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Interview: Junger Antifaschist in Paris ermordet

Interview: Junger Antifaschist in Paris ermordet

Nach dem Mord an einem 19jährigen Antifaschis­ten gibt es Protest­demon­stra­tio­nen in ganz Frankre­ich. Ein Inter­view mit Philippe A, poli­tis­ch­er Aktivist an der Paris­er Uni­ver­sität Sci­ences Po. Er ist aktiv im Col­lec­tif Ètu­di­ant-e‑s Sol­idaires des Tra­vailleur-se‑s en Lutte (Kollek­tiv sol­i­darisch­er Studieren­der für Arbei­t­erIn­nen im Kampf) und in der Courant Com­mu­niste Révo­lu­tion­naire (Rev­o­lu­tionär-Kom­mu­nis­tis­che Strö­mung) der NPA.

Am Mittwoch abend wurde der 19jährige Antifaschist Clé­ment Méric in Paris von Recht­sex­tremen ermordet. Was ist genau passiert?

Clé­ment ver­ließ ger­ade einen pri­vat­en Klam­ot­ten­verkauf, der sowohl von AktivistIn­nen der radikalen Linken wie von Recht­sex­tremen aufge­sucht wird. Er und seine Fre­undIn­nen wur­den auf der Straße von Neon­azis ange­grif­f­en, sie schlu­gen mit Schla­grin­gen auf ihn ein, wobei er auf die Straße fiel und mit dem Kopf gegen einen eis­er­nen Pfos­ten geschleud­ert wurde. Die AngreiferIn­nen flo­hen, aber Clé­ment war schon tot, als er im Kranken­haus ein­geliefert wurde.

Du bist an der­sel­ben Uni­ver­sität aktiv wie er – wie hast du ihn per­sön­lich erlebt?

Clé­ment kan­nte ich von poli­tis­chen Aktiv­itäten bei Sci­ences Po. Wir haben z.B. gemein­sam Geld für den Streik­fonds der Arbeit­er beim Auto­her­steller PSA in Aulnay gesam­melt. Natür­lich haben wir auch miteinan­der disku­tiert – er war sehr jung und eher anar­chis­tisch drauf. Er has­ste die elitäre Ide­olo­gie, die an Sci­ence Po wie in der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft ins­ge­samt vorherrscht. An der Uni war er Mit­glied der Stu­den­tengew­erkschaft Sol­idaires Etu­di­ant-e‑s und auch aktiv in der Gruppe Action Antifas­ciste Paris-Ban­lieue.

Vor welchem Hin­ter­grund ereignete sich der Mord?

Je größer die Krise wird, desto mehr polar­isiert sich die Gesellschaft – was sich auch bei den Massendemon­stra­tio­nen von Kon­ser­v­a­tiv­en und Ultra-Katho­liken gegen die Homo-Ehe kristallisierte. Das förderte homo­phobe und reak­tionäre Verurteile aller Art – es gibt neo­faschis­tis­che Grup­pen, die meinen, angesichts dieser Proteste den Rück­halt der Öffentlichkeit für solche Attack­en zu haben.

Ver­ant­wortlich sind natür­lich die SprecherIn­nen der extremen Recht­en, aber auch die von der Sozial­is­tis­chen Partei (PS) gestellte Regierung muss man in die Pflicht nehmen. Die ihr nah­este­hen­den LBGT-Grup­pen, die sich auf der Straße für die Homo-Ehe einge­set­zt hat­ten, stell­ten ihre Aktiv­itäten näm­lich ein, sobald der Geset­zen­twurf vom Par­la­ment ver­ab­schiedet war. Sie über­ließen die Straße den reak­tionären Sek­toren.

Man darf auch nicht vergessen, dass die PS dur­chaus ras­sis­tis­chen Vorurteilen nachgibt, indem sie Men­schen ohne Papiere abschiebt, Roma krim­i­nal­isiert und deren arm­selige Woh­nun­gen zer­stört. Sie ver­bre­it­et auch islam­o­phobe Ideen. Hinzu kommt, dass sie bei Fab­rikschließun­gen mitwirkt und so den Boden dafür bere­it­et, dass verzweifelte Arbei­t­erIn­nen die Vorstel­lun­gen der extremen Recht­en übernehmen.

Was waren die bish­eri­gen Reak­tio­nen auf den Mord?

Es gab schon Kundge­bun­gen mit Tausenden Teil­nehmerIn­nen im ganzen Land. Ver­schiedene Organ­i­sa­tio­nen der radikalen Linken haben diesen poli­tis­chen Mord verurteilt und die Proteste mitor­gan­isiert. Es gab aber auch viele Unor­gan­isierte, die spon­tan auf die Straße gegan­gen sind, um ihre Empörung zum Aus­druck zu brin­gen.

Doch mein­er Mei­n­ung nach wäre es verkehrt, den Staat aufzu­fordern, die neo­faschis­tis­chen Grup­pen zu ver­bi­eten – ein solch­es Ver­bot kön­nte leicht auch gegen die radikale Linke angewen­det wer­den. Dabei würde man auch vergessen, dass der­selbe Staat seit jeher die Aktiv­ität der Nazis duldet, während kämpferische Gew­erkschaf­terIn­nen und linke AktivistIn­nen krim­i­nal­isiert wer­den, wenn sie für ihre Rechte kämpfen.

Wenn von der Auflö­sung “extrem­istis­ch­er” und “gewalt­tätiger” Grup­pen die Rede ist, müssten wir mit der extrem­istis­chen und gewalt­tätig­sten von allen anfan­gen: Mit der Nation­alpolizei. Zunächst aber müssen wir erst ein­mal die Selb­stvertei­di­gung der Arbeit­er­be­we­gung und der Linken gegen rechte Grup­pen organ­isieren. Die Gerechtigkeit für Clé­ment wer­den wir nur auf der Straße durch­set­zen!

Welche Lehren kön­nen linke Studierende daraus ziehen?

Neben der aktiv­en Selb­stvertei­di­gung ist der Kampf gegen den Faschis­mus vor allem ein poli­tis­ch­er. Wir stu­den­tis­chen AktivistIn­nen müssen uns mit der Arbeit­er­be­we­gung ver­net­zen – wie auch Clé­ment ver­suchte –, denn sie ist eine soziale Kraft, die den Faschis­mus schla­gen kann. Und es geht nicht nur darum, gegen einzelne Nazi­grup­pen zu kämpfen, son­dern gegen die sozialen Ursachen dieser Ide­olo­gie, d.h. gegen den Kap­i­tal­is­mus in der Krise.

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