Geschichte und Kultur

Maos China – eine kritische Bilanz

Im September jährte sich zum vierzigsten Mal der Todestag Mao Zedongs. Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir einen Gastbeitrag von Marcus Hesse (SAV Aachen) über das Vermächtnis Maos.

Maos China – eine kritische Bilanz

Vor vierzig Jahren, am 9.9. 1976, starb Mao Zedong. In der bürgerlichen Geschichtsschreibung gilt Mao heute als einer der schlimmsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Politische Gruppen, die sich auf seine Lehren berufen, sind rar geworden. So ist die deutsche MLPD noch eine der übrig gebliebenen. In den 1960ern wurde Mao zu einem Idol der linken Jugendbewegung und erschien als radikale Alternative zu den verknöcherten Regimes in Osteuropa. In den 1970er Jahren gab es in ganz Westeuropa maoistische Parteien, die in Westdeutschland „K-Gruppen“ genannt wurden und zusammengenommen Zehntausende organisierten.

In anderen Ländern spielen maoistische Bewegungen noch heute eine größere Rolle: So in Indien, wo die Naxaliten-Bewegung ganze Regionen kontrolliert, oder in Nepal, wo eine maoistische Partei nach Jahren des Guerilla-Kampfes an die Macht gelangte, an der sie jedoch nur eine beschränkte reformistische Politik umsetzte. Im heutigen kapitalistischen China spielen Maos Ideen keine wirkliche Rolle mehr, auch wenn der „Große Vorsitzende“ bis heute eine unantastbare Ikone ist, deren Wirken weitgehend verklärt wird. So sind die begangenen Verbrechen und Verheerungen seiner Politik (die Opfer der Hungersnot Anfang der 1960er Jahre in China und die Repressalien unter seinem Regime) ein öffentliches Tabu-Thema in China. Diese Unkenntnis über den wirklichen Maoismus an der Macht erleichtert auch eine Verklärung. So gibt es unter linken Oppositionellen im heutigen China eine gewisse Renaissance maoistischer Ideen, die als Alternative zur KP der Millionär*innen und Kapitalist*innen betrachtet wird. Dass der Maoismus nie etwas mit echter Arbeiter*innenmacht und Internationalismus zu tun hatte, bleibt hinter der Verklärung zurück.

In der Vergangenheit, vor allem in den 1960er und 1970er Jahren, erschien der Maoismus Millionen von Menschen weltweit als radikale, kämpferische Alternative zum Stalinismus Moskauer Prägung, da er gegenüber der Politik der friedlichen Koexistenz mit dem Imperialismus offensiver die Revolution forderte und im Zuge der so genannten „Kulturrevolution“ sogar den Anschein erweckte, die Massen gegen die Bürokratie in Stellung zu bringen. Darauf fielen zeitweise auch manche „Trotzkist*innen“ herein.

Die Entstehung des Maoismus im ländlichen Untergrund

China war bis zum Sieg der Revolution 1949 eine Halbkolonie unter der Dominanz westlicher Großmächte (zu denen später Japan hinzustieß). Die Frage der nationalen Befreiung Chinas war mit der sozialen Frage eng verknüpft. In dem riesigen Agrarland bildete sich ein stark konzentriertes Proletariat, aus dem 1921 die Kommunistische Partei hervorging. Inspiriert von der Oktoberrevolution in Russland kam es zu Klassenkämpfen, die 1927 in einer Revolution mündeten. Mao war einer der Gründungsmitglieder der KP, aber war in der Anfangsphase keine bedeutende Figur in der Partei. Die Revolution scheiterte jedoch blutig, nicht zuletzt deshalb, weil die Kommunistische Internationale unter Stalin und Bucharin die Kommunist*innen dazu zwang, Teil der bürgerlich-nationalistischen Partei KMT (Kuomintang) zu bleiben und sich nicht unabhängig zu organisieren. Das erlaubte dem KMT-Führer Chiang-Kai-Chek, die Bewegung zu verraten und die KP durch Massaker und brutale Repression zu zerschlagen. Viele der Überlebenden flohen aufs Land, wo sie sich den rebellierenden Bauern*Bäuerinnen anschlossen und den Guerillakrieg gegen die KMT fortsetzten. In den Folgejahren konnte sich Mao als Führer der KP durchsetzen. In den 30er Jahren entwickelte er seine eigene – von Moskau abweichende – Konzeption der Revolution in China. Unter der Losung „Die Hauptkraft der Revolution kommt aus den Gewehrläufen“ wurde eine überwiegend aus Bauern*Bäuerinnen gebildete Rote Armee aufgebaut, die sich in dem agrarischen Hinterland festsetzte und die KMT (und später auch die japanischen Besatzer) in einem „verlängerten Volkskrieg“ bekämpfte. Die Städte sollten dabei allmählich vom Land aus eingekreist und erobert werden. Die KP verlor weitgehend ihre Basis in den Städten, aber schuf ihren militärischen und politischen Apparat in den von ihr kontrollierten ländlichen Stützpunkten. Auf lange Sicht erwies sich diese Strategie als erfolgreich. Aber sie führte nicht zu einer Arbeiter*innendemokratie, sondern zu einer von Beginn an bürokratischen Form der Herrschaft. Auch die Bauernschaft, die die Mehrzahl der Kämpfer*innen der Roten Armee ausmachte, kehrte nach 1949 mehrheitlich wieder zur Feldarbeit zurück. Was blieb, waren die Kader in Partei und Armee – die eigentlichen Machthaber*innen. Räte oder ähnliche Formen der demokratischen Arbeiter*innenmacht fehlten in China. Das sollte das neue Regime entscheidend prägen.

Die kleine trotzkistische Bewegung in China setzte hingegen die Arbeit unter der Arbeiter*innenklasse in den Städten fort, aber litt dabei unter der dreifachen Repression durch KMT, japanischer Besatzung und den Stalinist*innen.1

Mao indes entwickelte eine Etappenkonzeption, in der er streng zwischen der demokratisch-antifeudalen Revolution (Landreform, Überwindung des Großgrundbesitzes, Vertreibung der ausländischen Imperialisten) einerseits und der sozialistischen Revolution andererseits unterschied. Zunächst sollte die „neudemokratische Revolution“ vollzogen werden, wobei sich Arbeiter*innen, Bauern*Bäuerinnen und die „nationale Bourgeoise“ chinesischer Herkunft verbünden sollten.2 Noch 1949, im Jahr der Ausrufung der Volksrepublik China, ging Mao von mehreren Jahrzehnten kapitalistischer Entwicklung als Voraussetzung zur sozialistischen Revolution aus.3 Die Dynamik der weltpolitischen Ereignisse (Kalter Krieg, Korea-Krieg) zwang Mao, binnen weniger Jahre weiter zu gehen, als er das eigentlich wollte.

Schon in der Zeit des Bürgerkriegs entwickelte sich in der KP ein bizarrer Führerkult um Mao und Kritiker*innen seines Kurses wurden rücksichtslos hinaus gesäubert.

Maos Rote Armee gewann schließlich 1949 den langjährigen Bürger*innenkrieg gegen Chiang-Kai-Chek und sein korruptes Regime. Chiang floh mit seinen Anhänger*innen nach Taiwan. Wichtig ist dabei zu betonen, dass Mao sich im Bürger*innenkrieg nur auf seine eigenen Kräfte stützte, denn Stalin hielt weiterhin am Bündnis mit der KMT fest.

Maos neues China: Fortschritt und Bürokratie

1949 zog die Rote Armee der KP siegreich in die Städte ein. Mit ihr brachte sie einen gewaltigen bürokratischen Apparat. Der Sieg der Roten Armee hatte auch die Arbeiter*innenklasse in Bewegung gesetzt. Doch Streiks und Betriebsbesetzungen sahen die neuen Machthaber*innen nicht vor. Wo sie vorkamen, wurden sie unterdrückt.4 Denn Mao und seine Partei setzen auf ein Bündnis mit der „nationalen Bourgeoisie“. Dennoch brachte der Sieg gewaltige und nachhaltige Fortschritte. Die gravierendste Veränderung war zweifelsohne die Landreform, im Zuge derer auf einen Schlag Großgrundbesitzer enteignet wurden. 200 Millionen Bauern*Bäuerinnen bekamen neues Land.5 Die Bauern*Bäuerinnen urteilten ihre Ausbeuter in großen Anklageversammlungen ab und übernahmen ihre Güter. Dabei hatte sich zweifelsohne viel Hass angestaut und mancherorts kam es zu Exzessen. Dennoch war die Landreform ein großer Fortschritt: Chinas mehrtausendjährige Geschichte der Ausbeutung der Bauernschaft durch Gutsherren und Dorfreiche gehörte ab nun der Vergangenheit an. Die KP veränderte das Gesicht Chinas auch in anderer Hinsicht radikal: Frauen wurden Männern gleichberechtigt, Brautpreise, Zwangsheiraten und die barbarische Sitte des Füßebindens wurden verboten. Die KP begann Alphabetisierungskampagnen und baute das Gesundheitssystem auf. Die Lebenserwartung stieg von durchschnittlich 35 Jahren 1949 auf 63 Jahre im Jahr 1975, die Kindersterblichkeit sank von 200 (von 1000) im Jahr 1950 auf 50 im Jahr 1975.6

Zugleich bildete sich ein ausuferndes Privilegiensystem heraus. Hinter der Fassade eines zur Schau gestellten Egalitarismus (bis hin zu einheitlicher Kleidung) und der Propagierung eines asketischen Lebensweise hatten Funktionär*innen genau abgestufte Privilegien, die sorgsam vor den Augen der Massen verborgen wurden. Der Maoismus förderte große Einkommensunterschiede und staffelte Privilegien streng hierarchisch nach Rangstufe. Ein umfassendes Netzwerk von Massenorganisationen fasste die städtische Bevölkerung organisatorisch zusammen. Was aussah wie eine Form von Partizipation von unten, erwies sich unter den Bedingungen hierarchisch-bürokratischer Herrschaft schnell als Mittel der Kontrolle und Disziplinierung. Die später periodisch wiederkehrenden Massenkampagnen der maoistischen Führung stützten sich darauf. Darüber hinaus baute Maos Gefolgsmann Kang-Chen den gefürchteten Staatssicherheitsdienst Te-Wu auf. Dieser ging nicht nur gegen Reaktionär*innen vor, sondern auch gegen Arbeiteraktivist*innen: 1952 verschwanden die führenden Kader der trotzkistischen Bewegung hinter Gefängnismauern. Trotzkist*innen wie Zheng Chaolin und Liu Jingzhen wurden vom Regime für zweieinhalb Jahrzehnte inhaftiert und kamen erst Ende der 70er Jahre wieder frei.7

Kunst und Kultur wurden strikt reglementiert. Gegenüber innerparteilicher Kritik und kritischen Intellektuellen wurden Repressionskampagnen gefahren: Bekannt ist die „Anti-Rechts-Kampagne“ gegen angebliche Rechtsabweichler*innen in der Partei. Nach dem Aufstand in Ungarn und Chruschtschows Abrechnung mit Stalin auf dem XX. Parteitag der KPdSU ermunterte Mao die Intellektuellen und Künstler*innen zu offener Kritik am Regime, was er in seinem Aufruf „Lasst hundert Blumen blühen und hundert Schulen miteinander wettstreiten!“ formulierte. Doch als dieser Aufruf befolgt wurde und sich tatsächlich harsche Kritik am Regime regte, beendete Mao die Kampagne und lies die profiliertesten Kritiker*innen seiner Politik verfolgen, indem er sie oft jahrelang zur Umerziehung in Lager stecken ließ.

Die Politik der Zusammenarbeit zwischen Kapital („Nationale Bourgeoisie“) und Staat ließ sich aber nicht mehr lange aufrecht erhalten. Der Kalte Krieg, der Korea-Krieg und die Sabotage der Unternehmerschaft führten zu einer Politik der verstärkten Enteignungen, die ab 1952 begann. Bis Mitte der 1950er Jahre entstand in China eine sich am Vorbild der UdSSR orientierende Planwirtschaft, in der die Industrie in Staatshänden war. Parallel dazu wurde die Kollektivierung der Landwirtschaft vorangetrieben. Bis Ende der 1950er Jahre unterschied sich China kaum von jedem anderen Land des Ostblocks.

Der Große Sprung ins Desaster

Mao und seine Führung hatten den großen Ehrgeiz, China zu einer Supermacht zu machen. Ende der 1950er forcierte Mao dieses Projekt mit dem ehrgeizigen Versuch, das ökonomisch rückständige China binnen weniger Jahre zu einer vollendeten kommunistischen Gesellschaft zu machen. Die gewaltigste Umwälzung sollte wieder auf dem Land erfolgen. Die Bauernschaft war nach der großen Landreform weitgehend auf sich selbst gestellt gewesen und gesättigt. Die von oben organisierten Kollektivierungsmaßnahmen der 50er stießen auf wenig Gegenliebe. Das KP-Regime, welches durch den Bauernkrieg an die Macht gekommen war, erwies sich an der Macht kaum als bauernfreundlich: So wurden Inlandspässe eingeführt. Wer auf dem Land lebte, durfte nicht in die Städte ziehen und kam nicht in den Genuss des dortigen Lebensstandards und ausgebauten Sozialwesens. Wer sich als arme Bäuerin oder armer Bauer doch nach Shanghai oder Beijing durchschlug, musste dort als Hilfsarbeiter*in sein Leben fristen. Dies schuf sozialen Sprengstoff, den sich Mao später in der „Kulturrevolution“ zu Nutzen machen sollte.

Ende der 1950er suchte Mao Chinas Rückständigkeit durch die Massenkampagne des „Großen Sprungs nach vorne“ auszugleichen. China sollte nun nicht mehr nur den Sozialismus in einem Land aufbauen, sondern gar den Kommunismus und dabei die Sowjetunion und den Westen an Tempo überholen. Die Kommunistische Partei Chinas ließ auf dem Land so genannte „Volkskommunen“ errichten, in denen die Bauernschaft von 500 Millionen Menschen zusammengefasst wurde.8 Diese Kollektive waren riesige Produktionseinheiten, die nicht selten ein paar Tausend Menschen umfassten. Es gab Gemeinschaftsküchen, das Geld wurde abschafft und die Arbeit weitgehend militarisiert. Da technisches Gerät oder Traktoren fehlte, wurde meist mit Muskelkraft und primitiver Technik gearbeitet. Chinas Stärke war seine Masse an Menschen, dachte Mao. Die wollte er mobilisieren, um eine dem Kapitalismus überlegene Gesellschaft zu schaffen. Dahinter steckte ein extremer Voluntarismus, der wenig gemein hat mit den materialistischen Ideen von Marx, Engels und Lenin.

Doch Mao ging noch eine Stufe weiter: So sollte die Landbevölkerung auch Chinas Rückschritt in der Industrieproduktion wettmachen. Überall im Land wurden in den Volkskommunen Hinterhof-Hochöfen errichtet, in denen Alteisen zu Stahl gekocht werden sollte. Mao propagierte, dass China so Großbritannien wirtschaftlich überholen könne. Tatsächlich war der so produzierte „Stahl“ in der Regel meist wertlos. Die ehrgeizigen Ziele blieben natürlich unerreicht und führten zu einer gewaltigen Vergeudung von menschlicher Arbeitskraft. Anfang der 1960er Jahre führte diese abenteuerliche Politik, kombiniert mit einer Serie von Missernten, zu einer der größten Hungerkatastrophen der Geschichte, der je nach Schätzung 15-45 Millionen Menschen zum Opfer fielen.9 Alarmzeichen für die drohende Katastrophe gab es genug – doch die Führung ignorierte sie systematisch. Lokale Funktionär*innen meldeten selbst in Hungergebieten nur Erfolge und Rekordernten, da sie um ihre Karriere fürchteten. Die gleichgeschaltete Parteipresse brachte nur Erfolgsmeldungen. Dem chinesischen Regime gelang es weitgehend, diese Katastrophe zu verschweigen. Doch für Mao bedeutete der Misserfolg seiner voluntaristischen, ultralinken Politik, die Verdrängung aus der Parteiführung, die er faktisch erst mit der „Kulturrevolution“ wieder erlangen sollte.

Vom Bruch mit der Sowjetunion bis zum außenpolitischen Rechtsruck

Allmählich entwickelte sich eine Konkurrenz zwischen China und der Sowjetunion. Mao kritisierte Chruschtschows verbale Verurteilung Stalins und seine Doktrin der „Friedlichen Koexistenz“ mit dem Westen. Mao propagierte die Förderung antikolonialer Revolution in der Dritten Welt und beanspruchte zunehmend Chinas Führungsrolle in diesen Befreiungskämpfen. Außenpolitisch trat Mao sehr radikal auf, indem er den US-Imperialismus als „Papiertiger“ bezeichnete, der auch mit seinen Atomwaffen harmlos sei gegenüber den kämpfenden Volksmassen. Die maoistische Kritik an der Sowjetunion und ihrer Führung gipfelte im Vorwurf des „Revisionismus“, gegenüber dem China den „wahren Marxismus-Leninismus“ verteidigen würde. Anfang der 1960er Jahre kam es zum totalen Bruch: Sowjetische Berater*innen verließen das Land und der Ton zwischen Beijing und Moskau war fortan nur noch feindlich. Seit China 1964 seine erste Atombombe zündete, stand China als zweite „kommunistische“ Supermacht der UdSSR und den USA gegenüber. Weltweit entstanden maoistische Parteien und Guerillabewegungen. Trotz seiner Rhetorik von der „Weltrevolution“ unternahm die KP Chinas nichts, um eine Internationale aufzubauen: Vielmehr handelte es sich beim internationalen Maoismus um selbstständige Gruppen, die sich mehr oder weniger stark an der Außenpolitik des Regimes in Beijing orientierten. Die nach außen aggressive und kampfeslustige Haltung Maos gab dem Maoismus ein radikales Gesicht, das anziehend war für Guerillaführer wie Che Guevara, die Black Panthers (die Maos „Rotes Buch“ verkauften), aber auch für die sich radikalisierende Studierendenschaft und Arbeiter*innenjugend der westlichen Metropolen.

Der Konflikt mit der „revisionistischen“ Sowjetunion spitzte sich über die Jahre zu. 1969 kam es auf Grund von Grenzstreitigkeiten beinahe zu einem Krieg der beiden „roten Supermächte“. Mao selbst traf sich mit US-Präsident Richard Nixon und nährte sich in den 1970ern zunehmend dem US-Imperialismus an.

In den 1970er führten die Sowjetunion und China Stellvertreterkriege gegeneinander in Indochina und Afrika. Mitte der 1970er entwickelte Maos Nachfolger Hua Guofeng, an Maos Polemiken gegen die UdSSR anknüpfend, die „Theorie der Drei Welten“, wonach die UdSSR „sozialimperialistisch“ sei und neben, wenn nicht noch vor den USA, die Hauptbedrohung für den Weltfrieden sei und zu bekämpfen sei. Spätestens hier hatte sich die ultralinke Außenpolitik des Maoismus nach rechts gewendet. Man verbündete sich mit Militärdiktaturen wie die Pakistans gegen die Sowjetunion oder mit rechten Gruppen wie der UNITA in Angola gegen die pro-sowjetische MPLA. Manche westeuropäische Maoist*innen forderten sogar die kritische Unterstützung ihrer eigenen Bourgeoisie gegen die „sozialimperialistische UdSSR“. In der BRD trat die maoistische Sekte KPD/AO für die Stärkung der Bundeswehr ein..!10

Machtkämpfe in der KP

Das katastrophale Scheitern des „Großen Sprungs nach vorne“ führte zur faktischen Ablösung Maos aus allen wichtigen Partei- und Staatsämtern. Dennoch blieb der „Große Vorsitzende“ und die „Rote Sonne Mao“ omnipräsent. Paradoxerweise wuchs der Personenkult um ihn gerade in der Phase, in der er politisch machtlos war. Dieser Kult nahm immer bizarrere Züge an und wurde von der Parteipresse massiv forciert. Das „Rote Buch“ mit seinen Aussprüchen (das zunächst als Handbuch für Soldat*innen gedacht war) wurde ausgegeben und im Lande überall rezitiert. Maos Worte konnten, so die Parteipresse, „Blinde heilen“ und [wie auch immer] „in der Landwirtschaft angewendet, die Ernten steigern“, was, kurz nach der großen Hungersnot, recht zynisch klang.

Politisch waren die frühen 60er die Zeit von Maos Gegnern, die Fraktion der Technokrat*innen. Leute wie der Staatspräsident Li Shiaoqi und Deng Xiao-Ping bestimmten die Politik. Ihre Leitlinie war pragmatisch: Mehr Wirtschaftsleistung, mehr Realpolitik – weniger Ideologie und Voluntarismus. Die Volkskommunen wurden praktisch aufgelöst, in den Betrieben wurden wieder verstärkt Leistungsanreize und Lohndifferenzierung (Akkordlöhne) angewandt.11 An Schulen und Unis wurde der Leistungsdruck wieder verschärft. In gewisser Weise wurde in den frühen 60ern etwas vorbereitet, was ein bis zwei Jahrzehnte später in den Marktreformen der Nach-Mao-Ära mündete.

In den Betrieben profitierten die Stammbelegschaften materiell von den Veränderungen. Für junge Arbeiter*innen und aus dem Land zugewanderte gering qualifizierte Hilfsarbeiter*innen brachten die neuen Zustände enorme Unzufriedenheit. Ein regelrechtes Subproletariat entstand, welches mit den Privilegien von Funktionär*innen und Betriebsdirektor*innen konfrontiert war. Vielen Studierenden drohte die Arbeitslosigkeit. Nach fast zwei Jahrzehnten der Revolution gab es große Einkommensunterschiede. Gleichheit erschien als leere Phrase. In der Industrie gab es unter Arbeiter*innen 30 streng abgestufte Lohnstufen.12 Für staatliche Angestellte gab es 26 Besoldungsstufen.13 Zwar hatte auch Mao nie etwas an dieser sozialen Ungleichheit geändert und sollte das, auch nachdem er wieder die Möglichkeiten dazu hatte, nicht ändern. Aber die maoistische Fraktion konnte sich des Unmuts breiter Teile der Bevölkerung in der Folge bedienen, indem sie Li Shiaoqi und Deng beschuldigte, den „kapitalistischen Weg“ zu gehen und sich als Kämpferin gegen die „Rechtsabweichler“ verkaufte.

Von der Kulturrevolution bis Maos Ende

Mao sollte es schließlich ab 1966 gelingen, seine Gegner*innen zu beseitigen. Dazu bediente er sich der Massen. Vor allem der Jugend. Dies hat seiner Zeit dazu geführt, dass Mao als Vertreter einer Bürokratiekritik verstanden wurde und zu einem Idol der Studierendenbewegung von 1968 wurde. Heute gilt die Kulturrevolution vor allem als große und blutige Katastrophe, die China erneut ins Chaos stürzte und zu einer Welle von Gewaltexzessen und massenhafter Repression gegen Maos Gegner*innen führte. Tatsächlich war die Kulturrevolution vor allem eine Säuberungsaktion im großen Stil, bei der sich Mao der Massen – vor allem der Armee, der Schüler*innen, Studierenden und jungen Arbeiter*innen bediente. In der offiziellen chinesischen Bezeichnung heißt sie „Große Proletarische Kulturrevolution“ – dabei war sie ihrem Klassencharakter nach nicht proletarisch und wälzte keinesfalls die Machtverhältnisse um. Am Ende stand das Regime gestärkt da. 1966 richtete Mao – unterstützt von seiner Frau Jiang Ching und Armeechef Lin Biao – den Aufruf an die Jugend, gegen die Autoritäten zu rebellieren, die in Staat und Partei den „kapitalistischen Weg“ gingen. Es bildeten sich so genannte „Rote Garden“ aus Oberschüler*innen und Studierenden. Mao forderte die Jugend zur „Rebellion“ auf, ließ Schulen und Universitäten schließen und ermöglichte es der Jugend, kostenlos mit der Bahn durchs Land zu reisen. Zunächst waren es Kinder von Funktionär*innen, keinesfalls die breite Masse. Das sollte sich erst im Folgejahr ändern. Auf dem Höhepunkt der Bewegung waren es 20 Millionen.14 Diese Rotgardist*innen und ab 1967 auch „Revolutionären Rebellen“ gingen mit nicht selten brachialer Gewalt gegen Schul- und Universitätsdirektor*innen und Mao-kritische Funktionär*innen vor. Sie „kritisierten“ sie öffentlich. Viele KP-Granden wurden sogar ermordet oder starben im Gefängnis. Darunter auch viele alte Revolutionär*innen. In diesem Sinne erinnerte die Kulturrevolution an die Stalin’schen Säuberungen. Die Rotgardist*innen und Revolutionären Rebell*innen richteten ihre Zerstörungswut gegen alles Alte: So wurden Tempel, Pagoden, Schlösser und alte Kunstschätze zerstört. Komponisten wie Beethoven wurden als „reaktionär“ erklärt. Ideologische Basis dieser „Rebellion“ war ein fanatischer Personenkult um Mao. Aber dahinter standen tiefere Ursachen. So wurde die Bewegung (nachdem sie über den engen Kreis der Funktionärskinder erweitert wurde) auch interessant für alle sozial Unzufriedenen innerhalb der Jugend: Für Schüler*innen und Studierende, die mit ihren autoritären Lehrkräften abrechnen wollten, für junge Arbeiter*innen und für die benachteiligten subproletarischen Elemente in den Städten. Sie durften sich nun legal an Bürokrat*innen und Vorgesetzten rächen und öffentlich in Wandzeitungen die Autoritäten kritisieren.

Die eigentliche Arbeiter*innenklasse in den Industriebetrieben war gespalten. Die Stammbelegeschaften waren überwiegend gegen die Kulturrevolution und stellten sich nicht selten schützend vor die angegriffenen Partei- und Gewerkschaftsfunktionär*innen, die sie zumindest formal gewählt hatten. In Shanghai kam es 1967 zu einem Generalstreik, bei dem Rote Garden als Streikbrecher*innen eingesetzt wurden. Junge Arbeiter*innen, Ungelernte und Lehrlinge organisierten sich jedoch zum Teil selbst in maoistischen Rebellengruppen.15

Vielerorts setzten Komitees aus Rotgardist*innen und Revolutionären Rebell*innen örtliche Parteigliederungen und ersetzten sie durch Revolutionskomitees aus ihnen selbst und der Armee. Nach gut zwei Jahren kam es im ganzen Land zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, als rivalisierende Einheiten der Roten Garden und Rebellen sich gegenseitig bekämpften. Doch da wo Rebell*innen und Rotgardist*innen anfingen, die maoistische Propaganda vom „Hinterfragen der Autoritäten“ und von der Schaffung einer „neuen basisdemokratischen Pariser Kommune in China“ ernst zu nehmen und die Herrschaft der KP sowie der Personenkult selbst hinterfragte wurde, schritt die maoistische Führung ein. Inmitten des Personenkultes um Mao entwickelte sich in Chinas Städten im Zuge der Kulturrevolution eine Bewegung, die sich „Neue Strömung des Denkens“ nannte und öffentlich für eine Form von Rätedemokratie eintrat und libertäre Konzepte vertrat. Mao ließ die Armee gegen sie vorgehen und ließ einige ihrer prominentesten Vertreter*innen hinrichten.16

Ab 1968 setze Mao selbst der Bewegung ein Ende bzw. lenkte sie in ihm und seiner Fraktion genehme Bahnen. Dabei bediente er sich des Militärs. Einheiten der Volksbefreiungsarmee ginge gegen bewaffnet Rotgardist*innen und Revolutionäre Rebell*innen vor. Diese Phase der Kulturrevolution war die gewaltsamste.17 Die städtische Jugend, der Mao Jahre lang gesagt hatte, dass „Rebellion gerechtfertigt“ sei, wurde nun gemaßregelt und für viele Jahre in entlegene ländliche Gebiete verschickt, wo sie „von den Bauern lernen“ und sich umerziehen lassen sollte. Viele junge Städter*innen lernten dort der Propaganda widersprechende Rückständigkeit und Armut kennen und wurden schnell desillusioniert über den Charakter des maoistischen Regimes. Am Ende der Kulturrevolution wurde die Führung der KP weitgehend ausgewechselt und bestand zu einem nicht unerheblichen Teil aus Militärs.

Vermächtnis und Lehren

Politisch überlebte der Maoismus in China den Namensgeber nicht lange. Spätestens mit der Absetzung der maoistischen so genannten „Viererbande“ (darunter war auch Maos Witwe) kehrten die Technokrat*innen und Pragmatiker*innen um Deng Xiaoping zurück, der in den 80er Jahren die Marktreformen einleitete. Heute herrscht in China wieder der Kapitalismus. Die KP ist längst zur Partei der Millionär*innen und Unternehmer*innen geworden. Aber weiterhin herrscht sie im Rahmen des Ein-Partei-Regimes unangefochten. Doch China hat auch die größte Arbeiter*innenklasse der Welt. Diese ist – nach den Erfahrungen mit Maoismus und neuem Kapitalismus – hungrig nach Ideen. Dass viele Benachteiligte heute in Mao-Nostalgie verfallen und in einer Form des „Neo-Maoismus“ eine radikale Alternative zum Kapitalismus sehen, ist nicht verwunderlich. In gewisser Weise ist es eine Chance für Vertreter*innen des authentischen Marxismus, mit diesen Menschen die Debatte zu suchen. Der Maoismus zeigt doch, dass Sozialismus nicht denkbar ist ohne wirkliche Demokratie und nicht in einem Land allein und nicht auf der Basis von ökonomischer Rückständigkeit. Sozialismus ist nur denkbar, wenn er Demokratie für die Massen stetig ausweitet und auf materiellem Überfluss beruht. Nicht zuletzt bedarf es dafür einer internationalen Bewegung.

Ursprünglich am 11. September 2016 hier erschienen.

Fußnoten

1. Vgl. Gregor Brenton: China’s Urban Revolutionaries. Explorations in the History of Chinese Trotskyism, 1921—1952.

2. Mao: Über die Neue Demokratie (1940). In: Mao Tsetung. Über die Revolution. Ausgewählte Schriften, Frabkfurt am Main 1971, S. 111 ff.

3. Mao: Über die demokratische Diktatur des Volkes (1949): In: Mao Tsetung. Über die Revolution. Ausgewählte Schriften, Frabkfurt am Main 1971, S. 137 ff.

4. Peter Cardorff: Über den Charakter der chinesischen Revolution und der KP Chinas, Frankfurt am Main 1978, S. 149.

5. P’eng Shu-tse: The Chinese Communist Party in Power, New York 1980, S. 162 f.

6. Henning Böke: Maoismus. China und die Linke – Bilanz und Perspektive, Stuttgart 2007, S. 61 f.

7, Manfred Scharinger: Eine kurze Geschichte des chinesischen Trotzkismus. In: MARXISMUS Nr. 17. China unter Mao. Von der Entstehung zum Niedergang der Volksrepublik, S. 183 ff.

8. P’eng Shu-tse: The Chinese Communist Party in Power, S. 171 ff.

9. Vgl. Böke: Maoismus, S. 59 f. und Dikötter: Maos Großer Hunger. Massenmord und Menschenexperiment in China (1958-1962), Bonn 2014 sowie Felix Wemheuer: Der Große Hunger. Hungersnöte unter Stalin und Mao, Berlin 2012, S. 7.

10. Andreas Kühn: Stalins Enkel, Maos Söhne. Die Lebenswelt der K-Gruppen in der Bundesrepublik der 70er Jahre, Frankfurt 2005, S. 103 f.

11. Rainer Hoffmann. Maos Rebellen. Sozialgeschichte der chinesischen Kulturrevolution, Hamburg 1977, S. 78 ff.

12. MARXISMUS Nr, 17, S. 91.

13. Ernest Mandel: Revolutionäre Strategien im 20. Jahrhundert, Wien 1978, S. 162.

14. Mandel: Revolutionäre Strategien, S. 171.

15. MARXISMUS Nr, 17, S. 81 ff.

16. “New Trends of Thought” on the Cultural Revolution“ In: Journal of Contemporary China, Vol. 8, No. 21 (July 1999) http://www.cuhk.edu.hk/gpa/wang_files/Newtrend.pdf (zugegriffen am 19.08.2016) Siehe ebenfalls: Böke: Maoismus, S. 82 f.

17. Böke: Maoismus, S. 84.

One thought on “Maos China – eine kritische Bilanz

  1. Jens Lustig sagt:

    Zeigt doch dieser Beitrag, das Trotzkistinnen durchaus solidarisch miteinander umgehen können und in wesentlichen Fragen zur Zusammenarbeit fähig sind… Mehr noch, sie lernen voneinander ohne Meinungsverschiedenheiten zuverschweigen. Es handelt sich sozusagen um einen „Wettstreit“ für Klarheit,das richtige Programm und die daraus resultierende Strategie und Taktik,mit dem Ziel den Kapitalismus zu überwinden ! Mich hat die „Voran Gruppe“ dazu gebracht meine politischen und praktischen Ansichten zu entwickeln… Damals sagten wir oft,das Massenbewegungen sich „immer“ über die traditionellen Arbeiterorganisationen entwickeln und alle die das anders sahen,wurden als „Sektierer“ abgetan. Eine zeitweilige ,aus meiner Sicht,richtige und erfolgreiche Taktik wurde so angewendet falsch und zum Dogmar,was letztendlich zu Auseinandersetzungen in unserer Organisation führte. Ich habe die Kritik, an dieser Linie, von RIO erst später gelesen und mußte im nachherein erkennen ,das diese durchaus seine Berechtigung hatte. Den Begriff „Sektierer“ verwende ich seit dem vorsichtiger. In RIO sehe ich heute eine konkurrierende Organisation mit unterschiedlichen Standpunkten aber keine sektiererische Organisation. Im Falle von Übergriffen,gilt RIO meine uneingeschränkte Solidarität. Eure Beiträge lese ich aufmerksamm ,trotz mit härte geführter Polemik,die aber aus meiner Sicht für beide Organisationen fruchtbar sein können. Ich hoffe, das ich den einen oderen anderen Genossen von RIO auf den Sozialismustagen in Berlin treffe. Mit sozialistischen Grüßen Jens Lustig !

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