Geschichte und Kultur

Ist die documenta14 politisch?

In Kassel und Athen findet gerade eine der weltweit bedeutendsten Reihen von Kunstausstellungen statt. Es werden allein in Kassel mit über einer Million Übernachtungen gerechnet. Bürgerliche Kritiker*innen haben vieles an der documenta14 auszusetzen. Wie halten es Revolutionär*innen eigentlich mit der Kunst?

Ist die documenta14 politisch?

In der bürg­er­lichen Presse wird die documenta14 von allen Seit­en ange­grif­f­en. Eine linkslib­erale Seite kri­tisiert die Selb­st­gerechtigkeit der Ausstel­lungsrei­he und auch den offe­nen poli­tis­chen Anspruch. So beze­ich­net die ZEIT den „Traum von ein­er ganz unhier­ar­chis­chen Sein­sweise“ als einen „Alb­traum für die Kun­st“. Sie greift die Idee der Aussteller*innen an, eine freiere und poli­tis­che Kun­stausstel­lung durchzuführen. Auf der anderen Seite ste­hen kon­ser­v­a­tive Kritiker*innen, die unzufrieden damit sind, dass die Kun­st da ist, um poli­tisch zu sein und nicht, um verkauft zu wer­den. Sie kri­tisieren also, dass die Kun­st ver­sucht, sich davon zu entziehen, ein Markt zu sein.

Über das Politische der Kunst

Doch was braucht es eigentlich für eine Kri­tik an der documenta14? Neben der mehr oder weniger offen reak­tionären Kri­tik der Bürg­er­lichen kri­tisieren auch viele, dass die documenta14 abge­hoben erscheint. Um einen Ansatz auf eine Antwort zu liefern, ohne in sub­jek­tivis­tis­che Sichtweisen abzu­rutschen, braucht es eine Analyse der Kun­st an sich.

Zunächst müssen wir uns bewusst machen, in welch­er his­torischen Phase wir uns ger­ade befind­en. 2007 kam es zu ein­er großen Finanzkrise, die man als Beginn ein­er his­torischen Krisen­phase des Kap­i­tal­is­mus werten muss. Die aller­meis­ten Jugendlichen haben nicht mehr die soziale Sicher­heit wie ihre Eltern.

Kun­st darf man keines­falls als „frei“ von den gesellschaftlichen Wider­sprüchen sehen. Schon Leo Trotz­ki schrieb, die Kun­st „lei­det ganz beson­ders unter dem Nieder­gang und Zer­fall der bürg­er­lichen Gesellschaft“. Damit hat er auch sich­er recht gehabt. Plump gesagt: Je mehr Geld für die Ret­tung der Wirtschaft aus­gegeben wird, desto weniger bleibt für Kun­st übrig.

Dass die documenta14 einen deut­lich poli­tis­cheren Anspruch erhebt als viele anderen Ausstel­lungsrei­hen, die offen „unpoli­tisch“ sein wollen, hat sehr wahrschein­lich viel mit der wach­senden Kon­fronta­tion der Künstler*innen mit den Wider­sprüchen des Kap­i­tal­is­mus zu tun, aber auch mit den täglichen Erfahrun­gen von Künstler*innen. So hat eine Kün­st­lerin eine Art riesi­gen Vorhang aus Ren­tier­schädeln aus­gestellt, die von Tieren stam­men, welche die nor­wegis­che Regierung in ihrer Heimat erschießen ließ, um Brach­land für den Rohstof­fab­bau zu schaf­fen. Sie kri­tisiert in ihrer Kun­st also offen die bürg­er­liche Real­ität.

Aber auch andere kleinere Pro­jek­te wie eine Rei­he von Blu­men­trö­gen und Bänken vor den hässlichen neuen Gebäu­den der Uni­ver­sität Kas­sel, die kläglich daran scheit­ern, mod­ern sein zu wollen ohne auch nur den ger­ing­sten Abstrich in der Prahlerei mit Größe und Macht zu machen, sind ein klein­er Angriff auf den Nor­malzu­s­tand.

Trotz ihres klein­bürg­er­lichen Kerns heben sich solche Werke im Main­stream durch ihren poli­tis­chen Anspruch deut­lich ab. Deshalb ist es auch nicht ganz abwegig zu sagen, dass die documenta14 ein Aus­druck davon ist, dass die Kun­st ein Stück weit nach Frei­heit strebt. Doch das bedeutet keines­falls, dass Linke ihr unkri­tisch gegenüber­ste­hen müssen.

Freiheit und Kunst

Unzäh­lige Lib­erale geben vor, die Frei­heit der Kun­st zu vertei­di­gen. Doch sie irren. Jene, die sich die Kun­st­frei­heit auf die Fah­nen geschrieben haben und sie deshalb „frei“ von Poli­tik machen wollen – im Glauben, Kun­st kön­nte man frei von den materiellen Umstän­den pro­duzieren –, ste­hen der Befreiung der Kun­st ent­ge­gen, weil sie die Befreiung der Men­schheit nicht unter­stützen. Mehr noch: Sie repro­duzieren nur das Bewusst­sein der bürg­er­lichen Klasse, dass beispiel­sweise Luxus nur etwas für die „Schö­nen und Reichen“ ist, indem sie ihre Kun­st nur in sehr begren­zten Aufla­gen veröf­fentlichen, nur in sehr teuren Museen zugänglich machen oder lächer­lich hohe Preise ver­lan­gen. Sie man­i­festieren in ihrer ver­meintlichen Frei­heit und Indi­vid­u­al­ität die Unter­drück­ung des Kap­i­tal­is­mus, was ihre Kun­st iro­nis­cher­weise sehr poli­tisch macht.

Die Kun­st kann sich zwar nicht selb­st befreien, aber sie kann sehr wohl einen Teil dazu beitra­gen, dem Pro­le­tari­at seine Klassen­lage bewusst­machen. Trotz­dem kön­nen wir als Marxist*innen nicht viel über die Form von Kun­st sagen, die dieses Ziel hat. Die endgültige Form der Kun­st ist let­z­tendlich die Sache der Künstler*innen selb­st. Es macht keinen Sinn, einen bes­timmten Stil vorzuschreiben, da man so nur die Möglichkeit der Künstler*innen ein­schränkt, den Kap­i­tal­is­mus als das darzustellen, was er ist. Wir kön­nen die Kun­st nur anschließend danach bew­erten, ob sie es schafft, wahrhaftig nach Frei­heit zu streben oder in die Muster der alten Gesellschaft zurück­fällt.

Kunst und Revolution

Trotz­dem gibt es ein paar Dinge, die Kun­st und Kul­tur erfüllen sollte, um einen rev­o­lu­tionären Charak­ter anzunehmen. Anto­nio Gram­sci, ein ital­ienis­ch­er Kom­mu­nist, hat über Intellek­tuelle fol­gen­des geschrieben: „Alle Men­schen sind Intellek­tuelle, […] aber nicht alle Men­schen haben in der Gesellschaft die Funk­tion von Intellek­tuellen.“ Diese Ansicht kann man Intellek­tuellen auch auf Künstler*innen beziehen.

Ziel sollte es nicht sein, eine kleine, gut aus­ge­bildete Gruppe Kul­tur- und Kun­stschaf­fend­er zu haben, son­dern allen Men­schen die Möglichkeit geben, kreativ zu sein und sich zu ent­fal­ten. Ziel sollte es vor­dringlich sein, die unteren sozialen Schicht­en der Künstler*innen für den Kampf für eine klassen­freie Gesellschaft zu gewin­nen, sowie Arbeiter*innen und Jugendlichen zu ermuti­gen, sich kün­st­lerisch zu ent­fal­ten. So ist Kun­st nicht nur weniger abge­hoben, weil viel mehr Men­schen Zugang zu ihr haben, sie wäre dann auch ihren Anspruch nach Frei­heit näher gekom­men.

Natür­lich ist dieses beschriebene Bild von Kun­st eher ein Ide­al, dass sich­er nicht im Kap­i­tal­is­mus erre­icht wird. Es wäre illu­sorisch zu glauben, dass man auch den let­zten Kun­st­snob vom Kom­mu­nis­mus überzeu­gen kann. Trotz­dem ist es wichtig, darauf hinzuar­beit­en, um seine eigene Bewe­gung vor allem im Bere­ich der Kul­tur zu stärken und sie somit geschlossen­er und bewusster zu machen.

Die documenta14 erfüllt das sich­er noch lange nicht. Sie ver­liert sich oft in ein­er klein­bürg­er­lichen Kri­tik. Zwar schaf­fen es nur vere­inzelt Pro­jek­te, ein Stück weit­er weg von abge­hoben­er Kun­st zu einem alltäglichen Teil zu wer­den, aber die doc­u­men­ta als Ganzes sollte man schon als Schritt in die richtige Rich­tung betra­cht­en. Sie bringt Wider­sprüche offen­er zu Tage als der Kun­st­main­stream. Nicht mehr und nicht weniger.

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