Brot und Rosen

Marxismus, LGBTI-Befreiung und die soziale Konstruktion des Geschlechts

Eine neue Generation von queeren Aktivist:innen debattiert: Kann der Marxismus eine Strategie für LGBTI-Befreiung sein?

Marxismus, LGBTI-Befreiung und die soziale Konstruktion des Geschlechts
Foto: JessicaGirvan / Shutterstock.com

Bezüglich der Anzahl trans- und homofeindlicher Morde wurde 2020 ein trauriger Rekord in der Geschichte der USA erreicht. In verschiedenen US-Bundesstaaten wird derzeit die erneute Beschneidung von Rechten von trans Jugendlichen diskutiert. In Bezug auf die „Transgender-Frage“ raufen sich liberale und konservative Vertreter:innen der herrschenden Klasse die Haare. Doch in den letzten Jahren wurde auch eine kämpferische queere Jugend sichtbar. Diese jungen Menschen – von denen viele LGBTI sind – übernahmen Führungsrollen in der Black Lives Matter-Bewegung und integrierten die Forderungen schwarzer trans Frauen in ihr. Massive Demonstrationen in Brooklyn und anderen Städten forderten die Verteidigung des Lebens nicht-weißer Transmenschen.

Trotz all ihrer progressiven Instinkte und ihrer zunehmenden Kritik am kapitalistischen Staat misstrauen viele junge queere Aktivist:innen dem Marxismus. Dies ist größtenteils das Ergebnis einer jahrzehntelangen kapitalistischen Hetzkampagne gegen den Marxismus. Dies reicht von extremeren Beispielen wie der Ermordung und Inhaftierung von Aktivist:innen bis hin zur Art und Weise, mit der die bürgerliche Ideologie bestimmte Forderungen in den Neoliberalismus integrierte – wie zum Beispiel einige Fortschritte hinsichtlich der Rechte queerer Menschen. So hat die Klasse der Kapitalist:innen lange versucht, den Marxismus als Ideologie zu diskreditieren und ihre Anhänger:innen mit dem Stalinismus in Verbindung zu bringen, um den Befreiungskampf unterdrückter Gruppen von der marxistischen Bewegung zu trennen.

Diese kapitalistische Schmähkampagne, verbunden mit den historischen Misserfolgen der kommunistischen Bewegung, die größtenteils stalinistischen Einflüssen geschuldet sind, veranlasste viele Aktivist:innen zu einer vorwurfsvollen Haltung gegenüber Marx: Er sei lediglich ein heterosexueller, weißer, europäischer, cis-Mann gewesen, der nicht fähig war, über seine eigene Erfahrungen hinaus zu blicken. Um diese Behauptung zu untermauern, verweisen Marx-Zweifler:innen sowohl auf das historische Versagen marxistischer Gruppen in der Homosexuellenbewegung als auch auf die zeitgenössischen Konflikte einiger Gruppen hinsichtlich der queeren Bewegung. Doch eine Analyse der Argumente, die einige sogenannte marxistische Gruppen gegen die trans Bewegung verwenden, zeigt, dass sie alles andere als Marxist:innen sind. Vielmehr sind sie Reaktionäre, die zentrale philosophische Lehren des Marxismus ablehnen, um sich auf die Seite des rassistischen, patriarchalen und repressiven kapitalistischen Staates gegen die Befreiung der Identität und des Begehrens zu stellen. Diese Pseudomarxist:innen dürfen nicht ernst genommen werden – vielmehr müssen wir Marx vor ihnen retten und den Marxismus als die wahre Befreiungsstrategie der Unterdrückten definieren.

Das Scheitern der transfeindlichen „Linken“

Um diese Verdrehungen des Marxismus zu widerlegen, müssen wir uns leider mit einigen von ihnen auseinandersetzen. Seit dem 20. Jahrhundert liefert der Stalinismus die stärksten Einflüsse gegen die queere Bewegung innerhalb der selbst ernannten Linken. Stalin und seine Verbündeten verrieten viele der sozialen Errungenschaften der Russischen Revolution, darunter auch die Legalisierung der Homosexualität. Stalin und der Stalinismus wurden zu einer konservativen sozialen Kraft, die die Forderungen ganzer Teile der Arbeiter:innenklasse als kleinbürgerliche Ablenkung vom wahren Sozialismus abtat. Dies führte zu einer anti-queeren Politik in Russland, Kuba und vielen anderen deformierten Arbeiter:innenstaaten des 20. Jahrhunderts. Queere Mitglieder der Kommunistischen Partei in den USA und anderswo wurden aus den Organisationen verbannt.

Dieser soziale Konservatismus setzt sich heute in vielen stalinistischen Sekten fort. So veröffentlichte die Kommunistische Partei Großbritanniens – eine Partei voller politischer Probleme, die zu tief greifend sind, um sie in diesem Text anzugehen – im Jahr 2019 einen Artikel mit dem Titel „The Reactionary Nightmare of ‚Gender Fluidity‘“ (der reaktionäre Albtraum der ‚Gender-Fluidität‘). Er behauptet, Transmenschen und unsere Verbündeten würden „die materielle Realität des Geschlechts“ leugnen. Auch wird in diesem Artikel behauptet, Sex und Gender wären synonym (was nicht stimmt1). Dies ist das Hauptargument von vielen der Anti-Trans-„Linken“.

Die transfeindliche „Linke“ beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Stalinismus. Es gibt auch eklektischere Gruppen, die die trans Befreiung als Kampf ablehnen. Einige argumentieren, dass er von anderen Kämpfen ablenken würde – ihre ökonomistische Strategie impliziert, jegliche Unterdrückung zu ignorieren und sich nur auf die Ausbeutung zu konzentrieren. Andere, wie der Blog Freer Lives – laut Selbstbezeichnung „sozialistische Kritik der Gender-Ideologie“ – gehen noch weiter: Sie behaupten, Transidentitäten seien grundsätzlich bürgerlicher Natur. So argumentiert Freer Lives in einem 2020 veröffentlichten Artikel mit dem Titel „All Leftists Should Support JK Rowling on Women‘s Rights“ („Alle Linken sollten JK Rowling in der Frage der Frauenrechte unterstützen“) wie folgt:

„Rowlings Verteidigung von Frauen gegen den Sexismus der Gender-Ideologie macht sie zur Gegnerin der Interessen der Kapitalist:innenklasse und ihrer elitären Diener:innen. Diese sehen in dem neuen Sexismus eine Möglichkeit, die Unterdrückung von Frauen in der heutigen Welt aufrechtzuerhalten. Linksliberale und die extreme Linke befinden sich in dieser Frage auf der falschen Seite der Barrikaden.“

Leider hat sich dieser soziale Konservatismus in Bezug auf Queerness im 20. Jahrhundert auch in einige trotzkistische Gruppen eingeschlichen. Während es Trotzkist:innen gab, die sich der queeren Befreiungsbewegung anschlossen, taten es andere nicht. Die Socialist Workers Party (SWP) – die größte Partei in Trotzkis Vierter Internationale – zum Beispiel hat sich in den Jahren vor und nach Stonewall unentschuldbar der schnell wachsenden Bewegung entzogen und der von Castro geführten kubanischen Bürokratie bedingungslose politische Unterstützung zugesagt – trotz ihrer repressiven Politik gegenüber queeren Menschen. Die SWP hat über viele Jahre keine offen queeren Menschen als Mitglieder aufgenommen. 1976 erklärten Mitglieder des CWI (einer anderen trotzkistischen Strömung) in einer Broschüre:

„Seriöse Sozialist:innen werden erkennen, dass die „Schwulenbefreiung“ nicht die geringste soziale Grundlage für einen unabhängigen Beitrag zur Arbeiter:innenbewegung bieten kann. Die verschiedenen exotischen Theorien und emotionalen Argumente, die manchmal als Beweis für das Gegenteil vorgebracht werden, sind nur Symptome der völligen Verwirrung und Perspektivlosigkeit, die immer noch in studentischer Politik vorherrschen.“

An diesen Beispielen sehen wir, dass sich die „theoretische“ Opposition gegen queere Identitäten schnell in eine politische und materielle Opposition gegen das Leben von queeren Menschen und queeren Befreiungsbewegungen verwandeln kann. Dies treibt einen Keil zwischen queere Mitglieder der Arbeiter:innenklasse und marxistische Strömungen, weil sie der Führung marxistischer Gruppen in Bezug auf ihre Interessen nicht vertrauen können. Sowohl in der Theorie als auch in der politischen Praxis müssen wir uns in diesem Punkt einig sein: Die Unterstützung von queeren und trans Arbeiter:innen muss ein unverhandelbares Element jeder sozialistischen Gruppierung sein.

Doch diese transfeindliche Haltung geht weit über die Diskreditierung einer unterdrückten Gruppe hinaus. Denn diese Position lehnt sowohl die Dialektik als auch den historischen Materialismus ab: Die Teile der sozialistischen Bewegung, die die queere Befreiung ablehnen, lehnen auch die theoretische Grundlage des Marxismus ab und passen sich an eine bürgerliche Moral an.

Gruppen, die diese Linie vertreten, stützen den kapitalistischen Staat in seinem Versuch, die soziale Kontrolle aufrechtzuerhalten. Sie verbünden sich mit den rechtsextremen Teilen der Gesellschaft, während sie uns weiterhin die volle Entfaltung unserer sexuellen Selbstbestimmung verweigern. Diese Gruppen überlassen die queere Befreiungsbewegung bewusst dem Neoliberalismus und damit der Kooptierbarkeit, ohne dabei den Staat infrage zu stellen. Auf einer tieferen Ebene, sogar noch tiefer als die Theorie, lehnen diese sogenannten linken Gruppen das grundlegende Ziel aller linken Politik ab: die menschliche Emanzipation. Sie haben sich auf der falschen Seite der Geschichte und in den Reihen der Reaktionäre positioniert. Sie sind nicht unsere Genoss:innen, sollten aber ernst genommen werden, um besiegt und aus der Linken verbannt zu werden.

Geschlecht ist ein soziales Konstrukt

Geschlecht ist nicht, wie diese Transfeind:innen behaupten möchten, biologisch vorgegeben. Es ist vielmehr sozial konstruiert. In ihrer modernen Form dienen binäre Rollenvorstellungen der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems. Es gab eine historische Entwicklung, welche zur modernen Konstruktion von Geschlecht und Sexualität geführt hat. So schrieb John D’Emilio beispielsweise in „Capitalism and Gay Identity“:

„Schwule und Lesben hat es nicht immer gegeben. Stattdessen sind sie eine Folge geschichtlicher Entwicklungen, entstanden in einer bestimmten historischen Epoche. Ihre Entstehung ist mit den Verhältnissen des Kapitalismus verbunden; es war die historische Entwicklung des Kapitalismus, – genauer gesagt: Seines Arbeitsmarktsystems –, die es Ende des 20. Jahrhunderts vielen Männern und Frauen ermöglicht hat, sich homosexuell zu nennen, sich als Teil einer Gemeinschaft ähnlicher Männer und Frauen zu sehen und sich auf Grundlage dieser Identität politisch zu organisieren.“ 2

Im Wesentlichen argumentiert D‘Emilio, dass der Aufstieg des Kapitalismus die materiellen Grundlagen für die Erfindung von Identität lieferte. Als sich die Produktion immer mehr aus dem häuslichen Kontext in den der Fabriken und anderer Arbeitsplätze verlagerte, gewannen die Menschen die Freiheit, ein Leben außerhalb der Familie zu führen. Dies führte zum Aufstieg der Identität. Vorher konnte man zwar ein Mann sein, der Sex mit Männern hatte, aber die politische und persönliche Kategorie „schwul“ existierte nicht. Ein ähnlicher Prozess ist im Hinblick auf das soziale Geschlecht zu beobachten. Während vergeschlechtlichte Beziehungen schon seit Menschengedenken existierten, konkretisierten sich die Geschlechterrollen, wie wir sie heute kennen, mit dem Aufstieg des Kapitalismus. Viele vorkapitalistische Kulturen hatten ein nicht-binäres Verständnis von Geschlecht – etwas, das die europäischen Kolonialmächte gezielt aus den indigenen Kulturen heraus prügelten.

Frauen spielten historisch eine sehr spezifische Rolle im kapitalistischen Produktionsschema: Sie sollten unbezahlte Reproduktionsarbeit verrichten. Hieraus erwächst die moderne Idee der Kernfamilie, die ein binäres Geschlechterkonzept sowohl reproduziert als auch verstärkt. Die Kernfamilie dient dem Kapitalismus als ein sehr effizientes Instrument, und um sie zu schützen, wurde das Ausleben von Identitäten, die im Widerspruch zu diesem heteronormativen Familienmodell standen, unterdrückt und hart bestraft. In der Tat war das System heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit immer eines, das auf Herrschaft und Gewalt aufgebaut war. Engels schrieb in „Die Ursprünge der Familie, des Privateigentums und des Staates“:

„Der Sturz der [Mutter] war die welthistorische Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann übernahm auch im Hause das Kommando; die Frau wurde degradiert und zur Knechtschaft herabgesetzt, sie wurde zur Sklavin seiner Lust und zu einem bloßen Instrument zur Erzeugung von Kindern. Diese erniedrigte Stellung der Frau … ist allmählich beschönigt, romantisiert und oft auf milde Art beschrieben worden; abgeschafft ist sie keineswegs.“

Die Konstruktion von Geschlecht

Die Abwertung geschlechtlicher Vielfalt schlich sich in fast jedes Element der Kultur ein, ein hegemoniales Verständnis von Geschlecht und Sexualität entstand. Dieser Prozess wurde „disciplining gender“ (Disziplinierung von Geschlecht) genannt. Daran sehen wir, dass Geschlechterrollen alles andere als natürlich vorgegeben sind: Sie sind vielmehr soziologische Kategorien, die sich den historischen Bedingungen anpassen.

Kehren wir zu den Behauptungen der CPGB zurück: in ihrem hier zitierten Artikel schreiben sie, dass wir trans Aktivist:innen Folgendes behaupten:

„[Geschlecht sei] eine Art medizinische Verschwörung: bei jeder Geburt stecken die Ärzt:innen ihre Köpfe zusammen und weisen „eine Geschlechterrolle zu“. Also, schwangere Mütter: wenn ihr eure 20-Wochen-Ultraschalluntersuchung habt, könnt ihr auf dem Ausdruck nicht sehen, ob euer Baby ein Junge oder ein Mädchen ist. Nein; das ist alles eine medizinische Verschwörung! Und wenn das Baby geboren ist, wird es untersucht, um sagen zu können, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist – auch das ist alles eine medizinische Verschwörung! Diese Dinge (Jungen und Mädchen, Männer und Frauen) sind nicht real – seht ihr das nicht?“3

Abgesehen von der Existenz intersexueller Babys – dieses Thema meiden sie gründlichst, da dies die gesamte pseudowissenschaftliche Grundlage ihrer Argumentation gefährden würde – ist es lachhaft zu behaupten, die Zuweisung von Identitäten und Eigenschaften ab Geburt würde nicht geschehen. Neugeborene „Jungen“ bekommen eine blaue Decke, „Mädchen“, eine rosafarbene. Am deutlichsten zeigt uns der aktuelle Gender-Reveal-Party-Boom, welch hohe Bedeutung dem Geschlecht eines Kindes noch vor seiner Geburt beigemessen wird. Das ist keine medizinische Verschwörung per se – obwohl es im Hinblick auf Intersexualität sehr wohl eine solche gibt, bei der Babys ohne ihre Zustimmung normative Körper operativ aufgezwungen werden –, sondern vielmehr ein gesellschaftspolitischer Kontext, der schon vor der Geburt beginnt, die Identität zu beeinflussen. Anders ausgedrückt: Wenn eine angeblich marxistische Gruppe behauptet, die Gesellschaft weise den Kindern bei der Geburt keine Geschlechterrolle zu, dann verschließt sie im Grunde die Augen vor der gesamten zeitgenössischen Gesellschaft und lehnt Marx‘ historisch-materialistische Analyse ab.

Hinzu kommt, dass vieles, was das Geschlechtsverständnis ausmacht, nichts mit biologischen Faktoren zu tun hat – sondern mit soziokulturellen, sogenannten „Gender Markers“: zum Beispiel sind Kleider „weiblich“ und Anzüge „männlich“. Aber auch das ist keine historische Konstante; es gab – vor nicht allzu vielen Jahren – Epochen, in denen Absätze als maskulin galten und Jungen oft in Kleider gesteckt wurden. Ciara Cremin erklärt in ihrem Buch „Man-Made Woman: The Dialectics of Cross-Dressing“:

„Die Freuden des westlich-europäischen femininen Stils sind allem voran ästhetischer Natur: Wir mögen es, uns aufzubrezeln. Wir dürfen seidige Stoffe, glänzende Dinge und leuchtende Farben genießen. Eine Marotte der Geschichte machte die Farbe Blau zu einem Männlichkeitssymbol; sie erlaubte dem Mann die Baumwollsocken, verbat ihm aber die Strumpfhosen. Diese Irrationalität ist uns zu einer zweiten Natur geworden“4

Warum ausgerechnet hohe Absätze für Frauen und Stiefel für Männer? Es gibt keine wissenschaftliche Erklärung. Geschlecht setzt sich vielmehr aus der sozialen Stellung und einer Vielzahl von „Gender Markers“ zusammen, die ihre symbolische Bedeutung durch „eine Marotte der Geschichte“ gewonnen haben, wie Cremin es ausdrückt.

Obschon das Geschlecht selbst ein soziales Konstrukt ist, ist die Zuweisung der Geschlechterrolle ein sehr materieller Prozess. Er hat für die Betroffenen sehr reale, materielle Konsequenzen, indem er bestimmte Erwartungen an sie stellt. Sich diesen Erwartungen zu widersetzen, führt oft zur sozialen Isolation – oder sogar Gewalt. Dieser Widerspruch ist zentral für das Verständnis queerer Erfahrungswelten: Geschlecht ist sowohl ein sich stets wandelndes Spektrum von individualisierten Kategorien als auch eine sehr greifbare materielle Form der Unterdrückung und oft auch der Gewalt.

Das führt uns zu zwei Schlussfolgerungen. Erstens: Queere Befreiung ist aus einer individualisierten Perspektive von Person zu Person unmöglich, weil die Zuweisung zu einem bestimmten Geschlecht Teil des kapitalistischen Systems ist. Das bedeutet, dass die Befreiung ein antikapitalistischer Kampf der Massen sein muss, denn die Vergeschlechtlichung ist stärker als jede vereinzelte Aktion oder Person, – obwohl einige, auf die wir später zurückkommen, das Gegenteil behaupten.

Zweitens sind es nicht trans Personen, die „die materielle Realität von Geschlecht“ ablehnen, sondern die „gender-kritischen Linken“, die selbst an einer ahistorischen, biologistischen Definition von Geschlecht festhalten. Sowohl die historische Realität der Geschlechterrollen als auch die materielle Realität der Vergeschlechtlichung lehnen sie ab. Was die CPGB und ihresgleichen als Verschwörungstheorie abwinken wollen, ist in Wirklichkeit einer der offensichtlichsten, bestdokumentierten Prozesse der sozialen Kontrolle im Kapitalismus.

Dialektisches Geschlecht

Neben der Leugnung der historischen Realität von Geschlecht lehnen diese als Revolutionär:innen getarnten Transfeind:innen auch die Dialektik ab. Verbissen suchen sie einen Weg, die Widersprüche zwischen ihrer erklärten Politik und ihren reaktionären Gefühlen aufzulösen. Die Idee von einem determinierten, unveränderlichen Geschlecht ist grundsätzlich undialektisch. Sie impliziert eine statische, angeborene Identität, die unabhängig von den materiellen Lebensrealitäten besteht.

Als Marxist:innen lehnen wir jedoch die Vorstellung ab, dass uns unser Selbst von einer höheren Macht verliehen wird.

Um uns mit diesem transfeindlichen Pseudomarxismus zu arrangieren, müssten wir ihrer Annahme folgen, dass Geschlecht unveränderlich sei. Aber selbst wenn wir der irrigen Behauptung zustimmen würden, nur die Biologie würde das Geschlecht bestimmen, – würde dies noch lange nicht seine Unveränderbarkeit beweisen. So werden (die meisten) Menschen mit Augen und Haaren geboren, aber Augen- und Haarfarbe können sich im Laufe der Zeit natürlich verändern. Menschen färben ihre Haare, sie tragen farbige Kontaktlinsen. Lehnen diese Menschen die „materielle Realität der Haarfarbe“ ab? Verleugnet ein:e Prothesenträger:in die materielle Realität einer Unfallfolge? Biologische Attribute aller Art verändern sich im Laufe der Zeit und mit wechselnden Bedingungen.

Und selbst wenn wir die wissenschaftlich ungenaue Definition des sozialen Geschlechts (gender) als gleichbedeutend mit biologischem Geschlecht (sex) anerkennen würden, was wäre dann mit intersexuellen Menschen? Verleugnen nicht die Ärzt:innen, die Operationen an intersexuellen Säuglingen durchführen, um sie ohne ihre Zustimmung in das normative Spektrum des Geschlechts zu bringen, die materielle Realität dieser intersexuellen Kinder? Warum sind diese „Sozialist:innen“, die sich so sehr über die kleinbürgerliche und postmoderne Ablehnung von Geschlecht empören, nicht ebenso empört über diese nicht-konsensualen, geschlechtsverändernden Operationen?

Nichts davon steht auf evidenzbasierten Füßen. Wir haben es also nicht mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise zu tun, sondern mit einer „ewigen Wahrheit“. Das Geschlecht muss nach dieser Auffassung etwas sein, das jenseits materieller Bedingungen oder der körperlichen Eigenschaften einer Person steht. Es muss etwas Höheres sein, eine Art moralische Wahrheit, die uns definiert. Aber der Glaube an diese ewigen Wahrheiten ist antidialektisch und damit antimarxistisch. In seinem wichtigen Text „Anti-Dühring“ schrieb Engels:

„Wir weisen demnach eine jede Zumutung zurück, uns irgendwelche Moraldogmatik als ewiges, endgültiges, fernerhin unwandelbares Sittengesetz aufzudrängen, unter dem Vorwand, auch die moralische Welt habe ihre bleibenden Prinzipien, die über der Geschichte und den Völkerverschiedenheiten stehn. Wir behaupten dagegen, alle bisherige Moraltheorie sei das Erzeugnis, in letzter Instanz, der jedesmaligen ökonomischen Gesellschaftslage. Und wie die Gesellschaft sich bisher in Klassengegensätzen bewegte, so war die Moral stets eine Klassenmoral; entweder rechtfertigte sie die Herrschaft und die Interessen der herrschenden Klasse, oder aber sie vertrat, sobald die unterdrückte Klasse mächtig genug wurde, die Empörung gegen diese Herrschaft und die Zukunftsinteressen der Unterdrückten. Daß dabei im ganzen und großen für die Moral sowohl, wie für alle andern Zweige der menschlichen Erkenntnis ein Fortschritt zustande gekommen ist, daran wird nicht gezweifelt.“

Mit anderen Worten: Der Glaube an ein moralisches Dogma als „ewiges, ultimatives und für immer unveränderliches ethisches Gesetz“ ist nicht mehr als die Zustimmung zu einer Moral der herrschenden Klasse, einer Moral, die zur Unterdrückung und Kontrolle der Arbeiter:innenklasse benutzt wird. Diese sogenannten Kämpfer:innen gegen die „Gender-Ideologie“ geben – ob bewusst oder unbewusst – der bürgerlichen Moral, die uns unterdrückt hält, einen linken Deckmantel.

LGBTI und Marxismus: Wohin geht die Reise?

Wenn also einige Elemente der marxistischen Bewegung die Kämpfe für die Befreiung von queeren und trans Personen nicht unterstützen – bedeutet das dann, dass die Anti-Marxist:innen recht haben? Sollten wir als queere und trans Menschen, den Marxismus hinter uns lassen – als eine Theorie, die mit unserer Befreiung unvereinbar ist? Die Antwort auf diese Frage ist ein klares Nein.

Zunächst einmal zeigt ein Blick auf die Geschichte des Marxismus und der LGBTI-Bewegung, dass viele marxistische Gruppen die Belange der LGBTI-Gruppierungen intensiv aufgriffen, sobald sie mit ihnen konfrontiert wurden. Es waren die frühen Kommunist:innen, die Oscar Wilde verteidigten, als er wegen seiner Homosexualität verurteilt wurde. Es waren die Bolschewiki, die Homosexualität in Russland legalisierten, Jahrzehnte bevor viele imperialistische Länder dies taten. Und viele Marxist:innen stehen jetzt an der vordersten Front des LGBTI-Kampfes. Die transfeindlichen marxistischen Gruppen zeigen nicht etwa ein Problem innerhalb der marxistischen Theorie auf, sondern stehen für die Degeneration eines Großteils der Linken im 20. und 21. Jahrhundert. Dieser Punkt wurde von Marcelo Benítez, einem ehemaligen Mitglied der Homosexual Liberation Front, in einem Interview auf unserer argentinischen Schwesterseite angesprochen. Er beschrieb seine Erfahrung als queerer Marxist im Argentinien der 1970er Jahre mit den Worten: „Ich war in einer Krise mit der Linken, nicht mit dem Marxismus, aber mit der Linken. … Es war sehr schwierig, ein Schwuler unter Linken zu sein.“

Wir sollten sehr kritisch sein, wenn wir das Versagen von Teilen der Linken in Bezug auf queere Themen analysieren – wir können es aber nicht dem Marxismus anlasten. Es war nicht der Marxismus, sondern seine Abwesenheit, die stalinistische Gruppen daran hinderte, den Kampf für die queere Befreiung aufzunehmen.

Der Marxismus bietet uns sowohl einen Weg zur Schaffung der materiellen Bedingungen, unter welchen die queere Befreiung realisiert kann, als auch die Waffen gegen die innerhalb der Bewegung vorherrschende Irreführung. Anstatt zuzulassen, dass diese Verräter:innen des Marxismus den Titel „Marxist:innen“ für sich beanspruchen, müssen wir sie enttarnen: Sie sind nicht besser als transfeindliche Radikalfeministinnen oder gar Sektoren der religiösen Rechten. Die CPGB sind, trotz all ihrer Mottos und Slogans, keine Kommunist:innen nach Marx und Lenin. Diese Verdreher:innen des Marxismus dürfen kein theoretisches oder politisches Gewicht erhalten oder gar Führungsrollen innehaben.

Wenn wir zu den Grundlagen des Marxismus zurückkehren, wie sie von Marx geschrieben und von Lenin und Trotzki entwickelt wurden, sehen wir, dass der Marxismus eine klare Strategie für die Erringung der LGBTI-Befreiung darlegt. Um Virgina Guitzel zu zitieren – eine trans Frau und Mitglied unserer brasilianischen Schwesterorganisation:

„Sicherlich konterkariert [die Veröffentlichung des Buches „Transgender Marxism“] die Vorstellung von einem weißen, europäischen, hetero- und cisgeschlechtlichen Marx, dem es nicht um die vollständige Emanzipation aller Lebensbereiche geht und der nichts zu einer Diskussion der LGBTI-Befreiung beitragen kann. Oder, dass Marx‘ Antwort auf die Emanzipation der Frauen nur ihr Eintritt in den Arbeitsmarkt wäre, um ihre finanzielle Unabhängigkeit zu garantieren. Tatsächlich war die Verwirklichung marxistischer Ideen in der Russischen Revolution der Höhepunkt von Versuchen, alle Lebensbereiche zu transformieren. So wurde Russland das erste Land der Welt, das Abtreibung legalisierte, Homosexualität entkriminalisierte und öffentliche Kantinen, Wäschereien und öffentliche Kindertagesstätten garantierte, was viele kapitalistische Demokratien bis heute nicht bieten. Aber es war auch der Prozess der Revolution und Konterrevolution im revolutionären Russland, der die wissenschaftliche Grundlage für die Theorie der permanenten Revolution lieferte – die von einem der wichtigsten Führer des 20. Jahrhunderts: Leo Trotzki. Dies repräsentiert für mich den Marxismus des 21. Jahrhunderts, … die Schlussfolgerung, dass der Klassenkampf nicht mit der Machtergreifung endet, sondern sich weiter zuspitzt.“

Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, die besagt, dass eine Revolution den Prozess der Befreiung lediglich beginnt und nicht beendet, zeigt uns einen Weg zur queeren Befreiung, der klarer ist als die postmoderne Idee der individuellen Emanzipation oder die üblichen Behauptungen von klassenreduktionistischen Gruppen, eine Machtübernahme der Arbeiter:innenklasse würde automatisch die queere Befreiung mit sich bringen. Ein tiefes Studium des Marxismus lässt uns entdecken, wie wir diese Strategie zur Erlangung der queeren Befreiung anwenden und auch um die Führung der trans Befreiungsbewegung kämpfen können.

Die Fehler der Führung der queeren Bewegung

Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der organisierten Linken die queere Befreiungsbewegung aufgegeben hat, ist die aktuelle Führung der Bewegung unverhältnismäßig postmodern und liberal. Sie lehnt die Klassenpolitik ab und setzt stattdessen auf identitäre und individualistische Politik. Ein Sektor nimmt eine repräsentative Politik auf, die Figuren wie Caitlyn Jenner und Pete Buttigieg hervorbringt – Personen, die ihre Identität als Waffe einsetzen, um ihre Politik zu decken, was wiederum der gesamten queeren Community schadet.

Ein anderer Sektor ist so sehr mit der parlamentarischen Politik verwoben, dass er die Rolle des Staates bei der Fortsetzung der Unterdrückung von LGBTI übersieht. Dieser Sektor scheint zu glauben, dass wir nur genug progressive oder queere Figuren in den Kongress wählen müssen, damit sie per Gesetz die Unterdrückung beenden. Aber diese Unterdrückung ist Teil dessen, wodurch sich das kapitalistische System reproduziert, wie wir in diesem Artikel ausführlich darlegten. In Anbetracht dessen kann der Staat die Unterdrückung nicht beenden, weil sie systemimmanent ist. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht gegen Anti-Trans-Gesetze und für wichtige Zugeständnisse kämpfen sollten – im Gegenteil. Aber wir sollten nicht annehmen, dass diese Zugeständnisse mit einer Abschaffung der kapitalistischen Logik gleichzusetzen sind. Mit der Aufforderung an LGBTI-Aktivist:innen, ihr Vertrauen in die Demokratische Partei zu setzen und der Behauptung, das ultimative Ziel sei die Assimilation, haben die liberalen Führer:innen der queeren Bewegung in den USA durchweg zu ihrer Schwächung beigetragen.

Ein anderer Sektor der queeren Befreiungsbewegung ist radikaler in seiner Herangehensweise, aber ebenso reformistisch in seiner Politik. Dieser Sektor aus typischerweise selbst ernannten Radikalen lehnt sowohl den Marxismus als auch den Wert einer totalisierenden oder universellen Ideologie ab. Stattdessen folgen sie einer von der Queer-Theorie beeinflussten Strategie: der Individualisierung des Kampfes um Befreiung. Mit anderen Worten: Diese Strategie sieht die Veränderung des Bewusstseins als Mittel zur Veränderung der Welt. Die Idee ist, dass Transfeindlichkeit allem voran dadurch besiegt werden kann, dass man seine eigenen verinnerlichten Vorurteile erkennt, hinterfragt und anderen hilft, dasselbe zu tun. Die Anhänger:innen dieser Strategie neigen auch dazu, die Politik insgesamt abzulehnen – mit dem Argument, dass es sich nicht lohnt, für Reformen zu kämpfen, weil Siege wie die Legalisierung der Homo-Ehe nur Assimilationismus sind, ein Nachgeben gegenüber „dem System“ – ungeachtet der materiellen Vorteile der Ehe in den bestehenden Verhältnissen. Diese Strategie bietet viele Wege, dem System zu „widerstehen“ oder es zu bekämpfen, aber keinen Weg zum endgültigen Sieg und zur vollständigen queeren Befreiung. Das Ergebnis ist ein ewiges Verharren im Widerstand, ohne irgendeinen Boden zu gewinnen. In diesem Rahmen sind selbst zwischenzeitliche „Siege“ keine Siege, denn nichts, was wir gewinnen, wird als wertvoll angesehen, wenn es vom Staat kommt.

Die Unterdrückung von LGBTI-Personen ist nicht nur ideologisch, sondern auch materiell. Anders ausgedrückt: LGBTI-Personen werden nicht nur durch Transfeindlichkeit unterdrückt, sondern auch durch das kapitalistische System, das sie ausbeutet und erniedrigt. Deshalb brauchen wir materielle Lösungen, um die materiellen Bedingungen von LGBTI-Personen zu ändern. Repräsentation ist keine materielle Lösung. Selbst LGBTI-Personen mit den bestmöglichen Absichten können das System des Kapitalismus nicht im Alleingang von innen heraus verändern. In der Tat ist jedes Experiment, die „Machtstruktur von innen zu verändern“, fast vollständig gescheitert. Wir haben gesehen, dass ein schwarzer US-Präsident den Rassismus in den USA nicht beendet hat, dass eine Frau als Kanzlerin den Sexismus nicht beendet hat und dass schwule CEOs die Homofeindlichkeit nicht beendet haben. Warum sollten wir also auf die gleiche Lüge noch einmal hereinfallen? „Wir wissen, dass die Politik der Repräsentation schon einmal gescheitert ist“ wollen uns diese PR-Vertreter:innen des Kapitals glauben machen, „aber dieses Mal wird es anders sein. Mehr queere CEOs zu haben, wird tatsächlich etwas bewirken.“

Darauf zu vertrauen, dass das System sich selbst korrigiert, indem wir mehr queere Vorstandsvorsitzende einstellen und mehr queere Politiker:innen wählen, ist eine verlorene Wette ­ eine, die die trans Kinder im Stich lässt, die derzeit in vielen Staaten massiver Unterdrückung ausgesetzt sind. Es lässt die trans Frauen im Stich, von denen die meisten PoC sind, die jeden Tag ermordet werden. Es lässt die trans Sexarbeiter:innen und die nicht-binären Menschen im Stich, die gezwungen sind, sich in eine Welt einzufügen, die nicht für sie geschaffen wurde. Die Liberalen wollen uns sagen, dass wir geduldig sein sollen, aber wir haben gesehen, dass Geduld unzählige Opfer fordert.

Wir können aber auch nicht einfach die Politik von vornherein ablehnen. Unsere Unterdrücker:innen sind organisiert, also sollten wir es auch sein. Unser Ziel sollte nicht nur sein, ein paar Räume zu schaffen, in denen wir der Unterdrückung entkommen können, sondern die Unterdrückung zu beenden. Wir sollten kämpfen, um zu gewinnen. Um zu gewinnen, brauchen wir eine auf den Sieg ausgerichtete Strategie. Postmoderne und Queer-Theorie sind keine Theorien, mit denen wir gewinnen können, weil sie keinen Glauben an den Erfolg haben. Stattdessen müssen wir einem marxistischen Ansatz im Kampf für die queere Befreiung einnehmen.

Eine sozialistische Perspektive auf die queere Befreiung

Echte Marxisten erkennen an, dass nur die Arbeiter:innenklasse queere Menschen und andere besonders unterdrückte Gruppen befreien kann. Das beruht nicht auf irgendeiner moralischen Überlegenheit – wie fast jede queere Person weiß, können Mitglieder der Arbeiter:innenklasse sehr reaktionär in ihren Überzeugungen sein. Aber nur die Arbeiter:innenklasse hat die strategische Macht, das kapitalistische System zu Fall zu bringen. Es ist die Arbeiter:innenklasse und die Arbeiter:innenklasse allein, die alles am Laufen hält. Die arbeitenden Menschen treiben die gesamte Wirtschaft an, also haben sie allein die Macht, sie herunterzufahren. Das soll natürlich nicht heißen, dass die Beendigung des Kapitalismus sofort und automatisch die Unterdrückung von trans Personen beenden wird. Aber wie die Theorie der permanenten Revolution uns zeigt, ist die Errichtung des Sozialismus eine notwendige Vorbedingung für die Befreiung von queeren Personen.

Es muss jedoch dreifach unterstrichen werden, was wir meinen, wenn wir „die Arbeiter:innenklasse“ sagen. Es gibt seit Langem dieses Bild von der Arbeiter:innenklasse als weiße, hetero cis-Männer, die in der Fabrik schuften. Diese Männer gehören natürlich zur Arbeiter:innenklasse, aber das gilt auch für Kellner:innen, Lehrer:innen, Kurier:innen, Pfleger:innen und viele mehr. Und die Arbeiter:innenklasse ist so vielfältig wie nie zuvor, sowohl im Hinblick auf ethnische Zugehörigkeit als auch in Bezug auf Geschlecht und Sexualität. Die überwiegende Mehrheit der trans und queeren Menschen gehört zur Arbeiter:innenklasse. Wenn wir also sagen, dass die Arbeiter:innenklasse die besonders Unterdrückten befreien wird, meinen wir nicht, dass diese edlen Ritter hereinstürmen werden, um die armen unterdrückten Massen zu retten; wir meinen vielmehr, dass die unterdrückten Massen sich erheben und sich unter Nutzung ihrer Position als Arbeiter:in selbst befreien werden. Eines der besten Beispiele dafür war, als cis-Arbeiter:innen in Madygraf, einer Fabrik in Argentinien, in den Streik traten, um bessere Arbeitsbedingungen für ihre trans Kolleg:innen zu fordern. Dieser Streik war ein wichtiger Teil der anhaltenden Bewegung bei Madygraf, deren Arbeiter:innen die Fabrik schließlich in Besitz nahmen. Sie ist bis heute in Arbeiter:innenhand.

Aber wir sollten in dieser Hinsicht nicht utopisch sein und annehmen, dass die Arbeiter:innenklasse eines Tages mit einem transinklusiven revolutionären Programm aufwachen wird. Vielmehr sollten wir uns über eine der dringendsten Notwendigkeiten für eine sozialistische Perspektive der queeren Befreiung im Klaren sein: eine radikale, revolutionäre Führung. Diese Führung nimmt die Form einer Avantgardepartei an, die aus der Arbeiter:innenklasse und ihren besonders  unterdrückten Teilen aufgebaut werden muss. Diese Partei muss sich gezielt auf den Moment der Revolution vorbereiten. Um es mit den Worten Trotzkis zu sagen: Revolutionen fallen nicht vom Himmel. Deshalb werden die vorbereitenden Aufgaben, die nur eine organisierte Partei übernehmen kann, den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen. Das bedeutet nicht, dass die Mitglieder dieser Avantgardepartei an der Seitenlinie sitzen und Däumchen drehen und auf die Revolution warten sollten. Vielmehr sollten sie an ihren Arbeitsplätzen und in ihren Communities sein, sich am Kampf beteiligen, konstant für eine antikapitalistische Perspektive kämpfen und fordern, dass soziale Bewegungen die Forderungen der Unterdrückten aufgreifen.

Der Kampf für queere Befreiung ist der Kampf für die Beendigung des Kapitalismus. Nur der Sturz des Kapitalismus und der Aufstieg einer sozialistischen Gesellschaft kann queere Menschen befreien und uns erlauben, unser Leben in vollen Zügen zu leben.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Left Voice.

Fußnoten

1. Sex ist die biologische Zuordnung, die Ihnen bei der Geburt gegeben wird. Eine Möglichkeit, sich das vorzustellen, ist, dass es ungefähr vier Geschlechter gibt: die mit Penis, die mit Vagina, die mit beidem und die mit keinem. Gender ist ein komplexerer soziopolitischer Prozess, der eine Mischung aus persönlicher Identität, sozialen Beziehungen und äußerer Erscheinung ist. Da die Bestimmung des Geschlechts so komplex ist, gibt es eine fast unbegrenzte Anzahl von Geschlechtern, denen eine Person angehören kann.

2. John D’Emilio: Capitalism and Gay Identity, in: Ann Barr Snitow, Christine Stansell, and Sharon Thompson (Hg.): Powers of Desire: The Politics of Sexuality, New York 2009, S. 100 – 113.

3. John M. Sloop: Disciplining Gender: Rhetorics of Sex Identity in Contemporary U.S. Culture, University of Massachusetts, 2004.

4. Ciara Cremin: Man Made Woman: The Dialectics of Cross-Dressing, London 2017.

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