Frauen und LGBTI*

Iran: Die Töchter der Revolutionsstraße

Im Iran ist eine neue Frauenbewegung entstanden: die "Töchter der Revolutionsstraße". Die iranische Feministin und Marxistin Mina Khani erklärt die Hintergründe dieses beeindruckenden Phänomens.

Iran: Die Töchter der Revolutionsstraße

Der His­torische Mate­ri­al­is­mus sagt uns, dass wir die Phänomene in ihrem his­torischen Kon­text und im Kon­text der sozialen, ökonomis­chen und poli­tis­chen Verän­derun­gen betra­cht­en müssen. Wenn wir diese außer Acht lassen, wer­den wir dog­ma­tisch, und let­z­tendlich wer­den wir die Phänomene unser­er Zeit in einem sin­gulären Kon­text nur verz­er­rt betra­cht­en. Wenn wir mit der sel­ben Meth­ode die Verän­derun­gen in der soge­nan­nten Dritte Welt betra­cht­en, kom­men wir nicht darum herum, uns zu fra­gen, was diese Phänomene zus­tande bringt, was für sie spricht und was gegen sie.

Seit Dezem­ber let­zten Jahres haben wir es im Iran mit einem Phänomen zu tun, das sich „Töchter der Rev­o­lu­tion­sstraße“ nen­nt. Das sind junge Frauen, die ihre Kopftüch­er an den Ästen aufhän­gen und protestierend und per­for­ma­tiv auf irgendwelche Stromkästen steigen und solange ste­hen bleiben, bis die Polizei sie fes­t­nimmt. Für diese per­for­ma­tiv­en Aktio­nen dieser Frauen ist mit­tler­weile eine Haft­strafe zwis­chen zwei und zehn Jahren vorge­se­hen. Das iranis­che Regime nen­nt ihre Aktion „Pro­pa­gan­da gegen den Hid­jab“. Wenn wir diese Frauen mit der Meth­ode des His­torischen Mate­ri­al­is­mus betra­cht­en, müssen wir die ver­schiedene Teile ihres poli­tis­chen Namens, abge­se­hen von ihrem per­sön­lichen Namen, auseinan­dernehmen und sie analysieren. So gese­hen kön­nen wir die „Töchter der Rev­o­lu­tion­sstraße“ als Frauen, die auf der Rev­o­lu­tion­sstraße ihre neue Geburt als Töchter dieser Straße erleben, ver­ste­hen.

Erstens: Revolution

Utopi­en wie „Befreiung, Gerechtigkeit und Unab­hängigkeit“ waren die drei wichtig­sten Ele­mente der Rev­o­lu­tion 1979 im Iran. Fakt ist, dass die Rev­o­lu­tion 1979 im Iran nicht nur in der Hin­sicht der Ver­wirk­lichung dieser Ele­mente niedergeschla­gen wurde, son­dern auch in dem Sinne, dass die rev­o­lu­tionären Kräfte, die diese Ver­wirk­lichun­gen vorantreiben woll­ten, nach der Rev­o­lu­tion sys­tem­a­tisch (sowohl ide­ol­o­gisch, als auch physisch) ver­nichtet wur­den. Deswe­gen ist die Beobach­tung des Prozess­es, wobei die Frauen­feindlichkeit als eine der wichtig­sten Ele­mente der ide­ol­o­gis­chen Legit­imierung der Islamis­chen Regierung im Iran sys­tem­a­tisiert wurde, nicht möglich, solange man nicht zu der Zeit der Rev­o­lu­tion zurück­kehrt und die Ver­nich­tung der Revolutionär*innen auf poli­tis­ch­er Ebene und eben nicht nur auf „human­itär­er“ Ebene the­ma­tisiert.

Selb­stver­ständlich kön­nte man jede interne Kri­tik an den rev­o­lu­tionären Linken der dama­li­gen Zeit im Iran begrüßen, die die patri­ar­chalis­chen Ver­hält­nisse inner­halb der dama­li­gen Linken kri­tisiert, oder die Schwäche der dama­li­gen Linken the­ma­tisiert, die dazu geführt hat, dass die Khome­i­ni-Strö­mung ihre rev­o­lu­tionären Ele­mente für sich vere­in­nah­men kon­nte. Nichts­destotrotz kön­nen diese nach innen bezo­gene Kri­tiken zu der Aus­blendung der his­torischen Wahrheit­en führen, die uns erk­lären, in welchem Prozess von Ver­nich­tung und Repres­sion die islamistis­che Strö­mung sich nach der Rev­o­lu­tion ide­ol­o­gisiert hat.

Khome­i­ni hat kurz nach der Rev­o­lu­tion das Fam­i­lien­schutzge­setz für ungültig erk­lärt, in ein­er grausamen Zeit­gle­ich­heit hat er die Zwangsver­schleierung der Frauen befohlen. Wenn wir einen ober­fläch­lichen Blick auf die ersten Jahre nach der Rev­o­lu­tion wer­fen, haben wir es mit ein­er Rei­he von Ver­nich­tungs­maß­nah­men wie Repres­sion, sys­tem­a­tis­ch­er Ver­leum­dung, Sab­o­tage der rev­o­lu­tionären Begriffe in Wort und Schrift und der ide­ol­o­gis­chen Legit­i­ma­tion der Ungle­ich­heit zu tun. An der Spitze der Repres­sion­sprak­tiken des Regimes nur kurz nach der Rev­o­lu­tion haben wir es dann auch mit der massen­haften Unter­drück­ung der Frauen und der Sys­tem­a­tisierung des tra­di­tionellen Patri­ar­chats, der Ver­nich­tung und Genozide der poli­tis­chen Gegner*innen im All­ge­meinem und der Marxist*innen ins­beson­dere, der Ille­gal­isierung der Gew­erkschaften und Arbei­t­erin­nen­ver­bände zu tun. Hinzu kam die ide­ol­o­gis­che Ver­her­rlichung des Kriegs im Zuge des Iran-Irak-Krieges und des zum “Segen der Nation” erk­lärten Kriegs gegen Irak, die Ver­tiefung der eth­nis­chen und religiösen Spal­tun­gen, das Pro­jekt der Kul­turellen Rev­o­lu­tion und die Säu­berung der Intellek­tuellen aus dem Bil­dungssys­tem und der Kun­st- und Lit­er­aturszene. Zudem wurde eine sys­tem­a­tis­che Sab­o­tage anti-kolo­nialer Begriffe und der Unab­hängigkeits­diskurse auf allen Ebe­nen (z.B. die Beset­zung der US-amerikanis­chen Botschaft), eine Sab­o­tage der anti-zion­is­tis­chen Diskurse und eine Instru­men­tal­isierung des palästi­nen­sis­chen Wider­standes für die regionale Poli­tik (die Grün­dung der Hizbul­lah als Idee oder Armee) durchge­führt, und so weit­er und so fort.

Wir haben in den let­zten Jahren immer wieder von Aktivistin­nen der Frauen­be­we­gung im Iran gehört, dass die Marxist*innen als treibende rev­o­lu­tionäre Kraft sie nach der Rev­o­lu­tion im Stich gelassen haben. Das ist an sich nicht umstrit­ten, denn eine Linke, die die patri­ar­chalen Ver­hält­nisse in ihrem Inneren nicht aus­re­ichend bekämpft, indem sie die Sub­jek­tiv­ität der Frauen her­vorhebt, kann sich natür­lich auch nicht aus­re­ichend im prak­tis­chen Sinne mit ein­er fem­i­nis­tis­chen Welle außer­halb der Strö­mung sol­i­darisieren. Was aber umstrit­ten ist, dass diese Debat­te immer aus dem his­torischen Kon­text der Repres­sion­szeit nach der Rev­o­lu­tion her­aus­geris­sen wird, wobei die rev­o­lu­tionären Organ­i­sa­tio­nen selb­st sys­tem­a­tisch ver­nichtet wur­den.

Um klarzustellen, warum diese Verknüp­fun­gen so wichtig sind, lasst uns einen Blick darauf wer­fen, wie die Lage der Frauen vor der Rev­o­lu­tion war. Auch vor der Rev­o­lu­tion hat­ten wir es in der Zeit der Monar­chie mit ein­er struk­turellen patri­ar­chalen Gesellschaft zu tun. Als Beispiel reicht die Schei­dung von Soraya (die zweite Frau des Schahs), ein­seit­ig durchge­führt vom Schah alleine, weil sie für die Fam­i­lie der Pahlavi keinen Sohn in die Welt gebracht hat. Hinzu kommt die all­ge­meine Sit­u­a­tion der Frauen in der gesamten Pahlav­izeit, wie die Anal­pha­betisierung der Frauen nach den Zwangsentschleierungs­maß­nah­men durch den Vater Pahlavi, wodurch die Frauen aus den gesellschaftlichen Räu­men ent­fer­nt wur­den und den patri­ar­chalen Struk­turen der dama­li­gen iranis­chen Fam­i­lien über­lassen wur­den. Diese Beispiele alleine soll­ten jede Illu­sion über die „gute Lage“ der Frauen vor der Rev­o­lu­tion hin­wegfe­gen.

Das iranis­che Regime hat aber im Züge sein­er Ide­ol­o­gisierung die vorhan­dene Geschlechterspal­tung in der Gesellschaft, soweit es noch ging, weit­er sys­tem­a­tisiert. Diese Ver­schär­fung frauen­feindlich­er Geset­zge­bun­gen wurde in ein­er grausamen Zeit­gle­ich­heit mit der sys­tem­a­tis­chen Ver­nich­tung jed­er pro­gres­siv­en Kräften im Iran durchge­set­zt.

Die wichtige Fra­gen dabei sind doch: „Was sagt diese Zeit­gle­ich­heit über den Charak­ter des Islamis­chen Repub­lik aus? Warum hat das iranis­che Regime in den ersten Schrit­ten seines großen Ganges die Frauen so hart wie möglich entrechtet und dann die andere Teile der Bevölkerung ange­grif­f­en?“

Wichtig ist zu bemerken, dass wir über die Zeit der Nieder­lage der Rev­o­lu­tion reden und nicht über die Zeit ihres Sieges. Diese Antwort mag als eine ein­fache Antwort auf die Frage klin­gen, aber darin liegt die Kom­plex­ität viel­er anderen Fra­gen, was den Iran und damit den gesamten Nahen Osten bet­rifft. Denn die ganzen Fortschritte der Frauen in der vor­rev­o­lu­tionären Phase ent­standen durch die Wahrnehmung ihrer Sub­jek­tiv­ität und ging von ihnen selb­st aus, als sie sich in poli­tis­chen wie sozialen Räu­men bewegt haben und, wie Forugh Far­rokhzad (die große iranis­che Dich­terin) es in einem Gedicht beschrieben hat, die Papierkro­ne der Farah Diba als ein Sym­bol ihrer Unter­drück­ung wahrgenom­men haben.

Frauen wur­den im Zuge der rev­o­lu­tionären Phase im Iran viel mächtiger und haben in ver­schieden­er Hin­sicht ihr Poten­zial wahrhaftig ver­wirk­lichen lassen. Natür­lich war die Nieder­lage der Rev­o­lu­tion in dieser Hin­sicht auch die Nieder­lage dieser Frauen, denn sie waren diejeni­gen Kräfte, deren Präsenz an sich eine Gefahr für die reak­tionären Kräfte war.

Zweitens: Frauen (Töchter)

Trotz dieser Verknüp­fun­gen hat Frauen­feindlichkeit in diesem Kon­text ihre eigene Beson­der­heit­en. Alleine der Hin­weis darauf, dass die ide­ol­o­gisierte sys­tem­a­tis­che Unter­drück­ung der Frauen die Hälfte der Bevölkerung bet­rifft und damit die Sit­u­a­tion der Kinder und der Kinder­erziehung und der gesellschaftlichen Sozial­isierung der gesamten Bevölkerung mas­siv beein­trächtigt, sollte als Argu­ment für diese Behaup­tung aus­re­ichen. Die Unter­drück­ung der Frauen in so einem Aus­maß deformiert die soziale Lage der Gesellschaft und raubt den Frauen ihre Gesichter.

Wie bere­its im ersten Teil des Artikels erwäh­nt wurde, hat das iranis­che Regime nach der Rev­o­lu­tion die Frauen­feindlichkeit als eines der wichtig­sten Ele­mente sein­er Ide­ol­o­gisierung genutzt – als ein Sys­tem, das genau darauf basiert ist. Doch es ist viel umfassender, wenn wir uns damit beschäfti­gen, wie das iranis­che Sys­tem das geschafft hat und dabei darauf verzicht­en, warum das iranis­che Regime zu so einem Beschluss gekom­men ist.

Was sagen uns die his­torischen und materiellen Fak­ten? Das iranis­che Regime hat ein Bild von Frau ide­ol­o­gisiert, das man mit fehlen­den Argu­menten unmit­tel­bar vielle­icht mit dem Islam in Verbindung brin­gen kön­nte. Das wäre aber falsch, denn das Bild der Frau, das vom iranis­chem Regime propagiert wird, repräsen­tiert wed­er das Bild der Frau in der islamis­chen Welt, noch repräsen­tiert es das Bild der mus­lim­is­chen Frauen in der Welt. Und zwar das Bild der Frau, die möglichst kom­plett ver­schleiert ist, wobei zugle­ich ihr kom­plet­ter Kör­p­er sex­u­al­isiert wird und sie nur noch im sex­uellem Kon­text zu erk­lären ist. Das Bild der Frau, die möglichst sich den Haushalt verpflichtet und auf ihre Gebär­mut­ter zu reduzieren ist. Das Bild der Frau, die kom­plett entrechtet wurde. Rechte wie das Recht auf Schei­dung, unab­hängige Heirat­sentschei­dung, unab­hängige Arbeit­skar­riere, Bewe­gungs­frei­heit in der Gesellschaft wur­den dieser Frau genom­men. Diese Frau ist so weit wie möglich im Besitz: Sie besitzt nichts, noch nicht mal ihren eige­nen Kör­p­er. Sie selb­st ist im kom­plet­ten Besitz des männlichen Geschlecht­es.

Wed­er Reli­gion noch Tra­di­tion an sich sind die besten The­o­rien, um dieses Bild der Frau unmit­tel­bar zu erk­lären, denn auch Reli­gion und Tra­di­tion sind aus der materiellen Sicht nur Kon­struk­te der poli­tisch-gesellschaftlichen Struk­turen. Sie funk­tion­ieren nicht in einem Vaku­um, sie funk­tion­ieren nur im Kon­text der poli­tisch-gesellschaftlichen Lage. Dieses Bild kommt von der Ide­olo­gie des Patri­ar­chats, sei es mit Belan­gen der Reli­gion erk­lärt oder mit Belan­gen der Tra­di­tion, oder sog­ar ein­er Kom­bi­na­tion von bei­den.

Fakt ist auch, dass das iranis­che Regime mit dieser Pro­pa­gan­da und Ide­olo­gie, die als Instru­mente der Unter­drück­ung und Mar­gin­al­isierung dien­ten, den Teil der Gesellschaft über Jahrzehnte gelähmt hat, dessen Forderun­gen für die Befreiung als eines der wichtig­sten Ele­mente der Befreiungs­be­we­gun­gen zählte. Frauen wur­den bei diesem Prozess also sys­tem­a­tisch so weit mar­gin­al­isiert, dass sie nichts mehr besaßen außer ihrer poten­ziellen Kampfkraft. Das erk­lärt auch vielle­icht die Stärke der iranis­chen Frauen aus der Gen­er­a­tion nach der Rev­o­lu­tion. Sie leis­ten schon seit Jahren in ihrem All­t­ag zivilen Unge­hor­sam und pro­bieren alle Wege, um als treibende Kräfte der Gesellschaft zu zählen. Trotz der mas­siv­en Repres­sion­s­maß­nah­men sind die Uni­ver­sitäten, Kun­st- und Lit­er­aturszenen, poli­tis­che Unter­grun­dräume voll mit starken Frauen – und diese Frauen sehen nicht vol­lver­schleiert aus.

Lasst uns, um diese Geschichte zu erzählen, auf ein Beispiel aus dem Kinobere­ich zurück­greifen. Susan Tasli­mi, ein­er der besten Schaus­pielerin­nen im Iran der 70iger und 80iger Jahre, war währen dem Dreh des Filmes „Madi­an“ – gedreht Anfang 80iger von Bahram Beizaie – mit mas­siv­en Maß­nah­men kon­fron­tiert: „ Aus der Sicht der Ver­ant­wortlichen des Staates war meine Anwe­sen­heit in diesem Film zu stark. Die Bedin­gun­gen für die Erlaub­nis mein­er Arbeit in diesem Film lauteten, dass ich nicht zu viel bunte Klam­ot­ten tra­gen durfte, dass kein Haar von mir zu sehen sein durfte, dass der Blick­winkel der Kam­eras nicht auf mich fokussieren durfte. Und sie hat­ten eine Per­son dafür eingestellt, die mich die ganze Zeit beim Dreh beobacht­en musste, damit ich nicht in die Augen der männlichen Darsteller schaue“.

Wie es aussieht, stellen die Bedin­gun­gen, mit denen Frau Tasli­mi während dem Dreh dieses Filmes kon­fron­tiert wurde, sym­bol­isch dar, was mit allen Frauen inner­halb dieses Sys­tem passieren sollte.

„Die Frau ist ein Randwe­sen, dessen ver­führerische Funk­tion nicht als eine nor­male Funk­tion – wie bei dem männlichen Geschlecht – gilt, son­dern diese Funk­tion bei diesem Randwe­sen ist sehr zen­tral, die viel über ihre essen­zielle Exis­tenz aus­sagt. Damit man ver­hin­dert, dass diese ver­führerische Funk­tion außer Kon­trolle gerät, sollte man die Funk­tion der Frau so weit wie möglich inner­halb des Fam­i­lien­haushalts beschränken. Da, wo sie ihren Verpflich­tun­gen, die Kinder­erziehung und der Haushalt, gerecht wird. Aber sog­ar dieses tabuisierte Bild der Frau sollte so weit wie möglich am Rande ste­hen. Sie darf nicht die starke Rolle spie­len. Sie darf sich nur am Rande bewe­gen, denn die Stärke und Zen­tral­ität sind männlich.“

Die Frau, die sich inner­halb eines solchen Unter­drück­ungssys­tems zu definiert hat, lernt sys­tem­a­tisch, sich per­ma­nent als unter­drück­te Frau zu betra­cht­en. Sie fängt an, sich anzu­passen. Sie entwick­elt dann auch darüber hin­aus irgend­wann einen Selb­stkon­troll-Mech­a­nis­mus, durch den sie sich zu beherrschen ver­sucht. So kann man erk­lären, welch­es Bild solche Frauen von sich selb­st abzugeben ver­suchen, damit sie von der Gesellschaft akzep­tiert wer­den.

Anders als auch im west­lichen Kon­text sehr oft the­ma­tisiert, ist dieses Bild der Frau nicht „ent­sex­u­al­isiert“, son­dern genau das Gegen­teil. Ein solch­es Bild der Frau sex­u­al­isiert alles am Weib­lichen. Von den Bewe­gun­gen bis zum Lachen, vom Auf­fall­en bis zur Bewe­gung in den gesellschaftlichen Struk­turen wird mit solchen Maß­nah­men der­ar­tig sex­u­al­isiert, bis eine Ebene erre­icht wird, auf der die Frau sich über­haupt nicht außer­halb dieses Kon­textes zu definieren hat. In so einem Sys­tem wird der Kör­p­er der Frau sys­tem­a­tisch deformiert, sei es in der Form der Zwangsver­schleierung oder in der gegen­wär­ti­gen Form, wo die Frauen durch mas­sives Ein­ngreifen in ihren Kör­p­er (Schön­heit­sop­er­a­tio­nen) ihre Schön­heit­side­ale an eine bru­tal kap­i­tal­is­tis­che Form anzu­passen ver­suchen. Teheran ist die Haupt­stadt der Nasen­op­er­a­tion.

Auch wenn diese Beispiele sehr spezial­isiert klin­gen mögen, finde ich, dass das sys­tem­a­tisierte Patri­ar­chat im Iran ein gutes Beispiel ist, zu erk­lären, wo das Ende der Fah­nen­stange ist, wenn das Sex­is­tis­che sich als Norm definiert. Deshalb, um dem Ras­sis­mus unser­er Zeit über die Kopf­tuchthe­matik zu ent­ge­hen, brauchen wir nicht das The­ma auszublenden, son­dern wir müssen es richtig zu the­ma­tisieren. Die Zwangsver­schleierung ist keine Klei­dungs­the­matik. Bei der Zwangsver­schleierung geht es immer um die Kon­trolle des weib­lichen Kör­pers als ein Kör­p­er, der repro­duk­tive Arbeit zu leis­ten hat.

Das Dilemma der bürgerlichen Frau und der Frau aus der Arbeiter*innenklasse

Bei der Debat­te um die „Töchter der Rev­o­lu­tion­sstraße“ und andere Debat­ten über die Lage der iranis­chen Frauen wur­den wir aus manchen marx­is­tis­chen Milieus als Feminist*innen immer mit der Frage kon­fron­tiert, ob die Belange der Frauen, die um ihre Grun­drechte kämpfen, nur eine Debat­te ist, die die bürg­er­lichen Frauen bet­rifft. Das ist natür­lich falsch, und wir wollen die Unter­schiede der Sit­u­a­tio­nen und Belange der bürg­er­lichen Frau und der Frau aus der Arbeiter*innenklasse nicht ver­schweigen. Aber den­noch soll­ten wir immer darauf acht­en, dass, wenn es um radikale Forderun­gen geht, die unsere Grun­drechte betr­e­f­fen, wir sie nicht gegen die Inter­essen der Arbeiter*innen ausspie­len dür­fen.

Wenn wir das Beispiel der iranis­chen Frau nehmen, kön­nen wir darin sehr gut die Wider­sprüche von reduk­tion­is­tis­chen Posi­tio­nen auch im inter­na­tionalen Sinne erken­nen. Nach der völ­li­gen Entrech­tung der Frauen im Iran gilt, dass die Frau im Ver­gle­ich zu dem Mann nur die Hälfte des Erbes bekommt. Nach den Geset­zen des iranis­chen Regimes darf eine Frau nicht in ein­er anderen Stadt studieren, wenn das erste männliche Bezugsmit­glied der Fam­i­lie (ihr Vater, ihr Mann, ihre Brüder und so weit­er) das nicht erlaubt. Sie darf nach der sel­ben Logik nicht den Mann ihrer Wahl heirat­en, wenn die männliche Bezugsper­son nicht ein­ver­standen ist, darf das Land nicht ver­lassen, bekommt nach der Schei­dung nicht ein­fach das Sorg­erecht. Sie hat sog­ar kein eigenes Schei­dungsrecht, kann aber jed­erzeit von dem Mann ver­lassen wer­den, wenn die Summe des Heirats­beitrages (Mehrieh), worüber ihre Fam­i­lie vor der Heirat zu ver­han­deln hat, nicht hoch genug ist (ein Gesetz, das Frauen dazu bringt, sich als Ware bei der Heirat ver­han­deln lassen). Sie bekommt kein Haushalts­geld von dem Mann, wenn sie sich weigert, mit ihm zu schlafen.

Wir müssen also immer darauf acht­en, dass, auch wenn wir über „Frauen“ der bürg­er­lichen Klasse reden – vor allem, wenn das patri­ar­chale Sys­tem so sta­bil ist –, wir immer noch von „Frauen“ reden, die inner­halb dieser Klasse unter­drückt wer­den, und nicht von der bürg­er­lichen Klasse selb­st.

Um das sin­ngemäß im Anschluss an Simone de Beau­voir zu for­mulieren: „ Die Frauen haben in patri­ar­chalen Gesellschaftsstruk­turen immer ein Prob­lem damit, sich als Frau zu definieren, weil sie sys­tem­a­tisch daran gehin­dert wer­den.“

So gese­hen iden­ti­fizieren sich Frauen in solchen Gesellschaftsstruk­turen zum Beispiel eher mit den Män­nern inner­halb ihrer Fam­i­lien­struk­turen, inner­halb der bürg­er­lichen Klasse, als dass sie sich mit ihrer Putzfrau als Frau iden­ti­fizieren. Der Fem­i­nis­mus sollte uns ein Bewusst­sein schaf­fen, wom­it wir diese Mauer durch­brechen und uns nicht spal­ten lassen, wenn es um unsere Grun­drechte geht. Im Kon­text der „Töchter der Rev­o­lu­tion­sstraße“ wird das Grun­drecht das Recht auf Selb­st­bes­tim­mung über den eige­nen Kör­p­er sein, genau­so wie beim The­ma Abtrei­bung im inter­na­tionalen Sinne.

Der marx­is­tis­che Fem­i­nis­mus beruht also nicht darauf, solche gemein­samen Forderun­gen nicht als gemein­same zu ver­ste­hen, son­dern er beruht darauf, die soziale Frage in diese Forderun­gen einzubeziehen. Im Fall der Abtrei­bung wird diese Forderung dann so for­muliert: „ das Recht auf kosten­lose Abtrei­bung für alle Frauen“.

Drittens: Straße

Die existierende Ord­nung der Staat­en hat ein großes Prob­lem mit der Straße. Je weit­er diese Staat­en von demokratis­chen Grun­drecht­en ent­fer­nt sind, desto größer ist der Kon­flikt mit dem The­ma „Straße“ als Öffentlichkeit und Bühne der Unter­drück­ten. Dieser Kon­flikt basiert darauf, welch­es Aus­maß von „Gle­ich­heit und Gerechtigkeit“ in dem Grundge­setz eines Staates ver­ankert wurde. Zum Beispiel haben die west­liche Staat­en wenig Prob­leme damit, wenn die Frauen auf der Straße demon­stri­eren und das Recht auf Abtrei­bung fordern. Wür­den aber diesel­ben Frauen ihre Arbeit nieder­legen und zu radikaleren Mit­teln greifen, die diese Forderun­gen durch­set­zen sollen – wie Block­aden und Bar­rikaden auf den Straßen –, wür­den auch diese Staat­en mit Polizeige­walt ver­suchen, diese Frauen zu stop­pen.

Das iranis­che Regime sabotiert die Straße seit Jahrzehn­ten für die Auf­führung sein­er eige­nen Pro­pa­gan­da. Die Notwendigkeit, vom öffentlichen Raum Gebrauch zu machen, wird per­ma­nent repres­siv beant­wortet. Nur in den ersten Monat­en nach der Rev­o­lu­tion gab es eine bewe­gende Frei­heit im Iran, was die Öffentlichkeit betraf. Sehr schnell hat das Regime im Kon­text der Etablierung sein­er Macht die Bedürfnisse der treiben­den Kräfte der Rev­o­lu­tion, wie den Frauen, rev­o­lu­tionären Organ­i­sa­tio­nen, Student*innen, Kurd*innen etc. mit der höch­sten Stufe der Repres­sion beant­wortet. Die Appa­rate der islamis­chen Repub­lik wie das staatliche Fernse­hen und die Medi­en, das Bil­dungssys­tem, die Jus­tiz, die Uni­ver­sitäten, genau­so wie der Geheim­di­enst und die Polizeiap­pa­rate wie Basij oder Sep­ah, sind alle gle­ichzeit­ig die Repres­sion­sap­pa­rate des Regimes. Sie verneinen in ein­er grausamen Zusam­me­nar­beit miteinan­der die Anwe­sen­heit der Protestieren­den auf der Straße und propagieren die Auf­führung ihrer eige­nen Befür­worter, die sie selb­st mobil­isieren.

Das Regime ver­liert jedes Mal ein Stück sein ide­ol­o­gis­ches Gesicht, wenn der unzufriedene Teil der Bevölkerung auf­ste­ht und sich auf der Straße sam­melt. Deswe­gen kann jed­er Auf­s­tand im Iran auf der Straße blutig wer­den.

Wenn wir zurück­blick­en auf die Rev­o­lu­tion­szeit, waren die Frauen die ersten Kräfte, die sich gegen den reak­tionären Charak­ter der Kon­ter­rev­o­lu­tion – also die Islamis­ten – gewehrt haben. Sie wur­den als erstes ange­grif­f­en, und sie haben sich als erste auch gewehrt. Es gab tage­lange Proteste im Rah­men des ersten 8.März im Iran nach der Rev­o­lu­tion. Frauen, die auf die Straße kamen und so klug riefen: „Wir haben nicht revoltiert, um zurück­zu­rud­ern!“ Diese Frauen wussten schon damals genau: Wer mit der Repres­sion der Frauen anfängt, führt auch keinen pro­gres­siv­en Kampf gegen den Impe­ri­al­is­mus. Tat­säch­lich haben aber die marx­is­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen diese Frauen nicht aktiv unter­stützt. Wer über die Frauen lachte, hat­te noch die schlechte Nachricht nicht gehört. Ein paar Jahre später während des Iran-Irak-Kriegs wur­den nach offiziellen Angaben mehrere Tausende Marxist*innen im Iran ermordet – in nur einem Som­mer.

Das iranis­che Regime hat also direkt nach der Rev­o­lu­tion ein Bild der Frau propagiert, das sich in drei Rich­tun­gen richtete:

  1. Das ide­ol­o­gis­che Bild des Regimes nach innen, und wie die Gesellschaftsstruk­tur der iranis­chen Bevölkerung auszuse­hen hat­te;
  2. das ide­ol­o­gis­che Bild des Regimes gegen die Oppo­si­tion;
  3. das ide­ol­o­gis­che Bild des Regimes im inter­na­tionalen Kon­text in Verbindung mit der Außen­poli­tik.

Die Straße als öffentlich­er Raum wurde also nach der Repres­sion der Frauen nach dem ersten 8. März-Protest nach der Rev­o­lu­tion zum Schlacht­feld des iranis­chen Regimes gegen die Bevölkerung, Frauen, Revolutionär*innen etc. Alleine die tagtägliche Repres­sion gegen Frauen, was ihre Klei­dung­sor­d­nung bet­rifft, ist ein Beispiel, wie diese als Nor­mal­ität funk­tion­ieren sollte. Was sehr offen­sichtlich ist, dass die „Töchter der Rev­o­lu­tion­sstraße“ – sei es aus ein­er Notwendigkeit her­aus oder sei es aus poli­tis­chem Bewusst­sein – auf die Straße als Bühne ihrer per­for­ma­tiv­en Aktio­nen zurück­gekehrt sind. Sie sind damit zu den Frauen des 8. März nach der Rev­o­lu­tion zurück­gekehrt.

Vida Mova­hed, die erste Tochter der Rev­o­lu­tion­sstraße, hat mit ihrer kreativ­en Aktion der Ein­samkeit der iranis­chen Frauen einen Kör­p­er ver­liehen. Sie stand alleine auf einem Stromkas­ten. Sie hat ihr Kopf­tuch an einem Ast aufge­hängt und es hochge­hal­ten, ohne ein Wort zu sagen, sie hat sich von nichts und nie­man­dem ablenken lassen, bis die Polizei ankam und sie festgenom­men hat. Sie hat mit ihrer Aktion laut­los geschrien: „Der König ist nackt!“

Das Bild wurde in der ganzen Welt berühmt, es hat eine Runde um die Welt gemacht und ist wieder zurück­gekom­men zu den iranis­chen Frauen. Das Bild hat sich ver­mehrt. Schon ein paar Wochen später gab es wieder dieselbe Aktion von ver­schieden Frauen in ver­schiede­nen Städten.

Dieses Jahr gab es dann den ersten Aufruf der Fem­i­nistin­nen nach elf Jahren für den 8. März. Sie haben Arbei­t­erin­nen, Stu­dentin­nen, Pflegerin­nen, Lehrerin­nen aufgerufen, sich vor dem Arbeitsmin­is­teri­um zu sam­meln, um gegen das Patri­ar­chat und die Neolib­er­al­isierung des Lan­des zu protestieren. Vielle­icht etwas zu früh, vielle­icht etwas zu unor­gan­isiert. Die Polizei hat diese Fem­i­nistin­nen alle festgenom­men und tage­lang in Unter­suchung­shaft gehal­ten. Die Straßen, die zum Arbeitsmin­is­teri­um führten, wur­den an dem Tag alle ges­per­rt.

Trotz­dem ist die Stimme dieser Frauen nicht mehr zu verneinen.

Die Frauen­be­we­gung im Iran hat einen neuen Anfang. Im Kon­text der harten Repres­sion ist sie noch viel flex­i­bler und spo­radis­ch­er. Aber sie find­et viel poli­tis­ch­er statt als je zuvor. Das sind wirk­lich extrem gute Nachricht­en. Sie erin­nerten uns auch im Kon­text der Massen­proteste im Iran: Keine Rev­o­lu­tion ist ohne Frauen möglich!

One thought on “Iran: Die Töchter der Revolutionsstraße

  1. Behrouz Rezvani sagt:

    Wenn das Neuge­borenes Kind ein Mäd­chen war , wurde sie begraben , lebendig ! Das ist die Denkart und Han­del des Patri­achalen . Wurde eine „ Jungfrau „Frau in Iran 1980ern zum Tode verurteilt , wurde sie zuerst von Wächtern ( ver­has­sten Pas­daran …) verge­waltigten entkun­hfer­nt , danach hin­gerichtet ! Amson­sten , kön­nte sie als“ Jungfrau „ ins Paradies kom­men !.. Das ist jedoch Reli­gion pur .Die Gefäng­nis­di­rek­toren , die Gefäng­niswärtern, die Henker , die Folterknechte haben aus­nahm­s­los „ vorschriftlich „ gebetet , dann gefoltert , hin­gerichtet , das lebendi­ge aus­gelöscht . Das ist Reli­gion !… Patri­achale Denkart wurde erst durch Reli­gion zu Ide­olo­gie Zweck han­deln gekrönt. Dieses Paar wurde zu Schreck­en Hand im Hand funk­tion­iert . War es in Europa in Mit­te­lal­ter anders ? Ich wün­schte , ich kön­nte die Schriften von Marx und Engels zu „ asi­atis­chen Pro­duk­tion­sart „ lück­en­los ver­ste­hen um der asi­atis­che Despo­tismus zu begreifen . …
    Ich kann die Sätze zu „ patri­ar­chales denken im der iranis­chen Linke „ nicht ganz ver­ste­hen . Das war / ist nie eine feste Masse gewe­sen ! Diese Behaup­tung ist eher eine Intellek­tuell ! .….
    Zu Frauen­be­we­gung im Iran ; Im der Tat wurde diese durchge­hend von (klein)bourgeoisie vertreten . Oder anders gesagt ; von Intellek­tuellen ! Denn allein diese Schicht­en ( auch inner­halb der Arbeit­erk­lasse ) waren in Besitz über Bil­dung ! So wurde die Frauen­be­we­gung im Iran immer sehr müh­selig , halb­herzig und damit zum scheit­ern verurteilt ! …
    Auch diese neue „ Töchter der Rev­o­lu­tion …“ Bewe­gung, selb­stver­ständlich unter­stütze ich sie , wird scheit­ern , wenn sie sich Nicht an rev­o­lu­tionäre Arbei­t­erInn
    enbe­we­gung anschließt !.. Was mich beun­ruhigt ist : es sind bere­its Fig­uren im Inn ‑und Aus­land die sehr gerne auf Welle diese neue Bewe­gung reit­en wollen .
    Hier nenne ich als Beispiel die Mas­sih Ali Nejad . Seit Jahren unter Ver­trag von BBC und Voice of Ameri­ka . Wohn­haft pen­del­nd zwis­chen UK und USA !

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