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Interview mit Anasse Kazib: „Sie haben Angst, dass ich auch dem letzten Arbeiter erkläre, dass wir alle in der gleichen kapitalistischen Hölle sind“

[DOSSIER ZU STREIKS IN FRANKREICH] Hier ist die deutsche Übersetzung des vollständigen Interviews, das Lynda Zerouk in der auf Medienkritik spezialisierten Publikation Arrêt sur Images mit Anasse Kazib geführt hat. Dort beschreibt dieser seine persönliche Geschichte und Militanz, kritisiert die französische Medienlandschaft und erzählt von seiner Intervention in den Medien und den Kontroversen, die er ausgelöst hat.

Interview mit Anasse Kazib: „Sie haben Angst, dass ich auch dem letzten Arbeiter erkläre, dass wir alle in der gleichen kapitalistischen Hölle sind“

Anasse Kaz­ib, Eisen­bah­n­er und Gew­erkschafter bei SUD Rail, Marx­ist und Kolum­nist im Pro­gramm Grandes Gueules [„Großmäuler“] tritt immer häu­figer auf, sowohl bei den Streik­posten als auch im Fernse­hen. Er ist ein wort­ge­wandter und unge­filtert­er Debat­tier­er, der CNews und France Inter kri­tisiert, aber erk­lärt, dass „man die Medi­en­land­schaft nicht ver­lassen“ dürfe, damit die Eliten nicht nur untere­inan­der reden.

Vom Mega­fon zum Mikro­fon ist es nur ein Schritt. Zumin­d­est kön­nte man das beim Anblick des Werde­gangs von Anasse Kaz­ib annehmen. Der 32-jährige Eisen­bah­n­er wurde von einem sehr aktiv­en Gew­erkschafter bei SUD Rail zu einem regelmäßi­gen Gast in Fernse­htalk­shows. Mehrmals bei LCI und CNews, ein­mal bei Bal­ance Ton Post, ein­mal bei RT…, aber vor allem bei RMC hören die Zuschauer seine Beiträge zu den ver­schieden­sten The­men, von der Eisen­bahn- oder Renten­re­form bis hin zu ein­er Kon­tro­verse über das Kopf­tuch, Mus­lime, das CICE (ein Steuervergün­s­ti­gungs­ge­setz für Unternehmen, AdÜ.) oder das Kli­ma. Jedoch war er noch nicht jen­er promi­nen­ter Kolum­nist bei Les Grandes Gueules (GG) von RMC, als [die Kul­turzeitschrift] Les Inrocks im April 2018 das Porträt des „Eisen­bah­n­ers und Aktivis­ten der SUD Rail und der NPA“ veröf­fentlichte und ihn als „rot­er als rot“ skizzierte. Damals war der Fam­i­lien­vater, Stell­w­erk­swärter bei der SNCF Paris-Nord, wie sein Vater und auch heute noch seine Frau und seine eigene Schwest­er, für seine Rolle als „Stütze des Streiks“ im Bahn­hof Gare du Nord gegen die Reform, die die SNCF für den Wet­tbe­werb öff­nen sollte, bekan­nt.

„Proletarier, Bourgeoisie, Klassenkampf…“ schleichen sich in die Debatte ein

Einen Monat nach dieser Veröf­fentlichung, im Mai 2018, machte er seinen ersten Auftritt in der Show Grandes Gueules. Mit­ten in der Kon­tro­verse nach den Äußerun­gen des Abge­ord­neten von Les Répub­li­cains [Mit­terechts, AdÜ.] Jean-Luc Reitzer, der sich nicht aus­re­ichend bezahlt fühlte, warf Anasse Kaz­ib dem Kolum­nis­ten Charles Con­signy vor: „Für jeman­den, der die Eisen­bah­nar­beit­er nach der Arbeit beobachtet, finde ich Sie sehr gefäl­lig gegenüber den Par­la­men­tari­ern“. Sein gesamter Beitrag, obwohl er noch ein Neul­ing in der Debat­te war, brachte ihm das Lob des Pro­duzen­ten der Show und der bei­den Mod­er­a­toren Alain Mar­shall und Olivi­er Tru­chot ein, wie Anasse Arrêt sur Images anver­traute. Das markierte den Beginn ein­er Zusam­me­nar­beit als Kolum­nist, dreimal im Monat abwech­sel­nd mit seinem Job als Eisen­bah­n­er und der Straße, die er nicht ver­lässt, in der Hitze der Kon­junk­tur und aktueller Ereignisse, was auch zu weit­er­er Medi­en­res­o­nanz (hier, hier und hier u.a.) führte.

Es ist dieser Kolum­nist und Aktivist, der „schnell wie ein Maschi­nengewehr“ und mit “sät­ti­gen­der Stimme” spricht, der die Gun­st eines loben­den Porträts in Le Parisien am 3. Jan­u­ar 2019 bekam, in dem er mit den Aspek­ten her­vorge­hoben wurde, die er in den Vorder­grund stellen wollte: denen des „rev­o­lu­tionär-marx­is­tis­chen“ Kämpfers, der „das Elend“ und „das Schick­sal der zukün­fti­gen Gen­er­a­tio­nen“ in den Mit­telpunkt der Debat­ten stellt, wobei er auch von der „Radikalität“ sprach, die ihm an den Gel­ben West­en gefiel, und im Vor­beige­hen an seine Fre­und­schaft mit einem der Anführer der Bewe­gung, Jérôme Rodriguez, erin­nerte. Seine Fernse­hin­ter­ven­tio­nen greifen bere­itwillig auf ein marx­is­tis­ches Vok­ab­u­lar zurück, das fast aus dem Radio und Fernse­hen ver­schwun­den ist: “Klassenkampf”, “Pro­le­tari­er”, “Bour­geoisie” usw.

“Verbaler Terrorismus”

Dieses Porträt hier kommt einige Tage nach ein­er hefti­gen Debat­te zwis­chen Anasse Kaz­ib und der LREM-Abge­ord­neten Fadi­la Mehal [LREM, La République en Marche, ist die Partei von Präsi­dent Macron, A.d.Ü.]. Am 29. Dezem­ber unter­brach Anasse Kaz­ib, der zu ein­er Diskus­sion über die Renten­re­form auf CNews ein­ge­laden war, die gewählte Abge­ord­nete mit der Bemerkung, dass sie „falsche“ Angaben zu den [Renten]Beiträgen mache. Er unter­brach sie dann noch ein­mal und die gewählte Vertreterin antwortete, dass „es sich um ver­balen Ter­ror­is­mus han­delt”. Kaz­ib ver­ließ daraufhin das Set.

Das Video wird viral und das Wort­ge­fecht wird von eini­gen Medi­en wie RT, Sput­nik, Le Parisien aufge­grif­f­en. Kaz­ib kam auf diesen Vor­fall in einem lan­gen Thread und zwei Videos auf Twit­ter zurück. „Ich sage zwei Worte, CICE, ISF…, und dann muss ich vier Leuten gle­ichzeit­ig antworten, sie wollen, dass du deinen Mund hältst, ein Arbeit­er sollte nur über Mer­guez und Streikkassen reden; Poli­tik ist für die Enar­chen [wie die Abgänger der École nationale d’administration (ENA) genan­nt wer­den, wo tra­di­tionell die Elite der franzö­sis­chen Ver­wal­tungs­beamten aus­ge­bildet wird, AdÜ.]“, schrieb er, dabei fügte er hinzu, er sei Mehal nicht ins Wort gefall­en. Er beschuldigt auch Dominique de Mont­val­on, einen Kolum­nist am Set und ehe­ma­li­gen Redak­teur von Le Jour­nal De Dimanche (JDD) wegen sein­er „Klassen­ver­ach­tung“ (siehe Video unten).

„Mich des ver­balen Ter­ror­is­mus zu beschuldigen ist sehr ernst, aber alle (Medi­en) haben sich auf diesen Angriff konzen­tri­ert, obwohl Fadi­la Mehal mir kurz zuvor noch Schlim­meres gesagt hat­te“, sagte Kaz­ib gegenüber ASI (Arrêt sur Images). Sie sagte: „Greifen Sie nicht in die Debat­te ein“. Für Kaz­ib ist dies genau das, was die Eliten wollen. „Sie wollen mit den Idioten reden, aber ich bin am Set und zer­störe live Mehals Wahlrede.“

“Die radikale Rechte, der schlimmste Feind der Arbeiter*innenklasse”

Von einem Ver­lassen der Medi­en­land­schaft durch den Stell­w­erk­swärter auf dem Rang­ier­bahn­hof Bour­get (93) [wo Anasse arbeit­et] kann also keine Rede sein. In einem Inter­view mit Arrêt sur Images liefert er eine unge­filterte Kri­tik an den Infor­ma­tion­s­me­di­en – an jenen, in die er immer noch inter­ve­niert, und an jenen, die er ablehnt –, wobei er ständig zwis­chen den Rollen des Kolum­nis­ten und des Gew­erkschafts- und poli­tis­chen Aktivis­ten gleit­et. Er ist überzeugt davon, dass jede sein­er Inter­ven­tio­nen die Rechte und vor allem die radikale Rechte, den schlimm­sten Feind der „arbei­t­en­den Welt“, stört. Er erzählt auch die Geschichte hin­ter den Kulis­sen von Les Grandes Gueules, eine Show, die wie geschaf­fen für den wortre­ichen und unge­filterten Kolum­nis­ten ist.

ASI: Was ist der Hin­ter­grund, wie Sie zur SNCF gekom­men sind?

Anasse Kaz­ib: Nichts prädes­tinierte mich für die SNCF, obwohl mein Vater dort angestellt war, ich bin als marokkanis­ch­er Arbeit­er angekom­men und im Alter von 18 Jahren fing ich dort mit Zeitverträ­gen an. Ich habe eigentlich einen Abschluss als tech­nis­ch­er Architek­ten-Assis­tent, was einem tech­nis­chen Abitur entspricht. Dann habe ich einen Wet­tbe­werb bestanden, um an der Ecole pro­fes­sion­nelle d’arts graphiques d’Ivry (Beruf­ss­chule der graphis­chen Kün­ste, AdÜ.) zu studieren. Aber der Geld­man­gel — das Schul­ma­te­r­i­al ist teuer — und die Langeweile bracht­en mich dazu, mein Studi­um im zweit­en Jahr zu unter­brechen. Danach arbeit­ete ich drei Jahre lang als Kuri­er im Bere­ich der Blu­tent­nahme, bevor ich Stell­w­erk­swärter bei der SNCF wurde.

ASI: Und was hat Sie dazu bewegt, schon sehr früh Mit­glied von SUD Rail zu wer­den?

Anasse Kaz­ib: Sehr schnell ver­sucht das Man­age­ment, mich nach Amiens zu ver­set­zen, was mir nicht passt, zumal meine Frau schwanger ist und nicht weit von zu Hause arbeit­et. Ich lehne es dreimal ab und ver­ste­he sehr schnell, dass es nicht gut ist, den Mund aufzu­machen. Ich habe das Gefühl, dass jemand ver­sucht, mich rauszuw­er­fen. Aber alles ändert sich, als ich einen Delegierten von SUD Rail ken­nen lerne und ich mit ihm über mein Prob­lem spreche. Die Gew­erkschaftsmit­glieder wer­fen sich sofort ins Boot und plöt­zlich mäßigt die Geschäft­sleitung den Ton mit mir und akzep­tiert schließlich, dass ich die Ver­set­zung ablehne. Dann ver­ste­he ich, welch­es Gewicht eine Gew­erkschaft bei der Durch­set­zung unser­er Rechte haben kann. Aber zunächst, im Jahr 2013, bin ich nur der SUD Rail beige­treten, um mich für ihr Ein­greifen zu bedanken. Der eigentliche Aus­lös­er kam dann mit der Bah­n­re­form 2015 und dem so genan­nten El Khom­ri-Arbeits­ge­setz unter der Präsi­dentschaft von Hol­lande. Ich hat­te zum ersten Mal für Hol­lande ges­timmt und sagte zu mir, so nicht! In der Poli­tik gibt es keine Wahl außer der Wahl zwis­chen der linken oder recht­en Bour­geoisie.

ASI: Sie entsch­ieden sich also für ein weit­erge­hen­des Engage­ment?

Anasse Kaz­ib: Ja, ich kan­di­dierte für einen Posten und im Novem­ber 2015 wurde ich für SUD Rail gewählt. Heute sind 50 % der Beschäftigten in meinem Sek­tor bei SUD Rail gew­erkschaftlich organ­isiert. Im Jahr 2017 hat­ten wir einen “Per­len­streik” von Jan­u­ar bis Mai mit ins­ge­samt 32 Streik­ta­gen, und nur für die Aktio­nen von Mai, bevor wir die Vere­in­barung zur Beendi­gung des Kon­flik­ts unterze­ich­neten, beka­men wir Arbeit­splatzange­bote, eine Prämie von 1000 Euro für die Angestell­ten für das Jahr 2017, die Schaf­fung von Arbeit­splätzen und ein verbessertes Man­age­ment.

ASI: Sie arbeit­en auch mit der linksradikalen Infor­ma­tion­s­seite Révo­lu­tion Per­ma­nente (NPA) zusam­men, die im Juni 2015 anf­ing, ein Name, der sich auf das Mot­to von Karl Marx bezieht.

Anasse Kaz­ib: Ja, weil ich immer wusste, dass Gew­erkschaft allein nicht genug ist. Im Jahr 2017, während ein Streik in Le Bour­get organ­isiert wurde, sprach kein Medi­um darüber, außer Révo­lu­tion Per­ma­nente [Teil des Nachrichten­net­zw­erkes La Izquier­da Diario und Schwest­er­seite von Klasse Gegen Klasse, AdÜ.]. Eines Tages kam ein Jour­nal­ist von Le Parisien. Er fragte uns nach den Auswirkun­gen des Streiks auf die Pas­sagiere und wir sagten „keine“, weil es sich um einen Fracht­streik han­delte. Dann schloss er sein Notizbuch. Er hielt es nicht für notwendig, mehr her­auszufind­en. Er gab sich mit ein­er kleinen Notiz zufrieden (die ASI hier gefun­den hat).

ASI: Wie ent­stand die Zusam­me­nar­beit mit dieser Web­site ?

Anasse Kaz­ib: Anlässlich von Nuit Debout und auf Demos traf ich viele Genoss*innen aus der Welt der Arbeiter*innenklasse. Durch die ständi­ge Begeg­nun­gen mit den Genoss*innen von Révo­lu­tion Per­ma­nente begann ich, mit ihnen über mein Inter­esse an den Medi­en und am Marx­is­mus zu sprechen. Ich, der nicht viele Büch­er las, außer denen, die in der Schule Pflicht waren, war von den Werken von Marx, wie Das Kap­i­tal, und denen von Leo Trotz­ki oder Anto­nio Gram­sci beein­druckt. Sie boten mir dann an, für die Web­site zu schreiben. Also schreibe ich Artikel, Leitar­tikel und seit Ende 2017 haben wir gemein­same Tre­f­fen. Für mich ist Révo­lu­tion Per­ma­nente Poli­tik der Real­ität, von unten, und nicht eine ENA-Poli­tik (Poli­tik der Eliten).

ASI: Kurz darauf, im Mai 2018, wur­den Sie Kolum­nist bei Grandes Gueules vom Sender RMC. Wie kommt man vom einen zum anderen, zwis­chen diesen bei­den Extremen?

Anasse Kaz­ib: Ich habe von meinem Vorar­beit­er über Grandes Gueules erfahren, als ich als Kuri­er für Blut­labors tätig war. Er schaute sich son­st nichts anderes an, und ich war sofort süchtig danach. Also machte ich meine Touren, während ich das Pro­gramm hörte, und ver­fol­gte alle Aus­gaben bis zum Ende meines Dien­stes. Was mir beson­ders gefällt, ist die Vielfalt des Pro­gramms und der Gäste. Fußball, Poli­tik, soziale The­men und es gab sog­ar das (Radio­pro­gramm) „Lahaie, die Liebe und du“, das alles hat mir gefall­en. Es herrscht totale Frei­heit, wir reden ohne Fil­ter. Als man mir also anbot, regelmäßig als Kolum­nist zu inter­ve­nieren, habe ich akzep­tiert.

ASI: Wie wur­den Sie ent­deckt?

Anasse Kaz­ib: Als Zuhör­er habe ich früher bei der Liveshow von Bour­din auf BFM/RMC tele­foniert und wenn man eine gute Inter­ven­tion macht, behält die Pro­duk­tion deine Tele­fon­num­mer und bietet dir an, später bei anderen The­men zu inter­ve­nieren. Im Mai 2018 sagte Anaïs Sin­sz, die Pro­gram­mgestal­terin und Kopro­duzentin der Sendung, zu mir: „Möcht­en Sie zu GG kom­men, um über Ihre Kar­riere zu sprechen, über den Job der Eisenbahner*innen im Rah­men der The­men­woche zur Ret­tung der öffentlichen Bahn?“ Ich akzep­tiere, aber ich stelle mich auf die Seite der Eisenbahner*innen, um den Streik zu vertei­di­gen. Nach der Show sagt Anaïs zu mir: „Es war fan­tastisch, kannst du über andere aktuelle The­men sprechen?“. Dann hat­te ich die Gele­gen­heit, es bei Charles Con­signy auszupro­bieren, das hat­te ich noch nie gemacht. Dann bekam ich eine Menge Kom­pli­mente, sog­ar von Tru­chot, Mar­shall, der mir sagte, dass man es mir anmerk­te, dass ich mich sehr wohl füh­le. Ich verkör­perte den Typ aus der Arbeiter*innenklasse, Fam­i­lien­vater, junger Mann aus Arbeiter*innenvierteln, Mus­lim, der in das Leben von Vere­inen und Gew­erkschaften einge­bun­den ist. Die anderen sind in der Regel alle mit der sel­ben Schere geschnit­ten.

ASI: Genau deshalb, haben Sie keine Angst davor, in dieser Rolle als ein­er Art “Kro­nzeuge” eingeengt zu wer­den, in ein­er Show, die die Polemik um den Islam und die Arbeiter*innenviertel auf­greift?

Anasse Kaz­ib: Über­haupt nicht. Mit mir oder ohne mich, ist es ein beliebtes Pro­gramm, das viel Aufmerk­samkeit erregt. Sie brauchen keine Kro­nzeu­gen, um zu existieren. Ich kenne keine Sendung mit einem gle­ich­w­er­ti­gen Pub­likum, in der über die Dik­tatur des Pro­le­tari­ats, den Klassenkampf, die Steuer­hin­terziehung gesprochen wird. Aber auch über Ökolo­gie. Als Pas­cal Can­fin (ehe­ma­liger grün­er Europaab­ge­ord­neter, jet­zt LREM) zum Set kam, sagte ich ihm, dass er ein Schar­la­tan der Ökolo­gie sei. Ich habe den Mod­er­a­tor von France 2, Patrick Sébastien, kon­fron­tiert, der in seinem Buch #Bal­ance­Ton­Porc [ähn­lich dem amerikanis­chen #Mee­Too] kri­tisiert. Am Ende habe ich nur sehr sel­ten über das Kopf­tuch oder den Islam gesprochen, ich habe viel mehr bezüglich der Gelb­west­en, zum Beispiel, gesprochen.

ASI: Sie wur­den kür­zlich von GG ein­ge­laden, Ihre Mei­n­ung zum Islam zu äußern, nach­dem Sie bei einem Marsch gegen die Islam­o­pho­bie am 10. Novem­ber erk­lärt hat­ten, dass „die SNCF Beschäftigte ent­lassen hat, die sich geweigert hat­ten, Frauen die Hand zu geben“ (ein Beschäftigter wurde aus ver­schiede­nen Grün­den ent­lassen, nicht nur aus diesem, wie Check News berichtet).

Anasse Kaz­ib: Ja, es stimmt, das Pro­gramm hat mich ein­ge­laden, über das The­ma zu sprechen, und ich habe zuge­sagt, um meine Kom­mentare [im Rah­men dieser Straße­nak­tion, A.d.Ü.], die unbe­holfen und gekürzt waren, zu verdeut­lichen. Die radikale Rechte nutzte die Gele­gen­heit, sich gegen mich zu ver­bün­den. Valeurs actuelles zuerst und dann L’ Incor­rect schrieben dann einen Artikel mit dem Titel “Auf dem Weg zur Salafisierung der franzö­sis­chen Gew­erkschafts­be­we­gung“.

ASI: Die Anschuldigun­gen vom „ver­balen Ter­ror­is­mus“, gefol­gt von den Artikeln in Valeurs actuelles und L’ Incor­rect zeu­gen von ein­er Span­nung in Ihren Inter­ak­tio­nen mit Ihren Gesprächspart­nern, wie erk­lären Sie sich das?

Anasse Kaz­ib: Ich stelle fest, dass die Art und Weise der Diskus­sion mit anderen Gew­erkschaft­skol­le­gen anders ist. Die Leute bit­ten mich immer, mit dem Schreien aufzuhören, sie kri­tisieren den Ton mein­er Stimme und sie zweifeln immer an dem, was ich sage, wegen mein­er sozialen Herkun­ft und mein­er religiösen Zuge­hörigkeit. Sie suchen in mir ständig nach „Radikalis­mus“. Mar­tinez (Gen­er­alsekretär der CGT) wird niemals als fun­da­men­tal­is­tis­ch­er Katho­lik beze­ich­net wer­den. Für L’ Incor­rect bin ich „Salafist“. Aber tief im Inneren ist das, was diese Leute am meis­ten has­sen, die radikale Linke; Reli­gion ist nur eine Fas­sade, um die Leute abzu­lenken. Wenn ich aus den Hän­den der Bour­geoisie fressen würde, bekäme ich vielle­icht die Ehren­le­gion. Die Linke lähmt die Bour­geoisie. Was ihnen Angst macht, ist, dass ich selb­st dem let­zten Bauern auf dem Land, selb­st dem let­zten Arbeit­er erk­läre, dass wir in der­sel­ben kap­i­tal­is­tis­chen Hölle sitzen. Wir (die Linke) stellen die Brüder­lichkeit und die Arbeiter*innenklasse wieder ins Ram­p­en­licht. Das ist es, was sie stört.

ASI: Haben Sie unter diesen Bedin­gun­gen das Gefühl, dass Ihre Worte in diesen Fernse­hde­bat­ten hör­bar sind?

Anasse Kaz­ib: Natür­lich. Wenn man den Leuten erzählt, dass es nicht Kad­er [togolesich­er ex-Fuss­ball­profi, der in Frankre­ich lebt, AdÜ.] war, der die Fir­ma Whirlpool zugemacht hat, dass es nicht Sami­ra [ein 10-jähriges libysches Mäd­chen, das aus seinem Land floh, um eine Kli­toris­beschnei­dung zu ver­mei­den, und der franzö­sis­che Staat beab­sichtigte, sie aus dem Land zu auszuweisen. AdÜ.] war, die die Ehren­le­gion in die Hände von Black­Rock gelegt hat, ver­ste­hen es selb­st die Dümm­sten. Schauen Sie sich an, wie die Gelb­west­en die Posi­tio­nen der radikalen Recht­en geschwächt haben. Heute vertei­digt die Rassem­ble­ment Nation­al unseren Streik, um ihren poli­tis­chen Kampf zu schla­gen. Tat­säch­lich habe ich gesagt, dass ich nicht auf ein Set gehen würde, wenn es einen Red­ner aus der radi­aklen Recht­en gibt, weil ich nicht als eine Art Ver­bün­de­ter für sie gese­hen wer­den möchte. Es gibt keinen schlim­meren Feind al RN, sie sind gegen Arbeiter*innen und gegen die Umwelt.

ASI: Wie kön­nen Sie mit Sicher­heit sagen, dass Sie hör­bar sind?

Anasse Kaz­ib: Die Streik­enden sind ger­ade dabei, den Mei­n­ungskampf über den Streik zu gewin­nen. Sehen Sie sich die let­zte Odoxa-Umfrage an (für Le Figaro und Fran­ce­in­fo). Mehr als 60% der Men­schen unter­stützen den Streik. Ob es dir gefällt oder nicht, die Leute sehen fern. Man geht in die Bistros, die Kebablä­den, CNews und BFM sind in ein­er Schleife, die Leute schauen zu. Ob sie zu Drahi oder Arnault [mil­lio­nen­schwere Geschäft­sleute, die diese Medi­en betreiben, AdÜ.] gehören, das kön­nen wir nicht ignori­eren. Entwed­er lassen wir sie das Wort ergreifen, um über All­ge­mein­plätze zu reden, oder wir gehen in die Are­na. Alles ist so aus­gerichtet, dass die Bürger*innen keine Zeit für Poli­tik haben. Es wäre das beste Geschenk an die Eliten, den Medi­en­raum zu ver­lassen und sie untere­inan­der reden zu lassen.

ASI: Bedeutet das, dass Sie zu allen Sets gehen?

Anasse Kaz­ib: Nein, ich war 2018 ein­mal am Set von Pas­cal Praud bei CNews, und ich sagte, es wäre das let­zte Mal. Ich mag diese her­ablassende Per­son nicht. Wenn ihm nicht gefällt, was du sagst, wird er zu einem pater­nal­is­tis­chen Men­schen. Die Pro­duk­tion schnei­det die Mikro­fone ab und verän­dert den Kam­er­awinkel. Es gibt Pas­sagen, in denen ich gesprochen habe und das Mikro­fon nicht „an“ war, ich dachte, ich würde sprechen, aber in Wirk­lichkeit habe ich nicht einge­grif­f­en. Außer­dem laden sie nur ultra-poli­tis­che Aktivist*innen wie Elis­a­beth Levy ein.

ASI: Was ist Ihre Mei­n­ung über die Medi­en im All­ge­meinen?

Anasse Kaz­ib: Mir fällt auf, dass es viele Pro­gramme gibt, bei denen man nicht alles sagen kann. In den Grandes Gueules habe ich völ­lige Frei­heit. Es gibt nie eine Vor- oder Nachbe­sprechung nach der Show. Dabei ist das Pro­gramm ziem­lich einzi­gar­tig, mit divergieren­den Posi­tio­nen, sog­ar die der Armen- und Arbeiter*innenviertel. Öffentlich-rechtliche Sender wie France Inter laden mich oder Leute wie mich nie ein. Es gibt jedoch das Pro­gramm C dans l’Air auf France 5, das ich beson­ders schätze. Nicht das von Yves Calvi, den ich auf die gle­iche Stufe wie Pas­cal Praud stelle, son­dern das von Car­o­line Roux und Axel de Tar­lé. Die Gastgeber*innen drän­gen die Gäste zu doku­men­tierten Analy­sen, so dass selb­st ein Redak­teur wie Bruno Jeudy bei einem Auftritt am Set von BFMTV, wo er sich geniert, völ­lig anders ist als bei France 5.

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