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Interview: Die Fabrikbesetzung von Greif

Seit 10. Feb­ru­ar hal­ten die Arbei­t­erIn­nen eine Fab­rik des Ver­pack­ung­sh­er­stellers Greif in Esenyurt, Istan­bul, beset­zt. Greif hat in Istan­bul drei weit­ere Fab­riken. Am 17. März haben die Greif-Arbei­t­erIn­nen auch die Gew­erkschaft DISK/Textil beset­zt und die Gew­erkschafts­bürokratie zur aktiv­en Unter­stützung aufge­fordert.

Interview: Die Fabrikbesetzung von Greif

// Seit 10. Feb­ru­ar hal­ten die Arbei­t­erIn­nen eine Fab­rik des Ver­pack­ung­sh­er­stellers Greif in Esenyurt, Istan­bul, beset­zt. Greif hat in Istan­bul drei weit­ere Fab­riken. Am 17. März haben die Greif-Arbei­t­erIn­nen auch die Gew­erkschaft DISK/Textil beset­zt und die Gew­erkschafts­bürokratie zur aktiv­en Unter­stützung aufge­fordert. //

Kannst du dich bitte vorstellen?

Ich bin DISK/­Tex­til-Vertreter der Region Esenyurt und mein Name ist Engin Yıl­gın. (DISK: Kon­föder­a­tion der Rev­o­lu­tionären Arbeit­ergew­erkschaften der Türkei. DISK/Textil: Mit­glieds­gew­erkschaft der Tex­tilsparte.)

Sind sie Arbeit­er hier bei Greif? Habt ihr als Arbeit­er in dieser Fab­rik gear­beit­et?

Ja. Ich habe sechs Monat­en hier gear­beit­et. In dieser Zeitspanne haben wir mit den Arbei­t­erIn­nen die Organ­isierung ges­tartet. Wegen gesund­heitlichen Prob­le­men musste ich meine Arbeitsstelle ver­lassen. An der Organ­isierung habe ich mich von außen weit­er­hin beteiligt. Auf­grund der ges­tarteten Organ­isierung hat die Gew­erkschaft mir das Ange­bot gemacht, gemein­sam zu arbeit­en und mit ihr diese Arbeit in der Fab­rik fortzuführen. So bin ich als regionaler Vertreter von Esenyurt bei Gew­erkschaft DISK/Textil tätig gewor­den.

Was ist der Greif-Kampf und wie hat er begonnen?

Wie bei jed­er Fab­rik war das Prob­lem, dass die Löhne sehr niedrig waren und es Lei­har­beit gab. In dieser Fab­rik waren 44 Lei­har­beits­fir­men tätig. Das waren die dringlich­sten Prob­leme. Gle­ichzeit­ig waren die Rechte der Arbei­t­erIn­nen vom Chef abhängig und es gab oft Arbeit­sun­fälle. Vor diesem Hin­ter­grund wurde die gew­erkschaftliche Organ­isierung ges­tartert und unsere Kol­legIn­nen haben ihr Ver­fas­sungsrecht benutzt, um Gew­erkschaftsmit­glieder zu wer­den. Es wurde ein Kampf ges­tartet, weil die Tar­ifver­hand­lung nicht von der Arbeit­erge­ber­seite akzep­tiert wurde. Die Arbei­t­erIn­nen haben die Ini­tia­tive über­nom­men, ohne die geset­zliche Zeitbes­tim­mungen zu einzuhal­ten, und die Fab­rik beset­zt, anlehnend an das Prinzip der Selb­stor­gan­isierung und daran, dass die Entschei­dung und die Macht den Arbei­t­erIn­nen gehört.

Haben sich alle Arbei­t­erIn­nen an dieser Beset­zung beteiligt?

Die Gew­erkschaftsmit­glieder haben sich an der Beset­zung beteiligt. Wir haben ins­ge­samt 600 Gew­erkschaftsmit­glieder und davon waren 500 aktiv dabei.

Wie funk­tion­iert der Entschei­dung­sprozess der Arbei­t­erIn­nen?

In der beset­zten Greif-Fab­rik in Hadimköy haben wir 14 Abteilun­gen und jede Abteilung hat ein eigenes Komi­tee. Es gibt noch ein Komi­tee, das die Entschei­dun­gen und Diskus­sio­nen in diesen 14 Komi­tees bew­ertet. Jede Entschei­dung wird durch Ini­tia­tive der Arbei­t­erIn­nen getrof­fen. Seit dem Beginn der Fab­rikbe­set­zung am 10. Feb­ru­ar trifft sich unser Fab­rikkomi­tee jeden zweit­en Tag.

Es gab einen Kon­flikt mit eur­er Tex­til-Gew­erkschaft. Kannst du ihn uns erk­lären?

Wir haben uns ein Jahr lang bei DISK/Textil organ­isiert. In der Stamm­belegschaft haben wir in Abstim­mungen die Mehrheit erre­icht und wir kon­nten auch die Lei­har­bei­t­erIn­nen gew­erkschaftlich organ­isieren. Nach dem Erre­ichen der Mehrheit unter den Arbei­t­erIn­nen haben wir die Tar­ifver­hand­lun­gen aufgenom­men. Anstatt unsere Forderun­gen zu akzep­tieren, hat der Greif-Vor­stand uns aber gedro­ht, die Fab­rik zu schließen und die Arbei­t­erIn­nen rauszuw­er­fen. Mit unser­er Mehrheit kon­nten wir dafür sor­gen, dass ein­er gekündigte Arbeit­er wieder eingestellt wird. Die DISK/­Tex­til-Gew­erkschaft hat eine Erk­lärung gegen unseren gerecht­en Kampf ver­ab­schiedet. Wir sind daraufhin zum Dachver­band DISK gegan­gen, um sie aufzu­fordern, dass sie unseren Kampf unter­stützen. Auch wir sind ein Teil dieser Kon­föder­a­tion und DISK soll daher zu ihrer Ver­ant­wor­tung ste­hen.

Der DISK-Vor­stand hat uns gesagt, dass sie sich nicht in die interne Angele­gen­heit­en der Mit­glieds­gew­erkschaften ein­mis­chen wer­den. Wir haben dem DISK-Vor­stand gesagt, dass sie auf unser­er Seite ste­hen und konkrete Schritte unternehmen müssen. Lei­der hat DISK an diesem Punkt den Kampf nur aus der Ferne beobachtet anstatt auf unser­er Seite zu ste­hen.

Was ist auf der 47. Grün­dungs­feier von DISK vorge­fall­en?

Wir woll­ten, dass unsere Stimme der Beset­zung gegen die mod­erne Sklave­nar­beit, also die Lei­har­beit, auf dieser Ver­anstal­tung erhöht wird. Aus diesem Grund sind wir zur Grün­dungs­feier von DISK gefahren. Wir waren dort als Stimme des Streiks, um zu zeigen, dass die Arbei­t­erIn­nenor­gan­i­sa­tion DISK ihre Grün­dungs­feier mit Arbei­t­erIn­nen feiern muss. Im Pro­gramm waren wir nicht vorge­se­hen und unser Red­erecht wurde nicht anerkan­nt, also organ­isierten wir eine Aktion und beset­zten die Bühne. Die Grün­dungs­feier wurde dann abge­sagt.

Hat DISK ihre Hal­tung nach dieser Aktion geän­dert?

Wegen der fehlen­den Unter­stützung hat­ten wir Aktio­nen organ­isiert. Wir haben in der Zen­trale von DISK in Şişli und haben eine Presseerk­lärung vor­ge­tra­gen. Der DISK-Vor­stand hat uns dann zehn Tagen nach Beginn unseres Streiks besucht. Damit dieser Besuch nicht ober­fläch­lich bleibt, haben wir unsere konkreten Forderun­gen als Presseerk­lärung vor dem Fab­rik­tor bekan­nt gegeben. Einige wenige Mit­glieds­gew­erkschaften von DISK haben uns aber besucht und finanziell unter­stützt. Bish­er hat DISK aber keine Sol­i­dar­ität­skam­pagne organ­isiert. Es liegt kein Aktion­s­plan von DISK zur Unter­stützung unseres Streiks vor.

Was sind die Forderun­gen in diesem Streik?

Wir fordern die Abschaf­fung der Lei­har­beit, die unsere Zukun­ft und unser Leben gefährdet und laut Ver­fas­sung ille­gal ist. Wir fordern also, dass alle Lei­har­bei­t­erIn­nen fest angestellt wer­den. Wir fordern außer­dem die Erhöhung der Löhne der Arbei­t­erIn­nen, die jahre­lang mit Niedriglöh­nen unter despo­tis­chen Bedin­gun­gen ver­sklavt wur­den. Wir sind von jeglichen sozialen Recht­en ausgenom­men und wir ver­lan­gen diese Rechte jet­zt. Wir fordern Men­schen- und Grun­drechte; diese Forderun­gen wer­den ignori­ert, also wir leis­ten wir Wider­stand.

Welche Hal­tung habt ihr zu den Arbeitsstun­den ein­genom­men? Hier arbeit­en Arbei­t­erIn­nen bis zu zwölf Stun­den am Tag, gibt es die Forderung diese auf acht Stun­den zu reduzieren?

Es gibt hier drei Schicht­en, zudem Leis­tungszwang, also Akko­r­dar­beit. Die Löhne sind sehr niedrig, daraus resul­tiert der Zwang zu Über­stun­den. Das ist das hier das meist ver­bre­it­et­ste Prob­lem. Mit der Erhöhung des Lohns und dem Errin­gen ander­er sozialen Rechte wer­den die Arbei­t­erIn­nen mit ihren Fam­i­lien mehr Zeit ver­brin­gen kön­nen.

Ihr hal­tet seit 30 Tagen die Fab­rik beset­zt. Wollt ihr nun selb­st pro­duzieren? Welche Schwierigkeit­en ste­hen dabei vor euch?

Falls der Arbeit­erge­ber unseren Forderun­gen nicht nachkommt, wird unser Wider­stand hier fort­ge­set­zt. Bis dahin wollen wir auch Pläne schmieden: Ob eine Selb­st­pro­duk­tion möglich ist oder ob der Verkauf der Fab­rik auch geht. Wir kön­nen die Bedin­gun­gen heute nicht vorausse­hen. Wir denken aber daran selb­st zu pro­duzieren.

Für die Aufrechter­hal­tung eines solch großen Pro­duk­tion­sprozess­es müsste ein großes Sol­i­dar­ität­snet­zw­erk entste­hen. Habt ihr in dieser Rich­tung konkrete Erfahrun­gen? In welchen Städten habt ihr zum Beispiel Sol­i­dar­ität­skomi­tee? Was wird dort unter­nom­men, um den Kampf auszuweit­en?

Die vorhan­de­nen Sol­i­dar­ität­skomi­tees sind auf die Bedürfnisse des Streiks aus­gerichtet. Es wurde bere­its wichtige Sol­i­dar­ität­sar­beit auf die Beine gestellt, in ver­schiede­nen Städten. Im Aus­land führt BIR-KAR Aktio­nen und Spendenkam­pag­nen durch.Auf der anderen Seite unter­stützen uns die Foren der Gezi-Bewe­gung kräftig. Aber wie du sagst, die Ausweitung der Sol­i­dar­ität macht die Selb­st­pro­duk­tion viel bess­er möglich.

In Argen­tinien gibt es Beispiele der Selb­st­pro­duk­tion. Die seit 13 Jahren ohne Bosse und BürokratIn­nen pro­duzierende Keramik­fab­rik Zanon verkör­pert eine wichtige Errun­gen­schaft der Arbei­t­erIn­nen­klasse. Hier ist eine Forderung die Ver­staatlichung der Fab­rik unter Arbei­t­erIn­nenkon­trolle. Die Fort­führung der Pro­duk­tion und die Erneuerung der Maschi­nen usw. bilden einen sehr kost­spieli­gen Prozess. Nur wenn die finanzielle Möglichkeit­en des Staates in Anspruch genom­men wer­den, kann dafür langfristig eine Lösung gefun­den wer­den.

Die Erfahrun­gen in Argen­tinien sind sehr wichtig. Zanon ist ein Beip­iel, von dem wir viel ler­nen kön­nen.

Der Boykott kap­i­tal­is­tis­ch­er Unternehmen kann nur mit den finanziellen Möglichkeit­en des Staates über­wun­den wer­den. Auch kann eine Fab­rik unter Arbei­t­erIn­nenkon­trolle nicht zwecks Prof­it die Arbeitsstun­den auf zwölf Stun­den hal­ten, Lei­har­beit zulassen, die Löhne senken, das Leben der Arbei­t­en­den gefährden und ein­fach so drin­gend nötige Kred­ite bekom­men. Daher ist der Anspruch der Möglichkeit­en des Staates enorm wichtig. Die Schlüs­sel­rolle ist dabei, dass die Arbei­t­erIn­nen die einzige Entschei­dungs­macht über die Selb­st­pro­duk­tion und die Fab­rik sind. Dieser Schritt würde auch einen Ein­griff in den Staatscharak­ter bedeuten.
Habt ihr Erwartun­gen an DISK?

DISK hat in der Geschichte der türkischen Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung einen ehren­vollen Platz. DISK hat wider­ständi­ge Arbei­t­erIn­nenkam­pag­nen geführt. Wir haben diesen Folge geleis­tet und uns organ­isiert. Den­noch wur­den die kämpferischen Arbei­t­erIn­nen nicht unter­stützt. Wir üben gegenüber DISK und DISK/Textil Druck aus. Wir sagen, dass die Gew­erkschaft den Arbei­t­erIn­nen gehört. Dieser Kampf geht weit­er bis die Arbei­t­erIn­nen die Gew­erkschaften erobert haben.

Fordert ihr auch, dass DISK in ihren organ­isierten Fab­riken die Arbeit nieder­legt bzw. ver­langsamt und einen Sol­i­dar­itätsstreik organ­isiert?

Ja. Wir fordern DISK in den von ihnen organ­isierten Fab­riken zur Arbeit­snieder­legung auf, zur Arbeitsver­langsamung und zur Offen­le­gung eines Aktion­s­plans. Wir fordern auch, dass DISK eine inter­na­tionale Kam­pagne organ­isiert. Fern­er haben wir den Aufruf ges­tartet „Spende ein Tages­lohn an die Greif-Arbei­t­erIn­nen“. Dies sollte auch in den Fab­riken und Betrieben durchge­führt wer­den.

Die DISK-Kon­föder­a­tion zu aktivieren und die Fab­riken zu mobil­isieren kön­nte eure Selb­st­pro­duk­tion logis­tisch und poli­tisch unter­stützen?

Natür­lich. Die jet­zige Pas­siv­ität hil­ft dem Arbeit­erge­ber und schwächt den Arbei­t­erIn­nen. Um dies zu über­winden, brauchen wir die Unter­stützung der DISK-Kon­föder­a­tion.

Wie ver­läuft die Ver­hand­lung mit dem Arbeit­erge­ber?

Der Arbeit­erge­ber hat einen Berater angestellt und möchte zu einen Ergeb­nis kom­men. Greif ist ein inter­na­tionaler Konz­ern und will einen möglichen Ver­lust an der Börse ver­hin­dern. Wir haben hier eine Welt­marke in dieser Sek­tor als Geg­n­er. Zulet­zt waren wir am 10. März am gemein­samen Tisch und unsere Forderun­gen wur­den nicht erfüllt, das Gespräch neg­a­tiv been­det.

Mit wem ver­han­delt der Arbeit­ge­ber? Mit euch oder mit DISK?

Es wird indi­rekt über DISK/Textil ver­han­delt.

Was ist jet­zt die Lage und wie wird sich die Lage entwick­eln?

Natür­lich tauchen Schwierigkeit­en auf, wenn der Kampf sich in die Länge zieht, aber wir sind entschlossen wie am ersten Tag. Wir wer­den auch aktiv in das Geschehen ein­greifen. Wie haben Verbindun­gen in den anderen Greif-Fab­riken auf der asi­atis­chen Seite Istan­buls. Wir tre­f­fen uns mit den dor­ti­gen Arbei­t­erIn­nen. Wir wer­den weit­er kämpfen bis wir siegen.

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