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„Die Frauen in Rojava treiben die Rätedemokratie am stärksten voran“ – Interview mit Anselm Schindler

Anselm Schindler berichtet im Interview aus Kurdistan über das Unabhängigkeitsreferendum im Nordirak, den Kampf gegen den IS, basisdemokratische Strukturen und die Selbstorganisierung der Frauen. Das Interview führte Robert Müller.

„Die Frauen in Rojava treiben die Rätedemokratie am stärksten voran“ – Interview mit Anselm Schindler

Foto: Anselm Schindler

Du bist gerade zu Recherchezwecken für einige Monate in Kurdistan, wie schätzt Du die aktuelle Situation ein?

Die Lage ist in allen vier Staaten, auf die Kurdistan aufgeteilt ist, also die Türkei, Syrien, Iran und Irak angespannt. In Türkisch-Kurdistan können wir von einem Bürger*innenkrieg zwischen der kurdischen Bevölkerung und den militanten Einheiten der kurdischen Linken auf der einen, und dem türkischen Staat auf der anderen Seite sprechen. Über die Massaker des türkischen Staates wird ja seit einiger Zeit auch in westlichen Medien berichtet, es kommen aber nur Bruchteile von dem an, was in Türkisch-Kurdistan passiert. Das türkische Militär geht seit einigen Wochen wieder dazu über, Wälder an Berghängen anzuzünden, immer wieder kommt es deshalb zu großen Waldbränden. Damit versucht das Militär, die Rückzugsräume und die Infrastruktur der HPG (militärische Einheit der PKK) einzuschränken. Auch Dörfer wurden in den vergangenen Monaten immer wieder angezündet. Auch im Iran kam es in den vergangenen Wochen immer wieder zu Massenprotesten und Gefechten zwischen dem bewaffneten Arm der kurdischen PJAK (Partei für ein demokratisches Leben in Kurdistan) und dem iranischen Militär. Auslöser war die gezielte Tötung von sogenannten Schmugglern an der iranischen Grenze.

Wie ist die Lage in Rojava, dem kurdischen Nordsyrien?

Der türkische Staatschef ist sauer, weil die kurdischen und arabischen Milizen Rojavas immer größere Teile Syriens befreien. Es war nicht zuletzt Erdoğan, der den Bürger*innenkrieg immer weiter angeheizt hat, auch über die Unterstützung der jihadistischen Opposition. Er hat sich in Syrien einen größeren Einfluss erhofft, doch der zerrinnt ihm mit der Ausweitung der basisdemokratisch selbstverwalteten Gebieten in Rojava immer mehr zwischen den Fingern. Im nordsyrischen Raqqa haben die von den mehrheitlich kurdischen Volksverteidigungskräften YPG angeführten arabisch-kurdischen Syrian Democratic Forces (SDF) inzwischen rund drei Viertel der Stadt vom sogenannten Islamischen Staat (Daesh) befreit. Und vor einigen Tagen haben die SDF auch den Vormarsch auf Deir ez-Zor verkündet, einer mehrheitlich arabischen Stadt, die rund 150 Kilometer südwestlich von Raqqa liegt. Inzwischen sind die Einheiten bis auf die Vororte von Deir ez-Zor vorgerückt, das zur Hälfte von Daesh, zur andern Hälfte von Assad-Truppen gehalten wird. Erdoğan versucht gegenzusteuern und den Vormarsch von außen zu schwächen: In den vergangenen Monaten wurde ja auch immer wieder über einen möglichen Einmarsch des türkischen Militärs im Kanton Erfrin, im äußersten Nordwesten der Selbstverwaltungsgebiete Nordsyriens spekuliert.

Trotz der Beteiligung der PYD an der internationalen Koalition gegen den IS, gelten die PKK und ihr nahestehenden Organisationen in Deutschland als Terrororganisationen. Kürzlich wurden in München zwei Wohnungen von der Polizei durchsucht, wegen einer Fahne der YPG auf Facebook. Wie reagieren die Menschen in Kurdistan auf die Repression im Ausland?

Auf den linken kurdischen Fernsehkanälen wird viel über die Lage der kurdischen Freiheitsbewegung in Deutschland und auch über andere Protestbewegungen in Deutschland und anderen europäischen Ländern berichtet. Die meisten Menschen, mit denen ich hier über die Repression in Deutschland spreche, können nicht verstehen, weshalb die Bundesrepublik Erdoğan über Jahre mit Kapital und Waffen unterstützt hat und das teils immer noch tut, während linke Kurd*innen in Deutschland wegen angeblicher PKK-Mitgliedschaft oft jahrelang hinter Gitter wandern.

Was ist deine Meinung zum umstrittenen Unabhängigkeitsreferendum in den kurdischen Gebieten des Irak?

Dieses Referendum sorgt auf jeden Fall für Zündstoff: Letztlich haben sich alle Staaten im Westen, aber auch im sogenannten Nahen Osten, gegen das Referendum ausgesprochen – einschließlich die Zentralregierung im irakischen Bagdad, die das Referendum kürzlich abermals für illegal erklärt hat. Nur Israel hat sich für die Unabhängigkeit Irakisch-Kurdistans ausgesprochen, weil die rechte israelische Regierung an der Schwächung der arabischen Staaten in der Region interessiert ist. Eine Schlüsselrolle spielt, was das Referendum betrifft, der türkische Staat und sein autokratischer Regierungschef: Erdoğan hat das Referendum immer wieder öffentlichkeitswirksam abgelehnt. Die Frage ist aber, inwieweit ihm eine Unabhängigkeit nicht eigentlich gelegen käme.

Was spräche denn aus Sicht Erdogans für die Unabhängigkeit der kurdischen Autonomieregion?

Die vom rechten und neoliberalen Barzani-Klan verwalteten Gebiete im Norden des Irak sind sehr stark von der türkischen Ökonomie abhängig. Vor rund zwei Jahren hat Barzani beschlossen, die Ölgeschäfte künftig nicht mehr über Bagdad, sondern über die Türkei abzuwickeln. Nicht zuletzt ist die Region auch von türkischen Importen und von türkischem Kapital abhängig. Die Strategie des türkischen Subimperialismus war es in den vergangenen Jahren, Barzani gegen die irakische Regierung auszuspielen und die kurdische Region des Nordirak in den Dienst des türkischen Kapitals zu stellen. Fraglich ist also, ob eine mögliche Unabhängigkeit Erdoğan nicht eigentlich in den Kram passt, weil er seinen Einfluss dann weiter ausbauen kann, ohne dass Bagdad dazwischenfunkt. Aber die entscheidende Frage ist eigentlich eine andere: Was würde eine Unabhängigkeit der kurdischen Bevölkerung des Irak bringen? Vermutlich nicht viel. Denn vom Ölreichtum haben bislang nur die Eliten, die einflussreichen Klans der Region profitiert, die Region befindet sich schon seit einigen Jahren in der Krise, darunter leidet die lohnabhängige Klasse am meisten. Daran wird auch das Referendum nichts ändern – egal wie es ausgeht.

Für andere Zeitungen schreibst Du über Basisdemokratie in Rojava. Welches konkrete Beispiel für Basisdemokratie in Rojava hat Dich auf Deiner Reise am stärksten fasziniert?

Beeindruckt bin ich immer wieder von den autonomen Frauenstrukturen. Auf allen Ebenen des Rätesystems gibt es Quoten für Geschlechter, zusätzlich können die Frauenstrukturen in allen Bereichen Entscheidungen der Räte kippen, wenn sie dadurch Frauen benachteiligt sehen. Das ist der strukturelle Teil. Aber bemerkbar macht sich der Kampf der Frauen auch im Alltag. Dort müssen sie sich immer wieder gegen verkrustete Strukturen und Machogehabe durchsetzen. Ich habe es oft erlebt, dass junge Frauen ältere Männer unterbrechen, wenn die zu viel oder zu ausschweifend reden oder ihnen das Wort nehmen. Das wäre in der Region noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen. Die Erfolge der feministischen Strukturen sind an vielen kleinen Details des Alltagsleben bemerkbar: Am Blick und am Händedruck der Frauen, und daran, dass man in Rojava immer weniger junge Frauen trifft, die ein Kopftuch tragen. Was Geschlechterfragen betrifft, bestehen in einigen Bereichen aus einer linken Perspektive aber auch noch Defizite: Zum Beispiel gibt es bislang kaum Strukturen für Menschen, die homosexuell sind oder sich nicht einem von zwei Geschlechtern zuordnen wollen. Aber auch LGBTI-Fragen werden bereits an der Basis diskutiert.

In Rojava kämpfen bewaffnete Frauengruppen gegen den IS. Das ist großartig! Die Organisierung und Bewaffnung von Frauen ist etwas, was alle revolutionären Organisationen vorantreiben sollten. Was sind die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen der Fraueneinheiten und was benötigen sie, um erfolgreich zu sein?

Die Frauen von Rojava wissen am besten selbst, was sie brauchen und wollen. Als Europäer, und dazu noch als Mann ist es eigentlich nicht meine Aufgabe, das zu beantworten. Trotzdem kann ich einige Eindrücke schildern: Es wird von den Frauen in der Region immer wieder betont, dass sie ernst genommen werden wollen und dass sie bereit sind, sich dieses Recht zu erkämpfen. Diese Bereitschaft haben die Frauen in der Geschichte der kurdischen Freiheitsbewegung auch immer wieder gezeigt: Auch in der PKK, welche die Revolution in Rojava maßgeblich beeinflusst hat, mussten sich die Frauen ihren Platz in den Reihen der Guerilla und bei den politischen Arbeiten immer wieder erst selbst erkämpfen – oft gegen den Widerstand der Männer. Die Frauen in Rojava kämpfen an zwei Fronten: An der gegen Daesh und an der gegen das Patriarchat in der eigenen Gesellschaft. Von Aktivist*innen hört man in Rojava immer wieder, dass es gerade die Frauen sind, die den Aufbau der basisdemokratischen Gesellschaft, der Rätedemokratie, am stärksten vorantreiben.

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