Welt

„Keine Krümel, sondern den ganzen Kuchen!”

Bildungsstreik in Kolumbien hält an. Zentrale Forderung von Studierenden ist Erhöhung des Bildungsetats. Ein Gespräch mit Sergio C.

„Keine Krümel, sondern den ganzen Kuchen!

Ser­gio C. ist Mit­glied der stu­den­tis­chen Vere­ini­gung UNES (Unidad Estu­di­antil), der Sozial­is­tis­chen Arbeit­er­partei Kolumbi­ens PST und Mitwirk­ender vom Blog Social­ist 21 (https://blogsocialist21.wordpress.com/).

500.000 Men­schen sind in ganz Kolumbi­en am 10. Okto­ber auf die Straße gegan­gen. Warum?

Weil es kein Geld gibt, um die Uni­ver­sitäten am Laufen zu hal­ten. Dass es schon zwei Monate nach der Regierungs­bil­dung von Iván Duque, einem Anhänger des paramil­itärischen und men­schen­rechtsver­let­zen­den Uribe, zu so großem Protest kam, finde ich sehr beein­druck­end.

Wieso?

Es gab seit Jahren keine so große Demon­stra­tion mehr, die zudem auch die Unter­stützung bre­it­er Teile der Bevölkerung zählen durfte. Wir lei­den hier ger­ade unter der drit­ten uribis­tis­chen Regierung in Folge, obwohl der Mitte-Links-Kan­di­dat Gus­ta­vo Petro bei den let­zten Wahlen acht Mil­lio­nen Stim­men erhielt. Seine Wähler*innen wis­sen, dass die Dinge nicht gut laufen.

Was fordern sie?

Die zen­trale Forderung ist die Auf­s­tock­ung des Bil­dungse­tats. Denn für 2019 wer­den drin­gend zwis­chen 900 Mil­lio­nen und 1,3 Mil­liar­den Euro benötigt. Durch Pri­vatisierung, Aufrüs­tung des Mil­itärs und Aus­land­schulden, deren Abzahlun­gen Trumps Impe­ri­al­is­mus stützen, beträgt die staatliche Ver­schul­dung im Bil­dungssek­tor mehr als 5 Mil­liar­den Euro.

Wie wirkt sich das Defiz­it konkret aus?

Die Ein­rich­tun­gen fall­en auseinan­der. Nir­gends sind die Lehr- und Lernbe­din­gun­gen angemessen, da es für die Gehäl­ter und Renten der Lehren­den und Arbeiter*innen kein Geld gibt. Deren gew­erkschaftlich­er Organ­isierung wird zudem aktiv erschw­ert. Es kann wed­er für Essen, noch für Wohn­raum oder z.B. psy­chosoziale Betreu­ung gesorgt wer­den. Nur weniger als 30% haben über­haupt Zugang zum Studi­um und das sind meist wohlhabende junge Men­schen – der bürg­er­liche Mit­tel­stand. Auf dem Cam­pus läuft nichts basis­demokratisch ab: man kann keine Repräsentant*innen wählen und nichts mitentschei­den.

Welche Arbeiter*innen meinst du?

Das Ver­wal­tungsper­son­al, also z.B.Sekretär*innen, aber auch Reini­gungskräfte und Bibliothekar*innen. Sie wer­den am aller­meis­ten aus­ge­beutet. Obwohl es in pun­to Arbeits­be­din­gun­gen auch unter den Lehren­den große Unter­schiede gibt: Die meis­ten wer­den als Aushilfsprofessor*innen oder Dozierende angestellt, wodurch sie wed­er sichere Arbeitsverträge haben noch gut ver­di­enen. Die Pri­vatisierun­gen drängt also nicht nur arme Fam­i­lien in noch größere Armut, son­dern auch Lehrende in die Prekar­ität.

Inwiefern sind die armen Fam­i­lien denn von den Pri­vatisierun­gen betrof­fen?

An den öffentlichen Hochschulen gibt es kaum Plätze. Wenn Kinder von Arbeiter*innen-Familien davon keinen bekom­men, kön­nen sie entwed­er gar nicht oder nur an ein­er pri­vat­en Uni­ver­sität studieren. Dafür müssen einen hoch verzin­sten Kred­it aufnehmen, den sie und ihre Fam­i­lien jahrzehn­te­lang abbezahlen müssen.

Was tun kolumbian­is­che Studierende gegen diese Missstände?

Die UNEES (Unión Nacional de Estu­di­antes de Edu­cación Supe­ri­or, Nationale Vere­ini­gung der Hochschulstudent*innen) rief nach den Massen­protesten zur Teil­nahme am Bil­dungsstreik auf. Dieser wurde vom 11. bis 21. Okto­ber aus­gerufen. Wir haben dann entsch­ieden, bis zur Erfül­lung unser­er 10 Forderun­gen weit­er zu streiken.

Was genau bedeutet das?

Dass jegliche Aktiv­itäten in der Uni­ver­sität eingestellt wer­den. Es wird also auch nicht gelehrt. Stattdessen wird gemein­sam gekocht, gegessen, Tran­spis gemalt und demon­stri­ert. Die einzel­nen Stu­di­engänge, Fakultäten und Uni­ver­sitäten ver­sam­meln sich und disku­tieren. An öffentlichen Orten der Stadt wer­den Bürger*innen Sem­i­nare ange­boten. An mehreren Uni­ver­sitäten über­nacht­en Student*innen und manch­mal auch Arbeiter*innen in der Uni­ver­sität, um zu ver­hin­dern, dass der Betrieb wieder aufgenom­men wird. Zulet­zt gab es öffentliche Nack­theit, Küsse und Blu­men­liefer­ung an die Polizei, um die Aufmerk­samkeit der Medi­en zu erre­gen.

Welche Unter­stützung erfahrt ihr vom Rest der Gesellschaft?

Um ehrlich zu sein, wie bei jedem gerecht­en Kampf, man­gelt es an Hän­den und Sicht­barkeit. Obwohl nach und nach, wie im Uni­ver­sitätsstreik von 2011, der etwa sechs Monate andauerte, Eltern, Passant*innen, Straßenhändler*innen, Indí­ge­nas, Bäuer*innen- und Agraror­gan­i­sa­tio­nen, die Gew­erkschaften, ein Großteil der Schüler*innen begin­nen, unsere Forderun­gen zu unter­stützen und anzuerken­nen.

Am 23. Okto­ber haben auch 350.000 Lehrer*innen für 24 Stun­den ihre Arbeit niedergelegt. 8 Mil­lio­nen Schüler*innen hat­ten daher keine Schule. In Bogotá waren 20.000 Lehrkräfte auf der Straße.
Der Beschluss des größten Ver­bands der Sekundarschullehrer*innen, sich unserem Streik für einen Tag anzuschließen ist wertvoll, reicht aber nicht aus. Als wir uns am 17. Okto­ber wieder die Straßen Bogotás nah­men, waren wir nur noch 17.000 statt 40.000 wie in der Vor­woche. Die Kräfte schwinden also.

Wie hat die rechte Regierung von Duque auf die Proteste reagiert?

Diese anti­demokratis­che und zynis­che Regierung, die im Dien­ste des Pri­vat­sek­tors und der multi­na­tionalen Konz­erne ste­ht und Ver­bün­dete der neuen glob­alen Recht­en ist, wollte die berechtigte Forderung von Hun­dert­tausenden nicht hören, hat nur pro­voka­tive Erk­lärun­gen abgegeben und noch nicht ein­mal über unser Zehn-Punk­te-Papi­er ver­han­deln wollen.

Ein Teil der Bewe­gung wurde aber zum Dia­log ein­ge­laden. Warum wurde die Ein­ladung abgelehnt?

Die Arbeitgeber*innenregierung spielt „teile und herrsche”. Sie lud nur die ACREES (Aso­ciación Colom­biana de Rep­re­sen­tantes Estu­di­antiles, kolumbian­is­ch­er Ver­band der Studierendenrepräsentant*innen) ein. Diese lehnte sol­i­darisch und geschlossen das Regierungs­man­över des Bil­dungsmin­is­teri­ums ab.

Was sind die näch­sten Schritte?

Durch die Fort­set­zung des Streiks fühlt sich die Regierung hof­fentlich bald gezwun­gen, sich mit den ver­schiede­nen stu­den­tis­chen Gremien sowie den Lehrer*innengewerkschaften an einen Tisch zu set­zen.

Der Präsi­dent hat doch ver­sprochen, das Bud­get zu erhöhen. Warum wart ihr damit nicht zufrieden?

Weil die Summe die Betrieb­skosten der Hochschulen nicht deck­en wird. Einige der käu­flichen Rektor*innen, reformistis­chen Politiker*innen und Bürokrat*innen der Lehrer*innengewerkschaft behaupten gegen­teiliges. Sie sagen: „Bess­er etwas als nichts”, oder auch: „die Menge ist genug, um zu gene­sen”. Das ist aber nicht wahr. Denn wir wollen keine Krümel. Wir wollen den ganzen Kuchen! Wir lassen uns auch nicht ent­muti­gen. Denn wir kämpfen zwar für uns selb­st, aber auch für zukün­ftige Gen­er­a­tio­nen. Für die Klasse, die arbeit­et und will, dass ihre Kinder die Möglichkeit haben, Bil­dung zu erhal­ten. Unsere Botschaft ist: zeigt Sol­i­dar­ität mit uns, aus allen Teilen der Welt und des Lan­des.

Dieser Artikel ist zuerst in der jun­gen Welt erschienen. https://www.jungewelt.de/m/artikel/342480.kolumbien-keine-kr%C3%BCmel-sondern-den-ganzen-kuchen.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.