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Italien: Wut und spontane Streiks wegen des Coronavirus

Eine Welle der Unzufriedenheit unter den Arbeiter*innen und spontane Streiks überrollen Italien: Sie lehnen die Notfallmaßnahmen der Regierung und die Entscheidung ab, die Fabriken offen zu halten, während die Geschäfte geschlossen bleiben.

Italien: Wut und spontane Streiks wegen des Coronavirus

Die Entschei­dung, Geschäfte und Läden in Ital­ien zu schließen, aber Fab­riken und Pro­duk­tion­sak­tiv­itäten offen zu lassen, hat starke Auswirkun­gen auf die ital­ienis­chen Fab­riken. Von Bres­cia bis Man­tua und in den Prov­inzen Asti, Ver­cel­li und Cuneo in Nordi­tal­ien — dem am stärk­sten indus­tri­al­isierten Gebi­et — wird von spon­ta­nen Streiks mit sehr hoher Beteili­gung berichtet. Die Gew­erkschaften sind in Alarm­bere­itschaft, um das Niveau der Gesund­heitssicher­heit der Belegschaft zu gewährleis­ten.

Die mächtige Gew­erkschaft Fiom (Föder­a­tion der Metallarbeiter*innen) hat auf die neue Notverord­nung gegen das Coro­n­avirus heftig reagiert. In ein­er Erk­lärung hat sie die Notwendigkeit des Schutzes sowohl der Arbeit als auch der Gesund­heit der Arbeiter*innen ange­sprochen. Die Gen­er­alsekretärin der Fiom, Francesca Re David, hat als “inakzept­abel” definiert, dass “im neuen Dekret des Präsi­den­ten des Min­is­ter­rats Maß­nah­men und Ini­tia­tiv­en zum Schutz von Arbeiter*innen, die die wirtschaftliche Lebens­fähigkeit des Lan­des in ein­er ern­sten Not­lage gewährleis­ten, fehlen”, und fordert “die Regierung auf, drin­gend eine Sitzung einzu­berufen, um die Not­si­t­u­a­tion der Metallarbeiter*innen zu behan­deln”.

Das Fiom fordert “die sofor­tige Mobil­isierung für Ini­tia­tiv­en, die darauf abzie­len, zu über­prüfen, dass die Unternehmen die Gesund­heits- und Sicher­heits­be­din­gun­gen der Arbeiter*innen auch durch Stil­l­le­gun­gen für eine pro­gram­mierte Reduzierung der Pro­duk­tion garantieren”.

Proteste und Streiks für die Sicherheit vervielfachen sich

Im ganzen Land gibt es Aus­brüche von Wut und Unzufrieden­heit von Arrbeiter*innen, die sich über die man­gel­nde Aufmerk­samkeit der Arbeit­ge­ber bekla­gen und spon­tan in den Streik treten.

In der AST-Fab­rik in Terni wurde am Don­ner­stag­mor­gen um 6 Uhr mor­gens für jede Arbeitss­chicht bis ein­schließlich 13. März ein acht­stündi­ger Streik aus­gerufen. Bei der Fir­ma Fin­cantieri in Marghera haben die Gew­erkschaften den Beginn des Protests über den Sicher­heit­snot­stand bestätigt. “Es ist unmöglich, die Regeln zu respek­tieren — zum Beispiel kann man mit drei Leiharbeiter*innen diese Arbeit nicht in einem Abstand von einem Meter voneinan­der durch­führen, es wäre bess­er, alles abzuschal­ten. Dieses Virus ist eine Katas­tro­phe, und wir fühlen uns nicht geschützt.”

“Wir sind kein Schlachthof-Fleisch”

Die Gegend um Bres­cia wurde auch von ein­er Welle spon­tan­er Streiks in eini­gen Fab­riken getrof­fen, die die Pro­duk­tion nicht eingestellt haben. “Wir sind kein Schlachthof-Fleisch”, sagten die Beschäftigten einiger Unternehmen in der Prov­inz, die die Ein­stel­lung der Tätigkeit für 15 Tage fordern. “Wir disku­tieren mit den Unternehmen, wie wir mit dieser Sit­u­a­tion umge­hen kön­nen. Wir reg­istri­eren Streiks in vier oder fünf Sek­toren”, sagte der Sekretär der Gew­erkschaft Cgil von Bres­cias, Francesco Bertoli.

Ein ander­er Fall ist der der Arbeiter*innen von Cor­neliani in Man­tua, der Fab­rik der his­torischen Män­ner­mode-Marke, die beschlossen haben, “zum Schutz ihrer Gesund­heit” zu streiken. Es han­delt sich um 450 Arbeiter*innen, die heute Mor­gen spon­tan die Arme ver­schränkt haben, “um zu fordern, dass es keine Bürger*innen zweit­er Klasse gibt: Gesund­heit ist eine Sache, und sie gehört allen”.

Die USB (Unione Sin­da­cale di Base) hat einen 32-stündi­gen Streik in nicht wesentlichen Indus­triesek­toren proklamiert und “drastis­che Maß­nah­men zum Schutz der Gesund­heit und der Löhne der Beschäftigten” gefordert.

Auch aus Tar­na­to ist eine Beschw­erde einge­gan­gen, in der die Gew­erkschaft Fim Cisl das Ver­hal­ten des Unternehmens Leonar­do in Grot­taglie und den man­gel­nden Schutz der Arbeiter*innen anprangert.

“Gegen die Bosse und das Coronavirus: Unsere Gesundheit kommt vor ihrem Profit”

Die Delegierten der Gew­erkschaft USB prangern an, dass die meis­ten Arbeiter*innen keine Schutz­masken haben und dass auch die Hand­schuhe nicht aus­re­ichend sind. “Wir bekom­men nur ein Paar pro Tag”, sagen die Arbeiter*innen. Und das Alko­hol-Gel wurde eine Zeit lang nicht gese­hen. Die Beschäftigten des Logis­tikun­ternehmens Bar­toli­ni in Caor­so, Prov­inz Pia­cen­za, prangern Arbeits­be­din­gun­gen an, die bei weit­em nicht die Sicher­heit aller Mitarbeiter*innen gewährleis­ten. Deshalb streiken sie und fordern, dass sie unter anderen Bedin­gun­gen arbeit­en kön­nen, mit “Sicher­heit” für ihre Gesund­heit.

Deshalb haben die Arbeiter*innen sich mit der Parole “gegen die Bosse und das Coro­n­avirus” mobil­isiert, und zwar mit der Parole “Gesund­heit vor Leis­tung”. “Das Lager wird nicht desin­fiziert, die Werkzeuge wer­den nicht desin­fiziert”, sagt der Sicher­heits­delegierte von Usb Logis­tics in ein­er Videoüber­tra­gung auf sein­er Face­book-Seite.

Die Delegierten prangern an, dass die Logistiker*innen seit Wochen in ganz Ital­ien Waren und Pakete aus­liefern, sog­ar an Men­schen in Quar­an­täne, die the­o­retisch nicht ein­mal ihre Türen öff­nen soll­ten, wodurch sie sich dem Risiko ein­er Coro­n­avirus-Infek­tion aus­set­zen, und zwar unter der völ­li­gen Gle­ichgültigkeit der poli­tis­chen, admin­is­tra­tiv­en und Gesund­heits­be­hör­den.

Proteste auch bei IKEA und im Hafen von Genua

Vor eini­gen Tagen wurde der Protest von den IKEA Anagnina-Mitarbeiter*innen in Rom ange­führt. Sie stell­ten ihre Arbeit ein und behaupteten, dass sie dies nicht sich­er tun kön­nten, da die erforder­lichen Abstände zwis­chen den Men­schen nicht garantiert seien. Das Unternehmen sagte, dass es die Empfehlun­gen der europäis­chen Behör­den befolge.

Auch die Beschäftigten des PSA-Ter­mi­nals Gen­o­va Pra’ streik­ten am 11. März mit der Begrün­dung, dass Maß­nah­men wie die Desin­fek­tion von Arbeits­geräten wie Krä­nen und anderen Maschi­nen nicht ergrif­f­en wor­den seien.

Die Kapitalist*innen sollen für die Krise zahlen

Angesichts ein­er durch das Coro­n­avirus aus­gelösten Krise von großem Aus­maß in Ital­ien, die die gesamte Bevölkerung bet­rifft, die fast voll­ständig “unter Quar­an­täne” ste­ht, sind Mil­lio­nen von Arbeiter*innen in Ital­ien unge­sun­den Arbeits­be­din­gun­gen aus­ge­set­zt, ohne ele­mentare Gesund­heits­garantien, und das alles nur, weil sie den Prof­iten der kap­i­tal­is­tis­chen Bosse den Vor­rang geben.

Betriebliche Proteste, Streiks und Selb­stor­gan­i­sa­tion sind eine notwendi­ge Reak­tion, um der Arro­ganz der Bosse ent­ge­gen­zutreten und die Diskus­sion über die zur Bewäl­ti­gung dieser Krise notwendi­gen Maß­nah­men zu begin­nen, indem unter anderem ein größeres Bud­get für das öffentliche Gesund­heitssys­tem bere­it­gestellt wird, Labors, Pri­vatk­liniken und Phar­maun­ternehmen enteignet wer­den, um der Bevölkerung alle notwendi­gen Mit­tel zur Ver­fü­gung zu stellen, und Urlaub ohne Lohnkürzun­gen für alle von Ansteck­ungs­ge­fahr bedro­ht­en Arbeiter*innen einge­führt wird, wobei das Ver­bot von Ent­las­sun­gen während dieser Zeit garantiert wird. Denn, wie die Arbeiter*innen selb­st sagen, unser Leben kommt vor ihren Prof­iten.

Dieser Artikel erschien zuerst bei La Izquier­da Diario.

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