Frauen und LGBTI*

Marxismus und Prostitution: eine alternative Position zu den zwei umstrittenen Lagern

Die Debatte über Prostitution durchzieht die feministische Bewegung. Wir wollen eine marxistische, antikapitalistische und antipatriarchale Position in dieser Debatte entwickeln, die bisher so geführt wird, als gäbe es nur zwei sich ausschließende Positionen, nämlich den Abolitionismus und den Regulationismus.

Marxismus und Prostitution: eine alternative Position zu den zwei umstrittenen Lagern

Diese Debat­te find­et im Spanis­chen Staat und in mehreren anderen Län­dern vor dem Hin­ter­grund eines entschei­den­den Wider­spruchs statt: Ein­er­seits sehen wir die Ver­bre­itung von Men­schen­han­del­snet­zw­erken und die expo­nen­tielle Zunahme der sex­uellen Aus­beu­tung von Frauen. Ander­er­seits gibt es einen starken inter­na­tionalen Druck zur Legal­isierung der Pros­ti­tu­tion. Obwohl es viele Strö­mungen und Nuan­cen gibt, wird die Debat­te im Spanis­chen Staat durch zwei sehr polar­isierte Posi­tio­nen bes­timmt: zwis­chen bes­timmten poli­tis­chen Parteien und abo­li­tion­is­tis­chen fem­i­nis­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen auf der einen Seite, und reg­u­la­tion­is­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen auf der anderen Seite.

Die meis­ten Abo­li­tion­istin­nen, die sich an den Puni­tivis­mus (d.h. die Forderung der Bestra­fung, A.d.Ü.) und den Auss­chluss jed­er anderen Posi­tion klam­mern, betra­cht­en all diejeni­gen, die ihre Sache nicht unter­stützen, als Kompliz*innen der Zuhäl­terei. Einige Abo­li­tion­istin­nen des Radikalfem­i­nis­mus1 argu­men­tieren: “Dies ist nicht die Zeit für Zwei­deutigkeit­en, wir müssen entschei­den: entwed­er für Abo­li­tion­is­mus oder für Zuhäl­terei. Wir müssen den Mut haben, jet­zt klar zu sagen, dass es in den fem­i­nis­tis­chen Tre­f­fen und Räu­men keinen Platz für die Vertei­di­gerin­nen und Fürsprecherin­nen von Zuhäl­tern und Freiern gibt.”

Darauf antworten die Reg­u­la­tion­istin­nen der Organ­i­sa­tion der Sexar­bei­t­erin­nen (OTRAS)2: “Wir ver­ste­hen den abge­s­tande­nen abo­li­tion­is­tis­chen Fem­i­nis­mus nicht. Für uns ist er so schädlich wie die Bosse selb­st, die ihre Arbeiter*innen aus­beuten. Zufäl­liger­weise will kein­er von ihnen, dass wir uns durch­set­zen, ermächti­gen, vere­inen und gew­erkschaftlich organ­isieren.” Sie glauben, dass “Sexar­beit” frei von Zuhäl­terei, ohne Gewalt und abge­gren­zt von sex­ueller Aus­beu­tung und Men­schen­han­del reg­uliert und entwick­elt wer­den könne. Jede Infragestel­lung des Reg­u­la­tion­is­mus wird als “Puri­tanis­mus” und “Ver­fol­gung” von Frauen in der Pros­ti­tu­tion ange­se­hen. Ihr Vorschlag ist, dass der Staat die Pros­ti­tu­tion legal­isieren und die Ein­rich­tung von Bor­dellen, die For­men der Aus­beu­tung von Frauen und Gesund­heit­skon­trollen reg­ulieren soll.

Angesichts dieser Polar­isierung ist es wichtig, zunächst ein­mal jeden Ver­such rund­her­aus abzulehnen, die Organ­i­sa­tio­nen, die sich als “Sexar­bei­t­erin­nen” ver­ste­hen, aus fem­i­nis­tis­chen Räu­men zu vertreiben. Gle­ichzeit­ig ist es notwendig, dass die Debat­te demokratisch entwick­elt wer­den kann, trotz der — oft unüber­wind­baren — poli­tis­chen und ide­ol­o­gis­chen Unter­schiede, die inner­halb der Bewe­gung beste­hen kön­nen. Denn weit davon ent­fer­nt, auss­chließlich unab­hängig zu sein, beste­hen in ihr nebeneinan­der ver­schiedene Organ­i­sa­tio­nen und poli­tis­che Parteien. Der Ver­such, die Debat­te unter einem ange­blichen, erzwun­genen Kon­sens zu schließen, ist eben­so schädlich wie das Aufzwin­gen ein­er einzi­gen Posi­tion, die als die “einzige fem­i­nis­tis­che” ange­se­hen wird, wie es die meis­ten abo­li­tion­is­tis­chen Strö­mungen tun.

Regulationismus oder bestrafender Abolitionismus? Eine antikapitalistische, anti-punitivistische und klassenkämpferische Alternative

In diesem Artikel wer­den wir wichtige Mei­n­ungsver­schieden­heit­en aufzeigen, die wir sowohl mit abo­li­tion­is­tis­chen als auch mit reg­u­la­tion­is­tis­chen Posi­tio­nen haben, deren Lösun­gen einige Gemein­samkeit­en haben. Zum einen berufen sie sich auf die Geset­ze der Ver­fas­sung, entwed­er auf Stra­furteile des Ver­fas­sungs­gerichts oder auf reg­ulierende Geset­ze. Zweit­ens konzen­tri­ert sich ihre einzige Per­spek­tive auf Refor­men inner­halb des Sys­tems, die dabei ste­hen bleibt – wie einige Abo­li­tion­istin­nen es aus­drück­en –, die “patri­ar­chale Logik” in Frage zu stellen und die Utopie aufzuw­er­fen, dem Zuhäl­ter und dem Pros­ti­tu­tion­s­markt – also dem mächti­gen glob­alen kap­i­tal­is­tis­chen Geschäft – rechtliche Gren­zen zu set­zen; oder sich mit min­i­malen rechtlichen Kor­rek­turen beg­nügt, die das ohne­hin schon drama­tis­che Leben von Frauen und Men­schen in der Pros­ti­tu­tion weniger quälend machen.

Das ist das­selbe Para­dox, das die sozialen Bewe­gun­gen Ende der siebziger und achtziger Jahre durch­zog. Damals wur­den ele­mentare demokratis­che Rechte in die Geset­zes­büch­er der kap­i­tal­is­tis­chen Staat­en aufgenom­men. Als Kehr­seite bedeutete dies die Bestra­fung der­jeni­gen, die diese Rechte ver­let­zen, durch den Staat und seine Insti­tu­tio­nen. Auf der anderen Seite wird der Staat dadurch dafür ver­ant­wortlich gemacht, weit­er­hin mehr Rechte auf evo­lu­tive Weise zu erobern. Dabei sind es doch die kap­i­tal­is­tis­chen Staat­en, die erst diese Rechte ver­let­zen, wenn sie Kürzungs- und Anpas­sungspläne anwen­den, die die Armut und Prekar­ität der Frauen noch weit­er ver­tiefen.

Der Marx­ist August Bebel argu­men­tierte über Pros­ti­tu­tion im 19. Jahrhun­dert: “Wohl däm­mert diesem und jen­em, der sich mit dieser Frage beschäftigt, daß die trau­ri­gen sozialen Zustände, unter denen zahlre­iche Frauen lei­den, die Haup­tur­sache sein möcht­en, warum so viele ihren Leib verkaufen, aber dieser Gedanke ringt sich nicht zu der Kon­se­quenz durch, daß als­dann notwendig sei, andere soziale Zustände zu schaf­fen.“3

Unsere Posi­tion ist umfassend. Mit einem Zitat der marx­is­tis­chen Fem­i­nistin Andrea D’A­tri4 bekräfti­gen wir: “Wir kön­nten sagen, dass wir Abo­li­tion­istin­nen ‘in let­zter Instanz’ sind. Denn wir hal­ten es für utopisch, dass der kap­i­tal­is­tis­che Staat durch die Erhöhung sein­er Straf­fähigkeit die Abschaf­fung dieser von den Klas­sen­ge­sellschaften geschaf­fe­nen tausend­jähri­gen Insti­tu­tion ‘lösen’ kön­nte. Denn es ist der­selbe Staat, der nicht nur auf der Aus­beu­tung der Lohnar­beit von Mil­lio­nen von Men­schen basiert, son­dern auch auf der Aus­beu­tung unbezahlter Hausar­beit, der Unter­drück­ung von Men­schen aus Grün­den des Geschlechts, der Geschlecht­siden­tität, der Nation­al­ität, der eth­nis­chen Zuge­hörigkeit und auf der mafiösen Ver­flech­tung poli­tis­ch­er Regime mit den großen klan­des­ti­nen ‘Geschäften, ein­schließlich der Pros­ti­tu­tion.”

Wir sind der Mei­n­ung, dass wir durch die Beendi­gung aller For­men von Aus­beu­tung und Unter­drück­ung und der sozialen Klassen der Pros­ti­tu­tion ein Ende set­zen kön­nen. Und auch wenn wir keine Reg­u­la­tion­istin­nen sind, ist das für uns kein Grund, die Vertei­di­gung der Rechte von Men­schen in Sit­u­a­tio­nen der Pros­ti­tu­tion – unter denen Frauen die absolute Mehrheit sind, außer­dem gibt es eine große Anzahl von trans Per­so­n­en, deren soziale und arbeitsmäßige Mar­gin­al­isierung sie in die Pros­ti­tu­tion wirft – aufzugeben. Das­selbe gilt für ihre Selb­stor­gan­i­sa­tion gegen jegliche polizeiliche Ver­fol­gung und Repres­sion, frei von der Ein­mis­chung von Zuhäl­tern und dem Staat, sei es in Form von Vorschriften oder Strafen.

Wir kön­nen gegenüber diesen gegen­sät­zlichen Posi­tio­nen eine anti-puni­tivis­tis­che (d.h. gegen Bestra­fung gerichtete) und antikap­i­tal­is­tis­che Alter­na­tive entwick­eln – zusam­men mit Über­gangs­maß­nah­men, die darauf abzie­len, andere soziale Bedin­gun­gen zu schaf­fen, die die Inter­essen der Kapitalist*innen angreifen. Und nicht die reformistis­che Utopie eines “Kap­i­tal­is­mus mit men­schlichem Antlitz” zugun­sten der Frauen neu zu erschaf­fen.

Die Prostitution, eine patriarchale Institution im Dienste des großen Geschäfts des Weltkapitalismus

Sheila Jef­freys erk­lärt in ihrem Werk “The Indus­tri­al Vagi­na“5, das für den abo­li­tion­is­tis­chen Fem­i­nis­mus zur Ref­erenz gewor­den ist, wie sie “einen radikalen fem­i­nis­tis­chen Ansatz ver­wen­det, der Pros­ti­tu­tion als eine schädliche kul­turelle Prax­is betra­chtet, die aus der Unterord­nung von Frauen resul­tiert und eine Form von Gewalt gegen Frauen darstellt (Jef­freys, 1997). Der Ansatz ist inspiri­ert von der Arbeit über Pros­ti­tu­tion ander­er radikalfem­i­nis­tis­ch­er The­o­retik­erin­nen wie Kath­leen Bar­ry (1979, 1995) und Andrea Dworkin (1983) und ver­sucht, sie zu erweit­ern, indem er sich mit der Frage der glob­alen Indus­trie und der Vielfalt ihrer For­men auseinan­der­set­zt”.

Es ist unbe­stre­it­bar, dass unter dem patri­ar­chalen Sys­tem das weib­liche Geschlecht unter bru­taler Unter­drück­ung und Ungle­ich­heit lei­det. Wie Friedrich Engels es in “Der Ursprung der Fam­i­lie, des Pri­vateigen­tums und des Staates“6 for­mulierte, ist die Pros­ti­tu­tion eine gesellschaftliche Insti­tu­tion, die “die alte Geschlechts­frei­heit fort­set­zt — zugun­sten der Män­ner”. Obwohl sie gesellschaftlich abgelehnt wird, trifft diese Ablehnung “keineswegs die dabei beteiligten Män­ner, son­dern nur die Weiber: Sie wer­den geächtet und aus­gestoßen, um so nochmals die unbe­d­ingte Herrschaft der Män­ner über das weib­liche Geschlecht als gesellschaftlich­es Grundge­setz zu proklamieren.”

Die “patri­ar­chale Kul­tur” vom poli­tis­chen, ökonomis­chen und sozialen Sys­tem, auf dem sie basiert, zu abstrahieren – so die Ten­denz des Radikalem­i­nis­mus – bedeutet jedoch, ihre Beziehung zum kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem zu leug­nen, das so sehr der Unter­drück­ung, in diesem Fall der Geschlechterun­ter­drück­ung, bedarf. Engels erk­lärte, dass “alles, was die Zivil­i­sa­tion her­vor­bringt, dop­pel­seit­ig, dop­pelzüngig, in sich ges­pal­ten, gegen­sät­zlich ist: hier die Monogamie, dort der Het­äris­mus mit­samt sein­er extrem­sten Form, der Pros­ti­tu­tion.” Und von dieser Prämisse aus­ge­hend entwick­eln Engels und der Marx­is­mus die Idee, dass die Pros­ti­tu­tion eine gesellschaftliche Insti­tu­tion ist, die als Gegen­stück zur Entste­hung der auf der monoga­men Ehe basieren­den Fam­i­lie aufkommt, zusam­men mit der Entste­hung des Pri­vateigen­tums, des Staates und der Klas­sen­ge­sellschaft.

Heute funk­tion­iert die Pros­ti­tu­tion natür­lich nicht mehr wie in alten Zeit­en. Die abo­li­tion­is­tis­che Autorin Rosa Cobo geht in ihrem Buch “Pros­ti­tu­tion im Herzen des Kap­i­tal­is­mus“7 – von dem wir einige Ele­mente ihrer Analyse, aber nicht ihre Strate­gie teilen – von der Prämisse aus, dass die Pros­ti­tu­tion, obwohl ihr Ursprung patri­ar­chal ist, durch die Trans­for­ma­tio­nen, die sie nach den struk­turellen Verän­derun­gen des Weltkap­i­tal­is­mus durchgemacht hat, zu “ein­er wesentlichen Indus­trie für die kap­i­tal­is­tis­che Wirtschaft gewor­den ist, für die krim­inelle Ökonomie, für die Staat­en, die diese Insti­tu­tion als eine Quelle öffentlich­er Ein­nah­men sehen, aber auch für die Insti­tu­tio­nen des inter­na­tionalen Kap­i­tal­is­mus wie die Welt­bank oder den Inter­na­tionalen Währungs­fonds, die in dem Block, den sie als Unter­hal­tungs- und Freizeitin­dus­trie konzip­iert haben, ein Einkom­men sehen, das die Rück­zahlung der Schulden garantieren kann”.

Rosa Cobo argu­men­tiert, dass diese Verän­derun­gen mit ein­er größeren “sozialen Akzep­tanz und Präsenz” der Pros­ti­tu­tion zusam­men­fall­en, was sie als ide­ol­o­gis­chen Tri­umph des Patri­ar­chats betra­chtet. Im gle­ichen Sinne stellt Jef­freys fest, dass “der Prozess, durch den die Pros­ti­tu­tion am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhun­derts indus­tri­al­isiert und glob­al­isiert wurde, (…) als Kom­merzial­isierung der weib­lichen Unterord­nung ver­standen wer­den muss”. Und sie analysiert kri­tisch, wie die Pros­ti­tu­tion “von ein­er sozial ver­achteten zu ein­er extrem prof­itablen und in ver­schiede­nen Län­dern der Welt legalen oder zumin­d­est tolerierten Indus­trie wurde.“8

Davon aus­ge­hend schla­gen sie Maß­nah­men wie die Ille­gal­isierung der Pros­ti­tu­tion vor, die auf die “Zurück­drän­gung der glob­alen Sexin­dus­trie” abzie­len, sowie andere Maß­nah­men, um Men­schen in der Pros­ti­tu­tion dabei zu helfen, aus ihr her­auszukom­men und gegen ihre Krim­i­nal­isierung anzuge­hen. Als zen­trale Maß­nahme nehmen sie den “Kun­den” ins Visi­er; ein Konzept, das diese Strö­mung in Frage stellt und in “Pros­ti­tu­ier­er” oder “Freier” umwan­delt. Zudem unter­schei­det Jef­freys patri­ar­chale oder “Zuhälter”-Staaten danach, ob Pros­ti­tu­tion legal­isiert ist oder nicht. Und die Mehrheit fordert das soge­nan­nte “schwedis­che Mod­ell”, dessen Haupt­maß­nah­men in der Ille­gal­isierung und der Bestra­fung des Kon­sumenten beste­hen.

In einem inter­es­san­ten Artikel bekräftigt Andrea D’A­tri9 die Idee des Wach­s­tums und der Verän­derun­gen der Pros­ti­tu­tion unter den Trans­for­ma­tio­nen des Kap­i­tal­is­mus. Sie analysiert die Wirkung der Lib­er­al­isierung der Gren­zen für den Kap­i­talfluss und den Zusam­men­bruch der Wirtschaft der hal­bkolo­nialen Län­der, was zu ein­er expo­nen­tiellen Zunahme der Vertrei­bung der arbei­t­en­den Massen und des Men­schen­han­dels geführt hat. Das wiederum hat zu ein­er weltweit­en Zunahme des Frauen­han­dels zum Zwecke der sex­uellen Aus­beu­tung, sowie der indi­vidu­ellen und frei­willi­gen Pros­ti­tu­tion in kleinem Maßstab, geführt. Für die marx­is­tis­che Fem­i­nistin kann die Pros­ti­tu­tion nicht als eine Insti­tu­tion betra­chtet wer­den, die im Laufe der Verän­derun­gen in den ver­schiede­nen Gesellschaften immer gle­ich blieb, da dies daran hin­dert, “die ver­wobe­nen Verbindun­gen zu find­en, die sie mit dem Kap­i­tal­is­mus unter­hält eine Pro­duk­tion­sweise, die auch die geschlechtsspez­i­fis­chen Beziehun­gen, die Ehe, die Fam­i­lie usw. drastisch verän­dert hat und die sie neu konfig­uriert habt.”

Let­zteres ist es, was zu neuen the­o­retis­chen und poli­tis­chen Fra­gen und Debat­ten über Pros­ti­tu­tion geführt hat: Ist es möglich, die Pros­ti­tu­tion mit Hil­fe der kap­i­tal­is­tis­chen Staat­en zu been­den? Wie nor­mal­isiert der Reg­u­la­tion­is­mus die Pros­ti­tu­tion als kap­i­tal­is­tis­che und patri­ar­chale Insti­tu­tion? Wir wer­den ver­suchen, diese Fra­gen anzuge­hen.

Der bestrafende Abolitionismus unter dem Schirm der Urteile der Staatsanwaltschaft und des Verfassungsgerichts

Im Spanis­chen Staat wurde die Pros­ti­tu­tion durch das Strafge­set­zbuch von 1995 entkrim­i­nal­isiert, das wiederum das Gesetz über die soziale Gefahr der Dik­tatur beseit­igte. Dieses Gesetz, das Frauen wegen Schei­dung, Abtrei­bung oder Pros­ti­tu­tion ins Gefäng­nis steck­te, war in den ver­schiede­nen Strafge­set­zbüch­ern seit dem Über­gang zur Demokratie 1978 beibehal­ten wor­den. Dies zeigt, wie der kap­i­tal­is­tis­che Staat Strafrechtsin­stru­mente gegen Frauen ein­set­zt. Derzeit ist Pros­ti­tu­tion im spanis­chen Códi­go Civ­il nicht ver­boten, wohl aber ihre Aus­beu­tung sowie Zuhäl­terei. Sie befind­et sich in ein­er Sit­u­a­tion der “Ale­gal­ität”, sie ist wed­er ver­boten noch reg­uliert.

An der Spitze des abo­li­tion­is­tis­chen Lagers ste­ht die sozialdemokratis­che PSOE, die dieses The­ma für ihren Wahlkampf instru­men­tal­isiert. Eine heuch­lerische Posi­tion, da sie eine der Parteien des Regimes ist, die zusam­men mit der recht­en PP die schlimm­sten Ein­schnitte, Arbeit­sre­for­men und prekären Arbeitsmod­elle durch­führte, die zum Elend der gesamten Arbeiter*innenklasse und ins­beson­dere der Frauen geführt haben, die in der prekären Arbeit und der Armut über­repräsen­tiert sind.

Der Abo­li­tion­is­mus konzen­tri­ert seinen Vorschlag auf die Ver­fol­gung von Zuhäl­tern, von Men­schen, die andere für die Pros­ti­tu­tion aus­nutzen, und von “Klien­ten oder Freiern”. Dabei beruft er sich auf das Ver­fas­sungs­gericht und das Nationale Gericht, das die am 10. Dezem­ber 1948 verkün­dete UN-Men­schen­recht­serk­lärung rat­i­fizierte, wie Lidia Fal­cón von der Fem­i­nis­tis­chen Partei10 erk­lärt und auf die sich alle abo­li­tion­is­tis­chen Autorin­nen beziehen. Sie sind gegen die Bestra­fung von Frauen in der Pros­ti­tu­tion, für die sie stattdessen legale, soziale und gesund­heitliche Hil­fe sowie Woh­nungs- und Bil­dungspläne für diejeni­gen vorschla­gen, die aus der Pros­ti­tu­tion aussteigen wollen. Das erk­lären sie in einem kür­zlich veröf­fentlicht­en Man­i­fest11, in dem sie sich dafür aussprechen, die Reg­istrierung der Gew­erkschaft OTRAS zu ver­bi­eten.

Zu den (abo­li­tion­is­tis­chen, A.d.Ü.) Parteien, die in den fem­i­nis­tis­chen Räu­men präsent sind, gehören die PSOE; die Movi­ment Democràtic de Dones (MDD), eine Strö­mung der PSUC in Kat­alonien, die von der 1964 von der Kom­mu­nis­tis­chen Partei in Madrid gegrün­de­ten Demokratis­chen Frauen­be­we­gung (MDM) inspiri­ert wurde; die Fem­i­nis­tis­che Partei Spaniens (PFE) – derzeit Teil von Izquier­da Uni­da – von Lidia Fal­cón. Und sog­ar Strö­mungen wie “Libres y Com­bat­i­vas” und die Gew­erkschaft der Studieren­den.

Obwohl es sehr kom­plex ist, die Nuan­cen zwis­chen den abo­li­tion­is­tis­chen Strö­mungen zu analysieren, fordern viele von ihnen, darunter auch einige Strö­mungen der Linken, eine “durch­schla­gende Posi­tion” und den Auss­chluss von Reg­u­la­tion­istin­nen oder der­jeni­gen, die sich selb­st als Sexar­bei­t­erin­nen beze­ich­nen, aus den fem­i­nis­tis­chen Räu­men. Eine unzuläs­sige Posi­tion, die mit der Krim­i­nal­isierung von Seit­en des kap­i­tal­is­tis­chen Staates selb­st und sein­er Parteien wie der PSOE zusam­men­fällt.

Andere abo­li­tion­is­tis­che Strö­mungen haben ihre ursprüngliche Posi­tion der Krim­i­nal­isierung der Tätigkeit nuanciert, bis hin zu den aktuellen Posi­tio­nen, die die wirtschaftliche Transak­tion selb­st wed­er bestrafen noch reg­ulieren wollen und auch den Kun­den nicht bestrafen wollen. Sie respek­tieren in fem­i­nis­tis­chen Räu­men die Inter­ven­tion selb­st ernan­nter freier Sexar­bei­t­erin­nen – die nicht von einem Zuhäl­ter abhängig und selb­st­ständig sind –, ob sie ihnen nun zus­tim­men oder nicht. Sie sind für Selb­stor­gan­i­sa­tion und sie unter­schei­den sich vom insti­tu­tionellen Abo­li­tion­is­mus von Parteien wie der PSOE. Allerd­ings sind sie immer noch in der Falle des bestrafend­en Abo­li­tion­is­mus gefan­gen.

Wo ver­läuft also die Gren­ze dafür, dass ein durch den kap­i­tal­is­tis­chen Staat und seine patri­ar­chale Jus­tiz for­muliertes Gesetz zum Ver­bot der Pros­ti­tu­tion nicht dazu führen wird, dass die schwäch­sten Men­schen in der Pros­ti­tu­tion, also die Mehrheit, bestraft und ver­fol­gt wer­den? Das prangern sie ja selb­st an. Der­selbe Staat, der diese Schwäch­sten mit dem Knebelge­setz der PP ver­fol­gt, oder mit dem Aus­län­derge­setz, dessen Neuan­pas­sun­gen von den Regierun­gen von Felipe González und Zap­a­tero gefördert und mit dem Abschiebege­fäng­nisse einge­führt wur­den. All diese Geset­ze sind eine mächtiges Straf­paket von , die der Polizei mehr Spiel­raum gibt, das Strafrecht auf die ver­let­zlich­sten Men­schen in der Pros­ti­tu­tion anzuwen­den. Aber das größte Prob­lem ist, dass die Pros­ti­tu­tion nicht durch das Dekret eines Staates und eines Sys­tems beseit­igt wird, das die Sit­u­a­tion der extremen Armut ein­er großen Mehrheit von Frauen, die in Pros­ti­tu­tion, in Men­schen­han­dels- und Zuhäl­ter­net­zw­erke gewor­fen wer­den, niemals been­den wird .

Prostitution und Menschenhandelsnetzwerke: Kapitalismus und patriarchale Unterdrückung von Frauen

Glob­ale Men­schen­han­del­snet­ze und sex­uelle Aus­beu­tung haben ein noch nie dagewe­senes Aus­maß erre­icht. Nach Angaben der Fon­da­tion Scelles wer­den durch Pros­ti­tu­tion weltweit 160 Mil­liar­den Euro erwirtschaftet. Fünf Mil­lio­nen Euro pro Tag in Spanien, das­jenige Land in Europa, das am meis­ten Pros­ti­tu­tion kon­sum­iert, das dritte in der Welt nach Thai­land und Puer­to Rico. Im Jahr 2010 betrug die Pros­ti­tu­tion 0,35% des BIP. Der jüng­ste “Glob­al Report on Traf­fick­ing in Per­sons 2018”, der im Jan­u­ar 2019 in Wien veröf­fentlicht wurde, berichtet von 24.000 doku­men­tierten Fällen von Men­schen­han­del im Jahr 2016 in 142 Län­dern, und sex­uelle Aus­beu­tung (59%) bleibt nach Zwangsar­beit (34%) das häu­fig­ste Ver­brechen. Diese Zahlen des Büros der Vere­in­ten Natio­nen für Dro­gen- und Ver­brechens­bekämp­fung (UNODC) beschränken sich auf die iden­ti­fizierten Opfer. Diesem Bericht zufolge sind mehr als 70 % der weltweit­en Opfer des Men­schen­han­dels Frauen, davon 49 % Erwach­sene und 23 % Kinder.

Jede Kri­tik an der Pros­ti­tu­tion muss über die per­sön­lichen Motive der Men­schen in dieser Sit­u­a­tion hin­aus­ge­hen und sich auf ihre Analyse als kap­i­tal­is­tis­che und patri­ar­chale gesellschaftliche Insti­tu­tion konzen­tri­eren. Dies darf keines­falls dazu führen, Frauen und Men­schen in der Pros­ti­tu­tion durch eine puri­tanis­che Moral oder bürg­er­liche Vorurteile zu stig­ma­tisieren.

Nichts kön­nte weit­er vom marx­is­tis­chen Fem­i­nis­mus ent­fer­nt sein. Ale­jan­dra Kol­lon­tai – weit ent­fer­nt von der bürg­er­lichen Betra­ch­tung der Pros­ti­tu­tion als “moralis­chem Skan­dal” – bewies eine starke Vertei­di­gung der Befreiung der Sex­u­al­ität und der Idee, dass es die Arbeiter*innenklasse sein sollte, die bei der Eroberung ein­er neuen Sex­ual­moral voran­schre­it­et. Sie sollte dabei mit dem Puri­tanis­mus und der Monogamie brechen, die so funk­tion­al für das kap­i­tal­is­tis­che Patri­ar­chat sind. Sie betra­chtete die Pros­ti­tu­tion als eine Insti­tu­tion, die arme Frauen verurteilte und im völ­li­gen Gegen­satz zur sozial­is­tis­chen Idee der freien Liebe zwis­chen Gle­ichen stand, da sie stark mit ein­er kom­merziellen Beziehung ver­bun­den ist. Der Kampf gegen die Insti­tu­tion der Pros­ti­tu­tion erfol­gte durch die Vertei­di­gung des Rechts der Frauen, das sex­uelle Begehren auf die gle­iche Weise wie die Män­ner zu genießen, ohne auf Sol­i­dar­ität und Gle­ich­heit zwis­chen ihnen zu verzicht­en. Deshalb will der Marx­is­mus die Abschaf­fung der Pros­ti­tu­tion als Insti­tu­tion mit der Per­spek­tive der sozial­is­tis­chen Rev­o­lu­tion, des Kampfes um die Macht der Arbeiter*innen und des Auf­baus eines Arbeiter*innenstaats bis zum Über­gang zu ein­er staaten­losen Gesellschaft erre­ichen.

Es geht auch nicht darum, wie es der Reg­u­la­tion­is­mus kri­tisiert – oft auf Angrif­f­en bes­timmter abo­li­tion­is­tis­ch­er Strö­mungen basierend –, dass wir Frauen, die sich selb­st als “Sexar­bei­t­erin­nen” betra­cht­en, nicht respek­tieren, auch wenn wir ihre Ide­olo­gie oder Poli­tik nicht teilen. Es geht darum, die Inter­essen der­jeni­gen Klasse, der das weltweite Geschäft der sex­uellen Aus­beu­tung dient, zu analysieren und anzuprangern, unab­hängig von konkreten Tätigkeit.

In eini­gen reg­u­la­tion­is­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen ist die Kri­tik an Zuhäl­terei oft mehrdeutig oder fast nicht vorhan­den, wie wir bei OTRAS12 sehen kön­nen, die keine explizite Verurteilung von Zuhäl­terei for­muliert, obwohl sie die Exis­tenz von Men­schen­han­del und ras­sis­tis­ch­er Diskri­m­inierung anerken­nt. Einige Sprecherin­nen dieser Organ­i­sa­tio­nen ver­all­ge­mein­ern die Prax­is der Pros­ti­tu­tion als “einen Beruf, den Frauen wählen und deren Bedin­gun­gen sie dem Kun­den aufer­legen kön­nen”. Anführerin­nen der Aso­ciación de Pro­fe­sion­ales del Sexo (APROSEX) oder von OTRAS wie Conxa Borell haben in mehreren Medi­en erk­lärt, dass “sie es leid sind, zu wieder­holen, dass wir alle Sklavin­nen, unter­wür­fig, gedemütigt und verge­waltigt seien; dass man nicht ’nein’ zu den Forderun­gen des Klien­ten sagen könne, das ist falsch”, und fügt hinzu: “Wenn es eine freie Wahl ist, gibt es keine Arbeit, in der Frauen sich von der ersten Minute an so sehr selb­st ermächti­gen kön­nen wie als Hure. Der Kunde wählt aus dem Ange­bot aus, aber die Zügel wer­den von der Arbei­t­erin gehal­ten. Das sollte Ihnen klar sein.“13

Eine Aus­sage, die sich selb­st wider­spricht, wenn gle­ichzeit­ig angeprangert wird, “dass Men­schen­han­del wider­lich ist und wir ihn in keinem Fall recht­fer­ti­gen oder bil­li­gen” und dass “das Gesetz über Men­schen­han­del und das Aus­län­derge­setz als Instru­mente der Unter­drück­ung und Ausweisung der migrantis­chen Bevölkerung einge­set­zt wer­den, während die Sorge um die Men­schen­rechte dieser Bevölkerung son­st nicht existiert. Was jedoch aus­drück­lich angeprangert wer­den muss, ist dass die Mehrheit der Frauen in der Pros­ti­tu­tion in Europa Migran­tinnen sind – nicht nur als Folge von Men­schen­han­del­snet­zw­erken, son­dern auch angesichts der Sit­u­a­tion der Mar­gin­al­isierung und Armut, der Frauen aus­ge­set­zt sind, die keinen anderen Ausweg zum Über­leben als die Pros­ti­tu­tion find­en.

Die “freien Sexar­bei­t­erin­nen” sind eine Min­der­heit im Ver­gle­ich zu ein­er großen und wach­senden Mehrheit von Frauen in der Pros­ti­tu­tion, die tat­säch­lich Opfer von Men­schen­han­del­snet­zw­erken, Opfer von Armut sind und daher in eine Sit­u­a­tion ger­at­en, die sie sich höchst­wahrschein­lich nie aus­ge­sucht hät­ten. Auf diese Real­ität nicht zu reagieren, kann dazu führen, die Pros­ti­tu­tion zu nor­mal­isieren oder gar zu beschöni­gen, als “freie Tätigkeit” oder als Arbeitsmöglichkeit, mit der man “schnell Geld ver­di­enen” kann, bess­er als “als Kassiererin in einem Super­markt arbeit­en”, wie wir in zahlre­ichen Ver­anstal­tun­gen und Medi­en­in­ter­views mit den Sprecherin­nen dieser Organ­i­sa­tio­nen hören kön­nen. Die Real­ität sieht so aus, dass viele Frauen in bei­de Tätigkeit­en gewor­fen wer­den: Super­mark­tkassiererin­nen oder andere Arbeit­stätigkeit­en unter prekären Bedin­gun­gen, und Pros­ti­tu­tion.

Ihre Sprecherin­nen lan­den in der Falle, als gäbe es eine klare Abgren­zung zwis­chen frei wählbaren und gewalt­losen Aktiv­itäten mit Klien­ten von den Pros­ti­tu­tions- und Men­schen­han­del­snet­zw­erken. OTRAS erken­nt an, dass “Sexar­beit” auch das ist, was “in Lokalen, Woh­nun­gen, Hostessen­clubs, Strip­clubs, Peepshows, Mas­sage­sa­lons und anderen geschlosse­nen Räu­men stat­tfind­et, in denen ein Arbeitsver­hält­nis zwis­chen Unternehmen und Arbeit­nehmerin beste­ht, aber nur let­ztere hat Verpflich­tun­gen. Wenn wir von SEXARBEIT sprechen, tun wir das bewusst und wir wis­sen, wovon wir sprechen. Viele Men­schen iden­ti­fizieren nur die Pros­ti­tu­ierte als Sexar­bei­t­erin, aber die Sexar­beit ist bre­it gefächert, wie wir sie beschreiben.”

Dass “nicht alles Men­schen­han­del” ist, ist eine Real­ität. Aber es muss auch anerkan­nt wer­den, dass die Fan­garme der Men­schen­han­del­snet­ze diese Räume erre­ichen, um die ständig wach­sende Nach­frage nach sex­ueller Aus­beu­tung zu befriedi­gen. Neben den beschriebe­nen Bericht­en gibt es andere, die zeigen, dass fast 90% der Opfer des Men­schen­han­dels in Spanien für die sex­uelle Aus­beu­tung bes­timmt waren. Angesichts dessen erk­lären fem­i­nis­tis­che Bewe­gun­gen, dass der Men­schen­han­del zur Haupt­bezugsquelle für die weltweite Sexin­dus­trie in allen Bere­ichen gewor­den ist: Straßen­pros­ti­tu­tion oder Bor­delle, in Strip-Clubs, in der Pornografie, und anderen Bere­ichen.

Keine Verfolgung, keine Repression, keine Stigmatisierung! Für das Recht auf Selbstorganisation! Ohne Einflussnahme Dritter und unabhängig vom Staat!

Angesichts dieser Sit­u­a­tion schla­gen die ILO (Inter­na­tionale Arbeit­sor­gan­i­sa­tion), wichtige inter­na­tionale Organ­i­sa­tio­nen für Bürg­er­rechte und ver­schiedene Staat­en die gew­erkschaftliche Organ­isierung von Frauen in Sit­u­a­tion der Pros­ti­tu­tion vor.

Dies eröffnet eine weit­ere Debat­te zwis­chen Reg­u­la­tion­istin­nen und Abo­li­tion­istin­nen. Erstere, indem sie Pros­ti­tu­tion als Arbeit und damit mit dem Recht auf gew­erkschaftliche Organ­isierung betra­cht­en. Let­ztere disku­tieren gegen die Reg­u­la­tion­istin­nen, was der schmale Grat zwis­chen ein­er Gew­erkschaft und ein­er Organ­i­sa­tion zum Schutz der Frauen­rechte ein­er­seits und ein­er neuen Zuhäl­teror­gan­i­sa­tion ander­er­seits sei. Im Spanis­chen Staat ist die Grün­dung ein­er Gew­erkschaft nur für diejeni­gen geset­zlich erlaubt, die von anderen beschäftigt wer­den, also von einem Drit­ten. In diesem Fall wäre der Dritte ein Zuhäl­ter und Zuhäl­terei ist in Spanien ein Ver­brechen, weshalb es, so sagen sie, nicht legal wäre, eine Gew­erkschaft von “Sexar­bei­t­erin­nen” zu grün­den.

Bei­de sehen jedoch auch für diese Frage die Lösung im sel­ben kap­i­tal­is­tis­chen Staat, der die Ver­ant­wor­tung hätte, das Leben der Frauen in der Pros­ti­tu­tion zu regeln oder die Ver­ant­wor­tung, die Gew­erkschaften zu bestrafen. Die Abo­li­tion­istin­nen berufen sich auf die reak­tionären Insti­tu­tio­nen des Ver­fas­sungs­gerichts oder der Staat­san­waltschaft, wie es die PSOE getan hat, als sie einen Aufruf zur Aufhe­bung der legalen Reg­istrierung der Gew­erkschaft OTRAS ein­leit­ete.14

Auf der anderen Seite wer­den Organ­i­sa­tio­nen wie OTRAS von der ILO, Amnesty Inter­na­tion­al, Ärzte der Welt und der UNO unter­stützt, die erk­lären, dass sie Sexar­beit als Beruf anerkan­nt haben. Gle­ichzeit­ig ist bekan­nt, dass die heuch­lerische Posi­tion der ILO zur Förderung der gew­erkschaftlichen Organ­isierung nicht darauf abzielt, ihre Sit­u­a­tion zu verbessern, son­dern das Geschäft der Zuhäl­ter und das Einkom­men, das sie den Staat­en in Form von Einkom­menss­teuern mit ihren reg­ulierten “Unternehmen” brin­gen wür­den, zu legal­isieren.

Let­zteres war genau eines der Argu­mente des Wahlkampfes von Albert Rivera von Ciu­dadanos, mit einem neolib­eralen Diskurs der “freien Wahl” und der Berech­nung dessen, wie viele Steuern ein­genom­men würde, würde die Pros­ti­tu­tion legal­isiert. Allerd­ings befür­wortet auch Barcelona en Comú die Legal­isierung auf der Grund­lage der Vertei­di­gung der Rechte der Frauen in der Pros­ti­tu­tion.

Im Spanis­chen Staat wird die Heuchelei des Staates – der behauptet, die Zuhäl­ter zu ver­fol­gen und zu ver­bi­eten – durch das Reg­is­ter der Arbeit­ge­berver­bände des Innen­min­is­teri­ums offen­sichtlich, wo sie unter dem Deck­man­tel “Amüsier­be­trieb” geführt wer­den. Ein­er der wichtig­sten Ver­bände ist Anela, die “Nationale Vere­ini­gung der Geschäft­sleute von Amüsier­be­trieben”, die 200 Lokale im ganzen Staat ver­trat und deren Gen­er­alsekretär bis 2011 José Luis Rober­to Navar­ro war. Seine Vis­itenkarte: Anführer der recht­sex­tremen Plat­tform España 2000, die mit der faschis­tis­chen Falange in Valen­cia zusam­me­nar­beit­ete, und Chef der Sicher­heits­fir­ma Lev­an­ti­na.15

Der Besitz ein­er Ein­rich­tung, in der Pros­ti­tu­tion prak­tiziert wird, ist legal, Zuhäl­terei jedoch nicht. Die kata­lanis­che Regierung bietet sog­ar Lizen­zen dafür an, “um Leute zur Ausübung der Pros­ti­tu­tion zu versammeln”.n Diese wer­den von Bor­dellbe­sitzern genutzt, um Clubs zu eröff­nen, in denen sich Frauen in der Pros­ti­tu­tion ange­blich “ver­sam­meln” kön­nen, um für einen Drit­ten zu prak­tizieren.

Weit ent­fer­nt von jeglichem Puri­tanis­mus ist es notwendig, das Recht auf Selb­stor­gan­i­sa­tion von Men­schen in ein­er Sit­u­a­tion der Pros­ti­tu­tion zu vertei­di­gen, frei von Ein­mis­chung durch “Dritte”, d.h. Zuhäl­ter, oder den Staat, ob es sich nun um eine Reg­ulierung oder um eine Bestra­fung han­delt. In Spanien gibt es Vere­ini­gun­gen und Grup­pen von Frauen, die sich selb­st als Sexar­bei­t­erin­nen beze­ich­nen und sich seit einiger Zeit selb­st organ­isieren, um Rechte wie eine Sozialver­sicherung zu erhal­ten. Viele von ihnen sind als Selb­ständi­ge tätig. Über die poli­tis­chen oder ide­ol­o­gis­chen Unter­schiede hin­aus, die wir mit diesen Organ­i­sa­tio­nen in Bezug auf Pros­ti­tu­tion und Sexar­beit haben kön­nen, ist es notwendig, selb­stor­gan­isierte Frauen in der Pros­ti­tu­tion zu begleit­en, um Stig­ma­tisierung, Ver­fol­gung und soziale Mar­gin­al­isierung zu bekämpfen. Gle­ichzeit­ig müssen wir die Kom­plizen­schaft der staatlichen Repres­sivkräfte, der poli­tis­chen Funk­tionäre, des Jus­tizsys­tems und der mächti­gen Geschäft­sleute anprangern, durch die Men­schen­han­del­snet­ze und Zuhäl­terei funk­tion­ieren und straf­los bleiben.

Ein antikapitalistisches Übergangsprogramm zur Beendigung der sexuellen Ausbeutung

Für die abo­li­tion­is­tis­chen Autorin­nen wird mit dem Vor­drin­gen der Sexin­dus­trie das Patri­ar­chat gestärkt, als Reak­tion auf die Fortschritte des Fem­i­nis­mus in den sechziger und siebziger Jahren. Angesichts dessen und des Drucks inter­na­tionaler Organ­i­sa­tio­nen, Pros­ti­tu­tion zu legal­isieren, schlägt Rosa Cobo vor: Zusam­men mit der kraftvollen konzeptuellen Kri­tik dieser Insti­tu­tion im Rah­men des kri­tis­chen Denkens und der Krim­i­nal­isierung der Pros­ti­tu­tion und niemals der pros­ti­tu­ierten Frauen – kann es es ein poli­tisch-strate­gis­ch­er fem­i­nis­tis­ch­er Kampf sein, das Patri­ar­chat her­auszu­fordern und der Macht des Mark­tes Gren­zen zu set­zen”.16 Es han­delt sich hier um eine Idee, die ihren Kampf auf das Patri­ar­chat konzen­tri­ert, mit ein­er fem­i­nis­tis­chen Strate­gie, die “den sex­uellen Markt ein­schränkt”. In der gle­ichen Art und Weise been­det Sheila Jef­freys ihr Buch, indem sie erk­lärt, wie “die glob­al­isierte Pros­ti­tu­tions-Indus­trie zurückge­drängt wer­den kön­nte, sodass die tra­di­tionelle Hoff­nung des Fem­i­nis­mus, dass die Pros­ti­tu­tion jemals endet, ein vorstell­bares und vernün­ftiges Ziel für die öffentliche Poli­tik des Fem­i­nis­mus wird.“17.

Diese Idee wird von der radikalfem­i­nis­tis­chen Strö­mung ‑rad­femmes18- zuge­spitzt, die sich auf diese Autorin­nen bezieht und behauptet, dass “das Wort Fem­i­nis­mus nicht alle Posi­tio­nen umfasst, und noch weniger Posi­tio­nen, die dem Kern des Fem­i­nis­mus ent­ge­gen­ste­hen, der auf der Vision der Frau basiert; der Fem­i­nis­mus lässt keine Posi­tio­nen zu, die auf der patri­ar­chalen Logik des Mannes basieren”. Diese Prämis­sen fokussieren den Kampf auf einen kul­turellen Wan­del gegen das Patri­ar­chat, gegen die Män­ner und ver­weisen auf den “Freier”, was in vie­len Län­dern mit dem Slo­gan “Ohne Kun­den gibt es keine Pros­ti­tu­tion” über­set­zt wird. Mit anderen Worten kön­nten wir sagen, dass sich die Logik gegen das let­zte und schwäch­ste Glied in einem Kreis­lauf wen­det, welch­er – darin stim­men wir mit den Abo­li­tion­istin­nen übere­in – riesige kom­merzielle Ten­takel auf glob­aler Ebene in Kom­plizen­schaft mit den Staat­en bewegt.

Weit davon ent­fer­nt, die machis­tis­che und patri­ar­chale Kul­tur zu recht­fer­ti­gen, die den Kör­p­er der Frauen der Kom­mod­i­fizierung unter­wirft, müsste die grundle­gende Anklage stattdessen laut­en: “Ohne Aus­beu­tung gibt es keine Pros­ti­tu­tion. Ohne Kap­i­tal­is­mus gibt es keine sex­uelle Ware”, wenn man die Pros­ti­tu­tion wirk­lich, wie Sheila Jef­freys selb­st sagt, auf einem neuen Maßstab organ­isiert und in erhe­blichem Maße in die Ökonomien inte­gri­ert” betra­chtet, und fol­gen­des fest­stellt: “wir kön­nen zu Recht von einem kom­merziellen Sexsek­tor sprechen, der in das wirtschaftliche, soziale und poli­tis­che Leben inte­gri­ert ist”.

Damit ver­bun­den kri­tisieren wir, dass ihre Lösun­gen, obwohl ihre tief­gründi­gen Stu­di­en die Pros­ti­tu­tion nicht von der Entwick­lung des Weltkap­i­tal­is­mus abstrahieren, inner­halb der rechtlichen Rah­menbe­din­gun­gen und inner­halb eines beson­deren (kap­i­tal­is­tis­chen) Staatsmod­ells wie dem schwedis­chen ver­haaren. Dabei ist das Fortbeste­hen viel­er Ele­mente eines starken (wenn auch nun immer mehr degradierten) “Wohlfahrtsstaates” für die meis­ten Staat­en mehr als utopisch – und zwar nicht nur für die hal­bkolo­nialen Län­der, son­dern auch die europäis­chen Staat­en selb­st, die wie Spanien eine beispiel­lose Wirtschaft­skrise durch­machen.

Der Kampf gegen die Allianz von Kap­i­tal­is­mus und Patri­ar­chat wird immer mehr zum Ban­ner wichtiger Teile der Frauen­be­we­gung. Dieser Kampf bleibt dif­fus, wenn er sich auf eine Kri­tik des Kap­i­tal­is­mus mit reformistis­chen Maß­nah­men inner­halb dieses Sys­tems beschränkt. Für Jef­freys wäre dies die Posi­tion, bis “nach der Rev­o­lu­tion zu warten, die es der glob­alen Pros­ti­tu­tions-Indus­trie erlaubt, unge­hin­dert zu gedei­hen”, und sie erk­lärt, dass Pros­ti­tu­tion “in ein­er ‘fairen Glob­al­isierung’ keine Rolle“19 spie­len sollte. Ist ein “gerechter” glob­al­isiert­er Kap­i­tal­is­mus möglich?

All diese Jahrzehnte der Krise zeigen, dass der Gedanke heute weniger utopisch ist, dass wir die Sit­u­a­tion der extremen Armut, welche Frauen in die Pros­ti­tu­tion treibt, nur been­den kön­nen, indem wir alle For­men der Aus­beu­tung und Unter­drück­ung been­den. Aber die falsche Illu­sion ein­er “gerecht­en Glob­al­isierung” nicht zu repro­duzieren, führt nicht automa­tisch dazu, “auf die Rev­o­lu­tion zu warten” und den aktuellen Kampf zusam­men mit Tausenden von Frauen gegen die Ver­fol­gung von Men­schen in der Pros­ti­tu­tion, ihre Aus­beu­tung zum Nutzen ander­er, gegen die Net­zw­erke des Men­schen­han­dels, zu ver­schieben. Wir vertei­di­gen ihr Recht auf Selb­stor­gan­i­sa­tion in völ­liger Unab­hängigkeit von den Aus­beutern und dem Staat, der Kom­plize der Zuhäl­ter ist. Wir begleit­en und fördern den Kampf, um dem kap­i­tal­is­tis­chen Staat und seinen Regierun­gen die Garantie ein­er Arbeit ohne Prekar­ität aufzuzwin­gen, für alle Men­schen in Sit­u­a­tio­nen der Pros­ti­tu­tion, die diese ver­lassen wollen, mit einem Gehalt, das alle Bedürfnisse abdeckt; genau­so den Zugang zu Gesund­heit und kosten­los­er öffentlich­er Bil­dung; das Recht auf Woh­nung, indem man die Banken enteignet. Diese und andere Maß­nah­men für die Aufhe­bung der Arbeit­sre­for­men und des Aus­län­derge­set­zes, die Abschaf­fung von Out­sourc­ing und schlecht­en Arbeitsverträ­gen, die Aufteilung der Arbeit­szeit bei gle­ichem Lohn, um Arbeit­slosigkeit und Prekar­ität zu been­den.

All dies sind Vorschläge, die sich nicht auf eine einzige fem­i­nis­tis­che Strate­gie konzen­tri­eren. Die Bil­dung von Bünd­nis­sen aus­ge­hend von der Frauen­be­we­gung – welche heute als Ref­erenz und Kanal für die Forderun­gen der gesamten Arbeiter*innenklasse, der Jugend und der Migrant*innen fungiert, indem sie am 8. März zu Gen­er­al­streiks aufruft –, stellt eine Her­aus­forderung für die fem­i­nis­tis­che Bewe­gung dar – sowohl im Hin­blick auf das Prob­lem der Pros­ti­tu­tion als auch in anderen Bere­ichen –, den Kampf für mehr Rechte und gegen die vielfälti­gen Unter­drück­un­gen von Frauen mit sozialen und poli­tis­chen Forderun­gen zu vere­inen. Von hier aus ist es möglich, eine anti-puni­tivis­tis­che, antikap­i­tal­is­tis­che und klassenkämpferische Alter­na­tive zu entwick­eln, das heißt Maß­nah­men, die die Prof­ite und Inter­essen der Kapitalist*innen berühren.

Das­selbe gilt für ihre poli­tis­chen Parteien, deshalb ist eine poli­tis­che Strate­gie der Arbeiter*innenklasse notwendig, die antikap­i­tal­is­tisch und unab­hängig von Parteien dieses Regimes ist, welche die Kämpfe der Frauen instru­men­tal­isieren – wie die PSOE, die sich fem­i­nis­tisch nen­nt und heute die Ban­ner des Abo­li­tion­is­mus erhebt, unter­stützt von der PP. Oder Ciu­dadanos, die die Flagge des Reg­u­la­tion­is­mus erhebt, wie auch viele neo­re­formistis­che Parteien.

Dieser Artikel erschien zuerst am 24. Feb­ru­ar 2019 bei Con­tra­pun­to, der Son­ntagsaus­gabe von IzquierdaDiario.es.

Fußnoten

1. RADFEMMES, Vis­ca, vis­ca, vis­ca, la llui­ta… ¿fem­i­nista?. Sobre el #VEncuentro8M2019, Jan­u­ar 2019.
2. COGAM, Gew­erkschaft OTRAS, Präsen­ta­tion bei COGAM, Sep­tem­ber 2018.
4. D’A­tri, Andrea, ¿Reg­u­lación o abo­l­i­cionis­mo? Un debate que no tiene solo dos posi­ciones excluyentes, La Izquier­da Diario, August 2015.
5. Jef­freys, Sheila (2009). The indus­tri­al vagi­na: the polit­i­cal econ­o­my of the glob­al sex trade. Lon­don New York: Rout­ledge.
7. Cobo, Rosa, La pros­ti­tu­ción en el corazón del cap­i­tal­is­mo, Madrid, Catara­ta, 2017. Das Buch von Rosa Cobo ist Teil ein­er abo­li­tion­is­tis­chen Lit­er­atur, die Pros­ti­tu­tion als “glob­ale Sexin­dus­trie” analysiert. Zu den wichtig­sten Arbeit­en gehören u.a. Richard Poulins La mon­di­al­i­sa­tion des indus­tries du sexe (2005) und die oben erwäh­n­ten Arbeit­en von Sheila Jef­freys.
8. Jef­freys, Sheila, a.a.O., S. 14.
9. D’A­tri, Andrea, Del Antiguo lenocinio a la orga­ni­zación sindi­cal con­tem­poránea, Ideas de Izquier­da Nr. 7, 2014.
10. Fal­cón, Lidia, La dig­nidad de las mujeres pros­ti­tu­idas, Públi­co, Dezem­ber 2017.
11. Man­i­fest für die Ille­gal­isierung der Gew­erkschaft OTRAS, Tri­buna Fem­i­nista, 11. Novem­ber 2018.
12. Gew­erkschaft OTRAS, OTRAS se pre­sen­ta, 21. Sep­tem­ber 2018.
13. Bor­rell, Conxa, “Quiero ser puta”, el Per­iódi­co, 13. März 2015.
14. Martínez, Jose­fi­na, Nistal, Lucía, Una posi­ción fem­i­nista ant­i­cap­i­tal­ista en el debate sobre la pros­ti­tu­ción, Izquier­da­Di­ar­i­oEs, 8. Sep­tem­ber 2018.
15. Gar­cía, Ter, Los empre­sar­ios que se lucran con los clubes de alternne sí están orga­ni­za­dos, El Salto, 27. Novem­ber 2018.
16. Cobo, Rosa, a.a.O., S. 38.
17. Jef­freys, Sheila, a.a.O., S. 21.
18. RADFEMMES, a.a.O.
19. Jef­freys, Sheila, a.a.O., S. 257.

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