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Kiewer Lügenbarone in Berlin

"MarxIsMuss"-Kongress kündigt Referenten an, die jahrelang linke Gruppen betrogen haben

Kiewer Lügenbarone in Berlin

Der Kiew­er Aktivist Zakhar Popovich besuchte im Jahr 2001 die Stadt Ham­burg auf Ein­ladung von Ursu­la Jensen, Mit­glied der “Inter­na­tionalen Bolschewis­tis­chen Ten­denz” aus der Hans­es­tadt. Popovich ver­trat die “Jun­gen Rev­o­lu­tionären Marx­is­ten” aus der Ukraine, die mit der IBT fusion­ieren woll­ten. Die Diskus­sio­nen liefen gut – man teilte sog­ar die Kri­tik an der Gruppe “Arbeit­er­ma­cht”, eine konkur­ri­erende trotzk­istis­che Gruppe aus der Ukraine. Popovich erzählte außer­dem, sein Kind sei krank – nur mit Bestechungs­geldern sei eine Behand­lung zu bekom­men. “Natür­lich halfen wir”, sagt Jensen.

Wenig später reiste ein Vertreter der Gruppe “Arbeit­er­ma­cht” eben­falls nach Wes­teu­ropa – er nutzte einen anderen Namen, aber auf Fotos ist Popovich ein­deutig zu erken­nen. Mitte 2003 flog der Betrug auf. Das Aus­maß war erstaunlich.

Um die Jahrtausendwende waren in der Ukraine Grup­pen wie das “Ukrainis­che Arbeit­erkom­mit­tee” oder die “Radikalen Kom­mu­nis­ten” wie Pilze aus dem Boden geschossen – ins­ge­samt mehr als ein Dutzend. Jede wandte sich an eine linke Strö­mung im Aus­land, die sich als trotzk­istisch, linkskom­mu­nis­tisch oder marx­is­tisch-human­is­tisch ver­stand. “Wir sind Gle­ich­gesin­nte – wir brauchen Unter­stützung für unsere Arbeit in der Ukraine!” Gemeint waren vor allem Spenden.

Dahin­ter steck­ten diesel­ben sieben Män­ner. Sie fuhren als Delegierte zu inter­na­tionalen Kon­feren­zen, erstell­ten einzelne Aus­gaben nicht exis­ten­ter Zeitun­gen und empfin­gen Unterstützer*innen in Kiew. Man find­et teil­weise noch Polemiken im Inter­net darüber, wie die eine Gruppe mit ein­er zweit­en eine gemein­same Kam­pagne durch­führt, aber eine dritte für ihre Nicht-Teil­nahme kri­tisiert.

Bis heute wis­sen die Bet­ro­ge­nen nicht, ob sie es mit Kleinkrim­inellen, staatlichen Agen­ten oder zynis­chen “Linken” zu tun hat­ten. Aufge­flo­gen sind sie, als Grup­pen in Lon­don Fotos von Tre­f­fen mit ihren “Genossen” aus­tauscht­en.

Offen­bar waren die Män­ner ursprünglich beim “Com­mit­tee for a Work­ers’ Inter­na­tion­al” (CWI) aktiv – zu dieser trotzk­istis­chen Strö­mung gehört die “Sozial­is­tis­che Alter­na­tive” (SAV) in Deutsch­land. Das CWI schloss sofort sieben Mit­glieder aus: Oleg Vernik, Boris Pas­tukh, Alexan­der Zvorskii, Yuri Bara­nov, Yaroslav Ganzenko, Alex­ei Aryabin­skii, und Zakhar Popovich. Auch ihr Moskauer Kom­plize Ilya Budrait­skis hat­te sich als Vertreter ver­schieden­er Grup­pen aus­gegeben, wurde aber nur für ein halbes Jahr sus­pendiert und spal­tete sich wenig später vom CWI ab.

So weit so gut. Haben wir es nur mit einem beson­ders absur­den Kapi­tel in der Geschichte von Hochstapler*innen und Abenteurer*innen in der rev­o­lu­tionären Bewe­gung zu tun? Wer den Namen “Zakhar Popovich” bei Google ein­gibt, find­et weit oben eine aus­führliche Doku­men­ta­tion des Betrugs. Doch weit­er unten ist zu sehen, dass er heute Artikel über die Ukraine in inter­na­tionalen linken Pub­lika­tio­nen veröf­fentlicht.

MarxIsMuss

Der “MarxIsMuss”-Kongress, der Anfang Mai in Berlin stat­tfind­et, ist eine der größten linken Diskus­sionsver­anstal­tun­gen des Jahres. Popovich und Budrait­skis sind als Ref­er­enten angekündigt – erster­er als Sprech­er der “Linken Oppo­si­tion” der Ukraine, let­zter­er als Vertreter der “Sozial­is­tis­chen Bewe­gung Rus­s­lands”. Ob diese Grup­pen wirk­lich existieren, sollte erst­mal bewiesen wer­den.

Für diesen Artikel wur­den drei linke Grup­pen kon­tak­tiert, die Anfang des Jahrtausends bet­ro­gen wur­den. Keine hat je eine Erk­lärung bekom­men – ihre Spenden für nich­tex­is­tente Grup­pen wur­den nie zurück­gezahlt. “Wir sind eine pro­le­tarische Gruppe ohne wohlhabende Mit­glieder”, sagt Wal­ter Daum aus New York, der mit seinen Genoss*innen eine ver­meintliche Schwes­t­eror­gan­i­sa­tion in der Ukraine unter­stützt hat­te. Er spüre “einen gewis­sen Klassen­hass gegen diese Betrüger, die jet­zt ihre akademis­chen Kar­ri­eren auf­bauen.”.

Bemerkenswert ist, dass Popovich und Budrait­skis zudem Geschicht­en aus Kiew erzählen, die auch unab­hängig von ihren “Jugend­sün­den” unglaub­würdig sind. Budrait­skis behauptete in einem viel gele­se­nen Inter­view auf der Web­site “Marx21”, dass die Maid­an-Bewe­gung “im Kern nichts mit Faschis­mus zu tun hat” – obwohl fast alle anderen Beobachter*innen von ein­er absoluten Hege­monie des recht­sradikalen „Recht­en Sek­tors“ sprachen. Popovich behauptete auf ein­er Ver­anstal­tung am 26. Mai 2014 in Berlin-Kreuzberg, auf dem Maid­an wür­den rote Fah­nen geschwenkt und sozial­is­tis­che Forderun­gen erhoben. Die neue Oli­garchen­regierung sei “legit­im und aus der Rev­o­lu­tion her­vorge­gan­gen”.

Auf Anfra­gen haben die Betrüger nicht reagiert. Stört es das Net­zw­erk “Marx21”, das den “MarxIsMuss”-Kongress ver­anstal­tet, dass sie ihre Analyse der Ukraine auf nach­weis­liche Betrüger stützen? Auch sie ließen mehrere Anfra­gen unbeant­wortet.

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