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Interview mit pakistanischem Sozialisten über die Flut: „Es wird Zeit diesem klimazerstörendem System den Kampf anzusagen!“

Die Flut in Pakistan ist eine der schrecklichsten Klimakatastrophen, die es jemals gegeben hat. Auf die extreme Dürre folgten starke Regenfälle, die zu einer Flut führten, von der bisher mehr als 35 Millionen Menschen betroffen sind. Etwa ein Drittel des Landes steht oder stand unter Wasser. Vor der Katastrophe prägte die Regierungs- und Wirtschaftskrise sowie die Kürzungspolitik durch den internationalen Währungsfonds das Land. Wir sprechen mit dem pakistanischen Aktivisten Shezhad Arshad von der linken Organisation RSM, welche Teil der Liga für die fünfte Internationale ist, über die Katastrophe und ihre Folgen.

Interview mit pakistanischem Sozialisten über die Flut: „Es wird Zeit diesem klimazerstörendem System den Kampf anzusagen!“
A M Syed / shutterstock.com

KGK: Shezhad, zu aller erst: Wie war dein Tag heute?

Shezhad Arshad: Gerade bin ich in Lahore. Während viele Menschen in den Flutgebieten leiden, traf ich mich mit Gewerkschaftern, um eine Kampagne in Baluchistan (eine der betroffenen Regionen) zu organisieren, die Flut begann dort Mitte Juni, aber erst vor ein paar Wochen als die Flut dann in andere Regionen kam, erschienen die ersten größeren Nachrichten. Als die armen Menschen in Baluchistan starben, war die Situation in den Medien nicht so präsent, jetzt wo wichtige Fabriken betroffen sind und damit die Wirtschaft in Gefahr ist und auch größere Städte und Hotels betroffen sind, gibt es Aufmerksamkeit.

Wie steht es um die Verfügbarkeit von Essen und Trinkwasser?

Wie auch Videos aus dem Internet zeigen, ist die Situation in den überfluteten Gebieten sehr schlimm, es ist weiterhin extrem heiß, es gibt großen Nahrungsmangel und Trinkwasser ist quasi keines verfügbar, weshalb die Menschen dreckiges Wasser trinken, was sie krank macht. Auch die Städte sind von der Situation betroffen, durch den IWF-Deal sind alle Lebensmittel teurer geworden. Die Menschen haben Hunger, viele haben nicht genug zu essen für ihre Kinder und essen daher nur einmal am Tag oder gar nicht.

Wer trägt die Verantwortung für die Katastrophe?

Wenn man sich Statistiken zum Klimawandel ansieht, ist klar, dass Pakistan nur im geringen Anteil dazu beiträgt. Der Klimawandel ist klar für die Katastrophe verantwortlich, deshalb schmelzen die Gletscher und so weiter. Aber auch die Regierung ist verantwortlich, sie wusste seit Monaten, dass eine Katastrophe kommen würde und hat nichts unternommen, dabei hatte sie durch die Flut 2010, bei der bereits 20 Millionen Menschen betroffen waren, schon einiges an Vorerfahrungen, auf die sie hätte zurückgreifen können. Auch die Politik der letzten Jahre zeugt von dieser Ignoranz, sie scheren sich nicht um die einfachen Leute, sie legten beispielsweise Flüsse so um, dass sie statt großen Fabriken und den Häusern der Reichen bei einer Flut die Wohngebiete der ärmeren Leute treffen würden.

Welche Bedeutung haben die Maßnahmen des internationalen Währungsfonds für das Leben der Menschen in Pakistan?

Am 12. Mai 2019 unterzeichnete die frühere Regierung eine Vereinbarung mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), es geht um 6 Milliarden Dollar, die in den nächsten 39 Monaten in Raten ausgezahlt werden sollen. Nach drei Jahren dieses “Rettungspakets”, wurde deutlich, dass die pakistanische Wirtschaft jetzt vor ähnlichen Problemen steht, allerdings auf einer größeren Ebene. Die wirtschaftlichen Probleme haben durch die neoliberalen Maßnahmen weiter zugenommen. Das kürzlich beschlossene IWF-Programm schreibt weitere Spar- und „Anpassungsmaßnahmen“ vor, die für Millionen von Menschen weitere Einschnitte, Verluste und regelrechtes Elend bedeuten werden. Die Regierung hat beschlossen, die Arbeiter und die Armen im Namen “der wirtschaftlichen Erholung” lebendig zu begraben.

Kannst du uns darüber berichten, wie sich die Flut auf die Arbeitsbedingungen auswirkt?

Generell gibt es in Pakistan schon lange eine Wirtschaftskrise, auch wenn das Außenhandelsdefizit zuletzt etwas verbessert wurde, muss nun aufgrund der Flut ganz viel importiert werden, was vorher selber hergestellt wurde. Die Inflation liegt bei 27 Prozent, die Prognosen für ein geringes Wirtschaftswachstum müssen nun noch weiter zurückgestellt werden. Durch die Flutfolgen, aber auch die Maßnahmen des IWF wurden viele Fabriken geschlossen, insbesondere in der Textilindustrie berichten uns viele Textilarbeiter:innen von Kündigungen. Bei den Arbeiter:innen in der Zementindustrie ist die Situation eine ähnliche, überall feuern die Firmen Leute, auch im Sektor der Softwareentwicklung. Das machen diese Firmen, obwohl sie von der Inflation profitieren und im Moment ihre Situation in der Regel nicht allzu schlecht war. Sie machen ihre Sparpolitik, um Gewinne zu maximieren, und das geht dann zulasten der einfachen Leute.

Die deutschen und internationalen Medien basieren die Zahl der Toten durch die Flut auf Angaben der Regierung Pakistans, meistens sind von mehr als Tausend die Rede. Stimmen eure Einschätzungen damit überein oder liegt die Zahl eigentlich weitaus höher?

Zuerst muss klar sein, dass höchstwahrscheinlich noch weitere Fluten und Monsune kommen werden, mittlerweile sind laut der Regierung mehr als 1500 Menschen gestorben. Aus den Eindrücken, welche ich sammeln konnte, und aus denen von Aktivist:innen, mit denen ich mich ausgetauscht habe, werden es wohl mehr sein, als in den Medien berichtet wird. Es war ja auch so, dass am Anfang in den Medien keine Berichte über die Fluten kamen, obwohl da bereits Menschen starben. Angesichts des Ausmaßes der Zerstörung ist die Zahl schon gering. 45 Prozent des Landes für Landwirtschaft wurde zerstört, wichtige Gerätschaften für die Produktion und Landwirtschaft, zwei Millionen Häuser, 246 Brücken und 6500 Kilometer Straße. In den nächsten zwei bis drei Monaten wird das Wasser voraussichtlich nicht verschwinden, eigentlich müsste auch bald die Getreideernte beginnen, doch dies sieht bisher schlecht aus. Das könnte zu einer riesigen Hungersituation führen. Eine Ergänzung zu der Frage wäre auch, dass bereits bei der Coronapandemie die Zahl der Toten nach unten geschätzt wurde, die Regierung wollte sich nicht verantwortlich zeigen. Auch die Medien hatten es schwer, ein Korrektiv zu bilden. Wenn arme Menschen in Pakistan sterben, interessiert es gerade die bürgerlichen Medien wenig, progressive Journalist:innen, die mehr berichten wollten, gab es durchaus, aber der pakistanische Staat unterbindet dies dann in der Regel. Die folgenden Statistiken zur Übersterblichkeit werden uns wahrscheinlich darüber Aufschluss geben.

Deutschland schiebt weiterhin Menschen nach Pakistan ab, was denkst du darüber?

Das ist einfach unfassbar ungerecht. Deutschland übt Druck aus auf den IWF, das deutsche Kapital profitiert von der Globalisierung, sie haben unsere Gebiete ausgebeutet. Das Kapital hat das Recht überall hinzugehen, aber Menschen dürfen das nicht und müssen deportiert werden? Wir leben durch den Neoliberalismus in schlechten Bedingungen, die uns auferlegt worden sind, gegen diese Ungerechtigkeit wehren wir uns! Es ist aber generell immer ungerecht, Menschen abzuschieben, egal in welcher Situation. Die Menschen aus Pakistan haben auch der Wirtschaft in Deutschland als billige Arbeitskräfte gedient und das ist dann der Dank. Ähnliche Argumente wie die deutsche Regierung nutzt auch die pakistanische, um gegen Menschen aus Afghanistan vorzugehen. Pakistan profitiert von ihnen und geht mit ähnlichen rassistischen Argumenten auf der anderen Seite gegen sie vor. Des Weiteren muss man noch ergänzen, dass eine Abschiebung nicht nur die abgeschobene Person selbst betrifft. Oft versorgt diese mit ihrer Arbeit ganze Familien in Pakistan, durch die Abschiebung nimmt Deutschland ganzen Familien die Lebensgrundlage und dies inmitten dieser fürchterlichen Krise.

Was denkst du über die Hilfen der Vereinten Nationen?

Der UN-Sekretär war gerade in Pakistan und meinte, wie schlimm alles ist. Er sprach von 30 Milliarden Dollar Schaden bisher, doch die finanziellen Hilfen, die Pakistan erhält, sind im Vergleich dazu nicht ansatzweise ausreichend.

Es soll wohl große Lager geben, in denen Geflüchtete in schlechten Bedingungen leben, was weißt du über die Situation dort?

Diese Camps sind leider nur für einen kleinen Teil der Menschen verfügbar, in den Camps selber ist die Situation aber auch nicht gut. Durch die schwülen klimatischen Bedingungen und die Moskitoplage ist es dort für alte Menschen, Frauen und Kinder besonders hart. Noch schlimmer wird es aber in zwei Monaten werden, denn dann sinken die Temperaturen und es wird Winter. Die Regierung muss ihre Gebäude für die Menschen aus den betroffenen Regionen öffnen, sie muss neue Häuser bauen, um endlich den obdachlosen Menschen Unterkunft zu geben!

Wie, denkst du, wird sich die Lage in nächster Zeit entwickeln?

Es wird von Tag zu Tag schlimmer, Krankheiten wie Malaria und Dengue breiten sich rasant aus, woran viele Menschen sterben. Und das Essen und Trinkwasser wird auch nicht mehr. Dengue kommt nun auch in die Städte, die nah an den Flutgebieten sind, eine Gesundheitskrise droht, wichtige Medizin ist auch durch die IWF-Kürzungen im Bereich der Gesundheit nicht verfügbar. Zusätzlich dazu sorgen auch die Preisanstiege dafür, dass sich die Menschen notwendige Behandlungen nicht leisten können.

Gibt es Initiativen aus der Bevölkerung?

Da die pakistanische Regierung viel zu wenig macht und insbesondere die armen Menschen im Stich lässt, braucht es auch Hilfe aus der Bevölkerung. Lokale Organisationen spielen in den überfluteten Regionen eine wichtige Rolle. Sie finanzieren Lebensmittel, Kleidung, helfen den Leuten und sammeln Spenden in den Städten und im Ausland. Sie leisten einen großen Beitrag. Natürlich ist trotz ihrer Hilfe die Lage weiterhin sehr schlimm, auch NGOs, linke Gruppen und Gewerkschaften spielen eine Rolle. Gerade sind auch rechte Kräfte stark involviert, sie sind in Pakistan wesentlich einflussreicher als die sozialen Kräfte, daher ist es umso relevanter, die Forderungen der Linken in Pakistan global zu unterstützen und ihnen bei ihrer Hilfe zu helfen.

In Deutschland ist die Katastrophe eher wenig präsent in den Medien, woran könnte das liegen?

Eine der Schlussfolgerungen aus der Katastrophe und Krise und unsere zentrale Forderung ist es, die Schulden Pakistans zu streichen. Pakistan muss nächstes Jahr 21 Milliarden an Schulden zurückzahlen, was fatal für die Menschen hier wäre. Für diese ungerechte Situation tragen natürlich die imperialistischen Länder wie Deutschland die Verantwortung, sie müssten eigentlich für die Katastrophe zahlen, denn sie haben sie verursacht. Das ist der Grund.

In Pakistan gab es am Anfang des Jahres einen Regierungswechsel, was hat sich geändert?

Im Prinzip hat sich nichts geändert, die vorherige Regierung hat das IWF-Programm beschlossen, die jetzige hat es umgesetzt. Sie haben die Leute auf eine Krise eingestellt und damit diese nicht so enden wird wie in Sri Lanka, haben sie Privatisierungen, Kürzungen und Steuererhöhungen gemacht. Die Kosten für Strom und Benzin sind viel mehr geworden, manche Produkte sind sogar um 500 Prozent teurer gemacht worden. Es gibt also keine wirklichen Änderungen, diese Regierung ist weiterhin die Regierung der Kapitalist:innen. Sie finanziert große Firmen und hat kein Problem damit, ganze Sektoren der Wirtschaft an Länder wie Saudi-Arabien und Dubai auszuverkaufen. Sie profitieren, wenn das Leben der einfachen Leute schlechter wird. Bereits vor der Flut hungerten Menschen, doch nun ist es zum ersten Mal so schlimm, dass es überall auch in Lahore Lebensmittelmangel gibt. In den Gegenden der Arbeiter:innen schicken die Leute ihre Kinder nicht zur Schule, ihnen fehlt auch das Geld für Ärzte und Besuche im Krankenhaus.

Was sind deine Forderungen an die Regierung Pakistans?

Die Regierung subventioniert die großen Unternehmen der Kapitalist:innen jedes Jahr mit etwa 27 Milliarden Euro. Statt an sie sollte dieses Geld an die Flutopfer gehen. Des Weiteren fordern wir die Reichen und Kapitalist:innen zu besteuern, die Regierung muss damit das Budget für Gesundheit erhöhen und Teams in die Gebiete entsenden, um die Menschen dort zu versorgen. Außerdem muss sie neue Häuser bereitstellen, denn um ein Haus zu finanzieren, müssen die Menschen hier mehr als 30 Jahre arbeiten. Wichtig ist es auch, dass lokale Komitees an der Verteilung mitarbeiten, denn Verantwortliche der Regierung benachteiligen sonst die armen Leute. Besonders die Ärmsten und Schwächsten müssten aber die Priorität seien!

Was möchtest du noch ergänzen?

Ich möchte gerne noch auf die Situation der Frauen hinweisen, sie leiden besonders stark und bekommen weniger Hilfe und sind mit mehr Hindernissen konfrontiert. Über 600.000 Frauen sind derzeit in den Flutgebieten schwanger, das ist eine dramatische Lage. Das Ganze ist eine große Herausforderung für die verhältnismäßig kleine feministische Bewegung. Dieser wollen wir uns aber gemeinsam mit verschiedenen Kräften stellen.

Gibt es etwas, was du unseren Leser:innen noch sagen möchtest?

In der einen Hand trägt natürlich auch die Regierung und die Bourgeoisie Pakistans eine Verantwortung, denn sie könnten Leute evakuieren und so weiter, aktuell sind sie weniger damit beschäftigt, die Krise zu bewältigen und mehr damit untereinander um die Macht zu kämpfen. Wie aber bereits zuvor ausgeführt, ist der Klimawandel für die Flut verantwortlich. Wichtig ist es daher nun, dass die internationale Klimabewegung und die Arbeiter:innenklasse die Forderung, Pakistans Schulden zu streichen, übernimmt! Sie müssen auch die Katastrophe in Pakistan nutzen, um zu verstehen, dass wir vor der Hochzeit der Klimakatastrophen stehen. Laut Klimaberichten war eine Steigerung von Fluten in Pakistan von 30 bis 40 Prozent erwartet, nun gehen wir von 400 bis 500 Prozent Steigerung aus. Wenn sich die globale Wirtschaft nicht ändert, wird sich dieser Zustand verstetigen. Wir brauchen einen Systemwandel, um den Zusammenbruch der Zivilisation zu verhindern, dafür hat die Arbeiter:innenklasse im Westen eine gigantische Verantwortung. Des Weiteren sind natürlich auch Spenden hilfreich, um den Opfern der Zerstörung zu helfen.

Es wäre gut, wenn mehr Organisationen sich der Frage annehmen. Falls sie Interesse daran haben, die Kampagne vor Ort zu unterstützen, oder einen gemeinsamen politischen Kampf zu führen, sollten sie uns gerne kontaktieren.

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