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Islamismus, Rassismus, Heuchelei: Das reaktionäre Schauspiel bei Anne Will

Am Sonntag trat in der ARD-Talkshow "Anne Will" eine Islamistin auf. Die Öffentlichkeit zeigt sich "empört" – doch der antimuslimische Rassismus hinter der Empörung wird nicht thematisiert.

Islamismus, Rassismus, Heuchelei: Das reaktionäre Schauspiel bei Anne Will

Das Netz brennt nach der Sendung von „Anne Will“: Millionen regen sich über eine Frau im Niqab auf – kaum jemand aber über die systematische Gleichsetzung aller Muslim*innen mit islamistischem Gedankengut, die die deutschen „Leitmedien“ und die Regierung betreiben.

Keine Frage: Dass Nora Illi in Wills Polit-Talkshow verbreiten durfte, dass es „Zivilcourage“ sei, sich den reaktionären Banden des „Islamischen Staats“ anzuschließen, ist zum Kotzen. Die „Frauenbeauftragte“ des „Islamischen Zentralrats der Schweiz“ – eine salafistische Splittergruppe, die, anders als der Name es vermuten lässt, weniger als ein Prozent der Schweizer Muslim*innen organisiert – ist eine organisierte Islamistin, die im Fernsehen eine millionenfache Bühne bekam, um ihre reaktionäre Propaganda in die Welt zu posaunen.

Doch das ist nur die halbe Geschichte. Denn wir befinden uns in Mitten einer wachsenden Welle von Rassismus, die besonders muslimische und als muslimisch wahrgenommene Menschen trifft. Sie drückt sich in Wahlerfolgen der AfD, PEGIDA-Aufmärschen und brennenden Geflüchtetenunterkünften aus. Die rassistische Identifizierung muslimischer Menschen mit Extremismus ist deshalb besonders gefährlich.

Warum lud Anne Will in so einer Situation als einzige muslimische Frau eine radikale Islamistin ein? Warum gibt es überhaupt einen „Themenabend“ in der ARD, an dem vorher ein „Tatort“ gezeigt wurde, in dem es um die Rekrutierung junger muslimischer Frauen für den IS geht? Laut Zahlen des Verfassungsschutzes von Anfang dieses Jahres haben sich aus Deutschland gerade einmal 800 Menschen den IS-Milizen angeschlossen – bei einer muslimischen Bevölkerung von etwa vier Millionen Menschen in der BRD.

Die tatsächliche Hauptmeldung der vergangenen Woche – nämlich der immer schärfer werdende Bonapartismus des türkischen Präsidenten Erdogan, der zudem ebenfalls ge-gen die kurdische Bewegung immer wieder den IS unterstützt – war nicht einmal eine Randnotiz wert. So wurde bei Anne Will der „Widerstand“ gegen den IS von CDU-Innen-politiker und Sicherheitsfanatiker Wolfgang Bosbach angeführt – der kurdische Widerstand gegen den IS und gegen die sich anbahnende Diktatur in der Türkei blieb unerwähnt.

Die Empörung über die Aussagen von Illi ist unglaublich heuchlerisch – ihr Zweck ist es, den tatsächlichen Rassismus, dem Millionen Muslim*innen in Deutschland tagtäglich ausgesetzt sind, herunterzuspielen. Das Paradebeispiel dafür lieferte wie so häufig die FAZ: Für sie sprach Illi „von der vermeintlichen Unterdrückung der Muslime, besonders muslimischer Frauen, in unserer Gesellschaft. Sie tat das so selbstverständlich, dass den anderen Gästen schließlich der Kragen platzte.“ Für die deutschen Leitmedien ist die Unterdrückung nur „vermeintlich“, und gegen die Relativierung des Rassismus darf sich On Air nur jemand wehren, die aufgrund ihrer Niqab sowieso schon disqualifiziert wurde. „Und sich im Zweifel auch noch als Opfer vermeintlicher Intoleranz gebärden“, wie die FAZ wütend schreibt.

Die FAZ regt sich dann noch über Illis Frauenbild auf und tut voll progressiv, als sie den patriarchalen Hintergrund von Illis Vielweiberei- Konzept entlarvt. Bloß gut, dass der Islam damit mal wieder als frauenfeindlich präsentiert werden kann, puh! Das ebenso reaktio-näre Frauenbild von christlichen Fundamentalist*innen, wie beispielsweise der AfD-Vize Beatrix von Storch, stört die FAZ eher nicht.

Die öffentliche Shitstorm gegen die ARD geht völlig am Ziel vorbei: Na klar ist es ekelhaft, wenn Islamist*innen eine Bühne bekommen. Aber mindestens genauso ekelhaft ist es, wenn antimuslimischer Rassismus unter dem Label des Anti-Dschihadismus verharmlost wird und die AfD sich ins Fäustchen lacht. Wenn ein Erzreaktionär wie Bosbach nun zum Verteidiger der Menschenrechte stilisiert wird, geben sich im Ergebnis Islamist*innen und Rassist*innen erfreut die Hand. Nur die tatsächliche Lebensrealität von Millionen von Muslim*innen in Deutschland spielt wieder keine Rolle.

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