von den Bedin­gun­gen getren­nt, unter denen unsere repro­duk­tive Arbeit geleis­tet wird.

Der Kampf gegen die Geschlechterun­gle­ich­heit kann nicht ohne die Frage auskom­men, in welch­er Gesellschaft wir leben wollen, um die volle Gle­ich­heit zu erre­ichen: Wollen wir dafür kämpfen, dass vier Frauen unter den acht reich­sten Men­schen der Welt sind und dass wir 50% der ärm­sten Men­schen sein kön­nen? Wenn das Grav­i­ta­tion­szen­trum des Kap­i­tal­is­mus weit­er­hin auf der Aus­beu­tung der Lohnar­beit und der Gewin­nung von Mehrw­ert liegt, kann man dann an die Emanzi­pa­tion der Frauen denken, ohne diesen entschei­den­den Knoten im Funk­tion­ieren der Gesellschaft, in der wir leben, zu durch­brechen? Denn obwohl die Kämpfe um die Beziehung zwis­chen Kap­i­tal und Arbeit und den Kämpfen in den Räu­men der sozialen Repro­duk­tion von ihren Beson­der­heit­en geprägt sind, soll­ten wir nach Wegen suchen, der von der herrschen­den Klasse aufer­legten Spal­tung und dem Antag­o­nis­mus ent­ge­gen­zutreten, um das zu vere­inen, was der Kap­i­tal­is­mus his­torisch ges­pal­ten hat. Heute ist es mehr denn je möglich, diesen Weg zu gehen, weil wir vielle­icht zum ersten Mal sagen kön­nen, dass es um uns Frauen, das Pro­le­tari­at, geht.

Dieser Artikel erschien auf Spanisch in Ideas de Izquier­da Nr. 43.

Fußnoten

(1) Vgl. Wendy Gold­man: “El Esta­do, la mujer y la Rev­olu­ción,” Buenos Aires, Edi­ciones IPS, 2010.

(2) Lise Vogel: “Ques­tions on the Woman Ques­tion”, Month­ly Review 31, Nr 2, Juni 1979. Eigene Über­set­zung.

(3) Sil­via Fed­eri­ci: “El patri­ar­ca­do del salario”, Madrid, Traf­i­cantes de sueños, S. 19. Eigene Über­set­zung.

(4) Karl Marx: “The­o­rien über pro­duk­tive und unpro­duk­tive Arbeit”, MEW 26.1, S. 376f..

(5) Daniel Ben­saïd: “La dis­cor­dan­cia de los tiem­pos”, “El sexo de las clases”, S. 137 (inédi­to).. Eigene Über­set­zung.

(6) Tithi Bhat­tacharya: “Social Repro­duc­tion The­o­ry”, Lon­don, Plu­to Press, 2017, S. 2. Eigene Über­set­zung.

(7) Tithi Bhat­tacharya gibt einen inter­es­san­ten Überblick über diese Debat­ten aus der Sicht der The­o­rie der Sozialen Repro­duk­tion in “Social Repro­duc­tion The­o­ry”, a.a.O..

(8) Daniel Ben­saïd, a.a.O., S. 131. Eigene Über­set­zung.

(9) Ebd., S. 132. Eigene Über­set­zung.

(10) Sil­via Fed­eri­ci, a.a.O., S. 65. Eigene Über­set­zung.

(11) Tithi Bhat­tacharya: “How Not To Skip Class: Social Repro­duc­tion of Labor and the Glob­al Work­ing Class”, View­point Mag­a­zine Nr. 5, Novem­ber 2015. Eigene Über­set­zung.

(12) Susan Fer­gu­son, David McNal­ly: “Cap­i­tal, Labour-Pow­er, and Gen­der Rela­tions”. Ein­leitung zu: Lise Vogel: “Marx­ism and the Oppres­sion of Women. Toward a Uni­tary The­o­ry”, Chica­go, Hay­mar­ket Books. 2013. Eigene Über­set­zung.

(13) Sil­via Fed­eri­ci, a.a.O., S. 16. Eigene Über­set­zung.

(14) Ebd., S. 16f.. Eigene Über­set­zung.

(15) Tithi Bhat­tacharya: “How Not To Skip Class: Social Repro­duc­tion of Labor and the Glob­al Work­ing Class”, a.a.O.. Eigene Über­set­zung.

(16) Nan­cy Fras­er: “Con­tra­dic­tions of Cap­i­tal and Care”, New Left Review 100, Juli-August 2016. Eigene Über­set­zung.

(17) Daniel Ben­saïd, a.a.O. S. 129. Eigene Über­set­zung.

(18) Tithi Bhat­tacharya: “How Not To Skip Class: Social Repro­duc­tion of Labor and the Glob­al Work­ing Class”, a.a.O. Eigene Über­set­zung.

(19) Anteil der Frauen, die lohn­ab­hängig sind (in Prozent der weib­lichen Bevölkerung zwis­chen 15 und 64 Jahren), nach ein­er Schätzung der ILO. Anteil der Frauen an der lohn­ab­hängi­gen Bevölkerung ins­ge­samt, nach Zahlen der Welt­bank, https://data.worldbank.org/.

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