Brot und Rosen

Interview: Gegen das Barbie Dreamhouse

Interview: Gegen das Barbie Dreamhouse

In Berlin eröffnet demnächst ein "Barbie Dreamhouse" – Proteste dagegen sind in Vorbereitung. Ein Gespräch mit Franziska Sedlak, Studentin der Wirtschaftswissenschaften an der HTW Berlin und Aktivistin des Linkspartei-nahen Jugendverbands Linksjugend-[’solid] sowie der SAV in Berlin-Neukölln

Am 26. März sollte in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes ein "Barbie Dream House" eröffnen. Was ist das überhaupt?

Auf 2.500 Quadratmetern soll ein Barbie-"Traumhaus" entstehen. Dort sollen kleine Mädchen binnen einer Stunde durch zehn Räume voller Rollenklischees geschleust werden: Kochen, schminken, shoppen ist die Devise. Als Höhepunkt können sie wählen, ob sie "Superstar" oder lieber "Top Model" werden möchten. Sie bekommen ein Laufstegtraining, eine Stylingberatung und ein professionelles Fotoshooting. Der rosa Protzbau wird zur Zeit auf einem Parkplatz in Berlin-Mitte gebaut. Die für den 26. März geplante Eröffnung wurde allerdings auf den 16. Mai verschoben.

Was macht ihr dagegen?

Wir nutzen die Zeit für eine breite Öffentlichkeitskampagne, unter anderem auf Facebook. Wir organisieren Treffen, bei denen wir über Rollenbilder, Sexismus und die wirtschaftliche Situation der Frau diskutieren. Gleichzeitig planen wir eine Demonstration gegen die Eröffnungsfeier im Mai, zusammen mit der Frauenpolitischen AG der SDAJ.

Die Figuren der Zeichentrickserie "Simpsons" kritisierten, Barbie werde jungen Mädchen als Vorbild mit riesigen Brüsten und dummen Sprüchen präsentiert. Was ist Ihre Kritik als sozialistischer Jugendverband?

Mit Barbie wird ein völlig unnatürliches Schönheitsbild produziert, die Figur würde nicht überleben sondern in der Mitte durchbrechen. Sie ist reaktionär, indem suggeriert wird, es sei die einzige Aufgabe der Frau, schön zu sein, hochhackige Schuhe zu tragen und jederzeit einen frischen Kuchen im Ofen zu haben. Da werden im Kindesalter schon Rollenbilder vermittelt, die dann das ganze Leben prägen.

In letzter Zeit ist von der "Pinkifizierung" der Lebenswelt von Mädchen die Rede. Gibt es einen "Rosa Rollback" – d.h. bekommen junge Frauen klischeehafte Rollenbilder stärker aufgedrückt als früher?

Von "Pinkifizierung" kann man durchaus sprechen. Man denke nur an das rosa Überraschungsei für Mädchen, pinkfarbene Lego-Serien oder die ganz in rosa gehaltene Kinderabteilung eines beliebigen Textilgeschäfts. Das ist jedoch noch kein Rollback zurück in alte Klischees – es wäre ja heute unvorstellbar, dass Frauen nicht mehr studieren dürften.

Statt dessen werden Rollenbilder für Frauen immer komplexer. Also sie sollen die liebende Mutter, die stets gepflegte Ehefrau, die kochende Hausfrau sein – und gleichzeitig noch eine steile Karriere machen. 90% der Kindererziehung, der Pflege von Angehörigen, der Wäsche, des Kochens, des Putzens usw. wird von Frauen ohnehin kostenlos zu Hause erledigt, anstatt es gesellschaftlich zu organisieren. Wem das nützt? Dem Kapital.

Wie steht das in Verbindung zu aktuellen Protesten gegen sexualisierte Gewalt und Frauenunterdrückung, etwa "Slutwalk" oder "One Billion Rising"?

Das Barbie Dreamhouse ist ein Symptom der Frauenunterdrückung. Die strukturelle Benachteiligung von Frauen findet auf verschiedenen Ebenen statt. Es gibt die ökonomische Benachteiligung durch die Lohnkluft und die Doppelbelastung durch unbezahlte Hausarbeit. Dadurch befinden sich Frauen in einer ökonomischen Abhängigkeit gegenüber ihrer Männer. Insbesondere in Krisenländern wie Portugal sieht man den Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und der wirtschaftlichen Situation: Seit Beginn der Krise haben sich die Fälle häuslicher Gewalt in Portugal verdoppelt.

Gleichzeitig erleben wir in den letzten zehn Jahren eine immer stärkere Objektifizierung der Frau in den Medien. Frauen werden in den Medien zur Ware gemacht, die jederzeit jedem zur Verfügung stehen soll. Auch in der Werbung wird die Idee reproduziert, dass Gewalt gegen Frauen okay sei; dass eine Frau eigentlich "ja" meint, wenn sie "nein" sagt. Dagegen kämpfen internationale Kampagnen wie "Rape is no Joke" (Vergewaltigung ist kein Scherz) und auch wir als sozialistischer Jugendverband.

Denn auch die Funktion von Barbie in ihrem Dreamhouse ist es, sich unbezahlt um den Haushalt zu kümmern, jederzeit sehr schön zu sein und ihrem Freund Ken immer zur Verfügung zu stehen.

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