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Interview: „Die Schließung von Kaufhof bedeutet ALG I und Bewerbung bei Amazon“

Seit heute ist es offiziell: 62 der 172 Karstadt Kaufhof Filialen sollen schließen, zudem 20 Sport-Filialen. Mindestens 6.000 Beschäftigte sollen ihren Arbeitsplatz verlieren. Wir haben mit Miriam und Peter, die dort einige Zeit gearbeitet haben, gesprochen. Die Eltern von drei Kindern sagen: „Ohne Kaufhof ist die Stadt tot.“ Interview von Marius Rautenberg

Interview: „Die Schließung von Kaufhof bedeutet ALG I und Bewerbung bei Amazon“

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Peter und Miriam (Namen geändert) sind Mitte 30 und leben in einer mittelgroßen Stadt in Nordrhein-Westfalen. Seit etwa 3 Jahren arbeitet Peter vor Ort im Kaufhof. Miriam hat letztes Jahr dort in Teilzeit gearbeitet, bis sie gekündigt wurde.

Marius: Hallo ihr beiden, der Laden macht am 31. Oktober dicht. Ein großer Schock?

Peter: Es war absehbar, dass wir schließen würden. Viele Häuser sind marode. Die Rolltreppen, die wir haben, sind Original aus den 1950ern. Auch die Aufzüge sind älter als ich. Da wird kein Sanierer noch Geld reinstecken.

Marius: Wurde Kaufhof gezielt auf eine Schließung kaputt gespart?

Peter: Es gab mindestens seit März Listen, welche Häuser schließen sollten. Aber erst heute wurden wir informiert. Nicht einmal die Betriebsräte wussten Bescheid. Seit der Fusion von Karstadt und Kaufhof erfährt man als Beschäftigter rein gar nichts, oder erst wenn es zu spät ist und man nichts mehr unternehmen kann. Ich habe das Gefühl, dass die Geschäftsführung so ein Angstvakuum aufrecht erhalten will, damit alle weiter funktionieren, damit alle sich die Schuld untereinander zuschieben.

Miriam: Bei der Fusion sollte das Beste von Karstadt und von Kaufhof genommen werden: In der Realität hieß das, alles von Karstadt und nichts von uns. Wir haben dann gesagt, dass wir nicht mehr auf der „grünen Kaufhof-Wiese“ sind, sondern in der „blauen Karstadt-Hölle“, ein Begriff, der von den Karstadt-Beschäftigten selbst kam. Als Karstadt kam, wurde uns, den Kaufhof-Leuten all unser Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld etc. weggestrichen, um die Gehälter der Karstadt-Beschäftigten zu sanieren. Die Gehaltserhöhungen sind ja richtig, aber dann sollen sie doch nicht im Gegenzug unsere Löhne absenken.

Marius: Also wurde alles schlechter nach der Fusion?

Miriam: Man hätte die Strukturen von Karstadt und Kaufhof nicht zusammen legen dürfen. Es gibt massive Fehlbestände. Wenn man mitbekommt, wofür Gelder da sind und wofür nicht, dann ist das schon grenzwertig. Für hochwertige neue Möbel ist Geld da, aber nicht für Löhne.

Was ich so krass finde: Nimm drei Packungen Schokolade aus dem Regal, zwei davon sind garantiert abgelaufen. Da wurden auch ohne Ende Kasserollen geliefert aus den Lagerhallen, damit man die leer bekommt, weil die jetzt auch dicht machen. Alles unnützes Zeug.

Peter: Die hätten was aus den Häusern machen können, statt die Mitarbeiter auszupressen. Vorher hattest du ein Haus, das funktioniert hat und jetzt eine marode Baustelle, die gar nicht mehr läuft. Früher hat jede Filiale gesehen, was rein und was raus ist an Waren. Das geht nach der Zentralisierung in Essen heute nicht mehr. Kein Überblick.

Miriam: Das Beste war, als die Kassen abgebaut wurden und die Kunden nicht mehr die Kassen gefunden haben. Dann haben die Leute in einem anderen Stockwerk die Sachen einfach liegen lassen uns sind gegangen.

Den älteren Kollegen sieht man die Angst in den Augen stehen

Marius: Wie verändert sich durch die Schließung das Leben in eurer Stadt?

Miriam: Schon meinen Schulrucksack hat meine Mutter für mich bei Kaufhof gekauft. Und ich habe den für meine Tochter dort gekauft. Wenn Kaufhof aus dem Stadtbild verschwindet, ist die Stadt tot. Dann gibt es hier nur noch Nagelstudios, Shisha-Bars, Ein-Euro-Shops und Handyläden. Shopping vor Ort funktioniert dann hier nicht mehr. Von Corona betroffene Kleinunternehmen fahren alle an die Wand. Jetzt wurde auch noch die größte Kirmis Europas in NRW abgesagt. Die Schausteller haben sie alle kaltgestellt, die sind jetzt 15 Monate ohne Geld. Und dann kommt so ein Benko und nutzt Corona und macht den Laden dicht.

Peter: Der Kaufhof ist immer schon Teil des Stadtbildes. Es gibt da Kollegen, die arbeiten, schon länger, als ich lebe. Zwei Kollegen haben mit 14 angefangen und einer mit 16, die sind jetzt in Rente gegangen. Die waren seit Anbeginn der 70er dabei. Ein paar sind auch von Horten rübergegangen, als die 1994 dicht gemacht haben.

Die jüngeren Kollegen sind mit der jetzigen Situation einigermaßen entspannt. Aber dann hat man die älteren Semester, denen sieht man die Angst in den Augen stehen. Wir haben viele, die Anfang, Mitte 50 sind, die werden arge Probleme kriegen.

Marius: Was bedeutet die Schließung jetzt für euch als Familie mit Kindern?

Miriam: Die finanzielle Situation ist nicht einfach. Aber als Familie mit drei Kindern wird man zum Glück relativ gut aufgefangen. Der einzige Grund, warum ich Schiss vor der Arbeitslosigkeit habe, ist, weil es kein Vorbild für die Kinder darstellt, ich habe Angst um meinen gesellschaftlichen Status. Man merkt es sehr schnell wie die Lehrer urteilen, ob das Kind Eltern mit Hartz IV hat, es aus einer Arbeiterfamilie oder von Akademikern kommt. Das fängt schon im Kindergarten an. Welche Schuhe trägt dein Kind? Das ist unsere Klassengesellschaft in der man sich ständig durchkämpfen muss.

Marius: Wie geht es jetzt für euch weiter? Eine richtige Abfindung gibt es ja nicht?

Peter: Richtig, höchstens eine Insolvenzabfindung, die ist gedeckelt auf 1,5 Monatsgehälter. Es soll eine Transfergesellschaft geben. Wenn ich am 31. Oktober ausscheide, kann ich für sechs Monate in eine Transfergesellschaft geben. Dann komme ich in Kurzarbeit mit ein paar Prozent, die Karstadt dazu gibt. Damit kann ich die Arbeitslosigkeit rauszögern. Dann heißt es ALG I und Bewerbung bei Amazon.

Marius: Wieso haben die Betriebsräte und die Gewerkschaft ver.di dann den Schließungs-Plänen zugestimmt?

Peter: Es ist schwierig zu kämpfen, denn die Häuser sind marode. Der Betriebsrat hat dagegen geschossen, dass weitere 10 Prozent gefeuert werden. Das hat immerhin geklappt. Aber das Problem war auch, dass dir die Investoren deinen Kampfgeist nehmen. Du arbeitest nur noch mit stupiden Arbeitsmitteln und bist nur noch mit Fehlerkorrektur beschäftigt und kommst nicht mal zu deiner eigentlichen Arbeit. Früher waren wir ein Team, aber dann wurden wir aufgeteilt. Jetzt heißt es, Person XY ist Kasse, YZ ist WST (Warenserviceteam)… Irgendwann nennt man die Leute nicht mal mehr beim Namen. Das wird einem so eingemünzt, dass man das selbst übernimmt. Wenn dann jemand kommt und fragt: „Kommste mit auf die Straße, wir protestieren dagegen“, dann fragst du dich auch, gegen was denn?

Marius: Die Spaltung der Belegschaft ist sicherlich ein Problem. Dass ver.di keinen Alternativvorschlag aufgestellt hat, wie so ein Kaufhaus zu führen ist, ein anderes.

Peter: Wenn du in ein Kaufhaus läufst, erwartest du Beratung, sonst kannst du auch Online bestellen. Aber wenn da keiner mehr ist für die Beratung, dann hast du auch kein Kaufhaus. Gegen den Strukturwandel braucht es ein Konzept, aber nicht alles auf Kahlschlag, alles wegnehmen und zurück auf die 80er Jahre stellen.

Marius: Welches Konzept könnte das sein?

Peter: Grundsätzlich würde ich die Häuser anders nutzen mit vernünftigen Sanierungsmodellen. Wenn man schon die Preisschlachten mit den Online-Anbietern führt, warum setzt man dann nicht voll auf die Beratungsschiene? Wir sind viel zu spät in Online-Handel gegangen und haben uns überholen lassen. Wir hatten veraltete Konzepte und ständig neue CEOs, die für sich Geld rausgezogen haben. Warum sollte das jetzt funktionieren?

Und auch im Haus. Vor zwei Jahren haben sie erst bei veralteten Lichtanlagen, Heizungen und Dächer nachgebessert. Das hätte man schon viel früher machen müssen. Da hätte man sogar Gelder von Vater Staat bekommen, um das zu machen.

Marius: Sollte der Staat nicht auch den Investor und Multimilliardär Benko in die Pflicht nehmen?

Peter: Wenn es Geld vom Staat gibt, müsste der den Unternehmen auch Vorgaben machen: Bis hierhin und nicht weiter! Während Benko immer reicher wird, verlieren wieder 6.000 Menschen ihren Job. Da stimmt doch was nicht. Wieso ist es rechtens, dass ein Unternehmen mit seinem Hauptsitz nach Luxemburg geht, und dann in dem Land wo er seine Läden hat, keine Steuern zahlt?

Stimmen der Beschäftigten
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