Hintergründe

Mehr als Care: Silvia Federici, Arbeiterinnen und ihre Klasse

Anfang 2018 veröffentlichte der spanische Verlag „Traficantes de Sueños“ das Buch „El patriarcado del salario“ von Silvia Federici. Inmitten des Wiedererstarkens der feministischen Bewegung auf internationaler Ebene kehrt die Debatte über die Beziehungen zwischen Patriarchat und Kapitalismus zurück.

Mehr als Care: Silvia Federici, Arbeiterinnen und ihre Klasse

Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts kollidierte die Eingliederung von Frauen in die außerhäusliche Arbeit mit dem Mangel an politischen Rechten für Frauen. Die Eingliederung wurde zunächst durch die kapitalistische Entwicklung gefördert und durch die „Knappheit“ der männlichen Arbeitskräfte wegen des Ersten Weltkriegs später verstärkt. Die relative Gleichstellung mit den Männern auf dem Arbeitsmarkt, zu der die weiblichen Massen vom Kapital gedrängt wurden, wie es auch in der industriellen Revolution mit Kindern der Fall war, hat ihre Ungleichheit in der Zivilgesellschaft hervorgehoben oder ans Tageslicht gebracht. Man könnte sagen, dass die relative und neue „Gleichheit in [einigen Aspekten des] Lebens“ die unangemessene und uralte „Ungleichheit vor dem Gesetz“ zwischen Männern und Frauen unhaltbar machte. Der Kampf für Bürgerinnenrechte – vor allem für das Frauenwahlrecht –, geführt von aufgeklärten Frauen in England und anderen fortgeschrittenen Ländern und begleitet von großen Sektoren der Arbeiterinnen, war von diesem Widerspruch genährt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte der aus der Russischen Revolution hervorgegangene Arbeiter*innenstaat Maßnahmen, die zur Vergesellschaftung der Hausarbeit von Frauen tendierten. Dies war einer der Grundpfeiler der bolschewistischen Politik zur Emanzipation der Frauen. Obwohl die Sozialisierungsmaßnahmen durch den Krieg und die Wirtschaftskrise an viele Grenzen stießen, war es eine fortschrittliche Erfahrung, die Isolation der Frauen im Haushalt zu beenden und ihre Eingliederung in das öffentliche Leben zu fördern [1].

In den 1970er Jahren hat die zweite Welle des Feminismus die Beziehung zwischen dem Persönlichen und dem Politischen aufgedeckt. Indem sie diese mystifizierte Beziehung enthüllten, stellten die Frauen in unvorhersehbarer Weise in Frage, was das Kapital seit Mitte des 20. Jahrhunderts institutionalisiert und naturalisiert hatte: die Trennung zwischen dem Öffentlichen (Produktion, Lohnarbeit) und dem Privaten (Reproduktion, unbezahlte Arbeit). Die ersten Debatten über die Hausarbeit und ihre Rolle in der kapitalistischen Produktionsweise gehen auf diese Jahre zurück: Produziert Hausarbeit einen Mehrwert? Gibt es eine patriarchale Produktionsweise, gestützt auf die Hausarbeit, die sich von der kapitalistischen Produktionsweise unterscheidet? Oder gibt es ein einziges kapitalistisch-patriarchales System, in dem die Reproduktion die Arbeitskraft bestimmt und der Produktion von Tauschwerten untergeordnet wird?

1972 veröffentlichte die autonome marxistische Feministin Mariarosa Dalla Costa in Italien und Großbritannien „Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft“ in Zusammenarbeit mit der US-Amerikanerin Selma James. Dort weisen sie darauf hin, dass die Reproduktionsarbeit für das Funktionieren des Kapitalismus von grundlegender Bedeutung ist, sein wesentlicher Charakter durch die fehlende Bezahlung jedoch unsichtbar gemacht wird. Gemeinsam mit Silvia Federici in New York und Brigitte Galtier in Paris gründeten sie die „International Wages for Housework Campaign“, um diese Debatte zu fördern und durch ein Netzwerk von Komitees in verschiedenen Ländern Aktionen „für einen Lohn für Hausarbeit“ zu koordinieren.

Neben vielen anderen Texten mit unterschiedlichen Ansätzen, die diese Debatte prägten, erscheint 1983 „Marxism and the Oppression of Women. Toward a Unitary Theory“ (dt. „Die Frau im Kapitalismus: Eine feministische Kritik der politischen Ökonomie“) von der US-Amerikanerin Lise Vogel. Als die neoliberale Gegenoffensive voranschritt und die Periode der Massenradikalisierung des vorangegangenen Jahrzehnts beendete, postulierte Vogel, dass die Geschlechterordnung des Kapitalismus strukturell auf der sozialen Artikulation zwischen der kapitalistischen Produktionsweise und den Haushalten der Arbeiter*innenklasse beruht. Damit argumentierte sie gegen die Vorstellung von einem ahistorischen Patriarchat oder einer häuslichen Produktionsweise, die radikal getrennt ist von dem, was die Beziehung zwischen Kapital und Arbeit festlegt.

In den letzten Jahrzehnten hat die außerordentliche Feminisierung der Arbeitskraft, die sich unter prekären Bedingungen vollzogen hat, und die relative Eroberung demokratischer Rechte, die gewissermaßen „Bürger*innen verschiedener Geschlechter“ gleichsetzt, die Ansprüche der Frauen erhöht, die heute unter dem bemerkenswerten Kontrast zwischen dieser „Gleichheit vor dem Gesetz“ und der weiterhin anhaltenden „Ungleichheit vor dem Leben“ leiden. In diesem Kontrast sollten wir nach den Grundlagen dieser neuen internationalen Welle der Frauenbewegung suchen, die sich weltweit unterschiedlich ausdrückt: auf den Straßen der Vereinigten Staaten in Solidarität mit Migrant*innen und gegen die Regierung Trump und ihre fremdenfeindliche Politik; in Argentinien für das Recht auf Abtreibung; im Spanischen Staat gegen sexualisierte Gewalt, die von den Institutionen des politischen Regimes unterstützt wird, um nur einige Beispiele zu nennen. Diese neue Welle nimmt, wenn auch mit anderen Zielen, die Sprache und Formen wieder auf, welche historisch die Arbeiter*innenklasse in ihrem Kampf gegen die Ausbeutung aufgebaut hat: Frauenstreik, internationale Arbeitsniederlegung der Frauen, „wenn euch unsere Leben nichts wert sind, produziert ohne uns“.

Werden diese Demonstrationen die Vorboten einer subjektiven Neuzusammensetzung dieser Arbeiter*innenklasse des 21. Jahrhunderts sein, die ihr Gesicht verändert hat? Und wird aus dieser Neuformierung der Arbeiter*innenklasse ein antikapitalistischer und sozialistischer Feminismus hervorgehen, der fähig ist, breite Teile dieser weiblichen Massen zu organisieren? Dieser Feminismus wird heute nur von kleinen Fraktionen der internationalen Frauenbewegung repräsentiert wird. Wir können die Antwort nicht vorwegnehmen, sondern nur mit unseren Aktionen und unserer Militanz in diese Richtung arbeiten. Wie auch immer das Ergebnis dieses Wiederauflebens der Frauenbewegung mit einem Proletariat, das sich von dem der 70er Jahren stark unterscheidet, aussehen wird, ist es notwendig, die inzwischen klassischen Debatten zwischen Feminismus und Marxismus neu zu lesen und zu aktualisieren: über das Verhältnis zwischen Patriarchat und Kapitalismus und wie es sich in der reproduktiven Arbeit, die meist von Frauen durchgeführt wird, manifestiert.

Schon heute, mit dem Wiederaufleben dieser Debatten über die Theorie der sozialen Reproduktion, bekommt Vogels klassischer Text einen neuen Wert. US-amerikanische Akademikerinnen und Aktivistinnen wollen im Dialog mit der neuen Frauenbewegung einen „Feminismus der 99%“ aufbauen. Wie Lise Vogel sagte und was immer noch Gültigkeit hat:

Politisch steht sowohl die sozialistische Bewegung als auch die feministische sozialistische Bewegung vor der schwierigen Aufgabe, für Frauen zu kämpfen, ohne zwei gleichermaßen heimtückischen Gefahren zu erliegen. Einerseits müssen sie auf der Hut sein vor dem bürgerlichen Feminismus und seinem begrenzten Kampf um Gleichheit im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft. Andererseits dürfen sie nicht zulassen, dass vereinfachende oder ökonomistische Vorstellungen vom Klassenkampf den Kampf um die Befreiung der Frauen an einen untergeordneten Platz schiebt. Mit anderen Worten, Sozialist*innen, die sich für die Befreiung der Frauen einsetzen, müssen einen geeigneten Weg finden, um den feministischen Kampf mit dem langfristigen Kampf um politische Macht und der sozialen Umgestaltung zu verbinden. [2]

Diese Perspektive kommt in unserer Militanz in der internationalistischen, sozialistischen und revolutionär-feministischen Frauenbewegung Pan y Rosas („Brot und Rosen“) zum Ausdruck. Ohne die Diskussion hier vollständig ausschöpfen zu können, wollen wir uns in diesem Sinne einer ersten Lektüre von Silvia Federicis „El patriarcado del salario“ nähern, die ihre jüngsten Artikel über diese alte und erneuerte Debatte zusammenfasst.

Die Arbeit des Werts und der Wert der Arbeit

Silvia Federici findet in der Definition der produktiven Arbeit als wertschöpfend eine „männliche“ Verzerrung, mit der als Gegenstück die Nicht-Bezahlung der mehrheitlich, weiblichen reproduktiven Arbeit gerechtfertigt würde. Diese Arbeit sei sozial „entwertet“ im Vergleich zur anderen Arbeit, die der Kapitalismus als einzige wirklich nützliche Arbeit sieht.

Marx hat nicht gesehen, dass im Prozess der ursprünglichen Akkumulation nicht nur die Bauernschaft von ihrem Land getrennt wird, sondern auch eine Trennung zwischen dem Produktionsprozess (Produktion für den Markt, Produktion von Waren) und dem Reproduktionsprozess (Produktion der Arbeitskraft) stattfindet. Diese beiden Prozesse beginnen sich physisch zu trennen und außerdem von verschiedenen Subjekten durchgeführt zu werden. Der erste Prozess ist mehrheitlich männlich, der zweite weiblich; der erste lohnabhängig, der zweite unbezahlt. [3]

Aber weder „produktiv“ noch „Wert“ werden im Kapital von Marx moralisch bewertet. Dass eine Arbeit keinen Wert produziert, darf nicht damit verwechselt werden, dass diese Arbeit unnütz wäre. Marx selbst bemerkt den nicht-produktiven. das heißt nicht-wertschöpfenden, Charakter des Handels und der Finanzen, die für die Zirkulation des Kapitals zentral sind, ohne dass sie selbst Mehrwert schaffen. Sie sind also für Marx nicht produktiv, aber niemand würde sagen, dass deshalb der Autor des Kapitals die unabdingbare Rolle beider Aktivitäten in dieser Produktionsweise nicht anerkannt hätte. Auch wenn diese beiden Aktivitäten im Gegensatz zur Hausarbeit reichlich belohnt werden.

Marx definiert die produktive Arbeit als diejenige Arbeit, die Tauschwert produziert: Diese Definition ist spezifisch und bezieht sich auf die Beschreibung der Logik einer Produktionsweise des Kapitalismus:

… produktive Arbeit [ist] eine Bestimmung der Arbeit […], die zunächst absolut nichts zu tun hat mit dem bestimmten Inhalt der Arbeit, ihrer besonderen Nützlichkeit oder dem eigentümlichen Gebrauchswert, worin sie sich darstellt. Dieselbe Sorte Arbeit kann produktiv oder unproduktiv sein.
[4]

Marx beschäftigt sich nicht spezifisch mit den Charakteristika der reproduktiven Arbeit, aber er „beschreibt die notwendige Verbindung von Produktion und Reproduktion, unabhängig von ihrer augenscheinlichen Trennung“ [5]. In der Einleitung zu den Grundrissen, dem monumentalen Entwurf zum Kapital von 1857, bestimmt er, wie die Kategorien der kapitalistischen Ökonomie – Produktion, Zirkulation und (ökonomische) Reproduktion des Kapitals – innerhalb eines viel breiteren gesellschaftlichen Austauchs verstanden werden müssen. Darin sind all die fundamentalen Aktivitäten für die Reproduktion der Gesellschaft enthalten, die die politische Ökonomie mit ihrem ausschließlichen Blick auf den Markt beiseite lässt. In diesem Sinne bietet Marx eine Grundlage, um zu verstehen, wie die Hausarbeit in die Totalität der Produktionsweise eintritt: mit ihrer Produktion von Gebrauchswerten, die sich nicht in Tauschwerte umwandeln, sondern durch einen „produktiven Konsum“ in derselben Privatsphäre verbraucht werden, in der sie hergestellt wurden. Das ist für die Reproduktion der Arbeitskraft von entscheidender Bedeutung. Tithi Bhattacharya, eine feministische Intellektuelle aus der Strömung der so genannten „Theorie der sozialen Reproduktion“ sieht in der menschlichen Arbeit – genau wie Marx – die „Prämisse der menschlichen Geschichte“. Sie analysiert, dass

… der Kapitalismus jedoch die produktive Arbeit für den Markt als einzige legitime Form der Arbeit anerkennt. Währenddessen wird die enorme Menge an Arbeit in der Familie und der Gemeinschaft, die für das Überleben und die Reproduktion der Arbeiterin – oder spezifischer gesprochen ihrer Arbeitskraft – nötig ist, naturalisiert, als ob sie nicht existieren würde. [6]

Der Kapitalismus verbannt die Frauen zur unbezahlten Reproduktionsarbeit. Oder genauer auf die heutige Zeit angewendet: Er überlastet sie damit. Auf diese Weise rechnet der Kapitalist mit dieser unbezahlten Arbeit für die Reproduktion der Arbeitskraft. Auch wenn er aus dieser Aktivität keinen Mehrwert herauszieht, weil diese Arbeit keinen Tauschwert erzeugt, das heißt, sie kann nicht auf dem Markt getauscht werden. Daher ist die Reproduktionsarbeit unabdingbar, auch wenn sie keinen Tauschwert und damit auch keinen Mehrwert schafft; das heißt, auch wenn sie aus einem strikten Blickwinkel der Kapitallogik eine unproduktive Arbeit ist.

Die Reproduktionsarbeit ist nützlich, auch wenn sie aus Sicht des Kapitals nicht als produktiv definiert ist. Es ist nicht notwendig, einen Weg zu suchen, wie wir sie in die Logik der Mehrwertabschöpfung einbinden, damit sie sozial anerkannt und „gewertschätzt“ werden kann. Das war indes der Weg, den einige feministische Theoretikerinnen gewählt haben. Sie versuchten zu erklären, dass, wenn die Reproduktionsarbeit die Arbeitskraft „produziert“, sie deshalb als produktiv anzusehen sei, während nur die Existenz von (ideologischer, kultureller) patriarchaler Unterdrückung sie im Innern der Privathaushalte hielte, wo sie unbezahlt von Frauen erledigt werde [7]. Aber wie Daniel Bensaïd warnt:

Die Normen, die eine wirklich dem Kapital durch den Markt unterworfene Arbeit und eine private Aktivität regulieren, sind dennoch schwierig zu vergleichen (Taylorisierung der Arbeit in Großküchen und im Hotelgewerbe). Die Vergleichswerte hängen von einer zufälligen und unbefriedigenden Auswahl ab: Es geht darum, zu berechnen, wie viel eine Person in der Zeit auf dem Arbeitsmarkt verdienen könnte, die sie für Hausarbeiten benötigt (potenzielle Lohnkosten), oder zu berechnen, wie viel man auf dem Markt bezahlen müsste, um eine gleichwertige Dienstleistung zu bekommen (Marktanschaffungskosten) [8].

Was die Debatten zwischen Feminist*innen und Marxist*innen in den vergangenen Jahrzehnten angeht, können wir die Worte Bensaïds nur teilen, der bemerkte, dass „die unpassende Übertragung der Konzepte von Marx auf Bereiche außerhalb ihres spezifischen Feldes die Probleme oft verdunkelt hat, wie die grobe Handhabung der Begriffe von Tauschwert und produktiver Arbeit zeigt“[9].

(Re)produktion der Familie

In derselben Interpretationslinie wie ihre besondere Lektüre der „männlichen Verzerrung“, die die Definition produktiver Arbeit im Kapitalismus hat, fragt sich Federici,

… wie die Geschichte der Entwicklung des Kapitalismus lauten würde, wenn wir sie statt aus dem Blickwinkel des lohnabhängigen Proletariats aus den Küchen und Schlafzimmern erzählen würden, in denen Tag für Tag und Generation für Generation die Arbeitskraft produziert wird [10].

Mittels dieser Frage etabliert Federici ihre Kritik dessen, was sie für die Vision oder besser die Blindheit von Marx und des Marxismus bezüglich der Rolle der Frau in der Reproduktion der Arbeitskraft und zugleich bezüglich der Rolle der sozialen Reproduktion im kapitalistischen System hält.

Auch wenn im Kapital nicht tiefer auf die Natur dieser besonderen Produktion der Ware „Arbeitskraft“ eingegangen wird, ist es nötig zu betonen, dass davon ausgegangen wird, dass die geschlechtliche Arbeitsteilung – eine Charakteristik der patriarchalen Gesellschaften – dem Kapitalismus historisch vorausgeht und nicht erst mit seiner ursprünglichen Akkumulation entsteht. Das Patriarchat war schon vorhanden. Was der Kapitalismus tat, war diese Beziehungen an seine eigene Logik anzupassen und sie seinen Notwendigkeiten zu unterwerfen.

Für Marx ist der Kapitalismus eine organische Totalität, ein System, dessen Gravitationsszentrum in der Schaffung von Tauschwerten und der Abschöpfung von Mehrwert besteht. Aus diesem Blickwinkel dreht sich die Funktionsweise der kapitalistischen Produktionsweise um die Ausbeutung von Arbeitskraft – jener einzigartigen und besonderen Ware, die Tauschwerte produzieren kann. Wenn der Kapitalismus sich die Ausbeutung von Lohnarbeit zu Nutze macht, bedeutet das jedoch nicht, dass er nicht auch andere, nicht-lohnförmige Arbeit ausnutzen kann, die dieser zentralen Form untergeordnet sind, welche die Abschöpfung von Mehrwert möglich macht. Bhattacharya bemerkt, dass Marx im Kapital „diesen zweiten Kreislauf nicht [theoretisiert], sondern nur notiert, dass die ‚beständige Erhaltung und Reproduktion der Arbeiterklasse […] beständige Bedingung für die Reproduktion des Kapitals‘ bleibt“ [11].

In diesem Sinn ist es auch interessant, was Lise Vogel zur Rolle der Familie, der „Reproduktionseinheit“ par excellence sagt, auch wenn es sich um eine vor dem Kapitalismus existente Institution handelt. Vogel gibt der Arbeiter*innenfamilie, das heißt der Familie, in der die Arbeitskraft reproduziert wird, eine unabdingbare Rolle im kapitalistischen System und „verschiebt den Fokus von der Beschäftigung mit der internen Struktur und den Dynamiken der Familienform hin zu ihrer strukturellen Beziehung zur Reproduktion des Kapitals“ [1]. Die Familie in den Kontext der herrschenden kapitalistischen, sozialen Beziehungen zu setzen, ermöglicht es, die Rolle dieser vorher bestehenden Institution, die sich angepasst hat und eine spezifische Form (Arbeiter*innenfamilie) angenommen hat, zu sehen, und ihre interne Dynamik, wo Geschlechter- und Altershierarchien herrschen, nicht isoliert von ihrer Funktion im Kapitalismus zu betrachten.

Der Widerspruch als Möglichkeit

In ihrer Beschreibung der Arbeiter*innenfamilie bemerkt Federici, dass es seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Transformationsprozess gegeben habe, der die Familie der Industriellen Revolution hinter sich gelassen habe. Und sie sagt, dass Marx zwar die Zerstörung der Familie durch die kapitalistische Ausbeutung gesehen habe, aber dennoch der Meinung war – wie auch Engels –, dass der Eintritt der Frauen in die Arbeitswelt positiv sei, ohne zu bemerken, dass „der Prozess der Reform, der stattfindet, neue Formen des Patriarchats, neue Formen patriarchaler Hierarchien schafft“ [13]. Für Federici stellt es sich so dar:

Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts der Familienlohn – der Lohn des männlichen Arbeiters (der sich zwischen 1860 und dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts verdoppelt) – eingeführt wurde, wurden die Frauen, die in den Fabriken gearbeitet hatten, wieder zurück nach Hause geschickt, sodass die Hausarbeit zu ihrer ersten Arbeit wurde und sie in Abhängigkeit gerieten. [14]

Laut Federici hat der Kapitalismus die Form der Arbeiter*innenfamilie geschaffen, um das Proletariat ruhig zu stellen, das gegen die Ausbeutung im Akkord rebelliert hatte. So sollte eine produktivere und weniger widerspenstige Klasse geschaffen werden. In ihrer Perspektive fehlen jedoch die widersprüchlichen Prozesse des Klassenkampfes, da bei ihr in einer fast schon verschwörerischen Vision die herrschende Klasse als Trägerin einer unbegrenzten Macht zur Durchsetzung nicht nur der Bedingungen der Ausbeutung, sondern auch der Bedingungen der Reproduktion der Arbeiter*innenklasse erscheint, ohne jegliche Hindernisse oder Widerstände.

Die von Federici beschriebene Transformation, die in der Herausbildung der Kernfamilie gipfelt ist ein historischer Prozess. Die Kernfamilie ist dabei eine Familieneinheit, die sich durch den männlichen Arbeiterlohn und eine zur Haushälterin verwandelte Frau auszeichnet, die von diesem Lohn abhängig ist, der die Reproduktion der Arbeitskraft garantiert. Bei Federici erscheint dieser aber ohne Kämpfe für Lohnerhöhungen, für die Verringerung des Arbeitstages, ohne Teilsiege und Teilniederlagen. Er erscheint auch ohne Zugeständnisse, die die Kapitalist*innen auch zu geben gezwungen waren, um die Ausbeutung der Lohnarbeit in die für sie besten Bedingungen, die die Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen zuließen, aufrechterhalten zu können. Demgegenüber ist es notwendig hervorzuheben, dass dieser Prozess, wie auch andere Prozesse, die wir in der kapitalistischen Produktionsweise beobachten können, widersprüchlich ist: Auf der einen Seite werden die Frauen aus der produktiven Sphäre herausgedrängt, um die Reduzierung der Kosten der Arbeitskraft durch ihre ausschließliche Beschäftigung mit unbezahlter Reproduktionsarbeit sicherzustellen. Aber so wird zugleich die zur Ausbeutung zur Verfügung stehende Bevölkerung reduziert, das heißt, der Teil, aus dem die Kapitalist*innen Mehrwert abschöpfen können.

Für die Arbeiter*innenklasse bedeutete die Verteidigung der familiären Bande gegenüber der Gefräßigkeit der Industrie, die in der Ausbeutung nicht zwischen Männern und Frauen, oder zwischen Erwachsenen und Kindern unterscheidet, auch eine Konfrontation mit dem Kapital zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Mit dem massenhaften Zugang zu Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Dienstleistungen verbessern sich auch die Lebensbedingungen der arbeitenden Massen und ein Teil der Reproduktionsarbeit wird vom Privathaushalt auf den kapitalistischen Staat übertragen. Diese für die Arbeiter*innenklasse „vorteilhaften“ Konsequenzen können auch im Negativen gesehen werden: Die Privatisierung oder die Streichung von öffentlichen Dienstleistungen wird immer vom Widerstand der Massen begleitet, weil daraus ein Angriff auf die „Brieftasche“ der Arbeiter*innenfamilien und/oder ein Anstieg der Reproduktionsarbeit im Privathaushalt folgt, der hauptsächlich die Frauen der Familien betrifft.

In den letzten Jahrzehnten hat der Kapitalismus in seiner „neoliberalen“ Form die Gewerkschaften und andere eigene Organisationen der lohnabhängigen Arbeiter*innenklasse angegriffen, um die Produktion umzustrukturieren und die Ausbeutung auf verschiedenen Wegen zu steigern. Aber er hat auch den Prozess der sozialen Reproduktion der Arbeitskraft angegriffen: die Privatisierung öffentlicher Betriebe, Kürzungen und Streichungen von verschiedenen Sozialprogrammen, Haushaltsanpassungen, die die Bildung und die Gesundheitsversorgung verschlechtern, massive Preiserhöhungen im Nahverkehr und anderen lebenswichtigen Dienstleistungen, die Auswirkungen auf die familiäre Ökonomie der arbeitenden Massen haben. Davon sprechen wir, wenn wir anprangern, dass die Verschuldung der dem Imperialismus unterworfenen Länder Sparpolitiken mit sich bringt, die zur Erhöhung der unbezahlten, von Frauen und Mädchen durchgeführten Reproduktionsarbeit führen. Der Kampf gegen diese Offensive des Kapitals gegen die Massen „ist auch eine Anstrengung der Klasse, ihren Anteil an der Zivilisation zu beanspruchen“ [15].

Dass die Form der Familie, die vom „Patriarchat des Lohns“ reguliert wird, auch einen für den Kapitalismus funktionalen Aspekt hat, bedeutet nicht, dass in ihr nicht Widersprüche enthalten sind, die vom Ringen zwischen Kapital und Arbeit gezeichnet und vom Klassenkampf bestimmt sind.

Der Widerspruch ist unvermeidbar, weil die kapitalistische Produktion auf der Abschöpfung des Mehrwerts basiert, der in der Ausbeutung der Lohnarbeit geschaffen wird, aber auf die soziale Reproduktion dieser Arbeitskraft nicht verzichten kann. Das bedeutet, die Tendenz zur Transformation von immer breiteren Sektoren der Massen in Arbeitskräfte destabilisiert die Prozesse der Reproduktion, die ebenfalls notwendig sind. Das, was Nancy Fraser als Triebkraft wiederkehrender Krisen beschreibt, ist ein Widerspruch, der sich für die US-amerikanische Feministin „nicht ‚innerhalb‘ der kapitalistischen Ökonomie befindet, sondern an der Grenze von dem, was Produktion und Reproduktion gleichzeitig voneinander trennt und miteinander verbindet. Weder innerhalb des Marktes noch innerhalb des Haushaltes, handelt es sich um einen Widerspruch zwischen zwei konstitutiven Elementen der kapitalistischen Gesellschaft.“ [16].

Aus dieser Perspektive ist der Kern der Funktionsweise des Kapitalismus nicht „in den Küchen und Schlafzimmern“ zu finden, wie Federici sagt – auch wenn das, was dort passiert, durch die kapitalistische Produktionsweise auf der Grundlage archaischer, patriarchaler Formen geschaffen ist, um diese Prozesse der sozialen Reproduktion dem Profitdurst des Kapitals zu unterwerfen. „Die indirekte Integration der Hausarbeit in die Bestimmung des Lohns schafft somit eher eine Verbindung personalisierter (und häufig juristisch kodierter) Abhängigkeit, als eine Ausbeutungsbeziehung im spezifischen Sinne der Abschöpfung von Mehrwert. Diese Verbindung ist hierarchischen Herrschaftsbeziehungen näher als den modernen Klassenbeziehungen“, sagt der französische Marxist Daniel Bensaïd [17]. Das ist, was die Theoretikerin Tithi Bhattacharya fast schon aphoristisch definiert, wenn sie sagt, dass „die Lohnbeziehung die nicht-lohnförmigen Räume des täglichen Lebens durchtränkt“ [18].

In dieser unvermeidbaren Verbindung wurzelt die Notwendigkeit einer antikapitalistischen, präziser, einer sozialistischen und revolutionären Perspektive für den Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen. Zugleich darf kein Kampf der Arbeiter*innenklasse gegen die kapitalistische Ausbeutung auf ein Aktionsprogramm gegen die Frauenunterdrückung verzichten, die unter diesem System in der Naturalisierung der unbezahlten Reproduktion der Arbeitskraft verankert ist.

Schlussfolgerung

Die Debatte über das widersprüchliche Verhältnis zwischen Produktion und Reproduktion sollte jedoch eine Tatsache nicht außer Acht lassen, die den Blick auf diese theoretischen Debatten sowie den politischen Blick derjenigen von uns verändert, die an der Befreiung von jeglicher Form von Ausbeutung und Unterdrückung interessiert sind. Zum ersten Mal in der Geschichte des Kapitalismus machen Frauen etwa 40% der Arbeiter*innenklasse der Welt aus. Das heißt, dass 54% der Frauen im erwerbstätigen Alter als lohnabhängige Arbeiterinnen Teil des Arbeitsmarktes sind [19]. Wie viele dieser mehr als 1,3 Milliarden Frauen wiederum tragen die Last der unbezahlten Arbeit, die es ihnen ermöglicht, ihre eigene Arbeitskraft zu reproduzieren, wie die von anderen? Wie viele von ihnen machen Hausarbeit im Tausch für einen Lohn, damit ihre Arbeitgeberin sich auf dem Arbeitsmarkt ausbeuten lassen kann, und mit ihrem Lohn die Kosten für diese Dienstleistung deckt, die ihre eigene reproduktive Arbeit reduziert? Der phänomenale Wandel der globalen Erwerbsbevölkerung hat auch die Familien der Arbeiter*innenklasse radikal verändert: Wie hoch ist die Zahl der Haushalte, die vom Gehalt einer Frau gestützt werden, wie hoch ist der Anteil von alleinerziehenden Frauen? Wie groß sind die Netzwerke von Frauen, die mit oder ohne Lohn die Haus- und Pflegearbeit anderer lohnabhängiger Frauen übernehmen?

In dieser komplexen und neuen Realität gibt es keinen Platz für den Reduktionismus eines ökonomistisch-syndikalistischen Korporatismus, der nur eine männliche (und, warum nicht auch weiße, einheimische und heterosexuelle) Arbeiterklasse betrachtet. Aber wir können den Kampf der Frauen für ihre Emanzipation auch nicht auf ein stereotypes Subjekt – die Hausfrau – beschränken, dessen Existenz sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich verändert hat. Denn das würde bedeuten, die Perspektive des Kapitalismus in seiner organischen Gesamtheit zu ignorieren, der dieses neue weibliche Gesicht des Proletariats einschließt. Welche Auswirkungen werden die Kämpfe der Frauen in den Räumen der Reproduktion auf die Kämpfe einer zunehmend weiblichen Arbeiter*innenklasse haben? Wie wird sich das neue Selbstbewusstsein der Frauen durch den weltweit wiedererstarkenden Feminismus auf die ausgebeuteten Frauen auswirken? Was werden die Folgen für die männlich geprägte Gewerkschaftsbewegung sein, die unfähig ist, die am stärksten unterdrückten Sektoren der Klasse zu integrieren?

Feminismen, die die Emanzipation der Frauen von allen heute noch bestehenden Formen patriarchaler Unterdrückung anstreben, können sich den Hindernissen, die der Kapitalismus dieser Perspektive entgegensetzt, nicht entziehen. Angefangen beim offensichtlichsten: Auf der einen Seite einer imaginären Linie, die die Weltbevölkerung nach ihrem Reichtum ordnet, haben acht Männer einen Geldbetrag angehäuft, der dem entspricht, was am anderen Ende für das Überleben von 3,5 Milliarden Menschen ausreichen muss, von denen 70% Frauen und Mädchen sind. Frauen sind in den Statistiken von Armut, Prekarität und irregulären Arbeitsverhältnissen am Arbeitsplatz überrepräsentiert und dies ist daher nicht von den Bedingungen getrennt, unter denen unsere reproduktive Arbeit geleistet wird.

Der Kampf gegen die Geschlechterungleichheit kann nicht ohne die Frage auskommen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, um die volle Gleichheit zu erreichen: Wollen wir dafür kämpfen, dass vier Frauen unter den acht reichsten Menschen der Welt sind und dass wir 50% der ärmsten Menschen sein können? Wenn das Gravitationszentrum des Kapitalismus weiterhin auf der Ausbeutung der Lohnarbeit und der Gewinnung von Mehrwert liegt, kann man dann an die Emanzipation der Frauen denken, ohne diesen entscheidenden Knoten im Funktionieren der Gesellschaft, in der wir leben, zu durchbrechen? Denn obwohl die Kämpfe um die Beziehung zwischen Kapital und Arbeit und den Kämpfen in den Räumen der sozialen Reproduktion von ihren Besonderheiten geprägt sind, sollten wir nach Wegen suchen, der von der herrschenden Klasse auferlegten Spaltung und dem Antagonismus entgegenzutreten, um das zu vereinen, was der Kapitalismus historisch gespalten hat. Heute ist es mehr denn je möglich, diesen Weg zu gehen, weil wir vielleicht zum ersten Mal sagen können, dass es um uns Frauen, das Proletariat, geht.

Dieser Artikel erschien auf Spanisch in Ideas de Izquierda Nr. 43.

Fußnoten

(1) Vgl. Wendy Goldman: „El Estado, la mujer y la Revolución,“ Buenos Aires, Ediciones IPS, 2010.

(2) Lise Vogel: “Questions on the Woman Question”, Monthly Review 31, Nr 2, Juni 1979. Eigene Übersetzung.

(3) Silvia Federici: „El patriarcado del salario“, Madrid, Traficantes de sueños, S. 19. Eigene Übersetzung.

(4) Karl Marx: „Theorien über produktive und unproduktive Arbeit“, MEW 26.1, S. 376f..

(5) Daniel Bensaïd: „La discordancia de los tiempos“, “El sexo de las clases”, S. 137 (inédito).. Eigene Übersetzung.

(6) Tithi Bhattacharya: „Social Reproduction Theory“, London, Pluto Press, 2017, S. 2. Eigene Übersetzung.

(7) Tithi Bhattacharya gibt einen interessanten Überblick über diese Debatten aus der Sicht der Theorie der Sozialen Reproduktion in „Social Reproduction Theory“, a.a.O..

(8) Daniel Bensaïd, a.a.O., S. 131. Eigene Übersetzung.

(9) Ebd., S. 132. Eigene Übersetzung.

(10) Silvia Federici, a.a.O., S. 65. Eigene Übersetzung.

(11) Tithi Bhattacharya: “How Not To Skip Class: Social Reproduction of Labor and the Global Working Class”, Viewpoint Magazine Nr. 5, November 2015. Eigene Übersetzung.

(12) Susan Ferguson, David McNally: “Capital, Labour-Power, and Gender Relations”. Einleitung zu: Lise Vogel: „Marxism and the Oppression of Women. Toward a Unitary Theory“, Chicago, Haymarket Books. 2013. Eigene Übersetzung.

(13) Silvia Federici, a.a.O., S. 16. Eigene Übersetzung.

(14) Ebd., S. 16f.. Eigene Übersetzung.

(15) Tithi Bhattacharya: “How Not To Skip Class: Social Reproduction of Labor and the Global Working Class”, a.a.O.. Eigene Übersetzung.

(16) Nancy Fraser: „Contradictions of Capital and Care“, New Left Review 100, Juli-August 2016. Eigene Übersetzung.

(17) Daniel Bensaïd, a.a.O. S. 129. Eigene Übersetzung.

(18) Tithi Bhattacharya: “How Not To Skip Class: Social Reproduction of Labor and the Global Working Class”, a.a.O. Eigene Übersetzung.

(19) Anteil der Frauen, die lohnabhängig sind (in Prozent der weiblichen Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren), nach einer Schätzung der ILO. Anteil der Frauen an der lohnabhängigen Bevölkerung insgesamt, nach Zahlen der Weltbank, https://data.worldbank.org/.

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