Geschichte und Kultur

Kartoffelparty gegen israelischen Film

Rund 50 Biodeutsche protestieren vor einem Kino in Kreuzberg gegen die Premiere eines israelischen Dokumentarfilms. Wie kann man sich diese merkwürdige Szene erklären?

Kartoffelparty gegen israelischen Film

Eine Kartof­fel­par­ty. Anders kann man den Men­schen­haufen nicht beschreiben, der sich am Fre­itag Nach­mit­tag am Kot­tbusser Damm in Berlin ver­sam­melte. Rund 50 weiße Deutsche protestieren in Berlin-Kreuzberg vor dem his­torischen Kino Moviemen­to, weil dort “Even Though My Land Is Burn­ing” von Dror Dayan gezeigt wer­den soll. Der Doku­men­tarfilm des in Berlin leben­den israelis­chen Regis­seurs wurde zum ersten Mal in Deutsch­land aufge­führt.

Also eine anti­semi­tis­che Protestver­anstal­tung? “Deutsche, schaut nur deutsche Filme”? Neh, das ist Kreuzberg und alles ist kom­pliziert­er. Die deutschen Demonstrant*innen wer­fen dem israelis­chen Filmemach­er Anti­semitismus vor. Durch die Ver­hin­derung des Films soll gegen Anti­semitismus gekämpft wer­den, so die Logik der Kundge­bung, die das Kino mit betont schlechter Tech­no­musik beschallt. Zu sehen sind Israel- und Regen­bo­gen­far­ben.

Wenige Meter weit­er ste­hen dreimal so viele Leute mit Palästi­na-Fah­nen, die in den Film wollen. Sie müssen aber erst­mal schnell eine Gegenkundge­bung machen. Die Vorstel­lung begin­nt mit Ver­spä­tung. Zwei Säle sind brechend voll.

“Wir haben Kekse und Tee herun­terge­bracht, um die Stim­mung auf bei­den Seit­en zu entspan­nen” sagt Wulff Sörgel, Geschäfts­führer im Moviemen­to. Koschere Kekse übri­gens. Aber viele ist er nicht los­ge­wor­den.

Im Film geht es um den Tel Aviv­er Aktivis­ten Ben Ronen. Mit den meis­ten Demos in seinem Land kann er nichts anfan­gen. Man sieht Bilder von Protesten gegen Fleis­chkon­sum. Für Erdgas­förderung im Mit­telmeer. Für “soziale Gerechtigkeit”. Doch für Ronen begin­nt “soziale Gerechtigkeit” mit der Forderung, dass Israel die beset­zten palästi­nen­sis­chen Gebi­ete ver­lassen soll. Dafür demon­stri­ert er ein­mal die Woche zusam­men mit Palästinenser*innenn in ihren Dör­fern.

Vor knapp zehn Jahren waren noch mehr Israelis in dieser Sol­i­dar­itäts­be­we­gung aktiv. Aber für die Palästinenser*innen hat es eine große Bedeu­tung. “Es ist sehr wichtig für meine Gesellschaft, dass du dabei bist, um die Men­tal­ität zu verän­dern” erk­lärt ein älter­er Herr vor der Kam­era. Son­st erleben die jun­gen Palästinenser*innen die Israelis nur in Form von Besatzungssoldat*innen. Gemein­same Protestver­anstal­tun­gen eröff­nen neue Per­spek­tiv­en. Moham­mad, ein junger Palästi­nenser mit Zahnspange, demon­stri­ert mit seinem israelis­chen Kumpel. Den Sol­dat­en ruft er zu: “Wir sind gle­ich.” Diese lachen nur.

Die deutschen Gegendemonstrant*innen wollen von solchen gemein­samen Erfahrun­gen nichts wis­sen. Sie stört, dass die Filmvor­führung Teil ein­er “BDS-Aktionswoche” ist: Boykott, Dein­vesti­tion und Sank­tio­nen gegen den israelis­chen Staat wer­den gefordert, bis dieser die Besatzung been­det. In Deutsch­land ist das ein schwieriges The­ma.

Asal Akha­van find­et das alles merk­würdig. Früher hat sie in Aus­tralien gelebt, wo große linke Demos in Sol­i­dar­ität mit den Palästinenser*innen und für BDS eine Selb­stver­ständlichkeit sind. Hier nicht. “Deutsche haben viele Schuldge­füh­le” spekuliert die Aktivistin von der Berlin­er Gruppe FOR, “For One State and Return in Pales­tine”, zu der auch Dayan gehört. “Sie wollen wohl nicht über ihre eigene Fam­i­liengeschichte reflek­tieren, und deswe­gen fällt es ihnen leichter zu pro­jizieren.”

Diese Pro­jek­tion for­muliert Arthur Buck­ow in der einst linken Wochen­zeitschrift Jun­gle World über Dayan: Dieser habe “den Antizion­is­mus als Assim­i­la­tion­sange­bot angenom­men”. Damit wird Dayan als jüdis­ch­er Men­sch poli­tis­che Eigen­ständigkeit abge­sprochen – er wird auf seine ver­meintliche Funk­tion in deutschen Diskursen reduziert. Aber über diese Men­schen­ver­ach­tung hin­aus ist es schlicht ein biss­chen absurd, weil Dayan schon vor dem Bun­deskan­zler­amt festgenom­men wurde, als er gegen Netanyahu protestierte. Nein, als glühen­der Zion­ist kön­nte er auf wesentlich bessere Auf­stiegsmöglichkeit­en bei den Kartof­feln hof­fen.

2 thoughts on “Kartoffelparty gegen israelischen Film

  1. Volker Wirth sagt:

    Jet­zt ist A.B., der­doch Press­we­frei­heit gar nicht mag, wenn sie Zustände in und um Israel betr­e­f­fen, zum Autor beim “neuen deutsch­land”, ein­er Zeitung, die früher­mal der Partei Die Linke nahe stande, gewor­den, doch seinem — man kön­nte auch sagen:terroristischen — Aktivis­mus oder Aktion­is­mus (“Zuschla­gen statt reden”) ist er treu geblieben…

  2. Volker Wirth sagt:

    Jet­zt ist A.B., der doch Presse­frei­heit gar nicht mag, wenn sie Zustände in und um Israel betr­e­f­fen, zum Autor beim “neuen deutsch­land”, ein­er Zeitung, die früher mal der Partei Die Linke nahe stand, gewor­den, doch seinem — man kön­nte auch sagen:terroristischen — Aktivis­mus oder Aktion­is­mus (“Zuschla­gen statt reden”) ist er treu geblieben…

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